MacKinnon Reloaded

Rezension zu "What is Rape?" von Hilkje Charlotte Hänel

Was ist Vergewaltigung? Wählt eine Autorin einen derart direkten und schnörkellosen Titel, kann man das entweder – eingedenk der immensen Zahl an Studien zu diesem Thema – als Provokation verstehen oder aber als produktiven Reduktionismus im besten Sinne. Hilkje Charlotte Hänel (die der geneigten Leserin auch als Autorin der Berlin-Krimis mit Ermittlerin Alex Gode bekannt sein mag) hatte beim Verfassen ihrer so betitelten Monografie wohl beides im Sinn. Sie will sowohl die immer noch und trotz intensiver Forschung ungeklärten Fragen anmahnen, als sich auch auf das Eigentliche und das Zentrale am Phänomen der Vergewaltigung rückbesinnen, das die Forschung ihrer Ansicht nach aus dem Blick verloren hat. Als Sozialphilosophin Berliner Schule sieht Hänel den Kern sexueller Gewalt in den gesellschaftlichen Verhältnissen verortet, die sie hervorbringen: „[…] Rape is a social practice and, as such, [it] is part of a sexist ideological framework. The wrong of rape is thus not only an individual wrong but lies in the fact that rape as a social practice helps to sustain and reproduce social and structural injustice.“ (S. 249) Ziel der Hänel‘schen Studie ist es erstens, eine Sozialtheorie der Vergewaltigung vorzulegen, die jenseits einer dichten Phänomenbeschreibung diejenigen gesellschaftlichen Strukturen fokussiert, die Vergewaltigung hervorbringen. Zweitens will Hänel nicht weniger, als mit einer neuen Definition des Vergewaltigungsbegriffs gegen jene strukturelle Ungerechtigkeit angehen. Die Autorin verfolgt ganz klar emanzipatorische Ziele. Das erinnert nicht von ungefähr an bestimmte Denkerinnen des Zweite-Welle-Feminismus, die Hänels Aktualisierungsbestreben offensichtlich als Patinnen zur Seite stehen. Auf Seiten der Leserinnenschaft wünscht man sich zuweilen, dass die schon in den 1980er-Jahren gegen die Positionen Catharine MacKinnons[1] und anderer erhobenen Einwände, ernster genommen würden.

Ausgangspunkt der Hänel‘schen Argumentation ist eine Kritik der alltagsweltlichen Verwendung des Begriffs Vergewaltigung (Kapitel 1). Die Definition von Vergewaltigung sei durchaus umstritten und es gebe diverse unterschiedliche Konzepte, die miteinander um Gültigkeit konkurrierten – insbesondere in Bezug auf die Frage, ob es physischer Zwang oder fehlender Konsens sei, der sexuelle Gewalt von Sexualität unterscheide. Trotz dieser Umstrittenheit gebe es ein informelles, aber dominantes Alltagsverständnis von Vergewaltigung – andere würden hier wohl Narrativ sagen – nämlich das einer aggravated stranger rape, also der überfallartigen Vergewaltigung durch einen Fremden unter Androhung oder Anwendung körperlicher Gewalt. Andere Formen von Vergewaltigung, etwa zwischen Intimpartnerinnen oder diejenige eines unter Alkoholeinfluss stehenden Opfers, würden als solche nicht erkannt, weil Mythen über die Realität von Vergewaltigung die Wahrnehmung verzerrten. Dieses „distorted dominant working understanding“ (S. 12) bringe Ungerechtigkeit hervor – mindestens gegenüber Opfern, deren Erfahrungen sich nicht mit dem dominanten Vergewaltigungsnarrativ decken. Aus diesem Grund hält Hänel es für geboten, eine neue Theorie der Vergewaltigung zu schreiben. Diese müsse erstens in der Lage sein, ihren Gegenstand realistisch und in seiner ganzen Bandbreite abzubilden, zweitens müsse sie erklären, warum es zu so einem eklatanten Unterschied zwischen Alltagsvorstellung und Realität von Vergewaltigung kommt und schließlich drittens solle sie einen emanzipatorischen Anspruch erfüllen, also die diagnostizierte Ungerechtigkeit bekämpfen. Hänel schlägt zu diesem Zweck die zweistufige, im Wesentlichen durch Sally Haslanger[2] inspirierte Methode der „emanzipatorischen Amelioration“ vor (Kapitel 3). In einem ersten Schritt analysiert sie Vergewaltigung als akzeptierte soziale Praxis einer durch sexistische Ideologie geprägten Gesellschaft (Kapitel 4), um dann ein normatives Clusterkonzept von Vergewaltigung zu entwerfen, das den genannten Ansprüchen gerecht wird (Kapitel 5). Dass es sich bei Vergewaltigung tatsächlich um eine akzeptierte soziale Praxis handelt, versucht Hänel an disparaten Beispielen vor allem aus dem nordamerikanischen Raum nachzuweisen, darunter weithin skandalisierte Fälle wie der Steubenville Rape Case[3] oder People v. Brock Turner[4]. Als akzeptiert versteht Hänel sexuelle Gewalt deshalb, weil sie zwar gemeinhin als verwerflich gelte, gleichzeitig aber oft nur sehr milde bestraft und kaum institutionell verfolgt werde. Mindestens ebenso oft aber werde sie erst gar nicht als Vergewaltigung erkannt, sondern in „normale“, gewaltfreie Sexualität umgedeutet. Die Autorin sieht derlei Beobachtungen in einer alles durchdringenden sexistischen Ideologie begründet, einer „social structure, consituted by ritualized social practices, […] that organizes us in relations of domination and subordination“ (S. 155). Vergewaltigungsmythen bezögen ihre Überzeugungskraft also aus einer sexistischen sozialen Ordnung, die Männer hierarchisch über Frauen positioniere. Das Erbe MacKinnons zeigt sich spätestens dann in voller Pracht, wenn Hänel nicht nur Männern und Tätern, sondern auch Frauen und Opfern ein “falsches Bewusstsein” attestiert: „Growing up in a system that taught her that women are submissive (and that they sexually enjoy being submissive!) enables the victim to consent to an act that is clearly not in her best interest but is, instead, a false interest.“ (S. 162) Täter und Opfer, so der Kern dieses Gedankens, realisierten oft genug nicht, dass das, was sie tun oder mit ihnen getan wird, Vergewaltigung sei. Mit dieser Erkenntnis im Gepäck richtet Hänel ihre Theorie an jenen Graubereichen und Uneindeutigkeiten aus, die irgendwo zwischen brutalem stranger rape und unproblematischer Sexualität zu verorten sind und die es – in emanzipatorischer Absicht – aufzudecken gilt.

Vor diesem Hintergrund schlägt die Autorin ein Clusterkonzept für Vergewaltigungen vor, weil jede andere mit notwendigen Bedingungen operierende Herangehensweise ebenfalls das Potenzial habe, falsche Vorstellungen zu evozieren. Das normative Clusterkonzept Hänels enthält eine Reihe von Eigenschaften und Merkmalen, die Bestandteil jeder Vergewaltigung seien, aber in unterschiedlichem Maße realisiert würden, wie etwa Konsens (der von ausdrücklicher Ablehnung bis hin zu enthusiastischer Zustimmung reichen kann) oder Körperlichkeit („full brutality – no violence“ und „sexual penetration – abscence of physical touch“, S. 190). Die Autorin beschreibt ihr Cluster mit der Metapher eines Baumes: Je mehr Eigenschaften und Merkmale erfüllt sind und je stärker sie umgesetzt werden, desto näher befindet man sich am Stamm des Baumes und umso eindeutiger kann eine gegebene Interaktion als Vergewaltigung klassifiziert werden. Je weiter man sich in die Verzweigungen der Baumkrone begibt, desto wahrscheinlicher handelt es sich um ein benachbartes Phänomen, beispielsweise unproblematischen Sex. Abschließend stellt Hänel einige Überlegungen dazu an, wie mit der Frage nach der Verantwortung umzugehen sei, wenn man akzeptiert, dass eine von allen getragene sexistische Ideologie Vergewaltigungen hervorbringt und von Vergewaltigungsmythen beeinflusste Täter ihr Handeln selbst gar nicht als Vergewaltigung erkennen (Kapitel 6).

Das normative Cluster erlaubt es Hänel, ein Konzept von Vergewaltigung zu formulieren, welches das reale Vorkommen sexueller Gewalt abbildet und dennoch dynamisch genug ist, um nicht eigenen sexistischen Narrativen anheimzufallen. Dieser flexible Zugang ist die große Stärke ihres Ansatzes, weil er ihr erlaubt, ein so komplexes Thema wie sexuelle Gewalt und Geschlecht verhältnismäßig exakt zu bestimmen. Insbesondere die Eigenschaften des Clusterkonzepts zeugen von einer klugen Auseinandersetzung mit dem Problem und verweisen auf die Vielschichtigkeit des Phänomens, so etwa die einleuchtende Unterscheidung zwischen „consent“ und „capacity to consent“, die in vielen Diskussionen um sexuelle Gewalt so nicht gesehen wird.

Während das Clusterkonzept selbst ohne Zweifel eine heuristisch sinnvolle Perspektive auf das komplexe Feld sexueller Gewalt darstellt, wirft Hänels theoretischer Unterbau gewisse Fragen auf. Das betrifft zum einen die Auswahl des empirischen Materials und dessen Historisierung. Die Autorin selbst äußert sich nicht zur Auswahl ihres Materials; bei der Lektüre aber stellen sich gewisse Zweifel dahingehend ein, ob das ausgewertete Material eine derart weitreichende Gesellschaftsdiagnose, wie Hänel sie anstrebt, wirklich begründen kann. Es irritiert, dass eine Arbeit, die sich ausdrücklich die Beförderung sozialen Wandels zum Ziel setzt, gegenüber der Wandelbarkeit ihres eigenen Gegenstands so wenig sensibel ist. Liest man Hänel, könnte man den Eindruck gewinnen, Vergewaltigung und Vergewaltigungsdiskurs seien statische Phänomene, an denen sich in den letzten 50 Jahren nicht viel geändert habe. Auch wenn die von der Autorin rezipierten Vergewaltigungsmythen ohne Zweifel auch heute noch wirkmächtig sind, scheint die Behauptung von einer verzerrten gesellschaftlichen Wahrnehmung, die neben stranger rape nichts als Vergewaltigung anerkennt, gut ein Jahr nach #MeToo doch arg holzschnittartig geraten. Hier hätte man sich als Leserin auch deshalb eine nuanciertere Analyse gewünscht, weil nicht wenige von Hänels empirischen Beispielen überhaupt nur deshalb bekannt geworden sind, weil sie von einer breiten Öffentlichkeit als Rape Culture skandalisiert wurden und damit gewissermaßen die Antithese zu Hänels Position bilden. Der Grund für diesen etwas unflexiblen Umgang mit ihrem eigenen Gegenstand liegt wohl darin, dass Hänel sich ohne Not auf einen Begriff des „distorted dominant working understanding“ von Vergewaltigung festlegt. Dieses Alltagsverständnis von Vergewaltigung – nur stranger rape ist Vergewaltigung – fungiert als Beweis der von Hänel diagnostizierten alles durchdringenden sexistischen Ideologie und muss deshalb selbst allgegenwärtig und valide sein. Damit gerinnen die vielfältigen Vergewaltigungsmythen, die eigentlich in verschiedenen Fallbeispielen und Kommunikationszusammenhängen unterschiedlich wirksam werden, zu einer starren Erzählung. Es bleibt jedoch leider unklar, welchen heuristischen Gewinn diese Einhegung im Vergleich zu wohlbekannten, weitaus flexibleren Konzepten von Vergewaltigungsmythen[5] verspricht.

Etwas aus der Zeit gefallen wirkt auch die starke Rückbesinnung auf MacKinnon. Obgleich Hänel ausdrücklich betont, einen nicht-paternalistischen Ansatz zu verfolgen, wird sie sich exakt diesen Vorwurf wohl gefallen lassen müssen, wenn sie ihren Akteurinnen unterstellt, gegen deren Eigeninteresse in falschem Bewusstsein Dinge zu tun (und sie das Ergebnis dann Vergewaltigung nennt). Wer so weit geht, müsste eigentlich die Frage anschließen, ob es innerhalb einer sexistischen sozialen Struktur überhaupt unproblematischen Sex geben kann – eine Frage, die MacKinnon bekanntlich mit „Nein“ beantwortet hat. Hänel macht dagegen zwar überaus plausibel, warum die Sphären Sexualität und Gewalt nicht strikt voneinander zu trennen sind und unproblematischer Sex trotzdem möglich ist. Sie schweigt sich aber darüber aus, was das für Sexualität, die ja immer mehr umfasst als schlichte Gewaltlosigkeit, und für sex-positive, feministische Ansätze bedeutet. Damit offenbart sich auch hier ein Dilemma, in das sich jede Vergewaltigungstheorie unweigerlich begibt, die von flexiblen Übergängen zwischen Sex und Gewalt ausgeht: Einerseits ist sie eine Theorie der Gewalt, die ihren Gegenstand klar benennen muss, andererseits muss sie eine gleichermaßen differenzierte Theorie von Sexualität immer schon enthalten, will sie nicht notwendigerweise verkürzt bleiben.