Kritische Einblicke in die Altersforschung

Silke van Dyk über ein junges Forschungsfeld mit Zukunft

Alter und Altern sind mit der menschlichen Existenz untrennbar verbunden – wer lebt, der altert und wer altert, der lebt. Alles, was Menschen tun, tun sie vor dem Hintergrund eines Verstreichens von Lebenszeit. Der Philosoph Hans-Georg Gadamer beschrieb das Älter-Werden einmal treffend als ein „Hinschmelzen von Zukunft".[1]

Das kalendarische Lebensalter dürfte neben dem eigenen Namen das im Alltag wohl am häufigsten abgefragte persönliche Merkmal sein. Ihm kommt eine kommunikationsordnende Funktion zu, denn im Grunde führt bereits eine schlichte Zahl zu spezifischen Annahmen über die Lebensgestaltung eines Akteurs. Dessen ungeachtet ist Alter nicht nur die Summe der seit Geburt verstrichenen Jahre und Alterung nicht bloß das Abspulen eines biologischen Programms. Entscheidend ist vielmehr, wie Alter(n) zu einer bestimmten Zeit in einer bestimmten Gesellschaft erfahren und kulturell interpretiert wird.

Soziologische Implikationen des Lebensalters ergeben sich unter anderem aus dessen Geltung als Strukturkategorie, Platzanweiser, Differenzmarker und Stabilisierungselement für soziale Ordnung. Das Alter eröffnet und verschließt gleichermaßen Möglichkeiten der gesellschaftlichen Partizipation. Angesichts aktueller Diskurse rund um den demografischen Wandel, Überalterung und Altersarmut ist die sozialpolitische Brisanz der Thematik kaum zu überschätzen. Insofern ist es rückblickend nachgerade erstaunlich, wie lange die Soziologie des Alters hierzulande ein Schattendasein führte. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, blieben Alter(n) und damit zusammenhängende Aspekte wie Körperlichkeit, Zeitlichkeit oder Endlichkeit Randthemen, die die Soziologie vornehmlich anderen Disziplinen überließ.

Mittlerweile hat sich die Situation verändert und Fragen des Alter(n)s spielen nicht nur in medialen, politischen und alltagsweltlichen Zusammenhängen eine immer größere Rolle, sondern stehen zunehmend auch im Fokus soziologischer Untersuchungen. Ihren Gegenstand als historisch wandelbares Produkt sozial wirksamer Deutungs- und Zuschreibungsprozesse ernst zu nehmen, ist ein Hauptanliegen der Soziologie des Alter(n)s. Einen Beitrag dazu will auch der hier zu besprechende Band liefern, dessen Autorin, die an der Friedrich-Schiller-Universität Jena lehrende Soziologin Silke van Dyk, in der Vergangenheit wiederholt mit Publikationen zum Thema hervorgetreten ist.[2]

Ausgangspunkte des vorliegenden Werkes sind die „weitgehende Alter(n)sabstinenz soziologischer Theorie- und Konzeptbildung“ (7) einerseits und die „Klage über eine mangelnde theoretische Fundierung der Alter(n)sforschung“ (34) im deutschsprachigen Raum andererseits. Vor diesem Hintergrund fragt die Autorin nach dem spezifischen Beitrag, den die Soziologie zur Altersforschung leisten kann. Dabei ist es ihr erklärtes Ziel, „ein wenig Übersichtlichkeit in das ebenso verbreitete wie unscharfe Diktum von der sozialen Hervorbringung des Alter(n)s zu bringen, Leerstellen und Probleme zu erkunden und […] mögliche theoretische Weiterungen des aktuellen Forschungsstandes zu erörtern“ (17).

Zu diesem Zweck bemüht sich Dyk zunächst darum, den Leser_innen ein Verständnis für die Multidimensionalität und Multiperspektivität der Thematik zu vermitteln. Dazu gehört neben dem Hinweis auf notwendige begriffliche Unterscheidungen – etwa zwischen dem biologischen, dem chronologischen, dem sozialen, dem psychischen und dem sichtbaren Alter – auch der Verweis auf das Erfordernis einer näheren historischen Verortung. Angesprochen wird unter anderem die Entstehung der Lebensphase Alter im 20. Jahrhundert und deren Transformation im Sinne einer Ausdehnung, Ausdifferenzierung und Neuverhandlung. In diesem Zusammenhang geht Dyk auch auf zwei wirkmächtige zeitgenössische gesellschaftliche Diskurse ein, die das Thema des Alter(n)s von zwei entgegengesetzten Extremen her erörtern: zum einen das Untergangszenario von der Überalterung der Gesellschaft im Zuge des demografischen Wandels, und zum anderen das (etwa im Zuge politischer Kampagnen immer wieder intonierte) Loblied auf das Alter als Lebensphase der Freiheit, Selbstverwirklichung, Aktivität, Produktivität und Kreativität.

Das darauffolgende Kapitel bietet einen Überblick sowohl zu themenbezogenen empirischen Studien als auch zu bereits vorhandenen theoretischen Konzepten an. Letztere beinhalten zum Beispiel die Disengagement-Theorie, die Aktivitätsthese, den Stigma-Ansatz, das Altersstratifikationskonzept sowie die Political Economy of Ageing und die Postmodern Ageing Studies. Ferner werden thematisch relevante Schriften älterer und jüngerer soziologischer Klassiker (wie zum Beispiel Max Weber, Karl Mannheim, Talcott Parsons, Norbert Elias, Pierre Bourdieu und Niklas Luhmann) auf systematische Anschlussmöglichkeiten hin untersucht. Die Aufarbeitung des nationalen wie internationalen Forschungsstandes folgt einer chronologischen Ordnung und tangiert verschiedene sich mit dem Gegenstand befassende Disziplinen. Statt einer bloßen Aneinanderreihung werden die zahlreichen Ansätze aufeinander bezogen und auch hinsichtlich ihrer jeweiligen Stärken und Defizite diskutiert. Im Zentrum des Interesses der Autorin steht dabei die immer wieder aufgeworfene Frage nach dem Zusammenhang von Materialität, Körperlichkeit, biologischer Disposition und deren kulturellen Rahmungen. Ein Theorieentwurf, der sämtliche Facetten in zufriedenstellender Weise integriert, steht Dyk zufolge allerdings noch aus.

Besondere Aufmerksamkeit erfährt das aus der englischsprachigen Forschung stammende heterogene Feld der Critical Gerontology, deren Vertreter_innen nach Auskunft der Autorin „in Abgrenzung zum theoriefernen, empiristischen, quantitativen und anwendungsorientierten Mainstream“ (79) der Gerontologie stehen. Einen Verdienst der Critical Gerontology sieht Dyk in der Initiierung einer „lebhafte[n], theoretisch inspirierte[n], gerontologische[n] Debatte“ (ebd.). Bei allen Sympathien, die sie für die Critical Gerontology hegt, versäumt es die Autorin jedoch nicht, auch deren Schwächen zu benennen. Neben dem Umstand, dass Intersektionen bislang „theoretisch und methodologisch unterbelichtet“ (66) geblieben seien, verweist sie auch auf den bislang eher geringen Einfluss dieser neuen Richtung, von deren Bemühungen sich der „nach wie vor ausgesprochen dominante“ (79) gerontologische Mainstream noch weitgehend unbeeindruckt zeigt. Zudem befinde sich „die theoretische Entwicklung und Ausdifferenzierung nach wie vor in ihren Anfängen“ (ebd.).

Nach etwas mehr als der Hälfte des Buches richtet die Autorin ihr Augenmerk sodann auf gegenwärtige Kontroversen und Zeitdiagnosen. Behandelt werden unter anderem die Themen Anti-Ageing, Altersdiskriminierung, Stereotypisierung, Altersarmut, subjektive Altersdeutungen und aktives Altern. Und auch in diesem Abschnitt spart Dyk nicht an berechtigter Kritik. In Auseinandersetzung mit dem medial vielbeachteten Problem der drohenden Überalterung der deutschen Gesellschaft konstatiert sie beispielsweise, dass es zu kurz greife, die Geburtenrate eines Landes zum alleinigen Indikator einer positiven oder negativen Bevölkerungsentwicklung zu machen. Schließlich sei die demografische Entwicklung „nur eine Stellgröße unter anderen“ (93) und die Bevölkerungsstruktur ohnehin nichts Natürliches, sondern vielmehr Ergebnis politischer Setzungen, „deren normativer Charakter hinter der Biologisierung eines vermeintlich natürlichen ,Volkskörpers‘ verschwindet“ (90). Auch sei die populäre Behauptung eines intergenerationellen Konfliktes empirisch nicht haltbar; vielmehr nehme die intragenerationelle soziale Ungleichheit zu – und zwar in allen Altersklassen.

Darüber hinaus nimmt die Autorin aber nicht nur zu gesellschaftspolitischen Fragen des Alter(n)s Stellung, sondern macht auch auf einige theoretische und empirische Desiderate aufmerksam. Nachholbedarf sieht Dyk etwa auf dem Gebiet identitätstheoretischer Arbeiten, die Fragen rund um das Alter bislang nur stiefmütterlich behandelten, in der Intersektionalitätsforschung, der sie eine Vernachlässigung der Kategorie Alter und ihrer Verschränkung mit anderen Kategorien attestiert, sowie in der Analyse der komplexen und nicht immer leicht zu identifizierenden Mechanismen, die der Altersdiskriminierung zugrunde liegen.

Im letzten Abschnitt ihres Buches plädiert die Autorin für eine theoretische Neujustierung: Mithilfe poststrukturalistischer Impulse könne es gelingen, die engführende Binarität zwischen Alt und Jung zu überwinden und dem „Gegenstand ,Alter(n)‘ in seiner Komplexität als Differenzmarker und Prozess gerecht zu werden“ (133). Dienlich für eine Dekonstruktion des Alters sei nicht zuletzt der Blick auf andere Lebensphasen. Von besonderer Relevanz sei demzufolge „eine (auch empirische) Forschung, die die vermeintliche Alterslosigkeit und die mit ihr einhergehenden Normen der mittleren Lebensjahre […] zu ihrem Ausgangspunkt macht“ (146).

Nach der Lektüre des Bandes ist die Leistung der Autorin in zweierlei Hinsicht zu würdigen. Zum einen aufgrund ihrer umsichtigen Darstellung des ebenso umfangreichen wie vielseitigen aktuellen Forschungsstandes, die es interessierten Leser_innen ermöglicht, sich rasch einen guten Überblick über den gegenwärtigen state of the art der Alter(n)sforschung zu verschaffen, wobei richtungsweisende Arbeiten nicht nur deskriptiv vorgestellt, sondern auch auf theoretische Leerstellen hin abgeklopft werden. Zum anderen formuliert die Autorin einen eigenständigen (poststrukturalistisch orientierten) Beitrag zum Altersdiskurs, weshalb die Bezeichnung des Buches als „Einführung“ schon beinahe als bescheidene Untertreibung verbucht werden muss. Das Phänomen Alter(n) wird sowohl im Zeichen des historischen Wandels als auch hinsichtlich derzeitiger Problemlagen und wissenschaftlicher Auseinandersetzungen beleuchtet. Der Band könnte durchaus als Warnung vor einer unreflektierten Pauschalisierung und Einladung zu einer kritischen Neubetrachtung der öffentlichen Diskussion gelesen werden. Dass im Unterschied zur Lebensphase Alter andere Aspekte wie zum Beispiel das meist als ,Entwicklung‘ oder ,Reifung‘ verstandene Älter-Werden im Kindheits- und Jugendalter oder andere Lebensabschnitte weitgehend unberücksichtigt bleiben, soll angesichts der Schwerpunktsetzung hier nur am Rande erwähnt werden.

Wie bereits sein Untertitel nahe legt, richtet sich das Buch insbesondere an Studierende und Lehrende der Soziologie. Aufgrund der dem Thema inhärenten Interdisziplinarität ist es jedoch auch für Vertreter_innen anderer Fächer (insbesondere der Gerontologie, der Psychologie und der Erziehungswissenschaften) geeignet. Obschon die klare Gliederung des Bandes und der Verzicht auf ausschweifende Exkurse zu einer gelungenen Leserführung beitragen, ist das schmale Buch keine leichte Kost. Das liegt unter anderem an der für eine 150-seitige Einführung vergleichsweise hohen Informationsdichte und dem (insbesondere im letzten Kapitel) anspruchsvollen Abstraktionsniveau, das ohne theoretische Grundkenntnisse zu einer größeren Herausforderung werden dürfte. Studienanfänger_innen ist das Buch daher nur bedingt zu empfehlen – gegebenenfalls würden sie mit anderen Einführungen besser zurechtkommen.[3]

Fazit: Wer nach einem kompakten Überblick über den gegenwärtigen Stand der Forschung sucht, der auch um kritische Evaluationen nicht verlegen ist und zudem fruchtbare Denkanstöße gibt, der ist mit diesem Band bestens beraten.

Fußnoten

[1] Hans-Georg Gadamer, Im Alter wacht die Kindheit auf. Interview mit Bernhard Borgeest, in: Die Zeit, 26.3.1993, S. 22–23, hier S. 23.

[2] Vgl. u.a. Tina Denninger/Silke van Dyk/Stephan Lessenich/Anna Richter, Leben im Ruhestand. Zur Neuverhandlung des Alters in der Aktivgesellschaft, Bielefeld 2014; Silke van Dyk/Stephan Lessenich (Hg.), Die jungen Alten. Analysen einer neuen Sozialfigur, Frankfurt am Main/New York 2009.

[3] Siehe etwa Frank Thieme, Alter(n) in der alternden Gesellschaft. Eine soziologische Einführung in die Wissenschaft vom Alter(n), Wiesbaden 2008.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.