Leben und Denken in unruhigen Zeiten

Rezension zu "Hegels Welt" von Jürgen Kaube

Ein sehr gutes Buch zeichnet sich dadurch aus, dass es einerseits inhaltlich überzeugend, andererseits aber auch sprachlich ansprechend ist und – wenn es um wissenschaftliche Gegenstände geht – einen Fachjargon vermeidet, der nur einen kleinen Leser*innenkreis anspricht. Legt man diese Kriterien zugrunde, lässt sich bei „Hegels Welt“ von Jürgen Kaube eindeutig von einem sehr guten Buch sprechen. Kaubes Einführung in Hegels Leben und Denken lädt mit einem geschmackvollen Cover zur Lektüre ein. Darauf abgebildet ist ein Heißluftballon, dessen metaphorische Bedeutung sich den Lesenden in der Einleitung eröffnet. Denn um zu erklären, was Idealismus ist, bedient sich Kaube eines Beispiels aus der Technikgeschichte: Er weist auf die erste Fahrt im Heißluftballon hin, die die Brüder Montgolfier im Jahre 1783 unternommen haben. Es zeuge von Idealismus, sich durch den Auftrieb der erhitzten Luft in die Höhe treiben zu lassen, um die Welt aus purem Interesse von oben zu sehen. Bei Hegel ist die Analogie zur erhitzten Luft das Selbstbewusstsein des Menschen. Dieses kann qua Reflexion eine Perspektive auf sich und die Welt einnehmen, die es ihm ermöglicht, Zusammenhänge zu erkennen. So verstanden, lässt sich im Hinblick auf die Hegel‘sche Philosophie sicherlich von Idealismus sprechen, denn dieser hat nichts mit Weltabgewandtheit zu tun. Im Gegenteil: „Fast möchte man meinen, dass sich erstmals in der Geschichte überhaupt ‘Welt‘ als sinnvoller Begriff für eine Wirklichkeit abzeichnet, die nicht nur von einem überirdischen Beobachter überblickt werden kann, sondern auch für den Menschen erreichbar ist.“ (S. 12)

Dass es 189 Jahre nach Hegels Tod bereits zahlreiche Biografien des Philosophen gibt, ist nicht verwunderlich. Daher muss ein weiteres Buch über Hegel auch neue Perspektiven auf dessen Leben und Denken eröffnen. Um noch einmal auf den Begriff der Welt zurückzukommen: Der rote Faden des Buches ist die Situierung Hegels in der historischen Welt des Übergangs vom 18. zum 19. Jahrhundert. In 22 Kapiteln, deren Überschriften nicht immer explizit auf die jeweilige Lebens- oder Denkphase Hegels hinweisen, sondern zum Teil als kunstvoll gewählte Metaphern neugierig auf den Inhalt machen, führt Kaube durch Hegels Welt.

Konventionell, jedoch nicht anders sinnvoll zu gestalten, orientiert sich die Darstellung an der Chronologie und Topografie des Hegel‘schen Lebens. Kaube versucht sowohl Hegels Philosophie als auch die historischen Umstände, in denen er lebte, zu verstehen. Er lässt die Lesenden an diesem Prozess teilhaben. Das geschieht durch eine gut recherchierte Darstellung und durch Reflexionen, die von einer eigenständigen Aneignung der Hegel‘schen Philosophie zeugen. Dabei wird auch immer wieder auf Sekundärliteratur verwiesen und gängigen Hegel-Interpretationen gefolgt. Als häufiges Stilmittel wählt Kaube die Frage zu Anfang eines neuen Themas. Dieser Stil lässt an der Reflexion des Autors teilhaben und ermöglicht es, einen Einstieg in die Thematik zu finden. Alltagssprachliche, legere Formulierungen unterstützen diesen Ton.

Die Beziehungen Hegels zu einigen seiner Zeitgenossen nehmen in Kaubes Ausführungen eine besondere Rolle ein. Es beginnt mit der Freundschaft zu Hölderlin und Schelling im Tübinger Stift. Spitzfindig anspielend spricht Kaube von der „Gruppe 1788“. Er zeigt die Begeisterung, die die jungen Stiftler für die Französische Revolution aufbrachten sowie deren enthusiastische Einmischung in den Pantheismusstreit. Besonders der Beziehung Hegels zu Schelling, die sich während Hegels Aufenthalt in Bamberg immer mehr entfremdet (S. 185 ff.), spürt Kaube feinsinnig nach und beschreibt die letzte freundschaftliche Begegnung beider Philosophen, die 1829 in Karlsbad stattfand (S. 487 ff.).

Hegels erste philosophische Schritte in Bern und Frankfurt begleitet Kaube, indem er auf Hegels Bezug zur Moralphilosophie Kants und die Vernunftreligion eingeht. Auch dem „Ältesten Systemprogramm des deutschen Idealismus“, das zu den Klassikern der Rezeptionsgeschichte Hegel‘scher Schriften gehört, nimmt sich Kaube auf mehreren Seiten an (S. 117 ff.). Besonders stark ist die Darstellung dort, wo es um die zeit- und geistesgeschichtlichen Umstände geht, in denen Hegel lebte. Das zeigt sich bereits bei der Beschreibung der Jenaer Jahre, die nicht nur für Hegel prägend waren, sondern die durch das Zusammentreffen vieler Geistesgrößen tiefe Spuren hinterlassen haben. Dass die Darstellung von Johann Gottlieb Fichtes akademischer Rolle in Jena sowie seines philosophischen Ansatzes hervorragend ist, sei hier nur kurz erwähnt (S. 129 ff.).

Mit Hegels Denken verbunden ist die Frage nach einem philosophischen System, an dem er unter anderem inspiriert durch Kant arbeitete (S. 154 ff.). Das System soll zwar den Zusammenhang eines Ganzen bilden, dieses Ganze impliziert aber Kritik an Einseitigkeiten und wird durch ein begreifendes Bewusstsein getragen, das zur Negativität fähig ist. Welchen Weg dieses Bewusstsein durchläuft, zeigt die „Phänomenologie des Geistes“, die den ersten Teil des Systems der Wissenschaft bildet (S. 163). Wohingegen die ersten Kapitel der „Phänomenologie“ nur sehr kurz behandelt werden, werden die auch heute noch diskutierte Herr-Knecht-Dialektik und die damit verbundene Frage der Anerkennung einer ausführlichen Betrachtung unterzogen (S. 177 ff.). Dieses Kapitel der „Phänomenologie“ ist häufig sozialphilosophisch ausgelegt worden, ohne dass dabei die logische Herleitung der Begriffe nachvollzogen wurde. Kaube dagegen zeichnet diesen dialektischen Prozess verständlich nach.

Eine Einführung in Hegels Denken muss sich also besonders mit den systematischen Grundlagen dieser Philosophie auseinandersetzen und sich dabei an einer verständlichen Darstellung der „Wissenschaft der Logik“ bewähren. Hegel hat sein halbes Leben an dieser Disziplin gearbeitet. In Berlin las er jedes Wintersemester über Logik. Auch hier wendet sich Kaube selbst denkend diesem Werk zu. Er trifft in das Zentrum der Logik, wenn er sagt, dass der Zusammenhang von Wirklichkeit und Möglichkeit in der Philosophie bereits (von Aristoteles) erkannt wurde. „Aber weder hat sie eine systematische Klärung versucht, die zeigt, wie sich all diese Begriffe auseinanderentwickeln, noch ist sie zuvor mit dem Anspruch aufgetreten, den unendlichen begrifflichen Aufwand nachzuzeichnen, der nötig ist, um etwas Wahres über die Wirklichkeit auszusagen.“ (S. 231) Das logische Denken, das sich als negierende Tätigkeit in Begriffen und kategorialen Bestimmungen vollzieht, zeigt den Zusammenhang von Denken und Sein auf. Exemplarisch widmet sich Kaube einzelnen Kapiteln der Logik. Das Anfangsproblem der Logik wird dabei ausführlich reflektiert (S. 239 ff) und die Reflexionsbestimmungen der Wesenslogik werden erörtert (S. 252 ff). Die Begriffslogik wird zwar keiner eingehenden Betrachtung unterzogen, es handelt sich bei Kaubes Buch aber auch nicht um einen Kommentar zur „Wissenschaft der Logik“. Wichtiger ist, dass Kaube auch hier zum Denken mit Hegel einlädt, indem er seinen eigenen Verstehensprozess transparent und nachvollziehbar macht.

Nachdem Kaube Hegel durch sämtliche Aufenthalts- und Wohnorte sowie den historischen Konflikten gefolgt ist, beschreibt er eingehend das Leben, das Hegel ab 1818 in Berlin führte. Der Ruhm, den ihm seine Vorlesungen einbrachten, (S. 299 ff.) sowie die zeit- und geistesgeschichtliche Situation in Berlin werden dabei anhand vieler Fakten und Beispiele beschrieben. Hegel setzte die Arbeit an seinem enzyklopädischen System fort, indem er Vorlesungen zu den verschiedenen Disziplinen hielt. Dass die Naturphilosophie, der Hegel zahlreiche Vorlesungen gewidmet hat, von Kaube nicht in einem eigenen Kapitel abgehandelt wird, wie es mit anderen Disziplinen (Rechtsphilosophie, Ästhetik, Religion, sogar die Vorlesung über die Gottesbeweise erhält ein eigenes Kapitel, Weltgeschichte) geschieht, soll hier nicht als Lücke beanstandet werden. Kaubes Fokus liegt eher auf den geistesgeschichtlichen Gestalten. An exponierter Stelle wird am Ende des Buches ein naturphilosophisches Motiv relevant: Im 22. Kapitel geht es um Hegels Tod und damit einhergehend um die Krankheit. Die Cholera breitete sich in Berlin epidemisch aus. Kaube liefert nicht nur eine kleine Kunde dieser Krankheit unter Berufung auf den englischen Arzt John Snow (S. 497 ff.), sondern weist auch auf die Bedeutung von Krankheit in der Naturphilosophie hin, wo sie als „Disproportion“ (S. 499), also eine Folge der Verselbständigung etwa einzelner Organe des Körpers, verstanden wird. Dass der Organismus, der sich durch individuelle Selbstbewegung auszeichnet und gattungsbildend ist, von Geburt an krank ist, ist ebenfalls eine Pointe der Hegel‘schen Naturphilosophie, die Kaube herausstellt. Ob Hegel an der Cholera starb, ist bis heute nicht geklärt, da er nicht die typischen Symptome dieser Krankheit aufwies (S. 504).

Neben den einzelnen Werken handelt Kaube auch die bekannten Topoi der Hegel‘schen Philosophie ab. Der berühmte Satz aus der Rechtsphilosophie „Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig“ (S. 319 ff) wird unter Einbezug der preußischen Geschichte genauso erklärt wie die Rede vom Ende der Kunst (S. 368). Die Frage nach der Vernunft in der Geschichte (S. 389ff) und der List der Vernunft werden kritisch diskutiert. Die Vielschichtigkeit der Religionsphilosophie Hegels, die Kritik an Schleiermachers und Jacobis Gefühlsreligion (S. 425) und der Zusammenhang von Vorstellen und Denken werden klug thematisiert.

„Was haben wir gesehen?“, fragt Kaube (S. 506) in seinem Epilog und beantwortet die Frage mit einem Aperçu zu Hegels Persönlichkeit. Kapitel zu Vita, Werk und Zeitgeschichte wechseln sich in dem Buch ab und sind geschickt ineinander verwoben. Wer fachwissenschaftliche Interpretationen zu Hegels Schriften sucht, der wird Anregungen für die weitere Auseinandersetzung finden. Wer die Einladung eines Hegelkenners und -liebhabers zur Fahrt durch Hegels Welt annimmt, der wird in eine interessante Zeit eingeführt und lernt einen der aufregendsten Denker der Philosophiegeschichte kennen. Kaubes Darstellungen der Hegel‘schen Philosophie sind auf Basis der Werkausgabe, die 1969 im Suhrkamp-Verlag erschienen ist, entstanden. Dass für eine wissenschaftlich verlässliche Textanalyse die Gesammelten Werke Hegels innerhalb der Akademieausgabe rezipiert werden müssen, steht außer Frage. Zu rechtfertigen ist der Gebrauch der Werkausgabe nur aus persönlichen Gründen. Denn schließlich handelt es sich bei der Suhrkamp-Ausgabe um das Abiturgeschenk, das Jürgen Kaube von seinen Eltern erhalten hat (S. 590). Kaube erweist Hegel zu seinem 250. Geburtstag einen Dienst, vielleicht macht er ihm auch ein Geschenk, indem er seinem Werk und seinem Wirken mit dem gebotenen Respekt, der nötigen Kritik und dem Bemühen um eine verständliche Darstellung seiner Philosophie begegnet.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.