Mutter, partnerlos, arm

Rezension zu "Armutsrisiko alleinerziehend. Die Bedeutung von sozialer Komposition und institutionellem Kontext in Deutschland" von Sabine Hübgen

Auf Alleinerziehende in Deutschland treffen meist zwei Dinge zu: Sie sind fast immer weiblich und sehr häufig von Armut bedroht. Der Konnex dieser Eigenschaften wird mittlerweile derart offensiv kommuniziert, dass er hierzulande schon fast als Gesetzmäßigkeit angenommen wird. Dabei gibt es europäische Länder, in denen Alleinerziehende gegenüber dem Rest der Bevölkerung kein höheres Armutsrisiko aufweisen.[1] Auch bezüglich der Determinanten des Zusammenhangs zwischen Familienform und Armutsrisiko herrscht bislang keine Einigkeit. Vor diesem Hintergrund geht Sabine Hübgen mit ihrer Dissertation zum Armutsrisiko von Alleinerziehenden einer viel zu lange unbeantwortet gebliebenen Frage nach: Warum sind alleinerziehende Mütter in Deutschland so stark von Armut betroffen?

So trivial diese Frage in Anbetracht der wissenschaftlichen, politischen und medialen Vorarbeit am Thema zunächst zu sein scheint, so aufwändig ist letztlich ihre Beantwortung. Bislang wurden zwar eine Vielzahl von Faktoren untersucht, meist jedoch nur isoliert betrachtet. Dazu gehören sowohl individuelle Merkmale, Prozesse und Veränderungen in der Familienzusammensetzung, als auch institutionelle Bedingungen. Was dabei auf der Strecke bleibt, sind die Untersuchung von Wechselwirkungen ebenso wie eine Gewichtung der einzelnen Aspekte. Die bisherige Forschung ist sich weitestgehend einig darüber, dass sowohl Selektion/Komposition als auch die Folgen des Alleinerziehens zum erhöhten Armutsrisiko beitragen. Soll heißen: Wer a) einem erhöhten Risiko ausgesetzt ist, in Armut abzurutschen, hat auch ein erhöhtes Risiko, alleinerziehend zu werden. Wer b) alleinerziehend wird, hat dadurch ein erhöhtes persönliches Armutsrisiko zu tragen. Unklar ist bislang jedoch, in welchem Maße a), in welchem b) und inwiefern ein Zusammenspiel aus beiden zu den beobachtbaren Resultaten beitragen. Auch weshalb die beschriebenen Zusammenhänge überhaupt existieren, ist weiterhin unklar. Im Detail leitet Hübgen deshalb in ihrer Studie her, welche theoretischen und methodischen Annahmen erfüllt sein müssen, um erstmals ausführlich und in vollem Umfang all diesen Fragen nachgehen zu können. Ihre Arbeit besticht durch sorgfältige Überlegungen, denen eine nicht minder umsichtige empirische Modellierung folgt. Sie ist ein exzellentes Beispiel dafür, dass wissenschaftliche Erklärungen mitunter deutlich mehr Raum benötigen, als es reine Fachartikelveröffentlichungen in Zeitschriften zulassen.

Bei der Konzeption ihrer Studie stehen für die Autorin – zu Recht – wissenschaftlich-erkenntnistheoretische Fragen stark im Vordergrund. Durch eine explizite Betonung der sozialpolitischen Implikationen ihrer Ergebnisse, hätte die Arbeit dennoch sehr gewonnen. Zumindest innerhalb der Kapitel (S. 169) betont die Autorin, dass die Unterscheidung zwischen Kompositions- und (direkten wie indirekten) armutsverstärkenden Effekten des Alleinerziehens einen Ausgangspunkt für gezielte politische Interventionen darstellt. Obwohl dieser Diagnose nichts entgegenzusetzen ist, bleibt fragwürdig, was sich sozialpolitisch eher abfedern ließe: die sozio-ökonomischen Folgen des Alleinerziehens – wie Hübgen meint – oder die komplexen Selektionsprozesse (ebd.), die dazu führen, überhaupt erst alleinerziehend zu werden (siehe weiter dazu unten).

Die Arbeit nimmt die Lebenslaufperspektive ein, was mehrere Vorteile hat. So rückt das Alleinerziehen als Phase innerhalb des individuellen Lebensverlaufs in den Fokus und wird als Ergebnis von Pfadabhängigkeiten sichtbar. In Gegensatz zu konservativeren Sozialstrukturmodellen, die Alleinerziehende immer noch als eine homogene, statische Bevölkerungsgruppe ansehen, definiert Hübgen ihre Untersuchungseinheit konsequent und systematisch als transitorische Lebensphase, die für eine immer größer werdende Zahl von – weiblichen – Bevölkerungsmitgliedern Teil ihrer Biografie ist. Dieses Vorgehen erlaubt es der Autorin, die Heterogenität der Lebensverläufe zu berücksichtigen und etwa Aspekte zu analysieren, die vor der Phase des Alleinerziehens liegen, aber mit dem Armutsrisiko korrelieren. Dazu zählt in erster Linie das Ereignis, durch das Frauen zu Alleinerziehenden werden. Aus Gründen der empirischen Relevanz und Modellierbarkeit unterscheidet Hübgen zwischen Alleinerziehenden qua Scheidung, qua Trennung aus einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft (NEL) und durch Kindesgeburt außerhalb einer Partnerschaft mit gemeinsamem Haushalt.

Die Lebenslaufperspektive ermöglicht ihr darüber hinaus die Einbettung dieses individuellen Lebensabschnitts in einen Mehrebenenkontext. Auf diese Weise wird es möglich, die institutionellen Rahmenbedingungen in Hübgens Modell explizit als Ursache für das Armutsrisiko von Alleinerziehenden zu identifizieren und von Effekten auf der Individualebene abzugrenzen. Eindrucksvoll erläutert die Autorin, welche Auswirkungen die institutionellen Bereiche Familie, Arbeitsmarkt und Wohlfahrtsstaat mit ihren strukturell bedingten geschlechtsspezifischen Gefällen entfalten. Traditionelle Geschlechternormen, der horizontal und vertikal segregierte Arbeitsmarkt sowie der Grad an Dekommodifizierung und Defamilialisierung des Wohlfahrtsstaates sind Aspekte des von Hübgen entworfenen „Modell[s] zur Erklärung des Armutsrisikos alleinerziehender Mütter“. Leider begründet die Autorin nicht, weshalb sie nicht auf bereits etablierte Ansätze der Lebenslaufsoziologie, etwa das Mehrebenenmodell soziologischer Erklärung[2] oder den „Life Course Cube“[3] zurückzugreift. Zwar bezieht die Autorin Konzeption, Analyse und Ergebnisdarstellung stets auf ihr eigenes Modell, was der Orientierung innerhalb der Arbeit zuträglich ist, es gelingt ihr aber nicht, überzeugend darzulegen, weshalb ihr eigenes Programm beispielsweise dem klassischen Mehrebenenmodell soziologischer Erklärung überlegen ist. Letzteres hätte eine deutlich bessere grafische Darstellung der einzelnen Komponenten erlaubt, etwa deren Anordnung in Struktur- und Individualebene, ohne dabei einzelne Faktoren optisch hervorzuheben und dadurch über zu betonen. Unklar bleibt außerdem, weshalb Hübgens Modell keinen Effekt von „Gendernormen“ auf „Individualmerkmale[.]“ vorsieht (S. 48). Dennoch ist die Multidimensionalität des Modells besonders positiv hervorzuheben.

Anstatt die Einflüsse der institutionellen Faktoren auf das Armutsrisiko Alleinerziehender einzeln zu modellieren, zu messen und zu testen, berücksichtigt die Autorin den institutionellen Kontext in seiner Gesamtheit. Die für jeden Erklärungsversuch erforderliche Varianz in den Daten ergibt sich erst durch zwei Entscheidungen des Studiendesigns. Die erste ist das Anlegen der Studie als historischer Vergleich. Dieses Vorgehen hat den Vorteil, dass unbeobachtete Heterogenität minimiert, zeitinvariante Störfaktoren demnach ausgeschaltet werden. Zweitens vergleicht Hübgen die Situation in zwei verschiedenen Ländern, Deutschland und Großbritannien. Sie grenzt sehr ausführlich und nachvollziehbar drei historische Perioden ab, die sich in ausgesuchten, für die ökonomische Situation Alleinerziehender bedeutsamen, Aspekten unterscheiden. Für Deutschland sind das einerseits die Zeitspanne von 1980–1997, die als Ausgangspunkt fungiert, darauffolgend die Jahre 1998–2006, die sich durch umfassende Arbeitsmarktreformen auszeichneten und abschließend die Periode 2007–2016, in der zentrale familien- und vereinbarkeitspolitische Maßnahmen umgesetzt wurden. Die Äquivalente für den britischen Fall sind 1980–1998 als Ausgangspunkt, gefolgt von einer Phase intensiver Arbeitsmarkt- und familienpolitischer Interventionen (1997–2007) sowie die Periode 2008–2014, in der Alleinerziehende explizit und stärker als zuvor zu Erwerbstätigkeit angehalten wurden.

Das Armutsrisiko alleinerziehender Frauen in Deutschland, so Hübgen, lasse sich mit drei Faktoren und deren Wechselwirkungen erklären, zu denen die Autorin insgesamt nicht weniger als 30 aus Theorie und jeweiligem Forschungsstand abgeleitete Hypothesen aufstellt. Hübgen behält bei aller Komplexität zwar den Überblick, gleichwohl laufen ihre Leser*innen Gefahr, diesen trotz vieler hilfreicher Wiederholungen und Übersichtstabellen zu verlieren. Deshalb, und weil in einer Rezension keine ausführliche Dokumentation der Einzelergebnisse erfolgen kann, soll die folgende Übersicht prospektiven Leser*innen die Themen und Detailfragen vorstellen, zu denen die Arbeit Stellung bezieht und auf welche sie Antworten oder zumindest Hinweise liefert.

A. Die Relevanz von Selektionsprozessen für das Armutsrisiko alleinerziehender Frauen

A1. Welche Rolle spielt der soziale Hintergrund gegenüber dem mathematisch isoliert betrachteten Effekt des Alleinerziehens für das Armutsrisiko alleinerziehender Mütter?

A2. Inwiefern folgen aus verschiedenen Umständen, die dazu führen, Alleinerziehend zu werden, auch Unterschiede im Armutsrisiko?

B. Das Zusammenspiel von sozialem Hintergrund und institutionellem Kontext für das Armutsrisiko Alleinerziehender

B1. Wie haben sich das Armutsrisiko alleinerziehender Mütter, die soziale Zusammensetzung dieser Gruppe sowie der institutionelle Kontext über die untersuchten Zeiträume hinweg entwickelt?

B2. Sind diese Entwicklungen des Armutsrisikos Alleinerziehender eher auf Kompositionseffekte oder auf Effekte eines veränderten institutionellen Kontextes zurückzuführen? Anders formuliert: Hat sich das Armutsrisiko dadurch verändert, dass Personen mit anderen sozialen Merkmalen alleinerziehend werden oder ist die Veränderung durch einen Wandel der Institutionen eingetreten?

C. Die Bedeutung des institutionellen Kontextes für den Effekt des Alleinerziehens auf das Armutsrisiko

C1. Hat sich der Effekt des Alleinerziehens auf das Armutsrisiko im Zuge der Reformen des Arbeitsmarktes und der Familien- sowie Vereinbarkeitspolitik verändert?

C2. Unterscheiden sich die Effekte des Alleinerziehens auf das Armutsrisiko je nach Erwerbsstatus und/oder der Zusammensetzung des Haushalts (direkte versus indirekte Effekte versus Kompositionseffekte)? Verändern sich diese Effekte im Zeitverlauf?

Die Beantwortung dieser Fragen stellt hohe Anforderungen an die Daten. Die von Hübgen ausgewählten Datensätze – das sozioökonomische Panel – SOEP – für Deutschland und das British Household Panel (BHPS) sowie die UK Household Longitudinal Study für Großbritannien – erfüllen diese weitgehend. Dennoch stoßen die Analysen immer wieder aufgrund geringer Fallzahlen oder fehlender Informationen (etwa zu außerhalb des Haushalts lebenden Partner*innen, zur Unterstützung durch den anderen Elternteil oder zum weiteren sozialen Netzwerk der Befragten) an die Grenzen der Umsetzbarkeit beziehungsweise Aussagekraft. Die Autorin geht äußerst umsichtig mit diesen Einschränkungen um. Lediglich die Konsequenzen aus den eingeschränkten Angaben zur Partnerschaftshistorie hätten eine ausführlichere Diskussion verdient. So kann Hübgen etwa aufgrund der Linkszensierung ihrer Daten – also der Tatsache, dass ein beträchtlicher Teil der Befragten bereits vor der Befragung alleinerziehend war und somit der Prozess, durch den sie es werden, nicht beobachtet werden kann – und der fehlenden Angabe zur Beziehung zwischen dem*der (Ex-)Partner*in und dem/der Kind/er nicht kontrollieren, ob die untersuchte Lebensphase, in der sich eine Alleinerziehende befindet, aus der Trennung von der Ursprungs- oder einer Stieffamilie folgt. Dieser Aspekt mag aber mit spezifischen Möglichkeiten zur Armutsbewältigung einhergehen. Die Autorin kann außerdem, wie sie selbst schreibt, nicht prüfen, welchen Beitrag außerhalb des Haushalts lebende Partner*innen für die Überwindung von Armut leisten. Dies ist gerade deshabbedauerlich, da  eine Vielzahl Alleinerziehender solche sogenannten „Living Apart Together“ (LAT)-Beziehungen führt.[4] Auch die Analysen zur Entwicklung des durchschnittlichen Alters Alleinerziehender nach Haushaltskonstellation verweisen darauf, dass die Information über eine bestehende Partnerschaft mit getrennten Haushalten zu wertvollen Einsichten führen würde. Hübgen zeigt, dass Frauen in der jüngsten untersuchten Periode (2007–2016) häufiger als zuvor sehr jung sind, wenn sie eine „partnerlose Kindsgeburt“ erleben (genau genommen: eine Kindsgeburt ohne bestehenden partnerschaftlichen Haushalt). Gleichzeitig sind sie seltener als zuvor sehr jung, wenn sie aus einer NEL heraus alleinerziehend werden (S. 195). An dieser Stelle zeigt sich möglicherweise – was die Autorin jedoch nicht als Erklärung anbringt–,dass Frauen, die innerhalb einer LAT-Beziehung schwanger werden (tendenziell eher junge Frauen) heute zu geringeren Teilen während der Schwangerschaft mit dem*r Partner*in zusammenziehen (und sich später mit höherer Wahrscheinlichkeit wieder trennen). Als Pendant zu den sogenannten „Shotgun-Marriages“, die mit einer geringeren Partnerschaftsstabilität einhergehen,[5] könnte man demnach von einer Abnahme von „Shotgun-Cohabitations“[6] sprechen. Ob das der Fall ist, weil entweder soziale Normen einen geringeren „Legitimierungsdruck“ ausüben oder weil aufgrund der Reform der Sozialhilfe durch den Zusammenzug mit einem*r Partner*in ein Wegfall von Leistungsansprüchen droht, ließe sich lediglich durch individuelle Längsschnittanalysen mit Periodenvergleichen überprüfen.

Gleichwohl liefert Hübgen eine eindrückliche Fülle an aufeinander aufbauenden Einzelergebnissen, die sie systematisch zu einem kohärenten Gesamtbild zusammenfügt. Zusammenfassen lassen sich die wichtigsten empirischen Ergebnisse folgendermaßen:

  • Mütter, die aus einer Ehe heraus alleinerziehend werden, sind insgesamt zwar am seltensten (sowohl vor als auch nach der Trennung) von Armut bedroht. Dennoch steigt ihr Armutsrisiko durch das Alleinerziehen im Durchschnitt stärker im Vergleich zu  Alleinerziehenden, die nicht verheiratet waren (S. 168 f., 276). Verantwortlich hierfür ist die häufig traditionelle innerpartnerschaftliche Arbeitsteilung in Ehen sowie größere ökonomische Bedarfe auf Seiten der hier häufig schon älteren Kinder.
  • Für Alleinerziehende aus einer NEL oder durch außerpartnerschaftliche Kindsgeburt sind Selektionseffekte einerseits zentrale Gründe für ihr erhöhtes Armutsrisiko. Für eine kleine Untergruppe stellt das Ereignis, durch das sie zu Alleinerziehenden werden, sogar einen Weg zur Überwindung von Armut dar (S. 146). Andererseits sind jedoch auch in diesen beiden Gruppen deutlich das Armutsrisiko verstärkende Effekte durch die Trennung von dem*der Partner*in oder die Geburt des Kindes zu erkennen (S. 168 f.).
  • Die Stärke dieses Kausaleffekts hat über den untersuchten Zeitraum hinweg abgenommen, teils zu Gunsten des Kompositionseffekts. Das steht bisherigen, pessimistischeren Forschungsergebnissen entgegen (S. 274) und deutet mitunter auf eine Wirksamkeit sozialpolitischer Maßnahmen zur Abfederung ökonomischer Nachteile wie beispielsweise der Kindergelderhöhung 1998 hin. Gleichzeitig offenbart ein Staatenvergleich, dass das vor einigen Jahrzehnten noch sehr viel höher liegende Armutsrisiko Alleinerziehender in Großbritannien mittlerweile unter dasjenige in Deutschland gesunken ist. Zurückzuführen ist das auf eine deutliche Reduktion der Effekte des Alleinerziehens auf das Armutsrisiko im Vereinigten Königreich (S. 168 f., 275).
  • Die Ergebnisse der Studie unterstreichen somit die Relevanz des das Armutsrisiko erhöhenden Effekts des Alleinerziehens – insbesondere in Deutschland. Sie verdeutlichen aber auch, dass Alleinerziehende aller untersuchten Gruppen bereits vor dem Ereignis, durch das sie alleinerziehend wurden, ein entsprechend erhöhtes Risiko aufwiesen arm zu werden (S. 168, 270).

Hübgen bespricht abschließend eine Reihe sozialpolitischer Strukturen, die Alleinerziehende gegenüber Paarfamilien benachteiligen und mithin ihr Armutsrisiko erhöhen (S. 281). Dazu gehören etwa die (vollständige) Anrechnung familienpolitischer Leistungen auf andere, sogenannte „vorrangige Leistungen“ (wie Kinder- oder Wohngeld), das Ehegattensplitting, eingeschränkte Kinder-, insbesondere Ganztagsbetreuung, der Wegfall von Ansprüchen durch die Inanspruchnahme bestimmter Unterstützungsleistungen sowie die Unkenntnis über ausgewählte Rechte. Positiv erwähnt sie hingegen die seit 2017 geltende Ausdehnung des Berechtigtenkreises für den staatlichen Unterhaltsvorschuss.

In diesem äußerst lesenswerten letzten Kapitel wird außerdem deutlich, dass Sozialpolitik nicht nur die negativen Effekte des unmittelbaren Ereignisses, durch das eine Frau alleinerziehend wird, abfedern, sondern durchaus auch die selektionsbedingte Armutsgefährdung alleinerziehender Mütter reduzieren kann- auch wenn Frau Hübgen dies nicht explizit einordnet. Erfolgreiche Sozialpolitik wirkt, so erfährt man, in erster Linie durch die Stärkung der wirtschaftlichen Unabhängigkeit von Frauen. Unter dem Stichwort „Armutsprävention“ zählt Hübgen wichtige wohlfahrtsstaatliche Maßnahmen auf, die das Ziel verfolgen, „Frauen zu erlauben unabhängig von einem männlichen Hauptverdiener einen eigenen Haushalt aufrecht zu erhalten“ (S. 284). Dazu gehören eine Individualbesteuerung mit Entlastungen für Personen mit Kindern, der Ausbau bedarfsgerechter Kinderbetreuung, enabling-Strategien wie mit Elternschaft vereinbare Aus- und Weiterbildungsangebote sowie Initiativen für mehr Geschlechtergerechtigkeit auf dem Arbeitsmarkt – insbesondere zur Verhinderung der Diskriminierung von Müttern. Gerade der letzte Aspekt hält ein enormes, bislang unzureichend ausgeschöpftes Potenzial bereit.  

Das Armutsrisiko alleinerziehender Mütter wird in der feministischen Wohlfahrtsstaatsforschung als „Lackmustest“ für bestehende Geschlechterungleichheiten angesehen (S. 46), wie Hübgen mit Verweis auf Hobson[7] konstatiert. Selbst wenn die Autorin ihre Arbeit nicht explizit in die feministische Wohlfahrtsstaatsforschung einordnen will, so hätte an dieser Stelle dennoch ein mutigeres Fazit gezogen werden können. Denn angesichts all der genannten und noch nicht umgesetzten sozialpolitischen Möglichkeiten scheint es in weiter Ferne gerückt, dass Frauen, insbesondere mit Kindern, keine soziale und berufliche Diskriminierungen erfahren. Das Ziel sollte nicht sein, dass Alleinerziehende und ihre Kinder gerade noch vor einem Abrutschen unter die Armutsgrenze bewahrt werden. Vielmehr gilt es zu erreichen, dass Geschlechtsmerkmale, insbesondere in Kombination mit Elternschaftsstatus, keine Determinanten sozialer Ungleichheit mehr sind. Das ist umso bedeutsamer als moderne Lebensverläufe dazu führen, dass immer mehr Menschen Erfahrungen mit dem Alleinerziehen sammeln, entweder weil sie selbst alleinerziehend sind/waren oder als Kind (phasenweise) bei einem alleinerziehenden Elternteil lebten. Um tatsächlich gleiche Lebenschancen für diese Personengruppe zu schaffen, sind voraussichtlich weitreichendere Maßnahmen notwendig als die von Hübgen genannten. Sie müssten beispielsweise etwas an der gegenwärtigen Situation ändern, in der (private und berufliche) Pflegearbeit zwar volkswirtschaftlich eingefordert, ihre Kosten aber, wenn überhaupt, nicht in ausreichendem Maße getragen werden. Diese gehen stattdessen maßgeblich zu Lasten von Frauen, insbesondere von Müttern. In Ergänzung zu den in „Armutsrisiko alleinerziehend“ besprochenen Maßnahmen sollten diese auch dazu beitragen, dass alleinerziehend zu sein langfristig seltener Frauen betrifft – ein Szenario, das bei Hübgen keine Erwähnung findet. Die Autorin geht nicht so weit, ein Urteil über das Ergebnis des erwähnten Lackmustests zu fällen. Die Resultate ihrer umfassenden Arbeit zeigen aber deutlich, dass die Bundesrepublik Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten zwar einige Fortschritte im Abfedern der negativen Folgen des Alleinerziehens errungen hat. Die Kennzahlen deuten dennoch nicht auf eine baldige Wandlung in Richtung einer geschlechtergerechten Gesellschaft hin.

Mit ihrer Dissertation leistet Hübgen nicht nur einen essenziellen Beitrag zum Verständnis des Armutsrisikos Alleinerziehender, sie liefert ebenso Hinweise auf die Entwicklung ökonomischer Benachteiligung von Frauen im Allgemeinen und die Auswirkungen geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung auf die soziale Ungleichheit im Besonderen. Viele der Fragen zum Zusammenwirken von Institutionen und individueller sozialer Lage werden durch ihre Arbeit erstmalig beantwortet. In diesem Sinne leistet Hübgens Dissertation auch einen wesentlichen Beitrag über den sozialwissenschaftlichen (lebenslauf- und familiensoziologischen sowie wohlfahrtsstaatsanalytischen) Diskurs hinaus. Nicht zuletzt die Anschlussfähigkeit für sozialpolitische Entscheidungsträger*innen und Gremien stellt eine Stärke des Buches dar. Es legt ein fruchtbares konzeptionelles Fundament für zukünftige Forschung. Dieser obliegt es nun, weitere institutionelle Entwicklungen, andere Vergleichsregionen sowie Daten in größerem Umfang zu berücksichtigen.

Fußnoten

[1] Sabine Hübgen, Only a Husband Away From Poverty? Lone Mothers’ Poverty Risks in a European Comparison, in: Laura Bernadi / Dimitri Mortelmans (Hg.), Lone Parenthood in the Life Course, Cham 2018, S. 167–189.

[2] Johannes Huinink / Torsten Schröder, Sozialstruktur Deutschland, 3. Auflage, Konstanz 2019.

[3] Laura Bernardi / Johannes Huinink / Richard A. Settersten Jr., The Life Course Cube. A Tool for Studying Lives, in: Advances in Life Course Research 41, (2019), 100258, https://doi.org/10.1016/j.alcr.2018.11.004.

[4] Sonja Bastin, Single Mothers' New Partners. Partnership and Household Formation in Germany, in: Journal of Marriage and Family 81 (2019), S. 991–1003.

[5] Rackin Heather / Christina M. Gibson-Davis, The Role of Pre- and Postconception Relationships for First Time Parents, in: Journal of Marriage and Family, (2012), 74, S. 526–539.

[6] Susan L. Brown, Marriage and Child Well-Being. Research and Policy Perspectives, in: Journal of Marriage and the Family 72, (2010), S. 1059–1077.

[7] Barbara Hobson, Solo Mothers, Social Policy Regimes and the Logics of Gender, in: Diane Sainsbury (Hg.), Gendering Welfare Regimes, London 1994, S. 170–187.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher und Philipp Tolios.