Kapitalistische Konfusion

Rezension zu "Das kalte Herz. Kapitalismus: die Geschichte einer andauernden Revolution" von Werner Plumpe

Werner Plumpe legt mit seinem Buch „Das kalte Herz“ die Früchte einer jahrzehntelangen Auseinandersetzung mit der Wirtschaftsgeschichte des Kapitalismus vor. Das Buch fasziniert nicht zuletzt deswegen, weil es sich nicht entscheiden kann: Erzählt es die Geschichte einer kapitalistischen Gesellschaft oder diejenige einer kapitalistischen Wirtschaft? Die Frage ist nicht trivial, denn im einen Fall hat man es mit einem Kapitalismus zu tun, der im marxistischen Sinne die Gesellschaft dominiert, im anderen Fall mit dem Phänomen einer kapitalintensiven und marktabhängigen Wirtschaft, neben der nach dem Muster einer funktionalen Differenzierung der Gesellschaft andere Systeme möglich sind, die nicht nach einem kapitalistischen Muster funktionieren. Man erinnert sich, dass es einer der Grundgedanken der soziologischen Klassik bei Durkheim, Weber und Simmel ist, die Marx‘sche Analytik gesellschaftlicher Prozesse aufzunehmen, ohne die Idee einer ökonomischen Determination der Gesellschaft zu teilen. Neben der Warenform der Wirtschaft gibt es Formen der Politik, der Religion, des Rechts, der Erziehung, der Wissenschaft und der Kunst, die weder auf der Idee der Mehrwertproduktion und der Ausbeutung von Arbeit beruhen, noch ihr notwendig zuarbeiten, so wenig dies wechselseitige Leistungsbezüge zwischen der Wirtschaft und anderen Funktionssystemen der Gesellschaft ausschließt.

Plumpes Definition des Kapitalismus als Kombination von kapitalintensiver Produktion, Marktabhängigkeit von Produktion und Konsum sowie der technischen und organisatorischen Ausbeutung skalenökonomischer Effekte stellt eindeutig auf wirtschaftliche Phänomene ab. Andererseits jedoch übernimmt er die Idee der Abhängigkeit des Kapitalismus von seiner institutionellen, das heißt politischen, rechtlichen, wohl auch kulturellen Ausgestaltung („varieties of capitalism“) und bringt damit eine zwar nicht vollständige, aber doch weitgehende Referenz auf die Gesellschaft insgesamt ins Spiel.

Plumpes Position ist dennoch eindeutig. Für ihn geht es um eine kapitalistische Wirtschaft mit erheblichen gesellschaftlichen Voraussetzungen und Konsequenzen. Diese Eindeutigkeit hängt jedoch an seinem wirtschaftshistorischen Ansatz, genauer daran, dass er nur dort von einem Kapitalismus sprechen kann, wo die Quellen eine kapitalintensive Produktion zu belegen vermögen. Nur dort, wo mit hohem Aufwand an Sach- und Geldkapital gewirtschaftet wird, hat man es mit einer kapitalistischen Wirtschaft zu tun. Die Anfänge dessen kann man bereits bei den alten Römern beobachten, von früheren Palastwirtschaften und Bewässerungsökonomien ganz zu schweigen. Kommen seit der frühen Neuzeit bewegliche Märkte hinzu, die skalenökonomische Effekte zu realisieren erlauben, sehen wir uns mit dem Kapitalismus in seiner aktuellen Form konfrontiert.

Der Haken an dieser wirtschaftshistorischen Vorgehensweise ist jedoch, dass man es mit einem eher engen, an greifbaren („tangible“) Daten hängenden Kapitalbegriff zu tun bekommt, der beispielsweise fast vollständig darauf verzichtet, mit temporalen Referenzen zu arbeiten. Eine Definition des Kapitalismus, die dessen Pointe im ungewissen und daher ebenso spekulativen wie unternehmerischen Einsatz von Kapital zugunsten zukünftiger Gewinne (oder auch nur der zukünftigen Bewahrung eines gegenwärtigen Vermögens) sieht, hätte es schwerer, den Kapitalismus für eine ausschließlich wirtschaftliche Veranstaltung zu halten. Denn diese Form der Bewirtschaftung aktueller Gelegenheiten zugunsten ungewisser Zukunftschancen gilt gesellschaftsweit auch für die Religion, das Recht, die Erziehung, die Kunst und die Wissenschaft. Nicht umsonst spricht Pierre Bourdieu[1] (1980, 1983, 1986) etwa von sozialem, kulturellem und symbolischem Kapital, auch wenn er dabei eher eine akkumulierte Vergangenheit als eine ungewisse Zukunft im Blick hat. Und nicht umsonst wird der spekulative Kapitalismus gegenwärtig eher von ungreifbaren Hoffnungen auf künftige Märkte („intangibles“[2]) getrieben – beziehungsweise von der Hoffnung, spekulative Preise vor dem Platzen der Blasen realisieren zu können.[3] Aber auch ohne eine tiefergehende Diskussion des Kapitalbegriffs – und leider auch ohne eine explizite Diskussion der Bindung des Buches an eine wirtschaftshistorische Methodologie, die den Kapitalbegriff entsprechend eingeengt zu verwenden zwingt – bleibt Plumpe unentschieden. So sehr er sich an einer kapitalistischen Marktwirtschaft orientiert, so sehr ist er auch an der auf kapitalistische Problemstellungen bezogenen und den Kapitalismus formierenden Varianz institutioneller Regelungen interessiert, die in Politik und Recht zu finden sind. In einem Schlusskapitel zieht er die beiden Seiten der Medaille schließlich auch begrifflich zusammen, indem er ein Evolutionsmodell des Kapitalismus vorstellt, dessen Referenz die Gesellschaft beziehungsweise, wiederum etwas enger gefasst, die „gesellschaftliche Organisation“ (S. 602) des Kapitalismus selbst ist. Plumpe lehnt sich an Niklas Luhmanns Evolutionsmodell an, in dem unter Verzicht auf Spencers „struggle for life“ und „survival of the fittest“ und entsprechend radikal zukunftsoffen zwischen den evolutionären Mechanismen Variation, Selektion und Restabilisierung unterschieden wird,[4] und postuliert zwischen Wirtschaft, Organisation und Politik ein Modell, das dezentrale Privateigentumsstrukturen als Variationsmechanismus, preisbildende Märkte als Selektionsmechanismus und politische Stabilisierung als Retentionsmechanismus annimmt (S. 613).  

Es bleibt jedoch bei einer ersten Anlehnung. Weder folgt Plumpe Luhmanns Vorschlag, auf der gesellschaftlichen Ebene zwischen Variation durch Negation, Selektion durch Medien und Restabilisierung durch Systeme zu unterscheiden, noch versucht er, im Sinne Luhmanns eine Evolution der Teilsysteme zu untersuchen und danach zu fragen, wie Wirtschaft, Politik und Organisationen evolutionsfähig werden und möglicherweise untereinander in ihren evolutionären Mechanismen aufeinander Bezug nehmen. Es ist nicht auszuschließen, dass Privateigentum, Preise und politische Ordnung eine Art struktureller Kopplung zwischen den drei Teilsystemen (und der Gesellschaft) herbeiführen, aber überprüft wurde es nicht und gegenwärtig ist auch kaum abzusehen, anhand welchen historischen Materials man eine solche Prüfung vornehmen könnte. So kann man einstweilen nur feststellen, dass hier drei Black Boxes koevoluieren, über deren systemspezifische evolutionäre Mechanismen keine Aussagen zu machen sind. Das Unterfangen, den Kapitalismus nicht als ein gesamtgesellschaftliches Phänomen zu sehen, sondern auf eine bestimmte, nämlich kapitalintensive Version von Marktwirtschaft zu beschränken, wird an dieser Stelle nicht weiterverfolgt, sondern mittels einer nicht unmarxistischen Erweiterung durch eine systematische Referenz auf Politik gesprengt.

Lese ich „Das kalte Herz“ zusammen mit „Carl Duisberg 1861–1935: Anatomie eines Industriellen“,[5] kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Plumpe in beiden Büchern dazu neigt, den Unternehmer nicht nur als „dynamischen Faktor“, sondern mit der von ihm zitierten Formel Fritz Redlichs als „dämonische Figur“ zu setzen.[6] Dynamik wie Dämonik sind Verlegenheitsbegriffe, die die bloße Möglichkeit (griech. „dynamis“) beziehungsweise okkulte Kräfte dafür verantwortlich machen, dass bestimmte Entwicklungen so ablaufen, wie sie ablaufen. Liest man die „Anatomie eines Industriellen“ weiter, reduzieren sich die verborgenen Kräfte allerdings auf einen offen zutage tretenden unternehmerischen Opportunismus,[7] der nur allenfalls deswegen „dämonisch“ ist, weil die Referenz des unternehmerischen Handelns in jeder denkbaren Entscheidung und ohne jedes politische Gewissen das Unternehmen und eben nicht die Gesellschaft ist.

