Multitude heißt jetzt Assembly

Michael Hardt und Antonio Negri suchen nach neuen hierarchiefreien Organisationsformen

Es heißt ja, man solle ein Buch nicht nach seinem Cover beurteilen. Im Falle des neuesten Werks von Michael Hardt und Antonio Negri sollte man das Buch wohl auch besser nicht nach seinem Titel beurteilen, denn um Versammlungen geht es in Assembly nur am Rande. Die Versammlungen, wie sie im Rahmen der Besetzungen der zentralen Plätze von Kairo, Madrid, Istanbul, Athen und New York abgehalten wurden, bilden zwar in gewisser Weise einen wiederkehrenden Referenzpunkt des Buches, sind aber nicht sein eigentlicher Gegenstand. Vielmehr geht es den beiden Autoren darum auszuloten, wie es sozialen Bewegungen gelingen kann, dauerhaften und grundlegenden sozialen Wandel herbei zu führen, wie sie also die Macht übernehmen können, ohne dabei doch nur die gegenwärtigen Machstrukturen unter anderen Vorzeichen zu reproduzieren. Es geht also um nicht weniger als die grundlegende Frage, wie eine linke, emanzipative und revolutionäre Organisierung möglich ist. Oder etwas konkreter darum, „wie sich eine Organisation ohne Hierarchie aufbauen lässt“ und „wie Institutionen ohne zentralisierte Strukturen zu schaffen sind“ (S. 40).

Assembly schließt eng an die Vorgängerwerke des Autorenduos an: Es verbindet eine zeitdiagnostische Perspektive mit der Diskussion aktueller und klassischer gesellschaftstheoretischer Ansätze und leitet daraus Postulate für Handlungsmöglichkeiten gegenwärtiger linker Bewegungen ab. Dafür schlagen Hardt und Negri einen weiten Bogen: Im ersten Teil des Buches liegt der Schwerpunkt auf der Sphäre des Politischen. Die Autoren beginnen mit der Frage nach der Möglichkeit hierarchiefreier Organisation, diskutieren das Verhältnis von Taktik und Strategie, streifen das Thema des linken und rechten Populismus und dekonstruieren die Idee staatlicher Souveränität. Im zweiten und dritten Teil stehen Ökonomie und Verwaltung im Mittelpunkt. Hardt und Negri diskutieren die zunehmende Bedeutung kooperativer Produktion, die das Potenzial in sich trage, das Privateigentum als fundamentale Kategorie kapitalistischer Produktionsverhältnisse in Frage zu stellen. Sie postulieren, dass das „Unternehmertum zur Multitude gehört und deren Fähigkeiten zur kooperativen gesellschaftlichen Produktion und Reproduktion benennt“ (S. 183) und formulieren eine Agenda, die zum Ziel hat, die neoliberale Verwaltung in Frage zu stellen. Oder geht es doch eher um die Reform der Verwaltung? Die beiden Autoren lassen zumindest viele Fragen offen, wo genau die Grenze zwischen dem von ihnen für gescheitert erklärten „progressiven Reformismus“ und dem von ihnen propagierten „subversiven Reformismus“ verläuft (S. 309-310). Im vierten Teil skizzieren sie schließlich – in Anlehnung an die Terminologie Machiavellis – die Schritte, die die Multitude unternehmen solle, um sich zum neuen Fürsten aufzuschwingen, um also die Macht zu übernehmen.

Im Grunde kann man sagen, dass sich Assembly einem Problem widmet, das Hardt und Negri mit dem Konzept der Multitude vergeblich versucht hatten, aus der Welt zu definieren. Das Konzept der Multitude war eine Antwort auf die Kritik sowohl am Klassenbegriff als auch an allen homogenisierenden kollektiven Identitätskonstruktionen. Definiert wurde sie in Empire als „multiplicity, a plane of singularities,  an open set of relations, which is not homogeneous or identical with itself and bears an indistinct, inclusive relation to those outside of it“[1]. Sie tritt in der Theorie an die Stelle des Proletariats und bildet nun an seiner statt den Antagonisten des Kapitals. Allerdings bleibt sie in Empire und auch im darauf folgenden Buch, das sie im Titel führt, als gemeinsam handelnde Singularitäten[2] ein ausgesprochen wolkiges Konzept, bei dem nie so ganz klar ist, wer nun eigentlich dazu gehört und wer nicht. Deutlich wird dies in Assembly besonders im Kapitel über die rechten Bewegungen. Sie seien identitär und reaktionär, könnten aus sich heraus nicht innovativ sein und besäßen so nicht die positiven, revolutionären Eigenschaften, die der Multitude zugeschrieben werden. Die Rechten sind also irgendwie nicht Multitude, auch wenn sich dieser Ausschluss in Anbetracht der weiten Definition des Konzepts nicht wirklich begründen lässt. Die Multitude ist zugleich verstreut und handelt doch gemeinsam, als kollektiver Akteur, aber ohne kollektive Identität. Mit dieser Konstruktion schienen Hardt und Negri erst einmal das Problem, das im Zentrum der Forschung über soziale Bewegungen steht, umschifft zu haben: Zu erklären, wie ein kollektiver Akteur, der den neoliberalen Kapitalismus grundlegend und erfolgreich infrage stellen würde, zustande kommen sollte.

Aber so einfach ließ sich das Problem nicht aus der Welt schaffen. Und so ist Assembly nun der Versuch, die Frage nach der Möglichkeit von handlungsfähiger Organisierung doch noch anzugehen. Allerdings verzichten die Autoren dabei auf eine genaue Analyse der diversen Organisationsformen, die in gegenwärtigen Protesten und von sozialen Bewegungen, wie sie von Hardt und Negri als Beispiele für das Handeln der Multitude angeführt werden, praktiziert werden. Stattdessen schreiben sie ganz allgemein, dass die sozialen Bewegungen der Gegenwart die traditionellen zentralisierten Formen politischer Organisation ablehnen würden (S. 30) oder sogar, dass es in ihnen keine Führungsstrukturen mehr gebe (S. 33). Hier wünschte man sich doch, die Autoren hätten die inzwischen recht umfangreiche Literatur zur Bedeutung der den Protesten des Arabischen Frühlings und der spanischen Indignados vorausgehenden Organisationsstrukturen sowie zu den in diesen Protesten entstehenden Organisationsstrukturen zur Kenntnis genommen, die bei weitem nicht immer hierarchiefrei sind. Zumal insbesondere die Untersuchung Paolo Gerbaudos zu den Indignados mit der These, dort entstehe eine neue Form des Linkspopulismus, für die er den Begriff des „Citizenism“ prägt, eine auch theoretisch interessante alternative Interpretation liefert.[3] Auf eine empirische Analyse gegenwärtiger Proteste lassen sich Hardt und Negri jedoch nicht ein. Die beiden Autoren beschränken sich darauf, immer wieder in eher anekdotischem Stil auf konkrete Bewegungen und Proteste zu verweisen, wobei sie in der Regel den Nachweis schuldig bleiben, inwiefern das angeführte Beispiel nun als Beleg für zuvor aufgestellte Thesen fungiert. Dabei sind einige der formulierten Thesen durchaus interessant, beispielsweise die, dass (zentralisierte) Führung und basisdemokratische Bewegung dann miteinander zu vereinbaren wären, wenn, in Umkehrung der klassischen Rollenverteilung, die Bewegung die Hoheit über die langfristige Strategie behalte und die Führung nur für die kurzfristige Taktik zuständig sei (S. 45). Oder die, dass es darum gehen müsse, nichtsouveräne Institutionen zu entwickeln, die gerade kein exklusives Recht politischer Gewalt für sich in Anspruch nehmen würden (S. 70). In beiden Fällen bürsten Hardt und Negri die parteikommunistischen Prämissen politischer Führung und Machtübernahme gegen den Strich und argumentieren theoretisch elaboriert für die Notwendigkeit, sie vom Kopf auf die Füße zu stellen.

Auf den ersten Blick am überraschendsten ist vielleicht die These, dass „Unternehmertum zur Multitude gehört und deren Fähigkeit zur kooperativen gesellschaftlichen Produktion und Reproduktion benennt“ (S. 183). In dieser These kommen Negris Überlegungen zur immateriellen Arbeit[4] mit den Postulaten der veränderten Produktionsbedingungen in der Wissens- oder Netzwerkgesellschaft[5] sowie mit den aktuellen Debatten um Peer-Production und Commons zusammen.[6] Allerdings findet auch hier keine wirkliche Auseinandersetzung mit den Konzepten statt. So wird Ostroms These, dass Commons nur relativ kleinräumig mit einer überschaubaren Zahl von Menschen funktionieren würden, zwar widersprochen, aber statt einer Begründung kommt dann nur ein Verweis auf „weitergehende Ambitionen“ (S. 138), die die beiden Autoren haben – als ob schon mit dem Anspruch, das große Ganze in den Blick nehmen zu wollen, das ganz reale Problem von Vertrauen und sozialer Kontrolle als Voraussetzung für den nachhaltigen Umgang mit Gemeinschaftsgütern aus dem Weg geschafft sei. Gleichzeitig werden die schon bei den US-amerikanischen Liberalen recht optimistischen Annahmen zum Potenzial der gemeinschaftlichen Produktion von Hardt und Negri in der Figur des „General Intellect“ gänzlich überhöht und von der Frage nach der Organisation tatsächlicher Kooperationsprozesse abgelöst.

Dort wo die Ebene der Theorie verlassen wird, dienen dann Verweise auf nicht weiter spezifizierte progressive politische Parteien in Lateinamerika und Südeuropa als Beleg für die bereits realisierte Umkehrung der Hierarchie von Strategie und Taktik (S. 49) und Kämpfe um Transparenz, Zugang zu Wissen und Gütern sowie um Entscheidungsmodi werden zu den zentralen Schauplätzen des erfolgreichen Kampfes gegen den neoliberalen Kapitalismus (S. 277). Black Lives Matter – die Protestbewegung US-amerikanischer Schwarzer gegen rassistische Polizeigewalt –, eine nicht näher benannte Demonstration für reproduktive Rechte in Polen und ein Protest gegen den Bau einer Überland-Ölpipeline in Standing Rock (USA) werden – neben den bereits erwähnten Platzbesetzungen – als Beispiele für heute bereits weit fortgeschrittene Bewegungen genannt. Und Rudi Dutschkes Langer Marsch durch die Institutionen wird zum „antagonistischen Reformismus“ (S. 338) überhöht. Statt zu versuchen, die Erfahrungen gegenwärtiger und historischer Protestbewegungen zu analysieren und deren Potenziale herauszuarbeiten, verkommen die Referenzen auf die Bewegungen zu beliebigen Platzhaltern, die nicht in der Lage sind, die Argumentation der Autoren zu untermauern.

Schließlich kommen die Autoren im letzten Kapitel dann doch noch auf die den Titel gebenden Versammlungen zu sprechen. Aber auch hier geht es ihnen nicht darum, die tatsächlichen Praxen der Versammlungen in ihrer Widersprüchlichkeit zu untersuchen und sich mit den zu Grunde gelegten Ideen und realisierten Praxen auseinanderzusetzen. Stattdessen wollen Hardt und Negri diese Versammlungen „weniger als Modelle begreifen, sondern als Symptome einer wachsenden politischen Sehnsucht nach neuen demokratischen Formen der Partizipation und Entscheidungsfindung“ (S. 357), um dann mit der Forderung nach einem Grundeinkommen und dem freien Zugang und der demokratischen Kontrolle der Commons (wofür sie den Begriff des „Kommunen" benutzen) die Suche nach der neuen demokratischen Ordnung erst einmal zu beenden. So kann das Buch die im ersten Drittel hoch gesteckten Erwartungen am Ende nicht erfüllen, weil den Proklamationen und Forderungen keine tiefergehende Analyse folgt – schon gar nicht eine Analyse der Bedeutung von Versammlungen für die demokratischen Gegenentwürfe, die kontemporäre soziale Bewegungen offerieren.

Fußnoten

[1] Michael Hardt / Antonio Negri, Empire, Cambridge, MA 2000, S. 103.

[2] Michael Hardt / Antonio Negri, Multitude: War and Democracy in the Age of Empire, New York 2004, S. 105.

[3] Paolo Gerbaudo, The Mask and the Flag: Populism, Citizenism, and Global Protest, Oxford 2017.

[4] Antonio Negri / Maurizio Lazzarato / Paolo Virno, Umherschweifende Produzenten. Immaterielle Arbeit und Subversion, Berlin 1998.

[5] Manuel Castells, The Rise of the Network Society, 2nd edition with a new preface, Oxford 2010.

[6] Elinor Ostrom, Governing the Commons: The Evolution of Institutions for Collective Action, Cambridge 1990; Yochai Benkler, The Wealth of Networks: How Social Production Transforms Markets and Freedom, New Haven, CT 2006.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.