Jenseits von Rendite und Profit

Rezension zu "Die Berufsmoral der Banker. Potentiale und Grenzen finanzwirtschaftlicher Selbstregulierung" von Claudia Czingon

Die Nach- und Auswirkungen der Finanzkrise, die im Jahr 2008 mit dem Crash der Lehman Bank ihren Höhepunkt erreichte, sind bis heute weltweit spürbar. Die in diesem Zusammenhang wiederkehrenden Fragen lauten: Droht eine neue Krise? Ist die Politik in der Lage über staatliche Regulierungen diese Gefahr einzudämmen? Oder ist inzwischen der Finanzsektor zu Formen der Selbstregulierung fähig, sodass künftig gewisse Risiken und Unsicherheiten von dieser Seite ausgeschlossen beziehungsweise minimiert werden können? Mit diesen und anderen Fragen beschäftigt sich die Soziologin Claudia Czingon in dem auf ihrer Dissertation beruhenden Buch zur „Berufsmoral der Banker“ auf konstruktive Art und Weise.[1] Wohltuend vermeidet sie dabei eine moralisierende Haltung, im Unterschied zu weiten Teilen der in Medien, Politik und Öffentlichkeit geführten Diskussionen. Im Untertitel des Buches, „Potenziale und Grenzen finanzwirtschaftlicher Selbstregulierung“, wird Czingons Fokus bereits deutlich. Bevor ich näher auf die Arbeit eingehe, möchte ich auf das lesenswerte Vorwort von Sighard Neckel und Ferdinand Sutterlüty hinweisen. Beide betreuten respektive begutachteten die Dissertationsschrift und liefern erwartungsgemäß eine prägnante Zusammenfassung und zudem eine sinnvolle Einbettung in den wirtschafts- und finanzsoziologischen Forschungskontext der Arbeit.[2]

Nach dem gut strukturierten einleitenden Kapitel zu Ursachen, Verlauf und Folgen der Finanzkrise sowie den dabei versuchten Maßnahmen der politischen Regulierung und der Selbstregulierung (S. 19–39), beschäftigt sich das zweite Kapitel mit dem ebenso bedeutsamen wie besonders in der Forschung kontrovers diskutierten Thema „Markt und Moral“ (S. 41–63). Weil Mark Granovetter das Soziale „nicht als konstitutiv für ökonomisches Handeln betrachtet“ und insofern „einem atomistischen Verständnis von Wirtschaft verhaftet“ (S. 49) bleibt, referiert Czingon seine viel beachtete Einbettungstheorie nicht weiter. Stattdessen bezieht sie sich auf das von Karl Polanyi vertretene substanzielle Wirtschaftsverständnis, das Wirtschaft (Märkte) und Gesellschaft als nicht zu trennende Einheit begreift. Sie betont dabei – im Unterschied zu Polanyi – die moralisch-kulturelle Einbettungsdimension, da diese bei der Frage nach der Berufsmoral stärker zu berücksichtigen sei. Das leuchtet unmittelbar ein.

Im zentralen dritten Kapitel führt die Autorin die von Émile Durkheim bereits Ende des 19. Jahrhunderts begonnene Diskussion zur Berufsmoral fort, dabei bezieht sie sich insbesondere auf Luc Boltanskis und Laurent Thévenots Idee der Rechtfertigungsordnungen sowie auf deren „reflexiven Funktionsmodus der Moral“ (S. 74).[3] Im Zentrum „der Frage nach der Berufsmoral im Banken- und Finanzwesen stehen die berufliche Identität und das Selbstverständnis von Finanzakteuren, die sich unter Rückgriff auf ein kulturelles Repertoire geteilter Normorientierungen und Handlungsmuster, das heißt sozial konstituieren“ (S. 81).

Im vierten Kapitel gibt Czingon Auskunft über ihr methodisches Vorgehen im Sinne einer rekonstruktiven Sozialforschung (Datenerhebung, Fallauswahl, Typisierung etc.). Klug reflektiert sie den nicht immer einfachen Feldzugang, der angesichts der Kritik und Schelte an der Finanzbranche insgesamt nicht weiter überrascht. Umso erfreulicher ist es, dass es der Autorin gelungen ist, 24 Interviewpartner*innen aus dem weiten Feld des Banken- und Finanzsektors für Leitfadeninterviews zu gewinnen.

