Kein Abschied vom Proletariat

Justin Gest über das politische Schicksal der weißen Arbeiterklasse

Vor einigen Jahrzehnten hat die Neue Linke „Abschied vom Proletariat“ genommen, das heißt Abschied vom Phantasma einer geschichtsphilosophisch überhöhten universellen Klasse.[1] Das führte, im Verbund mit anderen Faktoren, zum weitgehenden Verschwinden des Proletariats aus den intellektuellen und sozialwissenschaftlichen Debatten. Erst in jüngster Zeit hat es sich zurückgemeldet wie ein verschollen geglaubter Verwandter, der plötzlich aus der Ferne eine schwer verständliche, beunruhigende Postkarte schreibt. Es stellt sich heraus, dass große Teile der vergessenen Arbeiterklasse in westlichen Demokratien inzwischen zur Wählerbasis von rechtspopulistischen und rassistischen Politikern und Parteien gehören. Was ist passiert?

Um das herauszufinden, hat der amerikanische Politikwissenschaftler Justin Gest die Anstrengung unternommen, ferne Orte der „weißen“, vorwiegend männlichen Arbeiterklasse aufzusuchen, um aus erster Hand zu erfahren, wie sich das für Außenstehende verstörende politische Verhalten vieler ihrer Mitglieder verstehen lässt. Der provokative Titel The New Minority enthält bereits die zentrale These: Die weiße Arbeiterklasse ist einem vielschichtigen Prozess der „Minorisierung“ (20)[2] unterworfen – einem Prozess, der bisher zu Unrecht nur am Beispiel ethnisch, religiös oder sexuell definierter Gruppen analysiert worden ist. In zwei Siedlungsräumen, die Gest „posttraumatisch“ nennt – der seit 1980 schrumpfenden ehemaligen Stahlarbeiterstadt Youngstown in Ohio und dem Stadtbezirk Barking and Dagenham im Nordosten von London – hat er mit den Mitteln der ethnografischen Feldforschung versucht, sowohl den subjektiven Statusverlust von Angehörigen der zerfallenen traditionellen Arbeitermilieus als auch die politischen Ausdrucksformen dieser Abstiegserfahrung empirisch zu vermessen.

Die diesseits wie jenseits des Atlantiks zu beobachtende Marginalisierung der traditionellen weißen Arbeiterklasse hat drei Aspekte, die Gest sorgfältig aufschlüsselt: den zahlenmäßigen Rückgang durch industriellen Strukturwandel und Zuwanderung; den Auszug der Arbeiterklasse und ihrer Repräsentanten aus Politik und Medien; und die Belegung dieser sozialen Schicht mit öffentlichen Vorurteilen, die sie als moralisch rückständig brandmarken. Diese Tendenzen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten durch systemische Trends, aber auch durch psychologische und politische Entwicklungen verfestigt, die in ihrer Summe auf eine umfassende Entmachtung („disempowerment“) und, aus der Sicht vieler Betroffener, auf eine gesellschaftliche „Diskriminierung“ (16) hinauslaufen, die als umso schlimmer empfunden wird, je weniger sie als solche thematisiert wird.

Aus dem Rohstoff dieser Erfahrungen entwickeln die von Gest interviewten Personen kollektive Souveränitäts- und Überlebensphantasien, die zumeist nationalistisch, einwanderungskritisch und damit erkennbar „rechts“ sind. Die Verwandlung von Erfahrungen in mehr oder weniger konsistente Haltungen und politische Verhaltensweisen geschieht dabei nicht spontan, sondern unter Mitwirkung von organisierten politischen Kräften wie etwa in England der British National Party (BNP), später der militanten English Defence League oder zuletzt mit durchschlagendem Erfolg der United Kingdom Independence Party (UKIP).[3] Alle diese Kräfte haben schon allein dadurch Fuß fassen können, dass sie eine neue, einfache Emotionsnorm etabliert haben: Dem Publikum wurde versichert „that is was acceptable to be angry“ (63). Weder in London noch im Vergleichsfall von Youngstown haben solche politischen Annäherungsversuche allerdings dazu geführt, dass Menschen mit ähnlichen Merkmalen (weiß, proletarisch) und unter ähnlich einschnürenden Lebensbedingungen (Deindustrialisierung, Marginalisierung) in derselben Weise auf die Verhältnisse reagieren, die sie kaum ändern können. Diese Frage, warum die „neue Minderheit“ übergreifend unter ähnlichen Bedingungen leidet, aber gleichwohl sehr unterschiedlich mit ihnen umgeht, bildet die eigentliche Forschungsfrage der Studie.

Gest entwickelt ein heuristisches Vier-Felder-Schema, das zwischen demokratischem und antidemokratischem politischen Verhalten unterscheidet und innerhalb dieser beiden Typen noch einmal zwischen aktiven und passiven Varianten. „Engagement“ ist aktiv prodemokratisch; „Rebellion“ aktiv gegen das demokratische System gerichtet. Dann gibt es noch die politische Passivität derer, die sich nicht engagieren, aber mit dem demokratischen System zufrieden oder einfach zu faul oder zu ignorant sind, um sich politisch zu verhalten. Gest interessiert sich nun besonders für eine vierte Gruppe derjenigen, die das demokratische System ablehnen, ohne sich aber politisch aktiv zu organisieren. Rückzug und Verweigerung werden bei dieser Gruppe zum Kern einer geschlossenen Haltung, die jedoch nicht in Handlungsstrategien mündet, wie wir sie etwa aus der Geschichte des europäischen Faschismus kennen.

Sowohl die systemkonforme Passivität der Indifferenten und Ignoranten als auch die systemfeindliche Passivität der Verweigerer, besonders aber die letztgenannte, beherrschen die beiden Fallstudien des Buches. Die Gründe für beide Verhaltensweisen liegen in der Kombination von wachsender Unzufriedenheit und einer lokalen De-Facto- Alleinherrschaft der Labour Party beziehungsweise der amerikanischen Demokraten, die legitime alternative Kanäle der politischen Willensbildung über Jahrzehnte hinweg ausgetrocknet haben. Hinzu kommt auf der Seite der deklassierten Bevölkerung eine autoritätsfixierte und nostalgische Mentalität, die Gest als „union hangover“ (130) bezeichnet. Darunter versteht er eine habituelle Anhänglichkeit an die ehemals starken Gewerkschaften, die früher Heimat und stets verfügbarer Ansprechpartner waren, während sie heute praktisch verschwunden sind.

Viele der Interviewten reagieren auf die eigene Schwäche als Mitglieder einer deklassierten Schicht mit der Aufwertung ihrer weißen Hautfarbe und symbolischen Ethnizität als dem letzten Merkmal, das sie mit der herrschenden Elite zu verbinden scheint. Diese Bedeutungspraxis funktioniert jedoch in ihrem Fall jedoch viel schlechter als bei Afroamerikanern. Bei den Weißen schafft sie kein robustes klassenübergreifendes Zusammengehörigkeitsgefühl, keinen „sense of groupness“ (142). Die Hautfarbe ist auch innerhalb der abgestiegenen weißen Arbeiterklasse als Distinktionskriterium und Quelle von Selbstachtung umstritten. Es wird deutlich, dass Faktoren wie die Generation und die Zusammensetzung von Nachbarschaften eine wichtige Rolle spielen. Jüngere Leute und Menschen, die seit Langem in ethnisch gemischten Quartieren leben, sind weniger anfällig als andere für moralische Fehldeutungen der farbgebenden Substanzen in den Zellen unserer Außenhaut.

