Innenansichten

Thomas von Freyberg erzählt die jüngere Geschichte des Frankfurter Instituts für Sozialforschung

Zur Geschichte des Frankfurter Instituts für Sozialforschung ist die Forschungslage gut – was die heroischen Jahre der Kritischen Theorie im Exil und die „Praxis der Kritischen Theorie“ in den beinahe zweieinhalb Nachkriegsjahrzehnten bis zu Adornos Tod 1969 betrifft. Gerade die Forschungspraxis, die von mancher Vorgängerstudie eher vernachlässigt wurde, nahm neben Christian Fleck auch der Verfasser dieser Rezension in den Blick.[1] Aus dem Schulzusammenhang der Kritischen Theorie und der Disziplin der Industriesoziologie wurde etwa die Etablierung der Fallstudienmethode im Institut für Sozialforschung vergleichend mit anderen führenden soziologischen Forschungsinstituten untersucht.[2] Von Christoph Weischer existiert ein Überblick zum „Unternehmen ‚Empirische Sozialforschung‘“, der sich auch mit der Institutionen- und Ideengeschichte des Instituts für Sozialforschung befasst.[3] Stefan Müller-Doohm untersuchte monographisch (und eher doxographisch) die Soziologie Theodor W. Adornos.[4] Die Wirkungsgeschichte der Frankfurter Schule verfolgten Clemens Albrecht et al. unter der Überschrift der „intellektuelle[n] Gründung der Bundesrepublik“, eine These, die in der Intellectual History der Bundesrepublik nicht unwidersprochen geblieben ist.[5] Alex Demirović zeichnete die Intellektuellengeschichte differenzierter nach, auf der Grundlage des hervorragenden Archivs des Instituts für Sozialforschung.[6] In jüngerer Zeit hat Muharrem Açıkgöz die zweite Generation der Kritischen Theorie in einer biographie- und werkgeschichtlichen Perspektive untersucht. Er kommt dabei zu dem Befund, dass zwischen den Akteuren des weiteren Schulzusammenhangs der Kritischen Theorie eine ausgesprochene Konfliktdynamik herrschte.[7]

Jetzt hat Thomas von Freyberg eine Studie zur Geschichte des Instituts unter der Leitung Gerhard Brandts, Ludwig von Friedeburgs und Wilhelm Schumms vorgelegt, die die institutsinterne Entwicklung, die dortigen Forschungslinien und die Zeitgeschichte der undogmatischen Linken miteinander zu verschränken versucht. Die Perspektive von Freybergs ist interessant: Er verbindet (auto)biographische Introspektion, wissenschaftliche Erfahrungsgeschichte und Mitbestimmungsgeschichte an einem sich dezidiert links verstehenden Institut. Das Besondere dieser Arbeit ist, dass sie einerseits von der Institution ausgeht, andererseits die auch von Açıkgöz beschriebene Konfliktdynamik aufgreift und zwischen den Positionen von Institutsdirektorium und Mitarbeitervertretung deren Spannungen im Institutsrat nachzeichnet. Eminent neu ist, dass die Studie die Institutsordnung nach den letztlich immer noch hierarchischen Direktorialverfassungen unter Horkheimer und Adorno beleuchtet und eine paritätische Mitbestimmungsverfassung untersucht, auf deren Grundlage Direktorium und Mitarbeitervertretung anteilsgleich die Geschicke des Instituts zu bestimmen versuchten, wobei auch noch der Stiftungsrat ins Gewicht fiel. Diese Verfassung entwickelte sich nach Adornos Tod 1969. Mitbestimmung fand angesichts entscheidender Vetobefugnisse zeitweilig ausgesprochen konsensorientiert statt, in anderen Phasen liest sie sich als eine spannende Konfliktgeschichte. Abgelöst wurde diese Ordnung, die den Reformgeist der 1960er- und 1970er-Jahre atmete, erst Ende der 1990er-Jahre durch die Reetablierung einer Direktorialverfassung. Dies alles schildert von Freyberg anhand einer Vielzahl von Forschungsprojekten, den Initiativen zu ihrer Beantragung und einer anfangs weitgehenden Personalhoheit der Projektteams, ihrer Autonomieansprüche und ihrer umstrittenen Publikationspolitik.

