Kleine Soziologie der Bomberjacke

Rezension zu „MA-1. Mode und Uniform“ von Hans-Christian Dany

Hans-Christian Dany versteht es, Motive aufzugreifen, die „in der Luft liegen“ – eine Formulierung, die er in seinem Buch „MA-1. Mode und Uniform“ (2018) immer wieder verwendet, um auf die flüchtige und zugleich bannende Wirkung von Mode als Radar gesellschaftlicher Stimmungen hinzuweisen. Die Bomberjacke ist nicht nur als Modeobjekt, sondern auch als soziologisches Phänomen ein solches Motiv: Ehemals umkämpft und als Kleidungsstück in seiner möglichen Verwendung zwischen Krieg, Subkultur und Haute Couture oszillierend, scheint sie in den vergangenen Jahren einen erfolgreichen Normalisierungsprozess durchlaufen zu haben. In einer essayistischen Zusammenschau aus historischen Dokumenten und gegenwärtigen Pop- und Modebezügen, die durch autobiografische Passagen leichtfüßig verknüpft werden, legt Dany einen gleichermaßen materialreichen wie anregenden Beitrag zur Entwicklungs- und Erfolgsgeschichte der Bomberjacke vor. Gleichwohl leidet die Darstellung unter der theoretischen Generaldiagnose, wir hätten es mit einer „Kontrollgesellschaft“ zu tun, unter der sich die teilweise so ergiebigen Einzelbeobachtungen bisweilen verschüttet finden.

Weil das Buch in seiner Struktur vollkommen auf eine Kapitelfolge verzichtet, mutet es auf den ersten Blick wie eine Aphorismensammlung an – kleine, etwa dreiseitige Abschnitte mit Titeln wie „Was für eine schöne Jacke“, „Zum Glück komm ich aus Osnabrück“ oder „Du wirst angeschaut“ sind lose und assoziativ miteinander verbunden. Bei allen Exkursen und Abzweigungen wird während der Lektüre jedoch schnell eine klare Choreografie erkennbar: In drei thematischen Hauptblöcken widmet sich Dany erstens der US-amerikanischen Kriegsgeschichte der Bomberjacke, zweitens ihrer subkulturellen Aneignung und Umcodierung sowie schließlich drittens ihrer heutigen Renaissance in High Fashion und Alltagsmode.

Die Geschichte der Bomberjacke beginnt im Krieg. Wie ihr Name verrät, ist sie das historische Kleidungsstück der Bomberpiloten. Die Erfindung des Luftangriffs, so Danys Einsatzpunkt, markiert eine folgenreiche Verschiebung in der Dramaturgie des Krieges, die auf der zunehmenden Entgrenzung zwischen Krieg und Frieden beruht. Denn die aus der Luft kommenden Bombenabwürfe richteten sich zunehmend auf zivile Ziele und standen für einen „Krieg ohne Ende“ (S. 16), da sie den Ausnahmezustand des Krieges verstetigten und normalisierten. Das namensgebende Objekt des Buches – das Bomberjackenmodell MA-1 der Marke Alpha Industries – wurde zu einer der Signaturen dieser ebenso innovativen wie verheerenden Praxis der Kriegsführung. Seit Ende der 1950er-Jahre stattete das noch junge Unternehmen die US Air Force mit der MA-1 aus. Ihrem Vorgänger aus braunem Leder hatte sie eine Reihe ästhetischer und praktischer Eigenschaften voraus: Das neue Nylon war leicht, günstig und relativ temperaturresistent; der salbeigrüne Stoff sah frisch und zeitgemäß aus, gerade in Kombination mit seinem Innenfutter in Indian Orange, das im Falle eines Absturzes als Erkennungsmerkmal dienlich sein konnte. Dezente Bündchen, Klettstreifen und die asymmetrische Seitentasche waren sowohl dekorativ als auch nützlich, erlaubten etwa, eine Atemmaske anzubringen. Der stramme, kantige Schnitt der Vergangenheit wich einer lässigeren und weniger militärischen Silhouette. Durch den Verzicht auf Rangabzeichen ließen sich die ranghöheren Offiziere nicht ohne weiteres identifizieren und waren damit auch weniger angreifbar. Im Übrigen propagierte ein solcher Verzicht ein deutlich weniger hierarchisches Modell der Kriegsführung. Dany charakterisiert die MA-1 folglich als eine „postheroische Uniform“ (S. 25) der Soldaten, die sich von passiven Befehlsempfängern in ebenso eigenverantwortliche wie „teamfähige Arbeitersoldaten“ verwandelten (S. 21).

Und damit nimmt Danys Argumentation erste eigene Konturen an: Er zeichnet eine direkte Linie von der Avantgarde der Bomberpiloten vor dem ersten Weltkrieg über die US Air Force, die, MA-1 tragend, Vietnam mit Bombenteppichen überzieht, hin zum Drohnenkrieg der Gegenwart. Heute, so die Pointe, ist die Bomberjacke ihrer Funktionen entkleidet und zum modischen Accessoire geworden; Angriffe aus der Luft erfolgen nunmehr per Knopfdruck an einem Arbeitsplatz in vollklimatisierten Büroräumen. In Gestalt einer High Fashion-Variante der Marke Comme des Garçons – so eine halbfiktionale Szene, die Dany beschreibt – hängt sie als ungewollt ironischer Kommentar über dem Arbeitsstuhl eines modebegeisterten Slacker-Offiziers in Nevada, der von dort afghanische Rebellen hinrichtet als handle es sich um ein Videospiel. Dany plausibilisiert in seinen Ausführungen, wie sich im Gebrauch der Bomberjacke Kriegs- und Friedenszeiten wechselseitig evozieren: Als Kriegsuniform hatte sie die zivile Anmutung einer College-Jacke; als Alltagskleidung ruft sie ihre militärische Vorvergangenheit wach. Diese Entgrenzungsbewegung schreibt sich bereits in die frühe Geschichte der Jacke massenwirksam ein: Nach dem Erfolg der MA-1 in der US-amerikanischen Armee dauerte es nur zehn Jahre, bis Alpha Industries 1970 das identische Modell – farblich erweitert – auf den zivilen Markt brachte. Doch bevor die ehemalige Bomberpiloten-Uniform tatsächlich im Straßenbild zu finden war, begann eine weitere bedeutsame Phase der Modegeschichte. Hier setzt der zweite Strang des Buches an.

Dany rekonstruiert, dass und wie gerade die vehementesten Gegner des Krieges die Uniformen für sich entdeckten. Es waren vor allem die Subkulturen der 1970er- und 1980er-Jahre, welche die Mode als Kampfplatz der Aneignung, der Umkehrung und des Spiels mit Referenzen nutzten. Verschiedene Variationen der Militärjacke, etwa die hüftlange Feldjacke M-65, wurden als „Zeichen des Feindes“ (S. 41) fortan von den Black Panthers, Friedensdemonstranten, der RAF, langhaarigen Mathelehrern und Tatort-Kommissaren getragen. Hier kommt eine für Dany elementare Wesensart der Mode zum Vorschein: Ihre Fähigkeit zur Verkehrung, Verwirrung, Verzerrung und Übersteigerung, in der sich Zeichenspiel und Politik miteinander verbinden. Denn die gezielte Aneignung zugeschriebener oder feindlicher Symbole mache Mode zu einer „taktische[n] Körpertechnologie, mit der Machtverhältnisse unterbrochen werden“ (S. 49). Gleichzeitig wird an der Popularisierung der Militärjacke der für die Mode konstitutive Rhythmus von Nachahmung und Abweichung sichtbar – er ist bedeutsam für Danys späteres Argument über die Möglichkeit von Kritik. Hat sich eine bestimmte modische Innovation einmal durchgesetzt, verliert sie nicht nur ihre politische Schlagkraft, sondern hört auch auf, überhaupt Mode zu sein.

Die Uniform nimmt in diesem spannungsgeladenen Feld eine ambivalente Rolle ein, die eng an die Frage der Sichtbarkeit gekoppelt ist: Sie markiert ihren Träger einerseits durch „Übercodierung“ (S. 54) und anonymisiert ihn anderseits, indem sie ihn in einer (imaginären) Masse uniformierter Körper verschwinden lässt. Laut Dany befinden sich Mode und Uniform – die beiden titelgebenden Begriffe des Buches – in einem gegenseitigen Ausschlussverhältnis. Das Outfit der Skinheads, in dem die MA-1 neben Dr. Martens-Schuhen, Levi's-Jeans und Button-Down-Hemd ihren symbolisch wohl nachhaltigsten Erfolg feierte, klassifiziert er wegen seines uniformierenden Charakters denn auch als „Anti-Mode“ (S. 107). Mit ihrer „Feier des Standardisierten“ (S. 100) schleudern die Skinheads der englischen Klassengesellschaft ihr eigenes proletarisches Zerrbild entgegen, so Dany. In dieser Lesart geraten aber die inneren, mitunter unscheinbaren Differenzen, die den Modecharakter dieser vermeintlichen Uniformierung ausmachen, aus dem Blick. Dany übersieht, dass Unterschiede in der „Subkulturuniform“ eben nicht eingeebnet, sondern durch geheimcodehafte Erkennungszeichen lesbar gemacht und dadurch hervorgehoben werden; und sie sind wichtiger, je umkämpfter eine Mode ist. Ein Nazi-Skin wird beispielsweise die gleichen Marken auf andere Weise tragen als die antirassistischen Teile der Skinheadbewegung. Das Spiel mit der Uniformierung findet also immer schon innerhalb eines heterogenen Feldes kleiner Differenzen statt – und ist daher kein außermodisches Phänomen, sondern durch und durch Mode.

Das fragliche Ausschließungsverhältnis von Uniform und Mode prägt auch den Zuschnitt des dritten Teils des Buches, der sich mit der gegenwärtigen Renaissance der Bomberjacke beschäftigt. Ausgangspunkt ist die Verwunderung darüber, dass seit einigen Jahren nicht nur Skinheads, Türsteher und Zuhälter die MA-1 tragen, sondern auch Studentinnen, Galeristen, Väter und Models. In dieser Einigkeit macht Dany einen neuen Hang zur Uniformierung des öffentlichen Lebens aus: Während frühere Subkulturen auf Abweichung und offene Rebellion setzten, scheint der Normcore der Geist unserer Zeit zu sein. Unter diesem Begriff rief die New Yorker Trendagentur K-Hole im Jahr 2013 die müde Feier der Durchschnittlichkeit aus: Möglichst langweilige Kleidung sollte vor der anstrengenden Anforderung entlasten, sich ständig neu und zugleich als authentische Persönlichkeit entwerfen zu müssen. Trotz ihrer nahezu dramatischen subkulturellen Aufladung scheint die Bomberjacke zur Normcore-Ausstattung zu gehören – warum dem so ist, bleibt allerdings eine offene und unbeantwortete Frage. Obwohl Normcore kurz nach Veröffentlichung des besagten Artikels weitestgehend als Hirngespinst beziehungsweise Marketing-Coup von K-Hole belächelt wurde, greift Dany das Konzept dankbar auf. Denn es unterfüttert seine Diagnose einer „Kontrollgesellschaft“, die, wie eingangs angedeutet, den übergreifenden, argumentativen Horizont des Buches absteckt. Während in Disziplinargesellschaften noch ein „Diktat der Mode“ herrschte, so Dany, werde im Übergang zu Kontrollgesellschaften „dem Druck der Forderung nach verstärkter Mitbestimmung durch Teilhabe nachgegangen“ (S. 109). Die Kontrollgesellschaft, die Deleuze vor über dreißig Jahren in Weiterentwicklung von Foucaults Analyse der Disziplinargesellschaft ausrief, glaubt nicht (mehr) an die emanzipativen Effekte der Differenz. Wo Unterschiede nur noch der besseren Erfassung der Einzelnen dienen, wo die Kritik der alten Subkulturen längst als Steuerungsmoment vereinnahmt und eingespeist wurde, scheint der einzige Ausweg im Unsichtbarwerden zu liegen. In diesem Sinne erklärt Dany Normcore zur Entzugsstrategie: „Statt die Sensoren der Mustererkennung zu bedienen, wird versucht, sich einen Freiheitsraum zurückzuerobern.“ (S. 115)

Doch wenn Differenz nur noch als immer schon vereinnahmte Größe gedacht werden kann, die letztlich der Stabilisierung der Ordnung dient, würde das in logischer Konsequenz das Ende der Mode bedeuten, die wesentlich vom Moment der Abweichung und des Unberechenbaren lebt. Dany weiß um dieses argumentative Dilemma, das ihm seinen Gegenstand unter den Händen zerrinnen zu lassen droht, wenn er etwas vorsichtiger von der „abwesende[n] Mode“ spricht (S. 168). Entgegen der verbreiteten Annahme einer Beschleunigung modischer Zyklen beobachtet er deren Verlangsamung, welche er mit der nunmehr einige Jahre anhaltenden modischen Präsenz der Bomberjacke begründet. Diese negative Bestimmung der Mode als etwas (kontroll-)gesellschaftlich Verunmöglichtes, Abwesendes, Vergangenes hat fatale Konsequenzen für die Analyse aktueller Modephänomene.

