Ingenieure, Dschihad und die Rückkehr der terroristischen Persönlichkeit

Diego Gambetta und Steffen Hertog über den Zusammenhang von Ausbildung und Extremismus

Mit Engineers of Jihad: The Curious Connection between Violent Extremism and Education haben Diego Gambetta und Steffen Hertog ein Buch vorgelegt, das auch über die akademische Fachöffentlichkeit hinaus erhebliche Beachtung gefunden hat.1 Die Studie der beiden Sozialwissenschaftler – eine umfassende Weiterentwicklung ihres vieldiskutierten Aufsatzes „Why are there so many Engineers among Islamic Radicals“2 aus dem Jahr 2009 – ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Ausgangspunkt ist der überraschende Befund, dass Ingenieure3 in vielen militanten islamistischen Gruppen deutlich überproportional vertreten sind; ein Befund, den die beiden Autoren mit einer überwältigenden Fülle von Daten zunächst belegen und anschließend genauer untersuchen.

Bemerkenswert ist jedoch auch ihre theoretische Interpretation dieses empirischen Phänomens. Unter Rückgriff auf die Theorie der Relativen Deprivation und insbesondere der Annahme eines terroristischen mindsets, das sie als eine Kombination extremismusaffiner Persönlichkeitsmerkmale verstehen, entwickeln Gambetta und Hertog eine Perspektive auf die Ursachen politischer Gewalt, die ein Stück weit quer liegt zur neueren Radikalisierungsforschung. Zunächst jedoch lohnt es sich, das Argument der Autoren Schritt für Schritt nachzuvollziehen.

Ingenieure im Dschihad

Dass sich unter militanten Islamisten im Nahen und Mittleren Osten immer wieder Ingenieure und Studenten der Ingenieurswissenschaften finden, war Regionalexperten und Fachwissenschaftlern seit längerem als Kuriosum bekannt. Gambetta und Hertog stellen diese Beobachtung nun auf den Prüfstand, indem sie systematisch Daten zu islamistischen Terroristen und deren Bildungskarrieren auswerten. Ihr erster Datensatz umfasst Informationen zu 497 Personen, die in den letzten ca. vierzig Jahren einer von knapp drei Dutzend Gewaltgruppen im Nahen und Mittleren Osten angehörten.4 Von denjenigen Individuen, zu deren Bildungsweg Informationen vorlagen (335), hatten beachtliche 69 Prozent (46,5 Prozent des gesamten Samples) an einer Hochschule studiert, und von diesen 69 Prozent waren wiederum etwa 45 Prozent Absolventen der Ingenieurswissenschaften. Im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung seien Ingenieure damit selbst bei konservativer Rechnung immer noch mehr als 17-fach überrepräsentiert; sechsfach sind sie das im Verhältnis zur Gesamtzahl der Hochschulstudenten in den betreffenden Ländern (15f.). Wie ist dieses Phänomen zu erklären? Dieser Frage nähern sich die beiden Autoren in erster Linie als einem empirischen Problem.

Für die intuitiv naheliegende These, terroristische Gruppen könnten Ingenieure wegen ihrer technischen Expertise gezielt rekrutieren, finden Gambetta und Hertog keine Belege. Dagegen spricht zudem auch, dass Ingenieure in terroristischen Bewegungen häufiger Führungsrollen als technische Funktionen innehaben. Eine zweite, zunächst plausibel erscheinende These laute, so Gambetta und Hertog, dass Kader militanter Gruppen, die selbst zufälligerweise Ingenieure seien, über bestehende persönliche Netzwerke neue Mitglieder rekrutieren, etwa in studentischen Milieus, und sich auf diese Weise ein bestimmtes Mitgliederprofil verfestige. Da das Phänomen jedoch in voneinander gänzlich unabhängigen Bewegungen und in unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten in ähnlicher Weise auftritt, scheinen den Autoren solche Netzwerkmechanismen allenfalls in manchen Fällen als Verstärkungsfaktor relevant. Eine Erklärung für die durchweg hohe Zahl von Ingenieuren unter militanten Islamisten liefern sie nicht.

Ihren ersten Erklärungsstrang entwickeln Gambetta und Hertog aus der Theorie der relativen Deprivation. Dieser unter anderem durch Ted Gurr bekannt gemachte Ansatz, der auf der Frustrations-Aggressions-Hypothese des Psychologen Leonard Berkowitz fußt, sieht die Ursache für Protest und Gewalt in der Diskrepanz zwischen der gegenwärtigen Situation und der subjektiv als rechtmäßig erwarteten Lage eines Akteurs.5 Gambetta und Hertog zufolge ist der Nutzen der Theorie, deren Beitrag zur Erklärung der Entstehung politischer Gewalt verschiedentlich in Zweifel gezogen wurde, ein differentieller. Enttäuschte Erwartungen könnten erklären, warum sich manche Bevölkerungsgruppen vermehrt militanten Gruppen anschließen, andere dagegen nicht.