Das Buch hat das Verdienst, diese wichtige Phase zu analysieren, in der das Institut für Sozialforschung zwischen empirischer Normalwissenschaft und kritischer Sozialforschung changierte. Es beleuchtet die vielfältigen Untersuchungsgegenstände und zeigt dennoch so etwas wie eine rote Linie der Forschungsarbeiten, partiell auch ihrer Verknüpfungen mit politischer Praxis. Der persönliche Erfahrungshintergrund von Freybergs – er war in den Jahren 1968 bis 2005 wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts – fließt auf jeder Ebene ein, auch was die Verhältnisse wissenschaftlicher Lohnarbeit betrifft. Leitmotivisch und in großer Offenheit berichtet von Freyberg immer wieder, was er in den Jahren verdient hat und wie eine wissenschaftliche Karriere sich materiell auszahlt(e).

Dennoch enttäuscht das Buch den Wissenschaftshistoriker in mehrfacher Weise.[8] Trotz guter Archivlage und der Überlieferung eines eigenen kleinen Bestands im Institutsarchiv zu den Mitarbeitervertretern im Institutsrat weist von Freyberg seine Quellen leider nur unzureichend aus. Das wird dem Status des reichhaltigen Institutsarchivs nicht gerecht. Von Freyberg geht zudem ausgesprochen selektiv mit der Literatur um; über weite Strecken mangelt es der Arbeit an einem ordentlichen Literaturapparat. Den Kenner der Institutsgeschichte stört die Zitierweise mit abgekürzten Vornamen vielleicht weniger. Gerade aber wenn man eine akteurszentrierte und erfahrungsgeschichtliche Perspektive einnimmt, wie sie der Autor wählt, irritiert das Fehlen vieler Vornamen erheblich. Dem Buch hätte eine theoretische Einordnung gut getan. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die spezielle Mitbestimmungsgeschichte des Instituts hätte sich durch einen Blick in die Organisationssoziologie und allgemeine Mitbestimmungsgeschichte gut mit dem Untersuchungsansatz der Mikropolitik verbinden lassen.

Von Freyberg versucht sich auch an der Einordnung der Institutsgeschichte in die breitere Geschichte der politischen und undogmatischen Linken. Am besten gelingt ihm dies, wenn er anhand eigener Erfahrungen aus dem Bereich Betriebsarbeit der Gruppe Revolutionärer Kampf während der frühen 1970er-Jahre berichtet. Es gelingt ihm auch ausgezeichnet an prominenter Stelle, als er den Konflikt mit der Industriegewerkschaft Chemie – Papier – Keramik über die erste Gewerkschaftsstudie des Instituts beschreibt. Merkwürdigerweise trägt aber auch in dieser Schilderung der Vorsitzende der Gewerkschaft (1969–1982), Karl Hauenschild, keinen Namen. Mag sein, dass ihn manche Zeitgenossen nur als Vorsitzenden und „Charaktermaske“ wahrgenommen haben, aber in einer historischen Studie stört dies doch. Über weite Strecken beschränkt sich die Geschichte der undogmatischen Linken auf die Wiedergabe von Ereignissen aus chronikalischer Literatur. Dabei vermisst man, dass solche Ereignisse in Beziehung zur institutsinternen Entwicklung gesetzt werden oder dass diese erläutert wird. Vielleicht ist es der Textsorte quellengesättigter erfahrungsgeschichtlicher Literatur zuzuschreiben, aber am Autor sind die Debatten der Zeitgeschichtsforschung über die 1970er-, 1980er- und 1990er-Jahre leider vorbeigelaufen, obwohl er zur Krisenperzeption und zur Debatte um den Strukturbruch[9] Nennenswertes hätte beitragen können, gerade aus der dichten Erfahrungsperspektive oder auf Basis der Computerstudie des Instituts 1973–1977.

Setzt man diese Monita aber einmal in Klammern – und das sollte man tun –, hat Thomas von Freyberg ein autobiographisch fundiertes, urteilsstarkes Buch über drei Dekaden der kritischen Sozialforschung vorgelegt, auf das auch zukünftige Wissenschafts- und Sozialhistoriker der Kritischen Theorie mit Gewinn zurückgreifen können, selbst wenn das Buch ihnen zusätzliche Arbeit im Aufstöbern der Quellen zumutet. Insbesondere kommt dem Autor das Verdienst zu, das Mitbestimmungsmodell an einem dezidiert linken Institut aus Mitarbeitersicht einmal näher beschrieben zu haben, mit den Machtansprüchen beider Seiten. Damit weist er eben jene widerstrebenden mikropolitischen Strategien nach, die man aus der Unternehmensgeschichte mitbestimmter Unternehmen kennt und die auch in der Organisationssoziologie eine Rolle spielen. Was von Freyberg beschreibt, wirkt so anders und so fremd in der heutigen Wissenschaftswelt, in gewisser Weise aus der Zeit gefallen, dass man sich wünschte, es hätte in aktuelle Evaluationen wie diejenige des Wissenschaftsrates zum Frankfurter Institut für Sozialforschung noch Eingang finden sollen.[10] Bei allen Konflikten war es eine gelebte, stets ambivalente Utopie. Nicht zufällig wurde sie im „sozialdemokratischen Jahrzehnt“ wirksam.[11]

Fußnoten

[1] Christian Fleck, Transatlantische Bereicherungen. Zur Erfindung der empirischen Sozialforschung, Frankfurt am Main 2007; Johannes Platz, Die Praxis der kritischen Theorie. Angewandte Sozialwissenschaft und Demokratie in der frühen Bundesrepublik 1950–1960, Trier 2012.

[2] Hans J. Pongratz / Rainer Trinczek (Hg.), Industriesoziologische Fallstudien. Entwicklungspotentiale einer Forschungsstrategie, Berlin 2010.

[3] Christoph Weischer, Das Unternehmen ‚Empirische Sozialforschung‘. Strukturen, Praktiken und Leitbilder der Sozialforschung in der Bundesrepublik Deutschland, München 2004.

[4] Stefan Müller-Doohm, Die Soziologie Theodor W. Adornos. Eine Einführung, Frankfurt am Main 1996.

[5] Clemens Albrecht et al., Die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik. Eine Wirkungsgeschichte der Frankfurter Schule, Frankfurt am Main 1999; siehe dazu meine Rezension, in: H-Soz-Kult, 13.02.2005.

[6] Alex Demirović, Der nonkonformistische Intellektuelle. Die Entwicklung der Kritischen Theorie zur Frankfurter Schule, Frankfurt am Main 1999; ein bündiger Überblick aus der Feder Alex Demirovićs über die Forschungsprojekte des Instituts für Sozialforschung seit 1950 findet sich in: Institut für Sozialforschung (Hg.), Forschungsarbeiten, Frankfurt am Main 1999 (= Mitteilungen des Instituts für Sozialforschung 10).

[7] Muharrem Açıkgöz, Die Permanenz der Kritischen Theorie. Die zweite Generation als zerstrittene Generationsgemeinschaft, Münster 2014.

[8] Siehe auch die Rezension von Fabian Link, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 69 (2017), S. 157–159.

[9] Anselm Doering-Manteuffel / Lutz Raphael, Nach dem Boom. Perspektiven auf die Zeitgeschichte nach 1970, Göttingen 2008, 3., ergänzte Aufl. 2012.

[10] Wissenschaftsrat, Stellungnahme zum Institut für Sozialforschung an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main (IfS), Bielefeld, 16.10.2015, Drucksache 4904-15.

[11] Bernd Faulenbach, Das sozialdemokratische Jahrzehnt. Von der Reformeuphorie zur Neuen Unübersichtlichkeit. Die SPD 1969–1989, Bonn 2011.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Jan-Holger Kirsch.

Dieser Text erschien zuerst in H-Soz-Kult.