Jenseits von Hierarchie und Herrschaft

Rezension zu "Wie männlich ist Autorität? Feministische Kritik und Aneignung" von Hilge Landweer und Catherine Newmark (Hg.)

Die Vorbehalte gegenüber Autorität sind groß. Aus Sicht vieler liberaler, radikaldemokratischer und feministischer Denker und Theoretikerinnen lässt sich über Autorität nur im Modus der Kritik sprechen. Denn Autorität meint Ungleichheit, Abhängigkeit und Hierarchie. Das heißt freilich auch, dass wer über Autorität anders spricht als im Modus kritischer Ablehnung, häufig dem Vorwurf ausgesetzt ist, stillschweigend oder ausdrücklich Herrschaftsverhältnisse zu legitimieren. Er erscheint als Befürworter autoritärer Ordnungen, als elitentheoretischer Begleitschutz etablierter Hierarchien in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und – nicht zuletzt – in der Bildung und der Familie, also jenem weiten Bereich der Erziehung, in dem ‚die Autorität’ gewissermaßen ‚zu Hause’ ist.

Ein erster großer Vorzug des Sammelbandes Wie männlich ist Autorität? besteht darin, sich „für das Phänomen jenseits der eingefahrenen Diskurse zu interessieren“ und – wie es die  Herausgeberinnen Hilge Landweer und Catherine Newmark formulieren – „sich auch, mit der Rückendeckung der bereits vollzogenen Kritik, den möglicherweise positiven, konstituierenden Aspekten von Autorität, etwa dem so fundamentalen Prozess der Autorisierung, zuzuwenden“ (S. 8, vgl. auch S. 12/13). Die Beiträge des Bandes eint das Anliegen, Autorität als eine hierarchische Anerkennungsbeziehung zu verstehen, die auf der Zuschreibung von moralischer, kognitiver, erfahrungsbasierter oder institutionell gestützter Überlegenheit gründet und mit mehr oder weniger formalisierten Verfahren der Autorisierung verbunden ist.[1] Die Beiträge des Sammelbandes teilen zudem das Bewusstsein darüber, dass mit der Kritik an Autorität die Autorität selbst noch nicht verschwunden ist (S. 7). Aus der Beobachtung, dass es ein erstaunliches „Missverhältnis von einer immer egalitärer werdenden gesellschaftlichen Praxis und nach wie vor männlichen Bildern von Autorität“ gibt (S. 8), wird keineswegs geschlussfolgert, dass Autorität per se eine Gefahr für Gleichheit, Freiheit und Demokratie darstellt. Das Problem mit der Autorität besteht vielmehr in unserem herrschaftlichen Verständnis von Autorität. Diese Ausgangsüberlegung des Bandes wird zu der These geführt, „dass ein großer Teil der Krisen unserer Tage bei genauerem Hinsehen mit Autoritätsproblemen verknüpft ist“ (S. 11 f.).

Mit dieser krisendiagnostischen These markiert der Band zugleich eine Leerstelle der aktuellen demokratietheoretischen Diskussion: Das seit geraumer Zeit zu beobachtende Aufeinandertreffen von Entpolitisierungstendenzen mit Phänomenen der Re-Politisierung lässt sich in seinen stabilitätspolitischen Effekten weder gesellschaftstheoretisch gehaltvoll analysieren noch politisch bewerten, ohne das komplexe Spannungsverhältnis von Autorität und Demokratie neu zu durchdenken. Die im Band breit geteilte Einschätzung der Herausgeberinnen, dass die Frage nach der Autorität in den letzten Jahrzehnten eher am Rande thematisiert wurde (S. 9), ließe sich dahingehend kritisch zuspitzen, dass weder die bislang hegemoniale Theorie des politischen Liberalismus noch ihre prominente Herausforderin, die postfundamentalistische beziehungsweise radikale Demokratietheorie, sich mit den Bedingungen und Effekten von Autorität auf andere Weise als im Modus der kritischen Ablehnung beschäftigt haben. Das ist eine mögliche Erklärung dafür, warum keine der miteinander um Deutungshoheit konkurrierenden Demokratietheorien zeitdiagnostisch belastbare und therapeutisch überzeugende Antworten auf die gegenwärtige Krise der liberalen Demokratie bieten.