Die wesentlichen Ergebnisse dieser Interviews liefert die Autorin im fünften Kapitel, in dem sie „berufsmoralische Rechtfertigungsmuster“ (S. 103–161) rekonstruiert. Sie unterscheidet überzeugend vier Muster voneinander: (1) Beim Prinzip der „Kundenwohlorientierung“ stehen die Kund*innen und deren Bedürfnisse im Zentrum der Finanzpraxis; (2) die „Gesellschaftsorientierung“ weitet den engen normativen Horizont der Kundenwohlorientierung auf die Gesellschaft aus; (3) die „Orientierung am innerbetrieblichen Wohl“ adressiert die Zusammenarbeit der im Unternehmen Beschäftigten, etwa von Vorgesetzten und Mitarbeiter*innen; während (4) die „Orientierung am persönlichen Wohl“ diejenigen in den Mittelpunkt stellt, die in der Finanzbranche tätig sind. Sie zeichnen sich durch ein hohes „Bedürfnis an Selbstbestätigung“ (S. 103) aus. Hier gelingt es Czingon, die Idealisierungen, Widersprüche und Konflikte beim Aufeinanderprallen der unterschiedlichen Rechtfertigungsmuster herauszuarbeiten. Ein (exemplarisches) Ergebnis ihrer Analysen lautet (S. 155): „Das berufsmoralische Rechtfertigungsmuster des persönlichen Wohls spaltet Verantwortlichkeiten gegenüber Mitarbeitern, Kunden und anderen gesellschaftlichen Akteuren vom Anspruch einer ‚guten‘ Finanzpraxis ab und adressiert diese stattdessen an die eigene Person. Im Mittelpunkt des beruflichen Selbstverständnisses steht der Wunsch nach unmittelbarer Selbstbestätigung, der durch die Konfrontation mit den Anforderungen und Unwägbarkeiten des Marktes jeden Tag aufs Neue herausgefordert und konterkariert wird.“

Im sechsten Kapitel „‚Schurkenhändler‘ und ‚Kulturbotschafter‘“ beschreibt Czingon die Tendenz hin zu einer Individualisierungskultur (S. 161 f.), die Probleme und Krisen individuell zurechenbar macht, anstatt sie „in den Geschäftsmodellen und Handlungsstrukturen der Finanzmärkte“ (S. 177) zu verorten und dadurch ihre strukturellen Bedingungen wie „problematische Geschäftsmodelle und Institutionen“ (ebd.) anzuerkennen. Das siebte Kapitel widmet sich den „Herausforderungen institutionalisierter Selbstregulierung im Banken- und Finanzwesen“ und thematisiert die bankeninterne Risikoregulierung, die von den sogenannten Risikoarbeitern geleistet wird. Deren (kritische) Tätigkeit führt schon fast zwangsläufig zu einem professionellen Dilemma, denn sie „sollen jene kritisieren und regulieren, von deren Erfolg sie selbst abhängig sind und profitieren“ (S. 208). Im Ergebnis zeigen sich eminente Macht-, Anerkennungs- und Interessenskonflikte, die ihrerseits die Schwierigkeiten einer internen Regulierung verdeutlichen – gerade angesichts des Rückzugs des Staates als Kontrolleur und sanktionsmächtiger Akteur, den Czingon von Anfang an problematisiert.

Im achten und letzten inhaltlichen Kapitel beleuchtet Czingon das Zusammenspiel von sozialer Herkunft, Berufsmilieu und Kritik. Sie belegt, dass „die durch eine privilegierte soziale Herkunft ermöglichte Ausbildung an Eliteuniversitäten und privaten Business Schools vor allem im Investmentbanking die Entstehung eines Berufsmilieus unterstützt, das das berufliche Selbstverständnis und die Berufsmoral von Finanzakteuren maßgeblich prägt“ (S. 211 f.). Während im Investmentbanking ein gemeinsames mindset übernommen und an die eigene (soziale und intellektuelle) Überlegenheit respektive Besonderheit qua Sozialisation geglaubt wird, herrscht bei der sozial vergleichsweise heterogenen Gruppe der Trader das „Narrativ des Zufalls, das die Berufswahl als ungeplantes und quasi schicksalhaft in Erscheinung tretendes […] Ereignis konstruiert“ (S. 227). Investmentbanker*innen sehen sich außerdem einem Konformitätsdruck ausgesetzt und neigen nicht zuletzt deshalb zu einer Kultur der Kritikvermeidung.