Deutlich wird das unter anderem an der Diskussion der Skater-Marke Supreme, um die in den letzten Jahren ein unübersehbarer Hype entstanden ist. Eine maßlose, ja hysterische Übersteigerung von Konsumposen trifft hier auf das abgelöschte Kokettieren mit Drogen und Depression; Gesten der Überaffirmation knüpfen sich an den Wunsch, in der überweiten Kleidung zu verschwinden; die scheinbare Uniformierung geht einher mit einer archivarischen Kenntnis der Feinheiten und Differenzen der einzelnen Produktlinien, limitierten Editionen und Kollaborationen. Es handelt sich um ein Spiel mit Widersprüchen, das in einen Stilverbund von Kleidung, Posen, Musik, Slang, Tattoos, Social-Media-Auftritten und ähnlichem gestellt wird und sich gerade nicht zur Selbstoptimierung zwingen lässt, sondern seine Beschädigung und die Unfähigkeit zu „ehrlicher“ Lohnarbeit permanent vorführt. Weil Dany Mode in seinen Analysen auf Kleidung beschränkt, muss er die überdrehte Ästhetisierung von Drogen als Hilferuf werten, statt sie selbst als Bestandteil dieser spezifischen Mode anzuerkennen. Mehr noch: Ihr hochgradig ambivalenter Charakter wird in Danys Darstellung unsichtbar. Konkrete Moden erscheinen hier allenfalls als Ausdruck marktförmiger Pseudodifferenzen, die einem „kybernetischen Kapitalismus“ (S. 138) – basierend auf Feedback- und Rückkopplungsschleifen – in die Hände spielen.

Auch wenn er ankündigt, solche Töne vermeiden zu wollen, verfällt der Autor in einen zunehmend kulturkritischen, ja pädagogisierenden Duktus, in dem er die Mode nicht mehr ernst nehmen kann, weil sie ihm zur bloßen Mangelescheinung verkommt, ein „schwarzes Loch ohne Begegnung mit anderen“ (S. 147). Die Materialität, die in den fast zärtlichen Beschreibungen der MA-1 noch so präsent war, interessiert ihn nicht mehr; ihre konkrete Stofflichkeit löst sich in flachen digitalen Bildern, in „Standards“ und „Serienzeichen“ (S. 155) auf.

Doch wo befindet sich die zwischenzeitlich fast vergessene Bomberjacke in dieser Konstellation? Antwort geben die letzten Seiten des Buches, die einen Bogen zum Anfang schlagen und der ohnehin panoptischen Anlage der Argumentation einen paranoiden Unterton hinzufügen: „Die Bomberjacke ist das Kleidungsstück der militarisierten Bevölkerung des Drohnenkrieges, in dem die Grenze zwischen Krieg und Frieden fast völlig verwischt.“ (S. 175) Denn nicht nur der postheroische Pilot trägt die Bomberjacke, wir alle tragen sie. Mehr noch, so Danys verschwörungstheoretisch anmutende These: Ebendiese langlebige Bomberjackenmode ermöglicht eine Perfektionierung der Überwachung. Denn die Verlangsamung modischer Zyklen liefere einem polizeilich-militärischen Überwachungskomplex bessere Orientierungspunkte zur „Beziehungsanalyse zwischen den Netzknoten“ (S. 179 f.). Davon abgesehen, dass damit die vorher ins Spiel gebrachte Taktik des Unsichtbarwerdens kommentarlos in ihr Gegenteil verkehrt wird, bleibt unbeantwortet, wer oder was die immer wieder auftauchenden „kybernetischen Regierungen“ (S. 154) sein sollen. Sie scheinen durchaus strategisch-intentional zu handeln, wenn sie etwa „versuchen das Gefühl zu vermitteln, alle hätten Zugang zu allem, während sich die Muster der Zugänge verschließen“ (ebd.).

Während sich der Autor an seinen theoretisch-diagnostischen Ambitionen bisweilen verhebt, liegt die große Stärke des Buches in den differenzierten Einzelbeschreibungen der lose verbundenen Teile, die die übergreifende These bisweilen mehr anfechten als sie zu stützen – und so selbst in eine produktive Spannung zu ihr treten. Gerade das Nebeneinander des disparaten Materials, das den Gegenstand der Bomberjacke eher umkreist, statt ihn zu fixieren, erweist sich als ergiebige Methode und verbindet sich mit einem ebenso tastenden wie wohltuend klaren Schreibstil. Nicht zuletzt die autobiografischen Passagen sind es, die ein wirksames Gegengewicht zum Großnarrativ bilden, weil ihnen anzumerken ist, dass sich der Autor von der Mode und ihrer Materialität faszinieren lässt.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer und Wibke Liebhart.