Messen, Werten, Hierarchisieren

Steffen Mau zur soziometrischen Vermessung der Welt

Gestern wieder zu viel getrunken? Ist das gesund in Ihrem Alter? Schnell „Leberzirrhose“ in die Suchmaschine eingegeben. Information schadet nie. Es sei denn, dass sich unangenehme Konsequenzen einstellen, weil die private Krankenversicherung kurze Zeit später Ihre Beitragssätze anhebt. Was ist da passiert? Google hat Ihre Anfrage an einen Datenbroker verkauft. Der wiederum hat diese Information Ihrem schon länger existierenden Profil hinzugefügt und der Versicherung verkauft. Die vermeintliche Information – in Wahrheit ja völlig irreführend, weil Sie gar nicht an einer durch übermäßigen Alkoholkonsum verursachten Leberzirrhose erkrankt sind – hat ganz handgreifliche Wirkungen im Universum sozialer Ungleichheit erzeugt.

Mit diesem hypothetischen Beispiel bewegen wir uns in jener Welt, die Steffen Mau in seinem neuen Buch „Das metrische Wir“ durchleuchtet. In dieser Welt wird alles und jeder mit einer Zahl versehen, die bestimmte Wertigkeiten anzeigt: etwa die Positionierung von Universitäten und ihren akademischen Angehörigen im nationalen und globalen Ranking, die Kreditwürdigkeit oder Gesundheit von Kunden, die Arbeitsdisziplin von Beschäftigten oder die Kundenfreundlichkeit von Dienstleistern. Die soziale Logik, der solche Auskünfte entspringen, ist eine der „Quantifizierung“: Ganz unterschiedliche Akteure vermessen immer mehr soziale Zusammenhänge nach vereinheitlichten Standards und machen sie damit vergleichbar. Selbstverständlich werden in aller Regel individuelle Bewertungen angesteuert, die freilich wiederum auf der Relationierung von Werten innerhalb eines bestehenden Datensatzes basieren. Im Resultat erzeugt diese Quantifizierung des Sozialen ständig neue Gewinner und Verlierer in unterschiedlichsten Lebensbereichen. Sie transformiert, wie Mau an unzähligen Beispielen belegt, das Ungleichheitsregime der Gegenwart.

Als Triebkräfte dieser Entwicklung macht Mau zwei soziale Dynamiken aus: die Digitalisierung und die Ökonomisierung. Erstere ermöglicht das Sammeln, Aufbereiten und Verwerten von Statusdaten. Letztere versieht solche Prozeduren dann gewissermaßen mit Sinn, lässt sich mit dem Vergleichbar- und Unterscheidbarmachen quantifizierter Akteure und Prozesse doch nicht nur Geld verdienen, sondern im Zweifelsfall vor allem einsparen. Man kann Werbekunden beispielsweise den Zugang zu exklusiven Bonitätsgruppen, das heißt Individuen mit exzellenter Kreditwürdigkeit, verkaufen – so nimmt man Geld ein. Oder man verzichtet darauf, eine aufwendige Evaluierung von bestimmten Teilen der Belegschaft vorzunehmen, legt den Beschäftigten stattdessen einfach den Querschnitt der Kunden- und Kollegenbewertungen vor, verortet ihre individuell erbrachten Leistungen im Leistungsspektrum all der anderen Kollegen und Kolleginnen und bittet im Lichte der dargelegten Befunde freundlich um eine Leistungssteigerung von 15 Prozent im nächsten Quartal, soll das Tal der Low-Performer doch zügig verlassen werden – so spart man Geld und erzeugt obendrein noch Disziplin im Betrieb.

Dass ein solcher „als Rationalisierung“ maskierter „Kult der Zahlen“, einmal durchgesetzt, „die Art und Weise, wie das Wertvolle oder Erstrebenswerte konstruiert und verstanden wird,“ (S. 14) massiv verändert, dürfte auf der Hand liegen. Denn die Quantifizierung des Sozialen bildet die Welt mit ihren normativen Gesichtszügen nicht bloß in ihrer Gegebenheit ab, reproduziert sie nicht wie eine Fotografie, vielmehr entsteht, so Mau, eine „Realität sui generis“ (S. 10). Indem alles und jedes miteinander vergleichbar gemacht und in Rangordnungen überführt wird, die ihrerseits auf das so Hierarchisierte zurückwirken, verändert sich die soziale Welt selbst. Drei unterschiedliche Effekte identifiziert Mau in diesem Zusammenhang: „Erstens verändert die Sprache der Zahlen unsere alltagsweltlichen Vorstellungen von Wert und gesellschaftlichem Status.“ (S. 16-17) Quantifizierung heißt Landnahme marktartiger Bewertungsprozesse in immer neuen Bereichen, weshalb Mau sie für ein neuartiges oder zumindest beschleunigendes Element innerhalb einer fortschreitenden „Kolonialisierung der Lebenswelt“ (Habermas) hält. Sobald etwas soziometrisch komparabel gemacht worden ist, müssen sich die Individuen zu diesem Umstand verhalten. Forscher, die sich etwa an die Zeit vor den mittlerweile allumfassenden Hochschulrankings erinnern können, werden dieser Beobachtung sicherlich ein hohes Maß an Evidenz zuschreiben. Zweitens leistet die Quantifizierung, so Mau, einer „Universalisierung von Wettbewerb“ (S. 17) Vorschub, ist doch klar, dass die Erzeugung von Vergleichbarkeiten nicht zuletzt Konkurrenz stärkt, wenn sie nicht überhaupt dazu einlädt, Wettbewerb zu initiieren. Dass und wie Quantifizierung den Wettbewerb animiert, belegen Fitness-Apps geradezu paradigmatisch, denn sie können zu Leistungssteigerungen einfach schon dadurch motivieren, dass die eigene Leistung beim Jogging mit derjenigen anderer, durchaus wildfremder Personen vergleichbar wird. Ergebnis der Vergleiche sind dann leistungssteigernde Stachel im Fleisch der eigenen Beinmuskulatur: Was die können, kann ich auch! Drittens erzeugt die Quantifizierung neue soziale Hierarchisierungen. Sie transformiert bestehende qualitative Unterschiede, die sich unter Umständen nur schwer fassen und bestimmen lassen, in quantitative Differenzen, die klar determiniert sind (S. 17). Dabei liefert die objektivierende Macht des Zahlenwerks die soziale Legitimation der festgestellten Unterschiede gleich mit. Ergo verändert die Quantifizierung, das ist die zentrale These des Buches, sukzessive die Ungleichheitsordnung der Gegenwart, wird „bislang Unvergleichbares“ jetzt doch „miteinander vergleichbar gemacht und in ein hierarchisches Verhältnis gebracht“ (S. 18).

Selbstverstärkender Statusstress

Die Quantifizierung des Sozialen ist unbestreitbar ein Makrotrend, der gerade in jüngerer Zeit extrem an Fahrt aufgenommen hat. Dennoch ist gegenwärtig keineswegs absehbar, wie und wohin sich dieser Prozess weiterentwickeln wird. Dass bestimmte Datenschutzgesetze die technisch kaum limitierten Spielräume einer soziometrischen Vermessung der Welt – oder zumindest deren negative Auswirkungen für Individuen – deutlich einschränken könnten, ist vorstellbar. Tatsächlich sind einzelne Überwachungsmaßnahmen am Arbeitsplatz, etwa das Erstellen von Aktivitätsprotokollen, schon jetzt in einem juristischen Graubereich angesiedelt. Prinzipiell verboten wurde unlängst der Einsatz von Keyloggern, die sämtliche Aktivitäten an Computerarbeitsplätzen aufzeichnen können.[1] Aus solchen Maßnahmen zu schließen, dass die Quantifizierung des Sozialen nicht voranschreite, wäre allerdings falsch. Doch handelt es sich eben um einen in Teilen noch offenen Prozess, dessen Reichweite und Ausmaß ebenso wenig letztgültig einzuschätzen ist wie seine Auswirkungen auf die Gesellschaft als Ganze. Dementsprechend behutsam geht Mau vor und konzentriert sich vor allem auf die sozialen Mechanismen, die dem erstaunlich steilen Aufstieg der Quantifizierungspraktiken zugrunde liegen. Als einen solchen Mechanismus macht der Berliner Soziologe den Sachverhalt aus, dass die Erstellung von Wertigkeitsordnungen ein systematisches Reputationsmanagement (S. 264 ff.) der Individuen erzwingt, die sich mit einer zunehmenden „Statuslabilität“ konfrontiert finden (S. 277). Aggregiert erzeugt der Zwang, die eigene Reputation gegen etwaige Anfechtungen zu sichern, den übergeordneten Effekt, dass kollektiv ausgetragene Konflikte zugunsten individueller Kompetitivität in den Hintergrund treten (S. 273 ff.).

Wer mit früheren Arbeiten Steffen Maus vertraut ist, wird in dieser Beobachtung unschwer die Fortschreibung einer spezifischen Ungleichheitssoziologie erkennen, die sich vor allem mit den sozialen Veränderungen der Mittelschichten der OECD-Welt befasst hat. So ist Mau einer der prominentesten Soziologen gewesen, deren Analysen die Transformation der Mittelschicht von einem Ort sozialer Stabilität in eine Sphäre notorisch gefährdeter Statusreproduktion nachgezeichnet haben.[2] Im Grunde sind es die statusnervösen Mitglieder der gesellschaftlichen Mitte, ohne deren Abstiegssorgen das Regime der Quantifizierung kaum vorstellbar wäre. Eben diese in wichtigen Teilen der Mittelschichten verbreitete Statusnervosität motiviert dazu, sich auf die neuen Schauplätze der Ver- und Zumessung sozialer Wertigkeit zu begeben. Wer seinen sozialen Status beispielsweise durch mehrfache, womöglich ungewollte, Berufswechsel gefährdet sieht, der mag in der Nutzung einer Fitness-App, im abendlichen Online-Gaming oder seinem Score in einem regelmäßig aufgesuchten sozialen Netzwerk alternative Arenen der Statuszuweisung wahrnehmen, um dort belastende Ungewissheiten loszuwerden. Andererseits reproduzieren derartige Praktiken die eigene Statusfragilität, vertiefen sie womöglich sogar noch in den Bereichen, die als Substitutionsfelder für Erfahrungen sozialer Anerkennung gedacht waren: Heute bin ich im Ranking der meisten Schritte pro Tag in meiner Fitness-Community vorne, doch morgen überholt mich ein anderer. Heute hat das von mir gekochte Abendessen die meisten Likes auf Instagram, morgen das Menü eines unbekannten Anderen. Also handelt sich die nervöse Mitte, die sich dank Preisgabe ihrer Daten und freiwilliger Teilhabe an der Quantifizierung des Leistungsspektrums ihres Statusstresses entledigen wollte, nur dessen intensivierte Wiederkehr ein. Und eben diese Steigerung des Statusstresses führt den Quantifizierungsangeboten immer neue Teilnehmer und Teilnehmerinnen nebst deren Datenmasse zu. Damit zeichnet sich ein in der Tat selbstverstärkender Prozess fortschreitender Individualisierung sozialer Ungleichheit ab.

Lesenswerte Zeitdiagnose

Maus Buch überzeugt mit einer nicht nur gekonnten, sondern lesenswerten Zeitdiagnose, die vermeintlich unzusammenhängende Alltagsphänomene Stück um Stück in eine kohärente Gesellschaftsdeutung zusammenführt. Als ein genuin soziologischer Beitrag zur Debatte um die Digitalisierung des Sozialen wird diese Analyse noch lange nachwirken, legt sie mit ihrem Grundbegriff der Quantifizierung doch einen Theoriebaustein vor, der es gestattet, Fragen von Techniksoziologie, Sozialstrukturanalyse, Arbeitsforschung und Soziologie der Lebensführung systematisch miteinander zu artikulieren.

Im Ton ist Maus Buch durchaus warnend, was seine LeserInnen umso nachdenklicher stimmen sollte, denn der Autor ist ja keineswegs als zahlenfeindlicher Hermeneutiker sozialer Oberflächen bekannt, vielmehr für die Nüchternheit eines Sozialforschers einschlägig, der sich mit bedeutenden Studien in der quantitativen Soziometrie ausgewiesen hat. Insofern ist „Das Metrische Wir“ wohl auch als passionierter Aufruf zur empirischen Wachsamkeit gegenüber einer fortschreitenden Vermessung der Welt zu verstehen.