Im Schlusskapitel fasst Czingon konzise die wichtigsten Ergebnisse aus ihren theoretischen Reflexionen und dem Auswerten der Interviews zusammen. Ihr Ziel besteht darin, wie sie selbst schreibt, „Erkenntnisse über die finanzwirtschaftliche Selbstregulierungspraxis jenseits öffentlich präsentierter Werte- und Verhaltensstandards zu generieren, indem ich die Sichtweisen, Handlungsorientierungen und Selbstverständnisse der dort tätigen Akteure zum Untersuchungsgegenstand mache“ (S. 254). Die Autorin betont, dass Finanzakteure, entgegen öffentlicher Unterstellungen, mit ihren beruflichen Tätigkeiten durchaus moralische Ansprüche verbinden. So ginge es selbst bei dem Muster „Orientierung am persönlichen Wohl“ nicht primär um das eigene monetäre Auskommen, sondern vielmehr um Praktiken der Selbstbestätigung. An dieser Stelle hege ich die leise Vermutung, dass hier – und auch in anderen Interviewpassagen – die hohe Reflexivität der Befragten und die damit einhergehende soziale Erwünschtheit das Erzählte beeinflusst haben. Anders gefragt: Was wurde mit welcher Absicht erzählt, und was wurde – aus den nachvollziehbaren Gründen des Selbstschutzes und der moralischen Integrität – auch gegenüber einer versierten Interviewperson verschwiegen?

Bei der von Claudia Czingon vorgelegten Studie zur „Berufsmoral der Banker“ handelt es sich um eine theoretisch ambitionierte wie empirisch überzeugende Dissertationsschrift. Mit der übersichtlich gegliederten Arbeit gelingt es ihr, eine Leerstelle der Forschung zu identifizieren und produktiv zu schließen. Weitere Forschungsarbeiten auf diesem Gebiet sind notwendig. Aufschlussreich und denkbar wäre in diesem Zusammenhang eine Kombination mit quantitativen Studien, die eine Verallgemeinerung sowie eine kritische Überprüfung der aus der Studie resultierenden Erkenntnisse ermöglichen würde. Stärker ethnografisch ausgerichtete Arbeiten könnten zudem die gesellschaftliche Integration der Finanzbranche und deren Organisationsweisen reflektieren und so eine Validierung der Ergebnisse aus den Interviews ermöglichen. Der gut lesbare Text wendet sich zwar primär an ein sozialwissenschaftliches Fachpublikum, wie bei Dissertationen üblich, er könnte darüber hinaus aber auch bei Vertreter*innen der Finanzbranche und der Politik auf Interesse stoßen. An Aktualität und Dringlichkeit wird das (kritische) Nachdenken über die „Berufsmoral der Banker“ und deren (Un-)Fähigkeit zur Selbstregulierung nicht so schnell verlieren, denn, wie wir alle wissen: Nach der Krise ist vor der Krise.

Fußnoten

[1] Claudia Czingon arbeitete in dem Autorenkollektiv mit, aus dem die viel beachtete Studie von Claudia Honegger u. a. zur „Strukturierten Verantwortungslosigkeit“ hervorgegangen ist. Siehe Claudia Honegger / Sighard Neckel / Chantal Magnin, Strukturierte Verantwortungslosigkeit – Berichte aus der Bankenwelt, Berlin 2010.

[2] Die im Jahr 2017 abgeschlossene Dissertation ist im Rahmen des Forschungsprojektes „Die Berufsmoral der Banker. Milieubildungen und Professionsethiken im globalen Finanzwesen“ am Exzellenzcluster „Normative Orders“ der Goethe-Universität Frankfurt am Main entstanden.

[3] Luc Boltanski / Laurent Thévenot, Über die Rechtfertigung. Eine Soziologie der kritischen Urteilskraft, Hamburg 2014.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.