Luhmann[8] hat vorgeschlagen, die im Begriff des Kapitalismus (beziehungsweise jeder Art von „politischer Ökonomie“ und jeder Art der Vorstellung eines „kapitalistischen Apparats“) allzu eng zusammengezogenen Referenzen auf Wirtschaft, Organisation und Politik dadurch auseinander zu ziehen, dass man zum einen Systeme unter dem Gesichtspunkt der Unterscheidung von Selbst- und Fremdreferenz analysiert und zum anderen zwischen der Codierung und der Programmierung von Systemen unterscheidet. Ein solches Vorgehen führt dazu, Unternehmen nicht nur als Organisationen zu betrachten, die auf Preisdifferenzen im Markt mit rekursiven Entscheidungen reagieren,[9] sondern als Organisationen, die auf die Codierung der Wirtschaft (Zahlung/Nicht-Zahlung) mit Programmen reagieren, die die Märkte schaffen, an denen sie sich orientieren.[10]

Der blinde Fleck jeder Kapitalismustheorie ist somit in der Tat die Differenz zwischen Evolution der Unternehmen und Evolution der Wirtschaft. Plumpe ist zurecht unentschieden und müsste an einem dritten Buch arbeiten, das die Marktperspektive des Kapitalismusbuches mit der Unternehmerperspektive des Buches über Duisberg zu jener Einsicht zusammenbringt, dass das eine in der Tat nicht aus dem anderen abgeleitet werden kann. Zusammengenommen und ergänzt durch die Evolution der Politik ergibt sich nichts anderes als eine evolutionäre Drift, in der das Verhältnis von Codierung und Programmierung orthogonal bleibt und damit nur im Einzelfall empirisch bestimmbar ist. Die Geschichte des Kapitalismus kann „nur erzählt werden“, schreibt Plumpe (S. 33), ohne darauf zu verzichten, das Modell einer Erklärung des Kapitalismus anzubieten, das äußerst fruchtbar auf nicht mehr beruht als auf der Durchsetzung von Marktabhängigkeit, variierender Angebotselastizität, Skaleneffekten und regional unterschiedlichen institutionellen Rahmenbedingungen (S. 28 f.). Der Kapitalismusbegriff liefert keine Theorie, sondern einen „empty signifier“,[11] der darauf hinweist, dass Marx den Gesellschaftsbegriff analytisch scharf gestellt hat, ohne eine hinreichende Gesellschaftstheorie zu liefern. Es blieben zu viele kommunikative Faktoren unberücksichtigt. Der Kapitalismus ist kein komplettes Gesellschaftssystem, liest man bei Plumpe (S. 639); neben der Ökonomie als „Funktionsbereich der Gesellschaft“, der „für die materielle Reproduktion der Menschen wesentlich ist“, gibt es auch das „gelingende Leben“ der Menschen selbst (S. 640). Die Frage danach, welche anderen Systeme oder Netzwerke der Gesellschaft für dieses Gelingen verantwortlich sind, bleibt anderen Unterdisziplinen der Geschichtsschreibung überlassen.

Plumpe bestimmt den Kapitalismus schon im Untertitel seines Buches als eine „andauernde Revolution“. Diese andauernde Revolution besteht aus dem selbst produzierten Zerfall von Unternehmen, Märkten und politischen Institutionen zugunsten neuer Unternehmen, Märkte und politischer Institutionen, für die dasselbe gilt. Jede Wirtschaftsgeschichte erzählt vom „Prozeß einer schöpferischen Zerstörung“.[12] Dieser Prozess lässt sich auf kein kapitalistisches Interesse zurückrechnen (S. 632) und ist doch keine Naturgewalt.[13]

Legt man einen Kapitalbegriff zugrunde, der die temporale Dimension der gesellschaftlichen Vorsorge für eine ungewisse Zukunft mitberücksichtigt, muss die Kapitalismustheorie als Theorie der Bewirtschaftung der Gesellschaft durch sich selbst verstanden werden (etwa im Sinne von Moore,[14] der allerdings ebenfalls nicht über einen temporalen Kapitalbegriff verfügt; siehe hingegen nach wie vor Knight[15]). Dann darf sie allerdings nicht mehr als Wirtschaftsgeschichte geschrieben werden, womit man sich zwangsläufig die Verengung auf ein selbstreferenzielles Kalkül höchst selektiver Fremdreferenzen einhandelt, sondern dann muss sie in allen Dimensionen entfaltet werden, in denen die aktuelle Gesellschaft ihre eigene Zukunft gefährdet. Plumpes Unentschiedenheit wäre dann nicht nur historisch mehr als berechtigt, sie wäre vielmehr ein Modell. Wenn man auf die Annahme einer Determination der Gesellschaft durch die Wirtschaft verzichtet, kann man umgekehrt die kapitalistische Marktwirtschaft als höchst begrenztes Erfolgsprinzip („eine Ökonomie von und für arme Menschen“ (S. 639)) analysieren und sie als Paradigma für einen erweiterten Gesellschaftsbegriff der Konkurrenz anderer Mechanismen der Vorsorge für eine ungewisse Zukunft aussetzen.

Festzuhalten ist dafür nur eins, nämlich die Determinationslücke zwischen Handeln und Erfolg. Denn ohne diese Lücke gibt es keine Evolution und ohne Evolution keine Anpassung an unausweichliche Überraschungen.

Fußnoten

[1] Pierre Bourdieu, Le capital social: notes provisoires, in: Actes de la Recherche en Sciences Sociales 31 (1980), S. 2–3; Pierre Bourdieu, Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital, in: Reinhart Kreckel (Hg.), Soziale Ungleichheit. Soziale Welt, Sonderband 2, Göttingen 1983, S. 183–199; Pierre Bourdieu, The Forms of Capital, in: John G. Richardson (Hg.), Handbook of Theory of Research for the Sociology of Education, Santa Barbara, CA 1986, S. 241–258.

[2] Jonathan Haskel / Stian Westlake, Capitalism Without Capital. The Rise of the Intangible Economy, Princeton, NJ 2018.

[3] The Economist, The trouble with tech unicorns, 20.4.2019.

[4] Niklas Luhmann, Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt am Main 1997, S. 425 ff., S. 451 ff.; Donald T. Campbell, Variation and Selective Retention in Socio-Cultural Evolution, in: General Systems 14 (1969), S. 69–85.

[5] Werner Plumpe, Carl Duisberg 1861–1935: Anatomie eines Industriellen, München 2016.

[6] Ebd., S. 17 und 21; vgl. Fritz Redlich, Der Unternehmer als „dämonische“ Figur, in: ders., Der Unternehmer: Wirtschafts- und sozialgeschichtliche Studien, Göttingen 1964, S. 45–73.

[7] Plumpe, Carl Duisberg 1861–1935, S. 824 f.

[8] Niklas Luhmann, Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen? Opladen 1986, S. 95 f.; ders., Das Moderne der modernen Gesellschaft, in: ders., Beobachtungen der Moderne, Opladen 1991, S. 87–108, hier S. 90 f.

[9] Werner Plumpe, Unternehmen, in: ders. / Gerold Ambrosius / Dietmar Petzina (Hg.), Moderne Wirtschaftsgeschichte: Eine Einführung für Historiker und Ökonomen, 2., überarb. und erw. Aufl., München 2006, S. 61–94, hier S. 77 f.; ders., Unternehmensgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert, Berlin 2018.

[10] Harrison C. White, Markets From Networks: Socioeconomic Models of Production, Princeton, NJ 2002.

[11] Ernesto Laclau, Why do Empty Signifiers Matter to Politics?, in: Jeffrey Weeks (Hg.), The Lesser Evil and the Greater Good. The Theory and Politics of Social Diversity, London 1994, S. 167–178.

[12] Joseph Alois Schumpeter, Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, 6. Aufl., Tübingen 1987, S. 134 ff.

[13] Siehe hierzu Max Weber, Wirtschaftsgeschichte: Abriß der universalen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Berlin 1923.

[14] Etwa im Sinne von Jason W. Moore, Capitalism in the Web of Life: Ecology and the Accumulation of Capital, London 2015.

[15] Frank H. Knight, Risk, Uncertainty, and Profit, New York 1921.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.