Der Band beginnt mit einer theoretisch wie konzeptionell gehaltvollen Einleitung der Herausgeberinnen und einem vorgeschalteten Gespräch mit der italienischen Philosophin und Feministin Luisa Muraro über die „Politik des ‚affidamento’“, die ein positives, mit Vertrauen, Verantwortung und Freiheit verschwistertes Konzept „weiblicher Autorität“ verteidigt. Daran anschließend folgen vierzehn Beiträge, die in vier thematische Blöcke unterteilt sind. Im ersten Block wird das Phänomen Autorität in sozialwissenschaftlicher und ideengeschichtlicher Perspektive verhandelt. So fragt etwa Sylka Scholz im Rückgriff auf das Konzept „hegemonialer Männlichkeit“ von Raewyn Connell nach der „weiblichen Autorität“ der Bundeskanzlerin Angela Merkel, während Till van Rhaden die von Alexander Mitscherlichs Studie „Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft“ angestoßenen Debatten über Demokratie und Autorität in der frühen Bundesrepublik im Hinblick auf gender-theoretische Aspekte diskutiert. Im zweiten Block geht es um eine „Phänomenologie moderner Autorität“, wobei hier vor allem männlich kodierte Praktiken und Prozesse der Reproduktion von Autoritätsverhältnissen im Zentrum stehen. Philipp Wünscher etwa befasst sich in seinem Beitrag mit „Jovialität“ als spielerischer Umgangsform unter Männern mit ihrer Autorität. Die Beiträge im dritten Block widmen sich unter dem Titel „Rückkehr der Autorität? Auf der Suche nach der verlorenen (Geschlechter-)Normalität“ vornehmlich dem Phänomen politischer Autorität. So fragt Insa Härtel nach dem Autoritätsverständnis in rechtspopulistischen Bewegungen, während Nancy Luxor am Beispiel der MeToo-Bewegung die Autorität (feministischer) Kritik diskutiert. Im abschließenden vierten Block „Feministische Aneignungen philosophischer Traditionen“ werden die großen Spannungsfelder Autorität, Freiheit und Gerechtigkeit bearbeitet.

Um feministische Aneignungen und emanzipative Umdeutungen des umkämpften Autoritätsbegriffs geht es freilich in allen Beiträgen. Der Versuch, das „fluide Phänomen“ Autorität (S. 11) zu präzisieren, bildet das begriffstheoretische Scharnier der hier versammelten Beiträge. Als Negativfolie fungiert Max Webers wirkmächtige Ineinssetzung von Autorität mit legitimer Herrschaft und sanktionsgestützter Befehlsgewalt. Weit weniger klar ist indes, ob es sich bei Autorität tatsächlich um ein „Phänomen der Macht“[2] handelt. Diese Unklarheit ist nicht zuletzt der Mehrdeutigkeit des Machtbegriffs geschuldet, der zwischen dezisionistischen, kommunikativen und agonistischen Lesarten changiert. In ihrem thesenreichen und argumentationsstarken Beitrag über die mit Autorität verbundenen Gefühlsdynamiken unterscheiden Hilge Landweer und Catherine Newmark Autorität sowohl von Herrschaft als auch von Macht, um einen „zunächst normativ offenen Begriff von Autorität zu gewinnen“ (S. 179 f.). Auf dieser systematischen Grundlage entwickeln sie dann ein auf Achtung und Vertrauen basierendes Autoritätsverständnis (S. 189), das sie auch als „flache Autorität“ bezeichnen (S. 191) und von tendenziell „archaischen Bildern männlicher Autorität“ abgrenzen (S. 192). Demgegenüber plädieren Sylka Scholz (im Rekurs auf Pierre Bourdieu S. 35), und Maike Sophia Baader (im Anschluss an Michel Foucault) für ein machtzentriertes Autoritätskonzept, das gesellschaftliche Prozesse der Autorisierung („doing authority“) erfassen soll (S. 91 f.). Noch einmal anders  fasst Ruth Großmaß Autorität. Ihr zufolge verweist Autorität auf „Machtstrukturen (mediale Deutungsmacht, Expertendominanz, Definitions- und Beziehungsmacht) und ist nicht bereits dadurch legitimiert, dass man sie an eine Rolle bindet oder persönlich in Anspruch nimmt“ (S. 159). Dieses konstruktiv-kritische Verständnis eines machtbasierten Autoritätsbegriffs entwickelt Großmaß in Auseinandersetzung mit Richard Sennett und Hannah Arendt.

Damit ist zugleich die politikwissenschaftliche Schnittstelle der in diesem Band versammelten Suchbewegungen markiert: nämlich der starke Rekurs auf Hannah Arendts Essay „Was ist Autorität?“, der sich „wie ein roter Faden durch sehr viele Beiträge“ des Bandes zieht (S. 16).[3] Darüber wird freilich die republikanische Denkerin selbst zu einer Autorität in Sachen Autorität. Denn auch das Zitieren, kritische Kommentieren und konstruktive Weiterdenken einer Autorin stellt einen Akt der Autorisierung dar. Maike Sophia Baader bezeichnet das als „performative Qualität“ von Autorität: „Zitation [ist] nicht einfach nur die Zitation eines Textes und einer Aussage, eines Befundes oder eines Arguments, sondern immer auch einer Person und ihres Namens und ist entweder mit Anerkennung und Sichtbarmachung oder – bei Nichterwähnung – mit einem Vorenthalten von Anerkennung oder mit Entzug verbunden.“ (S. 113) Der Rekurs auf die allseits anerkannte politische Theoretikerin Hannah Arendt stützt auch das hier verfolgte Projekt einer feministischen Aneignung des vornehmlich „männlich“ und herrschaftlich konnotierten Konzepts von Autorität. Dieser Band ist nicht nur ein kritisches Nachdenken über Autorität, sondern ein performativer Akt der (Selbst-)Autorisierung von Autoren und Autorinnen, die nicht aus der Politikwissenschaft kommen, sondern sich aus philosophischer, soziologischer und kulturwissenschaftlicher Perspektive dem Phänomen der Autorität in allen gesellschaftlichen Bereichen zuwenden.

Ein zentraler Anspruch des Bandes besteht darin – explizit oder vermittelt über die Analyse asymmetrischer Anerkennungsverhältnisse in den sogenannten prä-politischen Bereichen Familie, Freundschaft und Bildung –, das ambivalente Verhältnis von Demokratie und Autorität aufzuklären. In deutlicher Abgrenzung zu autoritätskritischen Entgegensetzungen von Autorität und Freiheit wird ein mit der Anerkennung von Differenz verbundenes modernes Verständnis demokratischer Autorität entworfen. Das „Ideal demokratischer Autorität“ wird dabei nicht einfach (anti-)autoritären Lesarten gegenübergestellt, vielmehr muss sich – wie etwa Simone Rosa Miller in ihrem Beitrag ausführt – „legitime Autorität“ am „Ideal der Demokratisierung messen lassen“ (S. 242). Besonders deutlich thematisiert Miller die Fragilität demokratischer Autorität und zeigt am Beispiel der Reaktivierung vormoderner Autoritätsvorstellungen im Rechtspopulismus die immer bestehende Möglichkeit eines Umschlagens von „legitimer“ in „autoritäre Autorität“[4] auf.

Die Ambivalenz politischer Autorität in der Demokratie resultiert gleichwohl nicht nur daraus, dass Autorität in autoritäre politische Praxen oder auch autoritäre Regime kippen kann. Die Fragilität demokratischer Autorität besteht auch darin, dass sie durch Kritik und Protest infrage gestellt werden kann, worauf vor allem Hannah Arendt hingewiesen hat. Die politische Theoretikerin hatte allerdings noch hinzugefügt, dass es vor allem das Auslachen, das Lächerlich-Machen ist, das die Autorität nachhaltig blamiert und damit diskreditiert.[5] Das heißt freilich auch – und diese Ambivalenz von politischer Autorität in der Demokratie wird in dem hier besprochenen, analytisch gehaltvollen und diagnostisch starken Sammelband kaum thematisiert –, dass Autorität eine höchst instabile Stabilisierungsressource liberal-demokratischer Ordnungen darstellt.  

Fußnoten

[1] Vgl. Grit Straßenberger, Autorität: Herrschaft ohne Zwang – Anerkennung ohne Deliberation, in: Berliner Journal für Soziologie 23 (2013), 3-4, S. 494-509.

[2] Vgl. Heinrich Popitz, Phänomene der Macht, Tübingen 1999.

[3] Dieser Essay erschien erstmals 1956 auf Deutsch in der Zeitschrift Der Monat, wurde von Arendt dann später mehrfach bearbeitet und in deutsch- und englischsprachigen Zeitschriften beziehungsweise Sammelbänden in mehreren Versionen publiziert. Die erste englischsprachige Version erschien 1958. Vgl. Hannah Arendt, What was Authority?, in: Carl Joachim Friedrich (Hg.), Authority, Cambridge, MA 1958, S. 81–112.

[4] Zur Unterscheidung zwischen „autoritärer Autorität“ und „autoritativer Autorität“ vgl. Carl Joachim Friedrich, Politische Autorität und Demokratie, in: Zeitschrift für Politik 7 (1960), 1, S. 1-12. Zu den Kippbewegungen politischer Autorität ins Autoritäre und dem grundsätzlich prekären Status demokratischer Autorität vgl. Christoph Michael / Grit Straßenberger, Ein ambivalentes Konzept. Über politische Führung, in: Mittelweg 36 27 (2018), 6, S. 3-15.

[5] Hannah Arendt, Macht und Gewalt. München 1990, S. 46 f.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.