Kritische Theorie, vierhändig

Nancy Fraser und Rahel Jaeggi versuchen sich an einer Erneuerung der Kapitalismuskritik

Nancy Fraser und Rahel Jaeggi haben intensiv über den Kapitalismus diskutiert und den Inhalt ihrer Gespräche in Buchform dokumentiert. Ausgangspunkt ihrer Betrachtungen ist der Krisenbefund, die Angehörigen westlicher Gesellschaften seien seit der Zwischenkriegszeit nicht mehr in derart hohem Maße der Instabilität und Unvorhersehbarkeit unserer wirtschaftlichen und sozialen Ordnung ausgesetzt gewesen. Daraus resultiert für die beiden Sozialphilosophinnen die Notwendigkeit einer erneuerten Kapitalismuskritik. Sie soll zugleich zwei Fehlentwicklungen der Kritischen Theorie während der letzten Jahrzehnte korrigieren. Einerseits dürfe nicht länger auf eine großangelegte und Totalität ansteuernde Sozialtheorie verzichtet, andererseits müsse der politischen Verkümmerung Kritischer Theorie zum linken Flügel des Liberalismus begegnet werden. Insoweit stimmen beide Autorinnen völlig überein und beide sehen sich auch von ihrem Untersuchungsgegenstand, dem Kapitalismus, immer wieder auf Marx verwiesen, an den sie jedoch in ganz unterschiedlicher Weise anknüpfen. Während Nancy Fraser die strukturellen Gründe vielfältiger Krisentendenzen in einer sozialen Totalität, der kapitalistischen Gesellschaft, verankert, operiert Rahel Jaeggi mit dem offeneren, wiewohl unbestimmteren Begriff der „Lebensform“ (form of life), in der ökonomische Praktiken nur soziale Praktiken neben anderen sind. Wenn ihr Ansatz in der Darstellung insgesamt weniger deutlich wird als derjenige Frasers, liegt das an der leicht asymmetrischen Anlage des Bandes.

Denn die ersten beiden der insgesamt vier Kapitel werden von Nancy Frasers Versuch dominiert, den Marx‘ schen Analyserahmen nicht nur zu erweitern, sondern auch zu flexibilisieren. Dazu schlägt sie den Begriff der „institutionalisierten sozialen Ordnung“ (institutionalized social order) vor, der die zunächst ganz konventionell eingeführten Definitionen fortentwickeln soll. Kapitalismus wird so am Privateigentum an Produktionsmitteln, an freier Lohnarbeit und an der Dynamik der Kapitalakkumulation festgemacht, wobei den Autorinnen die enorme Verbreitung unfreier Arbeit bewusst ist. Ähnlich orthodox wird die Differenz kapitalistischer zu bloßen Marktgesellschaften über die Generierung von Mehrwert bestimmt, ein Konzept, das sie ebenso wenig problematisieren wie andere Altlasten aus dem Marx‘schen Theoriearsenal, das Gesetz einer tendenziell fallenden Profitrate eingeschlossen. Dass den Kräften des Marktes zentrale Lenkungsfunktionen zukommen, kommt den engagierten Kritikerinnen des Kapitalismus „really pervert“ (S. 25) vor. Interessanter ist, wie Fraser – hier nicht zum ersten Mal – die ihr wichtigen Analysekategorien gender und race einführt. Sie tut dies zum einen, indem sie die Möglichkeit kapitalistischer Produktion als an soziale Reproduktion gebunden betrachtet, und zum anderen, indem sie bei ihrer Lektüre des ersten Bandes des Kapital den systematischen Stellenwert der Expropriation gegenüber der Ausbeutung aufwertet. Damit ist dann freilich nicht die Expropriation der Expropriateure gemeint, sondern das, was Marx als Ausplünderung der Neuen Welt unter Einschluss vielfältiger Formen unfreier Arbeit in den Kolonien beschrieben hat. Hieran schließt Fraser ihre grundsätzliche Unterscheidung zwischen Lohnarbeitern als Inhabern staatlich garantierter Rechte und den rechtlosen Untertanen und Abhängigen an, die sie nicht nur im Falle der Sklaverei als „racialized populations“ (S. 41) fasst. Zugleich macht sie an dieser Unterscheidung die Verschränkung der politischen und der ökonomischen Sphäre fest, da die Grenze zwischen Ausbeutung und Expropriation stets politisch festgelegt sei. Ähnlich direkt scheint mir der gleichfalls behauptete ökologische Widerspruch des Kapitalismus nicht abgeleitet zu sein. Entscheidend für die von Fraser wie Jaeggi beabsichtigte Entökonomisierung des Kapitalismusverständnisses aber ist, dass „by revealing its dependence on the non-economic backgrounds of social reproduction, ecology, and public power, we stress the latter`s weight and societal importance, as well as their capacity to impact and indeed to destabilize historical entrenched regimes of accumulation.” (S. 48)

Angesichts eines solchen Analyserahmens, den Rahel Jaeggi immer wieder kritisch auf seinen etwaigen Funktionalismus befragt, ist nachvollziehbar, dass die Frage nach den sich verändernden Grenzziehungen zwischen Warenproduktion und gesellschaftlicher Reproduktion, zwischen privater und öffentlicher Macht, zwischen Mensch und Natur sowie zwischen Ausbeutung und Expropriation auch die im zweiten Kapitel ins Zentrum gerückte Geschichte des Kapitalismus strukturiert. Dieser Historisierungsversuch fällt allerdings enttäuschend aus. Denn der Abriss einer „path-dependent sequence of accumulation regimes that unfolds diachronically in history” (S. 63), wie ihn die beiden Autorinnen vorlegen, gerät recht schablonenhaft: „first, mercantile or commercial capitalism, followed by so-called ,liberal’ (competitive) capitalism, then state-managed (or social-democratic) capitalism, and finally, financialised capitalism.” (64) Nun setzt der Kapitelumfang von etwas mehr als fünfzig Seiten einer elaborierten Darstellung sicherlich Grenzen, aber es ist doch auffällig, dass die im ersten Kapitel systematisch eingeführten Analysekategorien nie in ihrer Verknüpfung sichtbar gemacht, sondern aufeinander folgend abgehandelt werden. Wenn Verknüpfungen oder auch Regimeübergänge thematisiert werden, dann in der Form funktionaler Passungen, wie etwa der „housewifization in its family-wage form (...) as a response to capitalism`s built-in tendency to social-reproductive crisis“ (S. 89). Das Diktum von Marx und Engels – „Wir kennen nur eine einzige Wissenschaft, die Wissenschaft der Geschichte“ (MEW, Bd. 3, 18) – hat die Autorinnen offensichtlich nicht beeindruckt. Dazu ist die Darstellung, gleich ob sie einmal mehr für den liberalen Kapitalismus „separate spheres“ behauptet oder für die Gegenwart „global care chains“ behandelt, zu oberflächlich. Schlimmer noch, sie ist methodisch inkonsistent, wenn sie etwa hinsichtlich der Ökologie ein – in der Sache völlig berechtigtes – Lob und eine entsprechende Paraphrase von William Cronon`s Nature`s Metropolis neben eine vage Allgemeinaussage stellt: „For me, in contrast, capitalism`s ecological boundaries are not only nodes of system crisis but also constellations of meaning and value, which are experienced and disputed as such in interaction.“ (S. 95) Und sie geht gedankenlos über offensichtliche Probleme hinweg: „racialized labor in state-managed capitalism“ (S. 105) wird beispielsweise ausschließlich mit Blick auf Afroamerikaner in den USA diskutiert, obwohl doch erst der Vergleich mit Arbeitsmigranten in andern Weltregionen die Tragfähigkeit der eingeführten Konzepte erweisen könnte.

Aber das sind wohl Nachfragen, die der Flughöhe der Autorinnen nicht gerecht werden. Schließlich geht es ihnen um die Notwendigkeit „to challenge capitalism`s stubborn nexus of expropriation and exploitation, reproduction and production. Both projects require a deeper radicalism – one aimed at structural transformation of the overall social matrix. This means overcoming both of capitalism`s ,exes’ and its production/reproduction divide by abolishing the larger system that generates their symbiosis.” (S. 113) Da scheint es nur konsequent, das dritte und vierte Kapitel sowohl der Kritik als der Herausforderung des Kapitalismus zu widmen. Allerdings stehen die dort ausgebreiteten Überlegungen in einem eher losen Zusammenhang mit den Sondierungen der ersten beiden Kapitel. Dieser Eindruck dürfte sich auch daraus erklären, dass insbesondere in Sachen Kapitalismuskritik Rahel Jaeggi stärker in den Vordergrund tritt, die ihre diesbezüglichen Auffassungen ja bereits früher sowohl in deutscher als auch in englischer Sprache dargelegt hat. Wie in diesen vorhergegangenen Publikationen unterscheidet die Berliner Sozialphilosophin zunächst eine funktionale, eine moralische und eine ethische Kritik des Kapitalismus, die sie in ihrer Kritik des Kapitalismus als Lebensform zusammenführen will. Jaeggis ambitioniertes Projekt fällt in der Umsetzung indessen recht luftig aus: „To criticize capitalism as a form of life means examining it with regard to its ability to solve normatively pre-defined problems, and to enable appropriate processes of learning and experience.” (S. 137) Diese unübersehbare Präferenz für eher wolkige Formulierungen hat einen leicht erkennbaren Grund. Denn wer etwa aus Gründen der Gerechtigkeit nach Umverteilung ruft, macht es sich in den Augen unserer Autorinnen viel zu einfach, da für sie eine solche Forderung nicht unabhängig von der Frage nach den systemischen Ursachen der Ungerechtigkeiten gestellt werden kann. Konkret bevorzugen sie folglich eine Kapitalismuskritik, die sich vor allem durch „Tiefe“ auszeichnet und beispielsweise „a qualitative inadequacy of world- and self-relations“ moniert, „that emerges when labor is exchanged as abstract labor on a free market.“ (S. 125) Eine solche „tiefe“ Kritik abstrahiert allerdings von den in den ersten beiden Kapiteln gelegentlich angesprochenen Problemen des Sexismus, des Rassismus oder der Umweltzerstörung und hätte sich auch einer intensiven Marx-Relektüre abgewinnen lassen.

