Kein Ende in Sicht

Rezension zu "Stirbt der Kapitalismus? Fünf Szenarien für das 21. Jahrhundert" von Immanuel Wallerstein, Randal Collins, Michael Mann, Georgi Derlugian und Craig Calhoun

Die Zeiten sind manchmal tatsächlich schnelllebig: Wer sich gestern noch abgewogene Gedanken über die Aussichten der Weltwirtschaft gemacht hat, sieht sich heute mit einer globalen Pandemie konfrontiert, bei der völlig unklar ist, wie ihre mittel- und langfristigen ökonomischen Auswirkungen sein werden. Zugleich erheben sich jetzt schon die Stimmen, die – mit einem gelegentlich hoffnungsvollen Unterton – die Frage stellen, ob das Corona-Virus nicht schaffen könnte, was Klassenkampf und soziale Frage, Protestbewegungen und Fridays for Future bislang nicht vermocht haben, nämlich einen grundlegenden Umbau des kapitalistischen Wirtschaftssystems zu erzwingen.

Vor diesem Hintergrund hat das hier zu besprechende Buch fast schon einen historischen Wert: Es ist die zweite Auflage eines 2014 erstmals erschienenen Sammelbandes, in dem sich seit langem etablierte US-amerikanische Soziologen (unter ihnen der jüngst verstorbene Immanuel Wallerstein) Gedanken darüber machen, ob der Kapitalismus stirbt und was, falls es so kommen sollte, danach passiert. Interessant ist, dass diese, nicht zuletzt marxistisch geschulten Denker, die Finanzkrise ab 2008 bestenfalls als ein Symptom längerfristiger struktureller Veränderungsprozesse betrachten. Wie Michael Mann in seinem Essay feststellt, wird eine Krise allein den Kapitalismus nicht zu Fall bringen. Aber wer weiß, möglicherweise tut es eine ganze Kaskade von Krisen – zumal dann, wenn die Krisen beschleunigt auftreten?! Jedenfalls macht es Sinn, sich über die strukturellen Veränderungen der modernen kapitalistischen Weltwirtschaft Gedanken zu machen.

Über die Frage, ob der Kapitalismus stirbt, sind sich die Autoren uneins. Wallerstein vertritt die Meinung, längerfristig stünde sein Ableben ins Haus, weil die bisherigen Rezepte zur Erhaltung und Anpassung des Gesamtsystems – Austerität, Repression, Suche nach schnellem Geld – die globale Krisensituation immer weiter verschlimmerten. Es sei aber keineswegs klar, was danach kommen würde, und ob das neue System besser sei als das alte. Randall Collins sieht das entscheidende Problem im zu schnellen technischen Fortschritt, der sich mittlerweile derart akzeleriere, dass die traditionellen Kompensationsmechanismen versagten. Zudem spalte eine solche Entwicklung der Technologie die Wirtschaft: Neben einem Bereich mit guten Verdiensten und hoher Qualifikation existierten andere, in denen schlecht verdient werde bei niedriger Qualifikation der Beschäftigten. Gerade unter den Angestellten im Niedriglohnsektor sorge die Ausweitung des Bildungssektors paradoxerweise aber für Unzufriedenheit: Viele Leute seien viel zu gut ausgebildet, um an der Kasse eines Fastfood-Restaurants zu arbeiten, würden sich dann langweilen und unzufrieden werden. Craig Calhoun schließlich sieht in der Schwächung politischer Institutionen und in der Umweltzerstörung die Gründe, warum der Kapitalismus langfristig untergehen oder zumindest seine Form sehr stark verändern werde.

Michael Mann und Georgi Derluguian schreiben dem Kapitalismus hingegen eine größere Anpassungs- und Überlebensfähigkeit zu. Letzterer macht am Beispiel der Entwicklung kommunistischer Systeme – insbesondere der Sowjetunion – deutlich, dass die Gründe für deren Scheitern am Ende politisch-demografischer Natur waren: interne Machtkonflikte, zu ausgeweitete Machtbefugnisse der großen Kombinate, Verkrustungen in der planwirtschaftlichen Bürokratie und das Verschwinden der „industriellen Reservearmee“ seit den 1950er-Jahren. Die Liste dieser Komplikationen betrifft kapitalistische Systeme allerdings nur bedingt, sind sie doch deutlich weniger politisch strukturiert. Der Niedergang des Kommunismus bietet deswegen nur wenig Anhalt für den Analogieschluss, den Kapitalismus würde irgendwann dasselbe Schicksal ereilen. Michael Mann wiederum ist der Meinung, gerade die institutionelle Flexibilität und politische Anpassungsfähigkeit sprächen dafür, dass der Kapitalismus nicht ohne Weiteres totzukriegen sei. Als Beispiel führt er die „liberale“ Sozialdemokratie in Großbritannien an, die eine ausgesprochen flexible Anpassung an neue wirtschaftliche Herausforderungen zuwege gebracht habe.

Unweigerlich nimmt man einen Band wie den vorliegenden mit einer gewissen Skepsis zur Hand. Zu oft ist das Ende des Kapitalismus schon vorhergesagt worden! Doch überrascht die Lektüre im besten Sinne: Es geht den Autoren nicht um revolutionäres Pathos, sondern um die Entfaltung einer langfristigen, mit Strukturen befassten Perspektive, die zu identifizieren erlaubt, welche wirtschaftlichen, sozialen und geopolitischen Faktoren für die weitere Entwicklung des Kapitalismus wichtig sind beziehungsweise werden können. Darüber hinaus wird dem Problem der Umweltzerstörung eine besondere Aufmerksamkeit zuteil, was sich nicht immer völlig passgenau in die gewohnten ökonomisch-geopolitischen Interpretationsansätze einfügt. Vor allem aber führt eine Reihe älterer und renommierter Autoren aus der Soziologie vor, welchen Nutzen es hat, sich mit strukturellen Entwicklungstrends makrosoziologisch auseinanderzusetzen. Demgegenüber fällt das Defizit an konkreten Alternativen, wie es die jüngere Kapitalismuskritik charakterisiert, bei der am Ende immer alles auf die kleine Kooperative hinauszulaufen scheint, noch stärker ins Auge.

Insofern ist dem abschließenden Appell der Autoren an die sozialwissenschaftliche Forschung, weniger kleinteilig und konstruktivistisch zu denken, nur zuzustimmen. Systemische Probleme, darin pflichten die Autoren Giovanni Arrighi einhellig bei, verlangen nach systemischen Lösungen. Verschiedene Ansätze vorgeführt zu bekommen, die exemplifizieren, wie derartige Analysen aussehen, macht den Wert dieser wiederveröffentlichten Studien aus.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer.