Luhmann für Einsteiger

Julian Müller und Ansgar Lorenz erklären die Grundlagen der Luhmannschen Systemtheorie

Es ist durchaus keine leichte Aufgabe, Niklas Luhmanns Sozial- und Gesellschaftstheorie in die soziologische Theorieausbildung zu integrieren und dabei nicht nur privat vorinformierte Hochschüler*innen, sondern breitere Studierendenschichten anzusprechen. Das beginnt damit, dass sich zahlreiche Mythen um Luhmanns Werk ranken und endet nicht mit dem der Lektüre vorauseilenden Ruf notorischer Kompliziertheit: Im Vergleich zu soziologischen Theorieangeboten, die trügerisch nah an der Alltagssprache gebaut sind, müssen sich (nicht nur) Studienanfänger*innen mit einem theoretischen Vokabular herumschlagen, das einiges an Einarbeitungsaufwand erfordert und eine gewisse Frustrationstoleranz voraussetzt. Liest man Luhmann, dann muss man sich der manchmal unangenehmen Einsicht stellen, dass nicht immer alles sofort verständlich ist – und vielleicht auch nicht sofort verstanden werden muss. Dass der Wunsch aufkommt, Luhmann leicht zu machen, ist vor diesem Hintergrund verständlich. Häufig scheitern entsprechende Versuche aber an der Komplexität der Theorie und führen, während sie sich auf dem „Wege vom Unverständlichen zum Verständlichen“ wähnen, auf einen „Abweg[..] [...] ins Mißverständliche“.[1]

Dem kann man begegnen, indem man zu den publizierten Vorlesungen greift, die Luhmann selbst zur Einführung in die Systemtheorie und in die Theorie der Gesellschaft gehalten hat. Eine andere Möglichkeit besteht darin, mit Peter Fuchs’ Vorlesungen zu den „seltsamen Problemen der Weltgesellschaft“ -beziehungsweise zu „Liebe, Sex und solche[n] Sachen“ zu arbeiten, da sie neben den spezifischen Themen, die sie verhandeln, immer auch einen Einblick in die Grundideen der Luhmannschen Theorie geben.[2] Oder man konfrontiert die Studierenden doch mit ausgewählten Primärtexten und ergänzt sie um einschlägige Passagen aus dem von Julian Müller und Ansgar Lorenz veröffentlichten Band zu Niklas Luhmann aus der Reihe „Philosophie für Einsteiger“.

Das Buch ist mit nur 86 Seiten, die durch zahlreiche Illustrationen aufgelockert werden, knapp gehalten. Dennoch erfüllt es alle Erwartungen an eine Einführung: Es enthält Informationen zu Luhmanns Biographie, zur Entwicklung seines Werkes und zu zentralen Elementen seiner Theoriearchitektur und -entwicklung. In gesondert abgehobenen Kästen werden immer wieder Bezüge zu Luhmanns theoretischen Quellen (unter anderem Husserl, Maturana/Varela, Goffman), aber auch zu alternativen Theorieprojekten (unter anderem Habermas, Foucault, Latour) hergestellt. So wird die Systemtheorie als ein interdisziplinäres Projekt vorgestellt, mit dessen Hilfe Luhmann gesellschaftliche Wirklichkeit beschreiben will. Die Kommunikationstheorie wird als Alternative zur Handlungstheorie eingeführt und die Gesellschaftstheorie über die Medien- und die Differenzierungstheorie erläutert.

An einem zentralen Kritikpunkt an der Luhmannschen Differenzierungstheorie möchte ich verdeutlichen, dass die Lektüre des vorliegenden Buches nicht nur für Anfänger*innen, sondern vielleicht auch für etablierte Autor*innen des Theoriediskurses Informationswert haben kann. Gegen die Theorie unterschiedlich codierter gesellschaftlicher Funktionssysteme hat zum Beispiel Karin Knorr Cetina angeführt, dass die soziale Wirklichkeit durchaus unordentlicher ist, als unterstellt. Der „Annahme einer internen Homogenität und Autonomie von Subsystemen im Hinblick auf die ihnen unterstellten Semantiken und Codierungenstellt sie am Beispiel des Wissenschaftssystems die „Komplexität“ und „Heterogenität“ moderner Institutionen entgegen.[3] Ganz ähnlich kontrastiert Andreas Reckwitz die „Logik der Separierung, der Trennung von gegeneinander abgrenzbaren Sphären“, die er der Systemtheorie zuschreibt, mit der kulturtheoretischen „Logik der Grenzüberschreitung“.[4]

Gegen solche Interpretationen der Theorie funktionaler Differenzierung heben Müller und Lorenz (S. 45) hervor, dass „Luhmann [...] den Prozess funktionaler Differenzierung sehr viel kleinteiliger, praktischer und empirischer [denkt], als es auf den ersten Blick scheint.“ Zum Beispiel so: „Wenn man in ein Museum geht und an der Kasse ein Ticket zahlt, dann ist das eine durch das symbolisch generalisierte Medium Geld ermöglichte Form von wirtschaftlicher Kommunikation. Unterschreibt man vor dem Eintritt ein Formular, dass man über 18 ist und die Ausstellung auf eigene Gefahr besucht, dann ist das eine Form rechtlicher Kommunikation. Steht man dann staunend vor einem der Exponate, dann ist das eine Form der Kunstkommunikation. In nur wenigen Minuten war man also ohne es zu merken Teil von Wirtschaft, Recht und Kunst.“ Auch wenn man sich über die Formulierung im Detail vielleicht streiten könnte (zum Beispiel darüber, ob man mit Luhmann jemals „Teil“ eines Systems ist), wird hier doch die Grundintention der Differenzierungstheorie deutlich veranschaulicht: Die Leute unterscheiden gesellschaftliche Teilbereiche und können mit diesen Unterscheidungen umgehen – und die Systemtheorie weiß das und sieht ihnen dabei zu, wie sie durch eine komplexe Gesellschaft navigieren.

Natürlich gibt es in dem Band auch Passagen, die eher kritisch zu beurteilen sind. Eine differenziertere Argumentation hätte man sich zum Beispiel in der Diskussion der Luhmannschen Sozialtheorie gewünscht. Dort lassen sich die Autoren zu dem Satz hinreißen: „Soziale Systeme bestehen aus Kommunikationen und aus nichts anderem sonst.“ (S. 28) Diese Formulierung folgt dem auch bei Luhmann selbst auffindbaren und wohl theoriepolitisch motivierten Distinktionszwang gegenüber der traditionellen „alteuropäischen“ Soziologie. Die Feinheit der eigentlichen Argumentation in Soziale Systeme geht in ihm leider unter. Dort weist Luhmann nämlich deutlich darauf hin, dass soziale Systeme „aus Kommunikationen und aus deren Zurechnung als Handlung“ bestehen.[5] Diese recht interessante und häufig unterschätzte Formulierung Luhmanns hätte eine angemessene Würdigung verdient.

Diese Anmerkung schmälert aber nicht den durchweg positiven Eindruck, den der Band bei der Lektüre hinterlässt. Und das nicht nur beim Rezensenten, sondern auch bei seinen Studierenden: Eingesetzt in ausgewählten Sitzungen eines Einführungsseminars zur Gesellschaftstheorie Luhmanns hat er durchaus zu einer Strukturierung der Diskussionen beigetragen. Und auch wenn man aus systemtheoretischer Perspektive wohl etwas vorsichtig mit der Zurechnung von Kausalität wäre: Die Studierenden haben zumindest insofern kommunikativ an den Einsatz des Buches angeschlossen, als sie sich mehr in ähnlicher Weise begleitete Sitzungen wünschten. Der Band kann also, anders als der Name der Schriftenreihe vermuten lässt, nicht nur Philosoph*innen für den Einstieg in die Systemtheorie empfohlen werden, sondern auch Soziologinnen und Soziologen, die sich auf den Weg zum Verständnis der Theorie Luhmanns machen, ans Herz gelegt werden.

Fußnoten

[1] Niklas Luhmann, Unverständliche Wissenschaft. Probleme einer theorieeigenen Sprache, in: Niklas Luhmann, Soziologische Aufklärung Bd. 3, 4. Aufl. Wiesbaden 2005 (1. Aufl. 1981), S. 193–201.

[2] Niklas Luhmann, Einführung in die Systemtheorie, 2. Aufl., Heidelberg 2004; Niklas Luhmann, Einführung in die Theorie der Gesellschaft, Heidelberg 2005; Peter Fuchs, Die seltsamen Probleme der Weltgesellschaft. Eine Neubrandenburger Vorlesung, Opladen 1997; Peter Fuchs, Liebe, Sex und solche Sachen. Zur Konstruktion moderner Intimsysteme, Konstanz 1999.

[3] Karin Knorr Cetina, Zur Unterkomplexität der Differenzierungstheorie, in: Zeitschrift für Soziologie 21 (1992), S. 406–419, hier S. 413 und S. 417, Hervorhebung im Original.

[4] Andreas Reckwitz, Die Logik der Grenzerhaltung und die Logik der Grenzüberschreitungen. Niklas Luhmann und die Kulturtheorien, in: Günter Burkart / Gunter Runkel (Hrsg.), Luhmann und die Kulturtheorie, Frankfurt am Main 2004, S. 213–240, hier S. 218 f.

[5] Niklas Luhmann, Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, 7. Aufl., Frankfurt am Main 1999 (1. Aufl. 1984), S. 240.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.