Am Ende bleibt es Nancy Fraser vorbehalten, eine Brücke zwischen der Kritik des Kapitalismus und seiner im Schlusskapitel behandelten politischen Herausforderung zu bauen. Eine solche kann man jedenfalls in ihrer an Polanyi anknüpfenden Reformulierung sehen, die von einem normativen Dauerkonflikt zwischen „marketization, social protection, emancipation“ (S. 149) ausgeht. Und sie nutzt diese Reformulierung dann, um die Sozialdemokratie als antiemanzipatorische Allianz der Befürworter von Markt und sozialer Sicherheit zu beschreiben, deren Hegemonie im Finanzkapitalismus von einer neuen politischen Koalition abgelöst wird, die Vermarktlichung und Emanzipation gegen soziale Sicherheit ausspielt. Wie weit ein solcher Befund wirklich trägt, sei dahingestellt. Auffallend ist allemal zweierlei: Zum einen, wie konventionell das Politikverständnis gerade Nancy Frasers ist. Ihre Erweiterung des Marx‘ schen Konzepts von Klassenkampf um Grenzziehungskonflikte, die sich nicht mehr auf Klassengegensätze reduzieren lassen, sollte eigentlich ein weites Verständnis politischer Formen erwarten lassen. Weit gefehlt! Feste organisatorische Formen hält Fraser auch weiterhin für unverzichtbar. Und so wenig Leninistische Parteistrukturen Organisation überhaupt obsolet gemacht haben, so wenig hat die Planungserfahrung sozialistischer Staaten Frasers Planungsglauben erschüttert. Also ist auch Planung unverzichtbar, soll in Zukunft freilich in demokratischer Art und Weise vorgenommen werden. Andere Zeichen aus vermeintlich überwundenen Zeiten ließen sich noch anführen, so etwa die Einschätzung, „liberalism and fascism are not really two separate things (...) but two deeply interconnected faces of the capitalist world system“ (S. 219). (Rahel Jaeggis experimentelle Erkundung des Scheler‘schen Ressentiment-Begriffs legt nahe, dass sie derart abstruse Urteile ihrer Kollegin nicht teilt.) Von einer erneuerten Kapitalismuskritik kann spätestens hier wohl nicht mehr die Rede sein. Von daher stellt sich schließlich und zum andern die Frage, warum dieses Projekt gescheitert ist und in der vorliegenden Form vielleicht auch scheitern musste. Zu den vermutlichen und hier nicht vollzählig aufzulistenden Gründen gehört zunächst und vor allem der periphere Status der (vermeintlichen) Peripherie. Als Rosa Luxemburg 1913 „die Rebellion der internationalen Arbeiterklasse“ voraussagte, war das wenig plausibel, allerdings mit einer Analyse weltwirtschaftlicher Beziehungen verbunden. Wenn 105 Jahre später Nancy Fraser vorschlägt – „By wooing both segments, the expropriated as well as the exploited, a progressive populist project could position the working class, understood expansively, as the leading force of an alliance“ (S. 217) –, ohne einen einzigen Blick auf Entwicklungen in China oder Indien geworfen zu haben, dann klingt ihr Vorschlag bestenfalls naiv. Aber die Begrenztheit des Blicks aus einem Elfenbeinturm in Lower Manhattan ist nicht allein eine geografische. Vielmehr legt der Band einige der Probleme offen, an denen eine Kapitalismusanalyse in (sozial-)philosophischer Selbstbescheidung kaum vorbeikommt. In so weitgehender Absehung von historischer Soziologie und politischer Ökonomie, in denen Marx und Engels heute vermutlich Kernbereiche der einzigen Wissenschaft sähen, die sie kannten, wird sich wenig empirisch Belastbares zum Kapitalismus sagen lassen.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer.