Jenseits von Europa

Rezension zu „Feministische Theorie aus Afrika, Asien und Lateinamerika“ von Anke Graneß, Martina Kopf und Magdalena Kraus

Das Buch „Feministische Theorie aus Afrika, Asien und Lateinamerika“ ist im Anschluss an Lehrveranstaltungen an der Universität Wien entstanden. Den Autor*innen, namentlich Anke Graneß, Martina Kopf und Magdalena Kraus, zufolge lag der Impuls für die Seminare und somit auch für das Buch darin, eine Einführung in feministische Theorien zu geben, die im Gegensatz zum üblichen Vorgehen nicht europäische Ansätze, sondern im außereuropäischen Raum entstandene, insbesondere aus den 1980er- und 1990er-Jahren stammende Konzepte in den Mittelpunkt rückt. Mit diesem auf den ersten Blick zunächst recht simpel anmutenden Anliegen haben sich die Autor*innen der komplexen Herausforderung gestellt, über den Tellerrand eurozentrierter feministischer Theorieproduktion zu blicken, was in den hiesigen Gender Studies bei Weitem noch keine Selbstverständlichkeit darstellt. Dabei legt das Autor*innen-Trio insbesondere einen Fokus darauf, diejenigen feministischen Theoretiker*innen aus dem Globalen Süden vorzustellen, die gerade nicht die Autor*innen der im europäischen Raum schon bekannten und rezipierten Arbeiten sind. Das Buch ist bewusst als Lehrbuch konzipiert: Es stellt nicht nur Theorien vor, sondern führt ebenso in grundlegende Begriffe der Gender Studies ein. Die Struktur des Buches orientiert sich einerseits an den regionalen Entstehungskontexten der Theorien, wie etwa Kapitel zum Schwarzen Feminismus in den USA oder zu feministischen Theorien aus Afrika verdeutlichen. Andererseits kommen ebenso themenzentrierte Kapitel hinzu, beispielsweise zum postkolonialen Feminismus, dem Feminismus im Islam und dem Ökofeminismus. Dabei erheben die Autor*innen keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern setzen anhand ausgewählter Regionen und Themen Schwerpunkte; durch umfassende Literaturempfehlungen regen sie außerdem zum Weiterlesen an.

Die größte Herausforderung bei der Vermittlung feministischer Theorien aus dem Globalen Süden in der universitären Lehre sehen die Autor*innen im „fehlende[n] Wissen über die sozialen, historischen und politischen Zusammenhänge“ (S. 14) der vorgestellten Ansätze. Der Anspruch des Buches ist es daher, die theoretischen Konzepte nicht für sich stehen zu lassen, sondern sie in ihren spezifischen räumlichen wie historischen Entstehungskontext einzubetten. Dass dieser Anspruch konsequent eingelöst wird, zeigt sich unter anderem darin, dass nicht nur die Konzepte, sondern auch die dahinter stehenden afrikanischen, lateinamerikanischen oder asiatischen Theoriker*innen und ihre biografischen wie politischen Hintergründe vorgestellt werden. Im Anschluss an feministische Standpunkttheorien zeigen die Autor*innen mit diesem Vorgehen, dass Theorien nie losgelöst von ihrer jeweiligen sozialen Position gedacht werden sollten. Von besonderer Bedeutung ist diese Einsicht in der Darstellung der islamischen Feminismen, deren Referenz auf religiöse Werte im westlich-säkularen Kontext befremdlich wirken beziehungsweise als wenig progressiv beurteilt werden könnte. Denn – wie die Autor*innen treffend bemerken – „Feminismus, als ein emanzipatorisches Projekt zur Befreiung der Frau, und Islam, der in Europa oft als das Gegenteil von Frauenemanzipation verstanden wird, scheinen einander per definitionem auszuschließen“ (S. 167). Die Lektüre des entsprechenden Kapitels zeigt hingegen auf, dass die Konzepte muslimischer Theoretiker*innen äußerst komplex und vielschichtig sind. Die vorgestellten Ansätze bewegen sich zwischen säkularen feministischen Theorien, einer feministischen Hermeneutik des Korans und konservativen islamischen Frauenbewegungen.

Mit ihrer kontextualisierenden Herangehensweise entwerfen die Autor*innen keine neue homogene Erzählung des nicht-westlichen Feminismus, sondern offenbaren sowohl die Pluralität von als auch die Widersprüche innerhalb der Theorieproduktionen in Afrika, Asien und Lateinamerika und machen diese für theoretische Diskussionen fruchtbar. Angesichts der häufig undifferenzierten Stereotype über „den Islam“ oder „den afrikanischen Kontinent“, die hierzulande im öffentlichen, aber auch im akademischen Diskurs weit verbreitet sind, ist die Vermittlung der Komplexität feministischer Theorieentwicklung im Globalen Süden an sich bereits ein erster Schritt zur Dezentrierung eurozentristischer Wissensproduktion. Das Buch geht jedoch noch darüber hinaus, indem es nicht nur die Pluralität feministischer Theorien aus dem Globalen Süden, sondern auch ihre vielschichtige Beziehung zu sogenannten „westlichen“ Feminismen aufzeigt. Dadurch wird deutlich, dass viele der thematisierten Theoretiker*innen ein ambivalentes Verhältnis zu den an nordamerikanischen oder europäischen Universitäten als Kanon der Gender Studies gelehrten Theorien haben. In ihren eigenen Konzeptionen bewegen sie sich daher nicht selten zwischen einer Orientierung an „westlichen“ feministischen Theorien sowie starker Skepsis gegenüber diesen bis hin zur deutlichen Ablehnung jeglicher okzidentaler Ansätze. In Afrika gibt es beispielweise „sowohl Vertreterinnen, die einen Feminismus fordern, der nur auf afrikanischen Wurzeln gründet, als auch Vertreterinnen, die sich an Emanzipationskonzepten europäisch-nordamerikanischen Ursprungs […] orientieren“ (S. 125). So grenzt sich etwa die nigerianische Literaturwissenschaftlerin Chikwenye Ogunyemi von westlichen, auch afrikanisch-amerikanischen Konzepten ab, indem sie einen „african womanism“ entwickelt, der von vermeintlich afrikanischen Werten inspiriert gemeinschaftsorientiert und mutterzentriert sei. Dagegen begreifen die ghanaische Schriftstellerin Ama Ata Aidoo, die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie oder die Sozialwissenschaftlerin Amina Mama sich explizit als Feministinnen, betonen zugleich aber die Notwendigkeit eines intersektionalen und transnationalen Zugangs.

Die Autor*innen des Buches machen außerdem deutlich, dass sich viele Feminist*innen des Globalen Südens auch gegenüber dominanten Herrschaftsdiskursen innerhalb ihrer jeweiligen lokalen oder religiösen Kontexte in einem ambivalenten Verhältnis befinden. So bewegen sich beispielsweise islamische Feminist*innen häufig zwischen zwei Fronten, nämlich einer patriarchalen Ausrichtung des Korans einerseits und einem von Stereotypen geprägten Bild des Islams im Westen andererseits. In einem ähnlichen Konflikt stehen feministische Wissenschaftler*innen Afrikas und Lateinamerikas: Viele von ihnen schreiben insbesondere gegen die Kolonialität von Gender-Regimen an, durch die soziale Vorstellungen eines binären Geschlechtercodes und einer untergeordneten Stellung von Frauen verstärkt Eingang in die jeweiligen Gesellschaften gefunden hätten. Eurozentristische Perspektiven infrage zu stellen und neue Konzepte zu entwickeln, ist auch das zentrale Anliegen der im lateinamerikanischen Raum entstandenen dekolonialen feministischen Theorie. Feminist*innen aus dem andinen Raum wie Julieta Paredes, Rosalía Paiva oder Domitila Barrios de Chungara nehmen bewusst Bezug auf die indigene Kosmovision, um einen „feminismo comunitario“ zu entwerfen, der sich von im Westen verbreiteten individualistischen und neoliberalen Vorstellungen von Geschlechtergleichheit abgrenzt. Dieser gemeinschaftsorientierte Feminismus nimmt die konkreten Erfahrungen marginalisierter Frauen und ihren jahrhundertelangen Widerstand gegen patriarchale Strukturen zum Ausgangspunkt. Er richtet sich damit auch gegen den politisch einflussreichen Feminismus der weißen, privilegierten, urbanen Mittelschicht Lateinamerikas und gegen institutionalisierte Gender-Diskurse, die insbesondere in den 1980er- und 1990er-Jahren mit der Implementierung (neo-)liberaler Programme die sozialen Bewegungen geschwächt und somit zu einer Entpolitisierung feministischer Forderungen beigetragen hätten.

In ihrem Bestreben, sich von eurozentristischen Theorien und Epistemologien abzugrenzen, laufen Graneß, Kopf und Kraus zufolge einige der Theoretiker*innen (wie beispielsweise die nigerianischen Feminist*innen Nkiru Nzegwu und Oyèrónké Oyèwùmí) aber auch Gefahr, ein nicht der Realität entsprechendes „romantisierendes Bild von vorkolonialen afrikanischen Gesellschaften“ (S. 156) zu zeichnen. Den Autor*innen des Buches gelingt an diesen Stellen der schwierige Balanceakt, die Bedeutung und Radikalität der feministischen Ansätze innerhalb ihres Entstehungs- wie Wirkungskontextes darzulegen, ohne jedoch einem bloßen Kulturrelativismus das Wort zu reden. Denn die von den feministischen Theoretiker*innen präsentierten Denkbewegungen werden zwar nachvollzogen und vor ihrem jeweiligen soziokulturellen Hintergrund verständlich gemacht, gleichzeitig aber auch kritisiert, etwa wenn Homosexualität von einzelnen afrikanischen Theoretiker*innen als „westlich“ verurteilt wird oder in einigen Ansätzen des Ökofeminismus essentialistische Geschlechtervorstellungen reproduziert werden.

Aber auch manch weniger kritische Positionen „nicht-westlicher“ Feminist*innen mögen vor dem Hintergrund hiesiger Gender Studies überholt wirken – wie zum Beispiel ein auf religiösen Werten basierender Feminismus oder der relativ weit verbreitete Fokus ausschließlich auf Frauen und ihre gesellschaftliche Positionierung statt auf das Geschlechterverhältnis als Ganzes. Derlei Positionen und ihre Relevanz im jeweiligen Kontext wertschätzend anzuerkennen und gleichzeitig ebenso kritische Punkte offenzulegen, ist eine der großen Stärken dieses Buches. Wenngleich sich einige der vorgestellten Theoretiker*innen – wie beispielweise Vertreter*innen des afrikanischen „womanism“ oder islamische Autor*innen, die eine Neuinterpretation des Koran unter der Prämisse der Geschlechtergerechtigkeit vornehmen – selbst gar nicht als Feminist*innen bezeichnen, begründen die Verfasser*innen des Buches ihre Auswahl damit, dass diese einen emanzipatorischen Anspruch verfolgen und für Geschlechtergerechtigkeit eintreten würden. Dieser gemeinsame Fluchtpunkt der Emanzipation – im umfassenden Sinn verstanden als Transformation der gesellschaftlichen wie subjektiven Strukturen hin zur Aufhebung jeglicher Art von Unterdrückungsverhältnissen – ist meines Erachtens zwar für feministische Anliegen konstitutiv, für die hiesigen Gender Studies aber keineswegs mehr Voraussetzung. Zwar verfolgte die Frauenforschung hierzulande insbesondere in ihren Anfängen in den 1970er-Jahren das Ziel, durch die Analyse individueller Erfahrungen der Unterdrückung (von Frauen) gesellschaftliche Strukturen und in diesen eingelagerte Geschlechterverhältnisse sichtbar und damit auch kritisierbar zu machen,[1] mit der Ausdifferenzierung und Institutionalisierung der Gender Studies trat dieser politische Anspruch im hiesigen Kontext jedoch oft in den Hintergrund. Viele der im Buch repräsentierten Theoretiker*innen teilen die grundlegende politische Prämisse feministischer Forschung und meistern die schwierige Herausforderung, gegen unterschiedliche Dominanzdiskurse und -verhältnisse anzuschreiben. Beides kommt in dem Buch zum Ausdruck, beispielsweise wenn die nigerianische Feministin Bibi Bakare-Yusuf oder die bolivianische Schriftstellerin und Aktivistin Julieta Paredes betonen, wie wichtig es für einen emanzipatorischen Feminismus ist, sich von feministischen Konzepten aus dem europäischen und nordamerikanischen Raum abzugrenzen sowie indigene Macht- und Unterdrückungsmuster aufzuarbeiten.

Dabei unterschlagen die Autor*innen des Buches nicht, wie schwierig ein solches Unterfangen ist und mit welch komplexen Widersprüchen und Dilemmata feministische Theorieproduktion im Globalen Süden konfrontiert ist. Das von Gayatri Spivak[2] bekannt gemachte und in dem hier besprochenen Buch ebenfalls wiedergegebene Bespiel der Witwenverbrennung im kolonialen Indien, an dem deutlich wird, wie Frauen zwischen den Dominanzverhältnissen imperialistischer Herrschaft und patriarchaler Nationalismen „doppelt in den Schatten gerückt“ werden,[3] bringt auch das Dilemma, in dem sich subalterne feministische Theorien befinden, auf den Punkt. Schließlich macht es auf die global ungleichen Diskursbedingungen aufmerksam, die eine herrschaftsfreie Repräsentation immer schon ausschließen. Diese Bedingungen wurzeln im akademischen Feld insbesondere in den zutiefst ungleichen materiellen Grundlagen der Theorieproduktion im Globalen Süden und Norden. So sehen sich feministische Wissenschaftlerinnen im Globalen Süden mit einer vielfach prekäreren Ressourcenausstattung konfrontiert – ein Aspekt, der von den Autor*innen des Buches zwar thematisiert wird, die Reflexion darüber hätte meines Erachtens jedoch noch weiter gehen können. Selbstverständlich ist es kein Zufall – und das erwähnen auch Graneß, Kopf und Kraus –, dass gerade jene dekolonialen Arbeiten einen höheren internationalen Bekanntheitsgrad erlangt haben, deren Autor*innen an westlichen Institutionen verankert sind. Hierbei spielt neben der ungleichen Ressourcenausstattung von Universitäten und Forschungseinrichtungen auch ungleiches Wissen über die in westlichen Kontexten vorherrschenden Regeln der Wissensproduktion eine entscheidende Rolle. Diese umfassen beispielsweise eine bestimmte wissenschaftliche Schreib- und Sprechweise sowie eine erfolgreiche – das heißt, auf die Veröffentlichung in an westlichen Institutionen angesiedelten namhaften Fachzeitschriften ausgerichtete – Publikationsstrategie. Im wissenschaftlichen Feld prägen solche Strukturen der Wissensproduktion maßgeblich unsere Wahrnehmung. Umso wichtiger erscheint mir in diesem Zusammenhang das Anliegen des Buches, international weniger geläufige und in Ländern des Globalen Südens verankerte Theorien auch hierzulande bekannter zu machen. Anhand der im Buch vorgestellten Theoretiker*innen wird nämlich ebenso deutlich, dass es trotz der schwierigen Voraussetzungen möglich ist, Artikulationsräume zu schaffen und gehört zu werden. Häufig reicht die Resonanz auf die politisch engagierten Feminist*innen weit über das akademische Feld hinaus. Den Autor*innen des Buches gelingt es, diese Grenzgänge zwischen akademischer und aktivistischer Praxis nachvollziehbar zu machen, indem immer wieder auf die unterschiedlichen politischen Kontexte verwiesen wird, innerhalb derer sich die vorgestellten Theoretiker*innen bewegen.

Die in dem Buch zusammengetragenen Ansätze sind aber nicht nur innerhalb ihrer Kontexte von Bedeutung, sondern auch für die hiesige Geschlechterforschung erkenntnisreich. Welche Möglichkeiten ein solcher Süd-Nord-Transfer für die Weiterentwicklung sogenannter „westlicher Feminismen“ bereithält, loten die Autor*innen jedoch leider nicht weiter aus. Dennoch regt das Buch dazu an, genau an dieser Stelle weiter zu denken und die von Chandra Mohanty und anderen feministischen Standpunkttheoretiker*innen vertretene These der „epistemischen Privilegiertheit“ produktiv zu machen, nach der „von den Erfahrungen marginalisierter gesellschaftlicher Gruppen her ein klarer Blick darauf möglich ist, wie Macht- und Unterdrückungsverhältnisse funktionieren“ (S. 65). Dabei wird ebenso deutlich, dass viele der Theoretiker*innen eine eindeutig intersektionale Herangehensweise verfolgen, insbesondere aufgrund der Einsicht, dass die Geschlechterfrage nur zusammen mit der Analyse rassistischer Unterdrückung oder extrem ungleicher Klassenverhältnisse verhandelt werden kann – eine Überzeugung, die deutlich stärker ausgeprägt ist als bei vielen weißen Feministinnen. In dem mit „Schwarzer Feminismus, Womanismus, Intersektionalität“ überschriebenen Kapitel kommt unmissverständlich zum Ausdruck, dass insbesondere schwarze Feminist*innen wie Angela Davis oder bell hooks Race als Ort begreifen, „von dem aus sie die Kategorie ‚Frau‘ dekonstruieren“ (S. 80) können. Umgekehrt führt die deklassierende Arbeitserfahrung schwarzer Frauen in Fabriken, Haushalten oder der Landwirtschaft im Norden wie Süden besonders vor Augen, dass Geschlechterdiskriminierung nie ohne die für die gesellschaftliche Arbeitsteilung konstitutiven Klassenverhältnisse denkbar ist (S. 99). Die Erfahrungen schwarzer Frauen und gesellschaftlich marginalisierter Bevölkerungsgruppen können daher die hiesigen Gender Studies stärker dafür sensibilisieren, den Blick für die unauflösliche Interdependenz sozialer Ungleichheitsdimensionen zu schärfen. Des Weiteren machen die feministischen Ansätze des Südens auf die globale Verwobenheit von Machtverhältnissen, aber auch von Möglichkeiten der Emanzipation aufmerksam. Wie eng verstrickt auch hierzulande feministische Diskurse mit kolonialen (Denk)Strukturen sind, zeigt sich nicht zuletzt an den immer wieder hervorgekehrten Bildern der unterdrückten „anderen“, insbesondere muslimischen Frau – und komplementär dazu des gewalttätigen muslimischen Mannes –, mit denen in den letzten Jahren vermehrt restriktive Migrationspolitiken legitimiert wurden. Dieser Verwobenheit von aktuellen Diskursen und Politiken mit kolonialen Ordnungen gehen insbesondere die historischen Arbeiten dekolonialer Feminst*innen wie Anne McClintock, Ann Laura Stoler und María Lugones auf den Grund. Mit ihren Forschungen belegen die Wissenschaftler*innen, dass die in den Kolonien gewaltsam etablierten Unterteilungen auch konstitutiv für die Ausbildung heteronormativer Ordnungen in Europa und eines auf globaler Ebene verankerten „colonial/modern gender system“[4] waren. Dieses Organisationsprinzip brachte unterschiedliche Arrangements für Kolonisierende und Kolonisierte sowie für bürgerliche Männer und Frauen hervor, die bis heute die sozialen Beziehungen prägen.[5]

Doch genauso wie Unterdrückungsverhältnisse eine globale Dimension aufweisen, müssen auch emanzipatorische Kämpfe – im Sinne des von Chandra Mohanty[6] vorangetriebenen Projekts eines „transnationalen Feminismus“ – global organisiert werden. Damit ist für mich einer der wichtigsten Impulse des Buches angesprochen: die Frage nach globaler feministischer Solidarität und transnationalen Bündnissen. Für den akademischen Kontext muss aus meiner Sicht zuvorderst die Frage gestellt werden, wie alternative Netzwerke und Kooperationen etabliert werden können, die feministische Wissenschaftler*innen im Globalen Süden fördern und damit Voraussetzungen für eine Wissensproduktion schaffen, die der Eurozentrierung der Gender Studies entgegenwirkt. Denn selbst als kritische feministische Wissenschaftler*innen sind wir in die Herrschaftsstrukturen und Konkurrenzverhältnisse des Wissenschaftsbetriebs eingebunden, die wenig Platz für alternative Denkräume lassen, in denen subalternes Wissen gefördert und transnationale feministische Allianzen gebildet werden könnten. Das Buch leistet dafür einen wichtigen Beitrag, indem es die Pluralität und Komplexität der feministischen Auseinandersetzungen im Globalen Süden sichtbar macht und dazu anregt, weiter darüber nachzudenken, wie der Süd-Nord-Dialog für die hiesige Geschlechterforschung produktiv gemacht werden könnte. Vor allem ist es aber auch ein ausgezeichnetes Lehrbuch, das insbesondere für Studierende und Einsteiger*innen in die feministische Theorie geeignet ist, da man sich dank des strukturierten Aufbaus, der instruktiven Begriffserklärungen und der guten Leser*innenführung trotz aller Komplexität der vorgestellten Theorien nie verloren fühlt.

Fußnoten

[1] Bettina Dausien, Geschlechterverhältnisse und ihre Subjekte. Zum Diskurs um Sozialisation und Geschlecht, in: Helga Bilden / Bettina Dausien (Hg.), Sozialisation und Geschlecht. Theoretische und methodologische Aspekte, Opladen u. a. 2006, S. 17–44.

[2] Gayatri Spivak, Can the Subaltern Speak? Postkolonialität und subalterne Artikulation, Wien 2008.

[3] Ebd., S. 59.

[4] María Lugones, Heterosexualism and the Colonial / Modern Gender System, in: Hypatia 22 (2007), 1, S. 186–219.

[5] Ebd.

[6] Chandra Mohanty, Transnational Feminist Crossings: On Neoliberalism and Radical Critique, in: Signs. Journal of Women in Culture and Society 38 (2013), 4, S. 967–991.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.