In vielen Ländern der arabischen Welt wurden in den 1960er-Jahren unter linksnationalistischen Regierungen die Systeme höherer Bildung massiv ausgebaut. Der Beruf des Ingenieurs war zugleich Symbol eines nationalen Aufbruchs in die Moderne, weswegen er besondere gesellschaftliche Wertschätzung genoss und die Ambitioniertesten und Talentiertesten eines jeden Jahrgangs anzog. Doch als der öffentliche Sektor infolge der Wirtschaftskrisen der späten 1970er- und frühen 1980er-Jahre unter Druck geriet, sahen sich die Absolventen der Ingenieurswissenschaften und anderer Elitefächer ihrer sicher geglaubten Zukunft beraubt. Es bildete sich, was Carrie Rosefsky Wickham in ihrer exzellenten Studie über Ägypten treffend die „Lumpen-Intelligentsia“ nannte: unterbeschäftigte oder arbeitslose Hochschulabsolventen, die sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten mussten.6 Die vor allem als Studentenbewegung entstandene islamistische Bewegung der 1970er- und 1980er Jahre fand daher gerade in Elitefakultäten eine wichtige Rekrutierungsbasis.7 In der regionalwissenschaftlichen Literatur ist diese Analyse der gesellschaftlichen Bedingungen islamistischer Bewegungen durchaus etabliert.

Gleichwohl, so betonen Gambetta und Hertog, klaffen in den Daten auffallende Lücken, die darauf hinweisen, dass diese Erklärung zwar ein wichtiger erster Schritt ist aber noch nicht zum Ziel führt. Zwar kann die Theorie enttäuschter Erwartungen erklären, warum sich mehr Studenten aus Elitefakultäten als solche weniger renommierter Studienfächer islamistischen Bewegungen anschlossen. Je größer die Diskrepanz zwischen den Erwartungen und der tatsächlichen persönlichen Situation, desto größer ist schließlich auch die Frustration. Doch die Theorie bietet keinen Aufschluss darüber, warum sich so viel mehr Ingenieure als z.B. Studenten der ebenso angesehenen Medizin in deren Reihen finden. Darüber hinaus dürften Ingenieure nach dieser Hypothese in Ländern, in denen sie wirtschaftlich bessergestellt sind und gesellschaftliche Anerkennung genießen, nicht in militanten Islamistischen Gruppen überrepräsentiert sein. Unter den aus Saudi-Arabien stammenden Mitgliedern terroristischer Gruppen, deren Arbeitsmarktsituation ungleich besser ist, findet sich in der Tat eine weit geringere Zahl von Ingenieuren, was die Theorie relativer Deprivation in der Gegenprobe unterstützt. Doch selbst hier sind Ingenieure statistisch überrepräsentiert. Das Gleiche gilt für in westlichen Ländern geborene oder aufgewachsene Mitglieder terroristischer Gruppen. Anhand eines zweiten Datensatzes zu 344 militanten Islamisten aus dem Westen können Gambetta und Hertog nachweisen, dass, obwohl deren Bildungsniveau insgesamt niedriger ist, sich unter Personen mit höherer Bildung ein erstaunlicherweise ähnlich hoher Anteil von Ingenieuren findet, nämlich etwa 45 Prozent (66–69).

Die Erklärung für dieses Phänomen meinen die Autoren in spezifischen Persönlichkeitsmerkmalen zu finden, welche Ingenieure für bestimmte Formen extremistischer Ideologien und politische Gewalt prädisponieren. Da Ingenieure in ganz unterschiedlichen militanten Gruppen, unabhängig vom gesellschaftlichen und politischen Kontext, überproportional vertreten seien, müsse die Erklärung auf einer individuellen, psychologischen Ebene gesucht werden. Dabei beziehen sie sich auf eine Annahme der politischen Psychologie, wonach unterschiedlichen politisch-ideologischen Einstellungen unterschiedliche psychologische Motive und Tendenzen zugrunde liegen (85). Das besondere mindset von Ingenieuren, das sie anfällig mache für Islamistischen Extremismus, sei dabei nicht etwa Resultat des Ingenieurstudiums als Sozialisationsprozess. Der Zusammenhang sei gerade umgekehrt: Individuen mit einer psychisch-kognitiven Prädisposition für militanten Islamismus würden sich vermehrt für Ingenieurswissenschaften entscheiden, weil diese ihren Denkweisen und Bedürfnissen besser entsprächen. Der Ingenieursberuf ist für die Autoren also im Grunde selbst keine erklärende Variable, sondern in erster Linie ein Proxy für eine bestimmte Persönlichkeitsstruktur. Oder, wie es Diego Gambetta in einem Interview mit der NZZ formulierte: „Die Ingenieure, um hier ein Missverständnis aus dem Weg zu räumen, dienen uns nur als trojanisches Pferd, um die Mentalität von Extremisten besser zu verstehen.“8

Um dieser Hypothese nachzugehen vergleichen Gambetta und Hertog den Islamismus mit anderen Formen von Extremismus. In einer Gegenüberstellung von islamistischen und rechtsextremistischen Ideologien identifizieren sie eine Reihe gemeinsamer Kernmerkmale – u.a. Traditionalismus, ein organisches und hierarchisches Gesellschaftsbild, Autoritarismus, Sehnsucht nach einer imaginierten heilen Vergangenheit und die Identifikation mit einer in starren Kategorien definierten Eigengruppe –, welche Rechtsextremismus und Islamismus zugleich vom Linksextremismus unterscheidet. Und tatsächlich finden sie in ihrer Auswertung von Daten zu Bildungsprofilen von Mitgliedern anderer terroristischer Gruppen eine Überrepräsentation von Ingenieuren unter Rechtsextremisten (bei insgesamt deutlich niedrigerem Bildungsniveau der Rechtsextremisten im Vergleich zu Islamisten und Linksextremisten), aber nur sehr wenig in linksextremen Gruppen. Insofern erweitern die beiden Autoren ihr Argument an dieser Stelle zu einer umfassenden These über individuelle Prädispositionen für militanten Islamismus und Rechtsextremismus gleichermaßen.

Persönlichkeitsstrukturen, welche eine „tiefliegende Affinität“ (Gambetta und Hertog 126) für diese Formen politischer Militanz begründen, zeichnen sich demnach durch drei zentrale Merkmale aus. Erstens neigen sie besonders dazu, Ekel zu empfinden, was sich etwa in einer Obsession für Reinheit und Sauberkeit unter Islamisten äußern soll. Zweitens seien sie unfähig, Ambivalenzen und Unsicherheiten auszuhalten, und hätten ein Bedürfnis nach cognitive closure, ein aus der Forschung zur Autoritären Persönlichkeit von Adorno, Frenkel-Brunswik, Levison und Sanford übernommenes Konzept das sich auf den Wunsch nach Eindeutigkeit, klaren Antworten und Orientierung bezieht. Ein drittes Merkmal besteht in einer rigiden Trennung zwischen Eigengruppe und Fremdgruppe sowie der Tendenz, aggressives und gewaltsames Handeln gegenüber Fremden zu befürworten. Ob diese Persönlichkeitsmerkmale auch tatsächlich unter Ingenieuren häufiger vorkommen, prüfen Gambetta und Hertog anhand von Daten europäischer Hochschulabsolventen aus dem European Social Survey (ESS). Sie finden ihre Thesen bestätigt: Ingenieure erweisen sich von allen befragten Absolventengruppen als diejenige, die sich am konsistentesten am konservativen oder politisch rechten Ende der Skala verorten lässt, insbesondere hinsichtlich der Eigengruppen/Fremdgruppen-Unterscheidung (134–140).

Die wichtigste Schlussfolgerung der Autoren lautet, dass Persönlichkeitsstrukturen (mindsets) eine weit zentralere Rolle für die Erklärung von Radikalisierung und politischer Gewalt spielen als bislang angenommen. Die Wahl eines bestimmten Bildungsweges (Ingenieursstudium) ist dabei Anzeichen für – und wird beeinflusst von – tieferliegenden Persönlichkeitsstrukturen, welche ein Individuum zugleich für bestimmte Formen extremer politischer Einstellungen prädisponieren. Zwar präsentieren Gambetta und Hertog ihre Ergebnisse an einigen Stellen durchaus mit Vorsicht. Der Anspruch ihrer Erklärung ist gleichwohl ein umfassender. Er zielt auf nichts weniger ab als darauf, vorherrschende Perspektiven der Radikalisierungsforschung infrage zu stellen. Dabei sorgt der immense Umfang des empirischen Materials, mit dem Gambetta und Hertog ihre Ausführungen belegen, dafür, dass sich ihr Argument nicht ohne weiteres vom Tisch wischen lässt. Dennoch sind einige einschränkende Anmerkungen geboten, sowohl zu Teilschritten der Studie als auch zur zentralen Hypothese einer terrorismusaffinen Persönlichkeitsstruktur.

Einwände und Risiken

Ich konzentriere mich im Folgenden auf vier Punkte:

(1) Terrorismus im Allgemeinen und militanter Islamismus im Speziellen sind vielgestaltige Phänomene, und Gewaltgruppen sind in ihrer Zusammensetzung heterogen und dynamisch. Wie Randy Borum festgestellt hat, scheiterten bisherige Versuche, eine spezifische „terroristische Persönlichkeit“ oder ein konsistentes Profil psychologischer Charakteristika zu definieren, nicht unbedingt daran, dass es zwischen Terroristen und Nichtterroristen in ihren Denkmustern, Emotionen und Verhaltensweisen keine Unterschiede gäbe, sondern vor allem aufgrund der Tatsache, dass sich unter Terroristen eine enorme Varianz an Persönlichkeitsmustern findet und verschiedene Gruppen in ihrer Zusammensetzung sehr unterschiedlich sind.9 In zahllosen Fallstudien zu terroristischen Gruppen wird eine breite Varianz von persönlichen Charakteren, Motiven und sozialem Hintergrund der Mitglieder zumindest anekdotisch, teils jedoch auch durch Datenmaterial, belegt.10 Hinzu kommt, dass sich die Zusammensetzung militanter Gruppen im Lauf der Zeit stark verändert.11 Über die Profile ihrer Mitglieder hinaus finden sich auch in der ideologischen Ausrichtung militanter islamistischer Gruppen enorme Unterschiede, zwischen modernem Islamismus und puristischen Salafismus, zwischen Gewaltgruppen, die sich auf den Kampf gegen fremde Besatzer konzentriere und Takfiris, die Teile der muslimischen Bevölkerung zu Ungläubigen erklären. Gambetta und Hertog betonen, dass das Ausschlaggebende für ihr Argument gerade die Tatsache sei, dass Ingenieure in vielen militanten Gruppen unabhängig vom jeweiligen Kontext im Verhältnis zu anderen Akademikern überrepräsentiert sind. Damit riskieren sie, die Heterogenität von Persönlichkeitsmustern, die unter den Mitglieder terroristischer Gruppen besteht, auf der Aggregatdatenebene einzuebnen und „den“ Islamismus als ein in seiner ideologischen Ausrichtung homogenes Phänomen zu reifizieren.

Die Varianz innerhalb des militanten Islamismus bedeutet auch, dass das Phänomen der „Dschihad-Ingenieure“ in verschiedenen Kontexten und Gruppen äußerst unterschiedlich ausgeprägt ist. Zwar überzeugt der Befund einer relativen Überrepräsentation von Ingenieuren in vielen unterschiedlichen Fällen; für die Reichweite und Relevanz der angebotenen Erklärung ist jedoch wichtig zu betonen, dass deren absolute Zahl zum Teil sehr gering ist. Auch wenn Ingenieure unter Islamisten im Westen im Vergleich zu Studenten anderer Fachrichtungen statistisch häufiger vorkommen, beläuft sich das im Datensatz dennoch nur auf 32 von 344 Personen. Und auch unter Rechtsextremisten ist die absolute Zahl von Ingenieuren sehr niedrig. Für den Datensatz zum Nahen und Mittleren Osten, der eine erstaunlich hohe absolute Zahl von 93 Ingenieuren unter 497 militanten Islamisten aufweist, räumen Gambetta und Hertog einen bias zugunsten von Personen aus der Führungsebene der Gruppen ein, da zu Letzteren häufiger Informationen über den Bildungsweg vorliegen. Insbesondere die Daten für größere Gruppen mit mehreren tausend Mitglieder, wie etwa die ägyptische al-Jamaa al-Islamiyya, von denen nur sieben Individuen im Sample sind, oder die Hamas (92 im Sample), dürften daher den Anteil von Hochschulabsolventen unter den militanten Aktivisten verzerrt widerspiegeln.

Kurz gesagt: Die überwiegende Mehrheit der Terroristen sind keine Ingenieure. Daher ist sorgfältig zu prüfen, ob Hypothesen über eine terrorismusaffine Persönlichkeitsstruktur, die aus der Untersuchung von Ingenieuren entwickelt wurden, ohne weiteres auf andere Mitglieder islamistischer (und rechtsextremer) Gruppen übertragen werden können. Die Autoren würden möglicherweise einwenden, dass sich Personen mit einem bestimmten mindset (erkennbar an der Wahl eines Ingenieursstudiums) jedenfalls häufiger in militanten Gruppen finden. Gleichwohl stellen sich angesichts der breiten Varianz von Persönlichkeitsmustern unter Terroristen zwei Fragen: erstens, ob wir nicht vielmehr von einer Vielzahl von unter bestimmten Bedingungen prädisponierenden mindsets ausgehen müssen, und zweitens, was diese Varianz für die Rolle von individuellen Persönlichkeitsmerkmalen in der Erklärung politischer Gewalt bedeutet.

(2) Mit dieser Varianz eng zusammen hängt eine weitere grundsätzliche Einschränkung der Reichweite von Erklärungsansätzen, welche darauf abzielen, bestimmte Persönlichkeitsmuster oder individuelle Profile zu identifizieren: deren mangelnde Spezifizität. Die allermeisten Ingenieure – und die allermeisten Personen mit dem beschriebenen mindset – werden nicht zu Terroristen. Obwohl die Autoren das erkannt und benannt haben, droht diese Qualifizierung in der Rezeption verwischt zu werden, z.B. wenn Kommentatoren loben, die Studie könne endlich erklären, warum sich bestimmte Personen radikalisieren und andere nicht. In der Gesamtpopulation der Ingenieure ist die Zahl derjenigen, die sich gewaltsamen Gruppen anschließen, so gering, dass sich, wie es auch Hertog in einer Podiumsdiskussion formulierte, die Unterschiede zu anderen Gruppen letztlich in einer geringen Verschiebung der Gesamtverteilung von Einstellungsmustern ausdrücken.12 Ein einheitliches Persönlichkeitsmuster oder „mindset“ von Ingenieuren – dies gilt es zu betonen – gibt es nicht. Gambetta und Hertog argumentieren vielmehr, dass der Nutzen der Analyse von Bildungsprofilen (zu denen gute Daten vorliegen) gerade darin bestehe, einen indirekten Zugriff auf Persönlichkeitsmerkmale (wozu keine verlässlichen Daten existieren) zu ermöglichen. Dies ist eine originelle aber auch etwas gewagte Konstruktion, zumal ihre Annahmen über Persönlichkeitsmerkmale von Ingenieuren weitgehend auf der Auswertung des European Social Survey beruhen. Die Verbindung zwischen Ingenieurswissenschaften und einem bestimmten Persönlichkeitsmuster wird also mit der Untersuchung einer Gruppe belegt, die mit dem Ausgangssample militanter Islamisten nur sehr geringe Überschneidungen aufweist.13 Die Übertragung dieser Verbindung beruht damit letztlich auf der Annahme, Ingenieure aller Kulturen teilten bestimmte Charaktermerkmale. Ob der Ingenieursberuf tatsächlich als Proxy für eben jenes von Gambetta und Hertog bestimmte mindset fungiert, kann damit durchaus in Zweifel gezogen werden.

(3) Die Unterscheidung von – sowie der Zusammenhang zwischen – Persönlichkeitsmerkmalen und politischen Einstellungen ist komplex und lässt sich auf der Grundlage von Einstellungssurveys kaum nachvollziehen. Die Annahme einer terrorismusaffinen Persönlichkeit suggeriert ‚tieferliegende‘ – was zum einen bedeutet: unterbewusste und nicht-rationale; zum anderen: stabile und längerfristige – kognitive und psychische Strukturen, die (‚oberflächlichere‘) politische Einstellungen und Verhaltensweisen beeinflussen. In der Studie zur Autoritären Persönlichkeit von Adorno, Frenkel-Brunswik, Levison und Sanford wurden Persönlichkeitsmerkmale empirisch nicht nur mithilfe von Fragebögen, sondern auch durch ausführliche persönliche Interviews erhoben. Doch selbst bei dieser Vorgehensweise bleibt im Fall von Mitgliedern terroristischer Gruppen unklar, ob die beobachteten Einstellungsmuster als präexistente Persönlichkeitsmerkmale oder Ergebnisse eines Prozesses zu verstehen sind. Womöglich liegen Denkweisen vor, die sich erst aufgrund der Mitgliedschaft in einer politischen Bewegung und der besonderen Bedingungen des Untergrunds geformt haben. Für rigide Freund-Feind-Unterscheidungen beispielsweise wurde dies in mehreren Fallstudien empirisch belegt.14

