Kämpferische Kuriere

Rezension zu "Riding for Deliveroo. Resistance in the New Economy" von Callum Cant

Acht Monate lang arbeitete Callum Cant im südenglischen Brighton als Fahrradkurier für die Online-Plattform Deliveroo, die ihre Kund*innen mit Gerichten aus diversen Partnerrestaurants beliefert. Während dieser Zeit führte er nicht nur ethnografische wie interviewbasierte Datenerhebungen durch, sondern beteiligte sich auch an der Organisation von Streiks und dem Aufbau eines Gewerkschaftszweigs für (schein)selbstständige Plattform-Kurier*innen (S. 8). Seine Beobachtungen hat er in Riding for Deliveroo, einem in vielerlei Hinsicht außergewöhnlichen Buch, dokumentiert.

 

Mitfahren und forschen

Bemerkenswert ist zunächst Cants methodische Herangehensweise der „Mituntersuchung“ („workers inquiry“). Diese geht zurück auf den Operaismus, eine Strömung des Marxismus, die in den 1960er-Jahren in Italien aufkam. An ihrem Ursprung stand die Kritik, dass sich sowohl die Kommunistische Partei Italiens als auch die marxistische Theoriebildung zu stark von den Alltagserfahrungen der Arbeiter*innen entfernt hätten. Das Heilmittel der Wahl war gleichsam Forschungsprogramm und Organisierungsstrategie in einem: Partizipative Feldstudien in den norditalienischen Industriebetrieben, bei denen einerseits die Organisation der Arbeit („technische Klassenzusammensetzung“), andererseits die politischen Artikulationsformen vom informellen Bummelstreik bis zur gewerkschaftlichen Organisierung („politische Klassenzusammensetzung“) direkt aus der Perspektive der Betroffenen beforscht wurden – meist im Rahmen eigener Mitarbeit in den Betrieben. Zu diesem wissenschaftlichen Interesse gesellte sich in der Mituntersuchung immer auch ein politisches. Denn die Arbeiter*innen sollten nicht nur beobachtet, sondern auch agitiert und in revolutionäre Organisierungsstrategien eingebunden werden. Unverkennbar unterscheidet sich diese Herangehensweise somit grundlegend von vergleichbaren Strategien der gewerkschaftlichen „Aktionsforschung“ in der deutschen Industriesoziologie, die den Aufbau von Gestaltungskompetenz und die Ausrichtung konsensorientierter Dialogkonferenzen zum Ziel hat. Die Mituntersuchung hingegen charakterisiert sich durch Konfliktorientierung und klare Parteinahme für die Arbeiter*innen – so auch bei Cant.

 

Das Arbeitsregime der Lieferdienste

Die Analogie zeigt sich schon in der Begründung dafür, dass die Wahl überhaupt auf „Deliveroo“ als Forschungsobjekt fiel. Denn so wie die italienischen Operaist*innen in der hochautomatisierten Automobilproduktion der 1970er-Jahre die Zukunft der Industriearbeit erblickten, vermutet auch Cant, dass sich bei dem Lieferdienst ein zukunftsweisendes Produktionsmodell untersuchen lasse. Zwischen 2013 und 2016 war Deliveroo mit 107.117 Prozent das mit Abstand am schnellsten wachsende Unternehmen Europas. Die allgemeine ökonomische Bedeutung des Foodlieferdienstes ist für Cant jedoch eher eine exemplarische: Denn während Deliveroo, wie die meisten anderen Plattformunternehmen auch, kaum Gewinne abwirft und deshalb eine äußerst unsichere Zukunft vor sich hat, wurde das Modell der Plattformökonomie schnell in verschiedenste ökonomische Sektoren übertragen. Insofern nehme Deliveroo eine Vorreiterrolle für einen weiteren Prozess der „Plattformisierung“ ein (S. 11 ff.). Im Kern dieses Transformationsprozesses sieht Cant – auch hier im Anschluss an die operaistische Theorie – ein neues Modell der Arbeitskontrolle.

Anders als die Arbeiter*innen einer Autofabrik klassischen Stils bekommen die Kurier*innen bei Deliveroo und anderen Plattformdiensten kaum je einen menschlichen Vorgesetzten zu Gesicht, denn ihre Arbeit wird über eine App auf ihrem Smartphone gesteuert. Diese algorithmische Arbeitssteuerung verfolgt zwei Rationalisierungsziele: Erstens stellt sie eine Automatisierung kosten- und zeitintensiver Managementarbeit dar; zweitens trägt sie zu einer Verdichtung der Arbeit durch intensivere Überwachung bei. Damit kommt es zu einer starken Informationsasymmetrie zwischen den Datenzentren der Plattform und den Kurier*innen, denen nicht einmal angezeigt wird, wo der nächste Auftrag sie hinführen wird. Cant schlägt deshalb den Begriff der „Blackbox“ vor, um zu kennzeichnen, wie diese algorithmische Arbeitssteuerung aus der Perspektive der Kurier*innen erscheint (S. 58 ff.).

Komplettiert werde dieses schon in der technischen Anlage asymmetrische Kontrollregime jedoch, so Cant, erst durch die juristische Stellung der Kurier*innen als formell selbstständige Auftragnehmer*innen intensiviert. Bezahlt wird nicht pro Arbeitsstunde, sondern pro tatsächlich geleisteter Auslieferung, wodurch die Kurier*innen dazu gezwungen werden, sich selbst zu kontrollieren und ihre Arbeit autonom zu managen. Zusätzlich müssen sie ihre Arbeitsmittel – insbesondere Fahrrad und Smartphone – selbst beschaffen und für deren Wartung aufkommen. Cant zeigt überzeugend, dass damit keineswegs die Produktionsmittel im Besitz der Arbeiter*innen sind, wie immer wieder behauptet wird. Als Teil des konstanten Kapitals nämlich seien diese kein „Ding“, sondern ein soziales Verhältnis, das die Produktion von Mehrwert sicherstelle. Da die Kurier*innen sich diesen Mehrwert freilich nicht aneignen können, schlägt er vor, für Fahrrad und Smartphone den Begriff der Subsistenzmittel zu verwenden, da sie die Voraussetzung für den Verkauf der Arbeitskraft seien (S. 65 ff.). Als Resultat dieser Arbeitsorganisation konstatiert Cant die offenkundig starke Prekarisierung der Kurier*innen.

 

Organisation trotz Dispersion

Herzstück seiner Untersuchung ist indes etwas anderes: Nämlich der Nachweis, dass diese besondere Form der prinzipiell atomisierten Prekarität es den Betroffenen keinesfalls verunmöglicht, sich (gewerkschaftlich) zu organisieren, obwohl der isolierte Arbeitsalltag der Kurier*innen dafür offenkundig wenig Spielraum lässt. Die Kurier*innen begegnen sich jedoch an dem von der App vorgegebenen Zentrum der Lieferzone, zu dem sie sich begeben müssen, wenn sie nicht gerade einen Auftrag ausführen. Dort haben sie die Gelegenheit, Solidaritätsnetzwerke zu knüpfen, die für Streiks und andere Aktionen mobilisiert werden können.

Von besonderer Bedeutung für diese Netzwerke sind Cant zufolge die Communities migrantischer Kurier*innen, schließlich stellen sie neben britischen Studierenden den Großteil der Arbeitskräfte bei Deliveroo. Im Gegensatz zu Letzteren erweist sich der Lohn für ihre Tätigkeit bei den außereuropäischen Lieferant*innen nicht als Nebenerwerb, sondern als ihre Existenzgrundlage. Da der Lohn somit ihre Haupteinkommensquelle ist, sind sie stärker auf die Arbeit angewiesen. Erschwerend kommt hinzu, dass sie in den meisten Fällen nicht von sozialen Sicherungssystemen profitieren können, weshalb sie ein zunehmendes Interesse an besseren Arbeitsbedingungen haben. Gleichzeitig kommt die Exit-Option, von der viele Studierende Gebrauch machen, für sie nicht infrage (S. 88 ff.). Cant bezeichnet diese informellen Netzwerke in Anlehnung an die operaistische Terminologie als „unsichtbare Organisation“ (S. 130 ff.).

Diese informellen Netzwerke werden immer wieder für Streiks und andere Aktionen mobilisiert. Das passiert insbesondere dann regelmäßig, wenn Deliveroo die Bedingungen seiner Plattform ändert, was sehr häufig und meist zum Nachteil der Kurier*innen geschieht. Bereits vor der Veröffentlichung des Buches hat der Autor in einer kleineren Studie gezeigt, dass in Großbritannien die Anzahl der durch Streiks verlorengegangenen Arbeitstage in der Branche der Essensplattformen 40 Prozent über dem nationalen Durchschnitt liegt. Dabei handelt es sich jedoch keineswegs nur um ein britisches Phänomen. In einer kurzen Exkursion nach China legt Cant dar, dass die Arbeitskämpfe beim dortigen Deliveroo-Äquivalent Meituan 2017 für elf Prozent der Streiktage im gesamten chinesischen Dienstleistungssektor verantwortlich waren (S. 130).

Anhand seiner eigenen Erfahrungen schildert der Autor den Ablauf mehrerer Streikwellen, bei denen Hunderte von Kurier*innen ihre Arbeit niederlegten. Interessant ist dabei vor allem die spontane Organisation dieser Aktionen. Die Methode der Mituntersuchung kann diese „unsichtbare Organisation“ in den Blick nehmen, die bei dem üblichen, rein diskursiven Zugang der qualitativen oder quantitativen Befragung meist unter den Tisch fällt. Solche informellen Arbeitskämpfe auch in ihrer politischen Relevanz aufzuzeigen, ist das Kernanliegen der Cantschen Studie.

Dementsprechend, und ganz im Sinne der Methode der Mituntersuchung, ist Riding for Deliveroo schon im Ansatz nicht als streng wissenschaftliche Studie angelegt. Der Text richtet sich explizit nicht nur an Sozialwissenschaftler*innen, sondern auch an Kurier*innen und politische Aktivist*innen gleichermaßen. Daraus ergeben sich sowohl die großen Stärken, aber auch die Schwächen des Buches.

 

Stärken und Grenzen der Cantschen Methode

Dem Text Cants ist die Bemühung deutlich anzumerken, ein nicht nur informatives, sondern auch unterhaltsames Leseerlebnis zu bieten. Der Autor erzählt meist in der ersten Person von seinen persönlichen Erfahrungen bei der Arbeit und der Organisierung. Das ist der ethnografischen Methode durchaus angemessen und sorgt tatsächlich dafür, dass die Leser*innen von den turbulenten Ereignissen der Auseinandersetzungen mitgerissen werden. Allerdings geht die erzählende Struktur des Buches fast notgedrungen zulasten der analytischen Schärfe. Anstelle der chronologischen wäre an manchen Stellen eine heuristische Strukturierung des Materials hilfreich gewesen. Der Stil des persönlichen Erlebnisberichtes führt darüber hinaus teilweise auch weit vom eigentlichen Thema weg, etwa wenn der Autor von seinem Kneipenabend während der Auszählung der Parlamentswahlen berichtet (S. 120). Vor allem aber geht die Zugänglichkeit des Textes teilweise auf Kosten der theoretischen Komplexität. So wird etwa der Kapitalismus in einer äußerst knappen Zusammenfassung als Verhältnis zwischen Arbeiter*innen und „Bossen“ beschrieben. Das ist nicht nur stark verkürzt, sondern lässt auch die Verwaltungsbeschäftigten, völlig außen vor. Diese sogenannten „Dispatcher“ greifen immer dann ein, wenn die algorithmische Arbeitssteuerung versagt. Sie fungieren einerseits als weisungsbefugte Vorgesetzte der Kurier*innen (also „Bosse“), andererseits sind sie selbst meist prekär beschäftigte und schlechtbezahlte Büroarbeiter*innen.

Insgesamt kann die Lektüre aber allen, die sich für eine politische Analyse der Plattformarbeit jenseits der reinen Deskription interessieren, uneingeschränkt empfohlen werden. Während die Arbeiter*innen in den meisten Studien zur „digitalen Arbeit“ als passive Objekte der Digitalisierung erscheinen, wird hier aufgezeigt, dass das Feld von explosiven Konflikten geprägt ist. Die Arbeiter*innen wissen sich durchaus gegen die Zumutungen der digitalen Prekarisierung zu wehren, und zwar auf erkennbar radikalere Weise als in den meisten anderen Branchen. Cants Herangehensweise wird deshalb der politischen Brisanz des Themas wesentlich besser gerecht als die zahllosen Studien, die sich mit der Klage über den „digitalen Taylorismus“ begnügen.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Andreas Häckermann und Stephanie Kappacher.