Die klugen, gut nachvollziehbaren Analysen des Buches münden in folgenden Befund. Auf beiden Seiten des Atlantiks empfinden die Befragten den Staat als eine kapriziöse und unbegreifliche Macht. Lebenschancen werden nicht mehr durch harte Arbeit verbessert, sondern erscheinen als Ergebnis einer „Lotterie“ (in den USA) respektive der willkürlichen Begünstigung von nichtweißen Minderheiten und Einwanderern durch die Politik des „Multikulturalismus“ (in Großbritannien) (158, 160). Das demokratische oder antidemokratische, aktive oder passive Verhalten der Angehörigen der weißen Arbeiterklasse hängt letztlich ab von der wahrgenommenen Kluft zwischen der sozialen Position in der Gesellschaft, auf die man gesunken ist und der, die man verdient zu haben glaubt. Je größer diese Kluft ist, desto antidemokratischer und systemfeindlicher ist das politische Verhalten. Wichtig ist dabei, dass sich die Nachgeborenen des ehemals stolzen Proletariats nicht nur mehr politischen Einfluss wünschen, sondern auch die Wiederherstellung eines moralischen Gefühls ihrer „lost centrality“ (174) in der Hierarchie und der Selbstbeschreibung der Nation. Gest ist davon überzeugt, dass solche kollektiven Repräsentationen und die „symbolischen Repertoires“ (149 f.), auf die Subjekte zurückgreifen, um ihre Lage zu verstehen, ernstgenommen werden müssen. Ohne sich direkt mit Marx anzulegen, argumentiert er in diesem Punkt klar anti-marxistisch. Anders als Marx glaubte, kommt es sehr wohl darauf an, „was dieser oder jener Proletarier oder selbst das ganze Proletariat als Ziel sich einstweilen vorstellt“ [Herv. i. Orig., V. H.].[4]

Gests Befund, der sich größtenteils mit Analysen deckt, wie sie  nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten vorgelegt wurden, wirft die Frage nach dem angemessenen Umgang mit der „neuen Minderheit“ auf.[5] Dies aus hiesiger Perspektive umso mehr, als sich auch in den deindustrialisierten Zonen Deutschlands politische Mentalitäten und Mobilisierungsmuster abzeichnen, die denen, die Gest im Londoner East End beobachtet hat, nicht unähnlich sind.[6] Gest möchte den „Abschied vom Proletariat“ in gewisser Weise rückgängig machen und durch eine Art neue Willkommenskultur für die nicht länger mystifizierte Arbeiterklasse in den westlichen Demokratien ersetzen. Ähnlich wie die amerikanische Soziologin Arlie Hochschild in ihrer Studie über die Anhänger der Tea Party in Louisiana plädiert er für mehr „Empathie“ (31, 199) sowohl vonseiten der Sozialforschung als auch der Politik.[7] Anders als Hochschild benennt er freilich deutlich den Rassismus, auf den er während seiner Feldstudien immer wieder gestoßen ist. Gleichwohl haben ihm zufolge Rassismusvorwürfe häufig auch die Funktion einer Stumm-Taste („mute button“, 72 f.), mit der kulturell unterprivilegierte Gesprächspartner zum Schweigen gebracht werden.[8] Diese Ambivalenz erinnert an Kants Lehre von den Liebespflichten und „Umgangstugenden“. Nach Kant sind Empathie und „theilnehmende Empfindung“ mit anderen durchaus geboten. Aber da, wo sich die anderen allzu unmoralisch und skandalös aufführen, darf der Umgang mit ihnen auch „abgebrochen“ werden.[9] Wo genau die rote Linie verläuft – und was daraus politisch folgt –, erfahren wir allerdings weder von Kant noch von Gest.

Diese Schwäche fällt jedoch bei der abschließenden Bewertung des Buches kaum ins Gewicht. Justin Gest hat eine innovative, gut recherchierte sozialwissenschaftliche Studie geschrieben, die analytische Schärfe mit journalistischer Verve verbindet und ein weitgehend neues Untersuchungsfeld aufschließt.