Werden Persönlichkeitsmerkmale allein aus Surveys abgeleitet, lassen sie sich oft nicht mehr präzise von politisch-ideologischen Einstellungen unterscheiden. Gambetta und Hertog etwa verwenden als Indikator für „proneness to experience disgust“ das Item „should gays be free to live as they wish?“ und messen rigide In-Group/Out-Group Unterscheidung vermittelt über Fragen zur Ablehnung von Zuwanderung (136, 140). Diese Items erfassen also keineswegs ‚tieferliegende‘ Persönlichkeitsmuster, sondern explizit politische und in gesellschaftliche Debatten eingebettete Meinungen. Die Gefahr besteht, dass von politischen Einstellungen auf Persönlichkeitsmuster geschlossen wird, welche wiederum politische Einstellungen erklären sollen. Die dringende Notwendigkeit präziserer Untersuchungen liegt auf der Hand; auch die Autoren selbst betonen, dass ihre Studie dabei nur ein Anfang sein kann. Dass es sich tatsächlich um tieferliegende Persönlichkeitsmuster handelt, muss auch deswegen methodisch sauber belegt werden, um gegen die konkurrierende These einer politischen Prägung durch soziale Milieus überzeugen zu können. Für Ägypten etwa ist bekannt, dass zu den Mitgliedern militanter islamistischer Gruppen nicht nur zahlreiche Studenten aus Elitefakultäten zählten, sondern dass diese auch vermehrt aus den – tendenziell konservativeren und religiöseren – unteren Mittelschichten und ländlichen Regionen stammten.15 Eine kontextübergreifende Tendenz hinsichtlich schicht- und milieuspezifischer Präferenzen in der Studienfachwahl, auch in Verbindung mit bestimmten politischen Einstellungen, scheint jedenfalls nicht ausgeschlossen.

(4) Persönlichkeitsmuster und Annahmen über individuelle Prädispositionen bedürfen der Einbettung in ein umfassenderes Modell zur Erklärung von Radikalisierung und politischer Gewalt. In der öffentlichen Wahrnehmung von psychologischen und persönlichkeitsbezogenen Studien – aber auch innerhalb der Forschung selbst – wird die Feststellung von Persönlichkeitstypen oft mit der Erklärung terroristischer Gewalt gleichgesetzt. Individuen schließen sich einer solchen Lesart nach aufgrund bestimmter psychologischer Merkmale radikalen Gruppen an oder verüben Gewalttaten. Auch der Hypothese von Gambetta und Hertog zufolge sind Individuen mit einem bestimmten mindset besonders anfällig für bestimmte Formen des Extremismus und es besteht eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass sie sich terroristischen Gruppen anschließen. Zwar räumen sie ein, dass weitere Faktoren hinzukommen müssen, doch wie genau sie ihre Annahmen über eine terrorismusaffine Persönlichkeit auf umfassendere Begründungsmodelle für Radikalisierung beziehen, bleibt unklar.

In der Terrorismusforschung der 1980er-Jahre wurde die Frage, ob es spezifische psychologische Ursachen für politische Gewalt gibt, intensiv diskutiert. Empirische Studien ergaben keinerlei Belege für ein vermehrtes Auftreten von seelischen Erkrankungen unter Terroristen, und ein häufig zitierter Satz von Martha Crenshaw lautete, das auffallendste gemeinsame Merkmal von Mitgliedern terroristischer Gruppen sei deren Normalität.16 In der Folge setzte sich eine gewisse Skepsis gegenüber psychopathologischen Erklärungen durch, auch wenn die Auffassung, dass bestimmte Persönlichkeitsmerkmale bei terroristischen Gewalttätern häufiger oder typisch seien, durchaus verbreitet blieb.17

In der vergangenen Dekade hat sich die an individuellen Entwicklungsverläufen interessierte Radikalisierungsforschung – aus psychologischer und sozialpsychologischer ebenso wie aus sozialwissenschaftlicher Perspektive – jedoch erheblich weiterentwickelt. Die Arbeiten des Psychologen John Horgan („From Profiles to Pathways“)18 oder des Sozialpsychologen Clark McCauley und seiner Kollegin Sophia Moskalenko zu Mechanismen der Radikalisierung19 markieren einen Paradigmenwechsel, in dessen Verlauf psychopathologische Erklärungen und Vorstellungen festgefügter Profile und Persönlichkeitsmuster zugunsten der Untersuchung psychischer und sozialer Prozesse und Mechanismen in den Hintergrund traten. Das Interesse gilt dabei durchaus auch individuellen Risikofaktoren und Prädispositionen.20 Der Schwerpunkt liegt jedoch auf deren Interaktion mit Auslösern, „Pull“-Faktoren und Prozessdynamiken. Dabei wird die individuelle Anfälligkeit für Radikalisierung nicht als unveränderliches Persönlichkeitsmerkmal begriffen, sondern als dynamisch wirksamer Bestandteil und Resultat eines individuellen und sozialen Entwicklungsprozesses. Sowohl interaktiv geformte Wahrnehmungs- und Deutungsmuster als auch Situationen emotionaler Instabilität (persönliche Krisenereignisse) und daraus entstehende Bedürfnisse (etwa nach Zugehörigkeit) können ausschlaggebend sein.

Gambettas und Hertogs terroristische mindsets beziehen sich im Gegensatz dazu auf Merkmale von einer weit tieferliegenden und dauerhaften – wenn nicht gar statischen – Qualität. Sie deuten an, die von ihnen beschriebenen Persönlichkeitsmerkmale würden in (früh)kindlichen Sozialisationsprozessen angelegt oder könnten sogar angeboren sein (129, 153, 165). Sie beziehen sich dabei auf neuere Literatur aus der teils neurowissenschaftlich orientierten politischen Psychologie, die politische Einstellungen als vererbt, letztlich als genetisch geprägt, erklärt (129). Somit stellen sie Prädispositionen als gegeben und unabänderlich dar – als „hardwired traits“ von Individuen, wie es die Autoren an einer Stelle formulieren (xi). Die öffentliche wie die fachwissenschaftliche Diskussion tendiert dazu, vermeintlich tieferliegende persönliche Ursachen für besonders wirkmächtig zu halten. Daher laufen persönlichkeitsbezogene Interpretationen politischer Gewalt häufig Gefahr, dass psychisch-kognitive Faktoren – obwohl ihre kausale Bedeutung als hinreichende oder notwendige Bedingungen in Zweifel steht (Stichwort: mangelnde Spezifizität, Varianz von Persönlichkeitstypen in terroristischen Gruppen) – gegenüber anderen Faktoren, insbesondere Prozessmechanismen, unausgesprochen als als „eigentliche“ Ursachen prioritisiert werden. Die vorliegende Studie von Gambetta und Hertog bildet hier keine Ausnahme.

Fazit

Engineers of Jihad ist eine anregende und im Umfang der ihr zugrundeliegenden empirischen Forschung herausragende Studie, welche die Radikalisierungsforschung bereichert und herausfordert. Diego Gambetta und Steffen Hertog haben mit ihrem Blick auf Bildungskarrieren ein bislang vernachlässigtes Thema auf die Agenda gesetzt und damit zugleich einen neuen empirischen Zugang zur Frage der Entstehung politischer Gewalt eröffnet. Die identifizierten statistischen Zusammenhänge werden zweifellos weitergehende Forschungsarbeiten in diesem Feld beschäftigen. Zur Erklärung ihrer Befunde haben sich die Autoren für das Konzept eines Terrorismus-affinen mindsets entschieden. Nach meiner Auffassung birgt diese Perspektive, wie viele persönlichkeitsbezogene Ansätze, nicht unerhebliche Risiken und beruht auf Prämissen, die noch präziser zu entwickeln sind. Aus der Sicht der in erster Linie an Prozessverläufen und relationalen Mechanismen interessierten Forschung scheint der Erklärungswert von statischen Persönlichkeitsmerkmalen fraglich oder jedenfalls einer stärkeren Kontextualisierung bedürftig. Doch das Gewicht ihrer Datengrundlage macht Gambettas und Hertogs These der terroristischen Persönlichkeit zu einer Herausforderung, der sich diese Forschung zu stellen hat.

Fußnoten

1 Etwa: Jürgen Kaube, Dschihad-Ingenieure, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29. März 2016, S. 11; Martin Helg, Ingenieure. Baumeister des Jihad, Interview mit Diego Gambetta, in: Neue Zürcher Zeitzng, 4. April 2016; Tobias Rapp, Die terroristische Persönlichkeit, in: Der Spiegel 22 (2016), S. 134–136; André Kieserling, Der Frust des Akademikers, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17. Juli 2016; Marc Engelhardt, Die Ingenieure des Terrors, in: Deutschlandfunk, 25. Juli 2016; Stefan Kühl, Das Ingenieur-Rätsel, in: taz, 13. September 2016 (vgl. auch die Fassung auf sozialtheoristen.de).

2 Diego Gambetta / Steffen Hertog, Why are there so many Engineers among Islamic Radicals, in: European Journal of Sociology 50 (2009), 2, S. 201–230.

3 Die Studie befasst sich vorwiegend mit männlichen Ingenieuren und männlichen Mitgliedern terroristischer Gruppen.

4 Der von Gambetta und Hertog verwendete Datensatz basiert auf verschiedenen, der Literatur entnommenen Namenslisten sowie eigenen Recherchen und umfasst nach ihren eigenen Angaben Individuen, die „since the 1970s“ (6) militanten Islamistischen Gruppen angehörten. Die Datensammlung wurde im Jahr 2011 abgeschlossen. (6)

5 Leonard Berkowitz, Frustrations, comparisons, and other sources of emotion aroused as contributors to social unrest, in: Journal of Social Issues 28 (1972), S. 77–92; Ted Gurr, Why Men Rebel, Princeton, NJ, 1970.

6 Carrie Rosefsky Wickham, Mobilizing Islam. Religion, Activism, and Political Change in Egypt, New York 2002.

7 Siehe etwa Saad Eddin Ibrahim, Anatomy of Egypt’s Militant Islamic Groups: Methodological Notes and Preliminary Findings, in: International Journal of Middle East Studies 12 (1980), S. 423–453.

8 Siehe Martin Helg, Ingenieure. Baumeister des Jihad.

9 Randy Borum, Psychological Vulnerabilities and Propensities for Involvement in Violent Extremism, in: Behavioral Sciences and the Law 32 (2014), 3, S. 286–305.

10 Siehe etwa Jeff Victoroff, The Mind of the Terrorist: A Review and Critique of Psychological Approaches, in: Journal of Conflict Resolution 49 (2005), 1, S. 3–42; Andrew Silke, Cheshire-Cat Logic: The Recurring Theme of Terrorist Abnormality in Psychological Research, in: Psychology, Crime & Law 4 (1998), 1, S. 51–69; Louise Richardson, What Terrorists Want: Understanding the Terrorist Threat, London 2006; John Horgan, The Psychology of Terrorism, London / New York 2005.

11 Für Ägypten zeigt etwa die Studie von Saad Eddin Ibrahim, dass die Mitglieder der militanten islamistischen Gruppen in den 1990er-Jahren gegenüber der „ersten Generation“ der 1970er-Jahre deutlich jünger und weniger gut ausgebildet waren, und häufiger aus ländlichen Gegenden stammten. (Saad Eddin Ibrahim, The Changing Face of Egypt’s Islamic Activism, in: ders., Egypt, Islam, and Democracy: Critical Essays, Cairo 2002. Siehe auch Donatella della Porta, Clandestine Political Violence, Cambridge 2013.)

12 Siehe Carnegie Endowment for International Peace, „Engineers of Jihad“, panel discussion September 1, 2009, moderated by Christopher Boucek, with Steffen Hertog and Marc Sageman.

13 Die potenzielle Überlappung der untersuchten Gruppen beschränkt sich letztlich auf die 32 Ingenieure und Ingenieursstudenten im Sample der im Westen sozialisierten militanten Islamisten.

14 Siehe hierzu etwa Herbert Jäger / Gerhard Schmidtchen / Lieselotte Süllwold, Lebenslaufanalysen, in: Bundesministerium des Innern (Hrsg.), Analysen zum Terrorismus, Opladen 1982.

15 Saad Eddin Ibrahim, Anatomy of Egypt’s Militant Islamic Groups, S. 437–440.

16 Martha Crenshaw, The Causes of Terrorism, in: Comparative Politics 13 (July 1981), S. 379–398.

17 Etwa in den Arbeiten von Jerrold Post, der den Einfluss narzisstischer Persönlichkeitsmerkmale und die Rolle von narzisstischen Verletzungen und psychologischem „Splitting“ betont. (Jerrold M. Post, Terrorist psycho-logic: Terrorist behaviour as a product of psychological forces, in: Walter Reich (Hrsg.), Origins of Terrorism: Psychologies, Ideologies, Theologies, States of Mind, Baltimore / London 1990, S. 25–40; Jerrold M. Post, The Mind of the Terrorist: The Psychology of Terrorism from the IRA to AL-Qaeda, New York 2007.) Für eine Übersicht siehe John Horgan, The Psychology of Terrorism, London 2005, und ders., From Profiles to Pathways and Roots to Routes: Perspectives from Psychology on Radicalization into Terrorism, in: The Annals of the American Academy (AAPSS) 618 (2008), S. 80–94.

18 Horgan, From Profiles to Pathways and Roots to Routes.Vgl. ebenso sein zuvor veröffentliches Buch The Psychology of Terrorism, London 2005.

19 Clark McCauley / Sophia Moskalenko, Mechanisms of Political Radicalization: Pathways toward Terrorism, in: Terrorism and Political Violence 20 (2008), S. 415–433; dies., Friction: How Radicalization Happens to Them and Us, Oxford 2009.

20 Siehe etwa Horgan, From Profiles to Pathways and Roots to Routes, S. 84/85.; Randy Borum, Radicalization into Violent Extremism I: A Review of Social Science Theories, in: Journal of Strategic Security 4 (2011) 4, S. 7–36; ders., Psychological Vulnerabilities and Propensities for Involvement in Violent Extremism; Preben Bertelsen, Violent Radicalization. A Theoretical Model Based on the Categorical Structure of a Taxonomy of Risk Factors [im Erscheinen].

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Christina Müller.