Nach dem Spiel ist vor dem Spiel

Philip T. Hoffman über Europas Sonderweg in die Moderne

Eine der gern zitierten Passagen aus dem Werk Max Webers enthält neben einem kräftigen Schuss Pathos eine überprüfbare Prognose, heißt es doch in „Wissenschaft als Beruf“ ganz konkret: „Jeder von uns […] in der Wissenschaft weiß, daß das, was er gearbeitet hat, in 10, 20, 50 Jahren veraltet ist.“[1] Hier irrte Weber, nicht zuletzt mit Blick auf sein eigenes Werk. Bestes Beispiel hierfür ist Webers bis auf den heutigen Tag ebenso berühmte wie kontrovers diskutierte These über den Einfluss des Calvinismus auf die Entstehung der kapitalistischen Produktionsweise. Die kontinuierlich wachsende Literatur zur sogenannten Protestantismus- oder Weberthese zwingt nämlich geradezu zu der Feststellung, dass Webers diesbezügliche Arbeit nicht veraltete, sondern sich weiterhin reger Aufmerksamkeit und breiten Zuspruchs erfreuen darf.[2]

Nun liegt in deutscher Übersetzung das Werk eines US-amerikanischen Wirtschaftshistorikers vor, dessen Fragestellung zu dem von Weber aufgeworfenen Problem der universalgeschichtlichen Sonderstellung Europas passt.[3] Sie lautet (im US-amerikanischen Original, dessen Titel sie zugleich bildet): Why did Europe conquer the world? Philip T. Hoffman, der seit mehr als 30 Jahren am California Institute of Technology in Pasadena als Historiker lehrt, beantwortet seine Frage allerdings ohne Rekurs auf das Werk des deutschen Soziologen. Weberianische Begriffe wie „okzidentaler Rationalismus“, „Geist des Kapitalismus“ oder „protestantische Arbeitsethik“ sucht man bei ihm vergebens. Stattdessen bedient er sich eines Analyseinstruments, das Weber so noch nicht zur Verfügung stand (und vielleicht deshalb von dessen Anhängern so hartnäckig ignoriert wird?), nämlich des Verfahrens der ökonomischen Modellbildung. Allerdings ist sich Hoffman dabei vollauf bewusst, dass er den größeren Teil seiner Leserschaft verlieren würde, wenn er sich nur der Sprache und der Techniken der ökonomischen Modellbauer bediente. Das strikte Modell ist deshalb in einen Anhang verbannt, wo es Puristen goutieren können, für alle anderen Leserinnen und Leser wird es im 2. Kapitel allgemeinverständlich erläutert.

Hoffmans Überlegungen zur Beantwortung der selbstgestellten Frage nehmen ihren Ausgang von einem Gedankenexperiment: Welche Weltregion würde ein Zeitreisender wohl wählen, wenn er ins Jahr 900 zurückversetzt würde, er sich aber den Lebensort selbst aussuchen dürfte? Westeuropa, so Hoffman, könne er dem Zeitreisenden keineswegs empfehlen: „Das Europa von damals war, kurz gesagt, nicht viel anders als etwa das Afghanistan von heute“ (S. 7). Tausend Jahre später, am Vorabend des Ersten Weltkriegs, standen dann aber 84 Prozent der Welt unter direkter oder indirekter Kontrolle europäischer Staaten. Wie war das möglich?

Die eben zitierte Prozentangabe ist die erste Zahl, der der Leser bei seiner Lektüre begegnet, und wurde wohl mit voller Absicht ausgewählt und prominent auf einer der ersten Seiten des Buches platziert. Ein näherer Blick darauf offenbart Arbeitsstil und Argumentationstechnik Hoffmans. In einer Anmerkung, die sich, wie alle anderen auch, auf 15 kleingedruckten Seiten am Ende des Buches findet, liefert Hoffman zunächst eine geografische Definition Europas, bevor er die beiden Autoren zitiert, die die betreffende Zahl erstmals publik machten. Er moniert, dass die ältere, auf die sich die jüngere Veröffentlichung beruft, keine Quelle für die Schätzung nennt, und liefert die entsprechende Berechnung dann selbst nach: Demnach standen zwischen 83,0 und 84,4 Prozent der weltweiten Landfläche zu irgendeinem Zeitpunkt tatsächlich unter europäischer Kontrolle. Wer’s nicht glaubt oder selbst nachrechnen möchte, für den ist „eine Datei mit den detaillierten Daten meiner Berechnung […] beim Autor (pth(at)hss.caltech(dot)edu) erhältlich.“ (S. 277, Fn 4). Sage noch einer, es gäbe keinen wissenschaftlichen Fortschritt – zumindest in den Bereichen akademische Textgestaltung und Transparenz der Argumentation hat sich da in den letzten hundert Jahren doch einiges zum Besseren gewendet. Hoffmans Buch jedenfalls kann in dieser Hinsicht als vorbildlich bezeichnet werden; Nachahmung empfohlen und erwünscht.

Hoffman, der bislang vor allem mit Büchern zu Facetten der Wirtschaftsgeschichte Frankreichs im Hochmittelalter und der Frühneuzeit hervorgetreten ist,[4] strebt mit diesem Buch eine bis in kleinste Details hinein überprüfbare Erklärung für Europas Aufstieg zur Weltherrschaft an. Dabei verliert er sich aber eben nicht in Einzelbeobachtungen, sondern schreitet im 1. Kapitel zügig die Galerie der bislang angebotenen Partial- und Universalerklärungen ab, um dann Schritt für Schritt seine eigene Interpretation vorzuführen. Eine der beiden prominentesten Erklärungen des Siegeszugs der Europäer in Übersee verweist auf die Infektionskrankheiten, die die amerikanischen Ureinwohner dahinrafften. Die kolonialen Erfolge der Portugiesen in Asien kann diese Theorie nicht erklären und Epidemien allein hätten die mittelamerikanische Bevölkerung nicht so stark zu dezimieren vermocht, wie neuere demografische Studien nahelegen.[5] Die andere Erklärung beruft sich auf die überlegene Feuerwaffentechnologie. Ihr stimmt Hoffman weitgehend zu, will aber die in Europa stattfindende stetige Höherentwicklung dieser Art Kriegsführung in eine breitere Betrachtung einbetten, die die Entstehung der Überlegenheit Europas Schritt für Schritt demonstriert.

Im Zentrum von Hoffmans Erklärungsansatz steht das, was er als „Turniermodell“ bezeichnet. Es nimmt seinen Ausgang von der Beobachtung, dass die Herrscher und Potentaten des frühneuzeitlichen Europa fast ausschließlich mit dem Planen und Ausführen von Kriegen befasst waren – ein Umstand, über den sich Reisende, die andere Teile der Welt kennengelernt hatten, nicht selten wunderten. Verglichen mit den Staaten Europas etwa führte ein Großreich wie China viel seltener Krieg. Hoffman verlässt sich im Zuge seiner Überlegungen aber nicht nur auf zeitgenössische Berichte, sondern stützt sich zudem auf Daten, die ab dem Ende des 18. Jahrhunderts in ausreichender Qualität und Menge zur Verfügung stehen und mit deren Hilfe sich die Militärausgaben verschiedener Länder vergleichend schätzen lassen. Demnach gaben in den 1780er-Jahren Frankreich nicht weniger als sieben und Großbritannien sogar ganze zwölf Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts für die Kriegführung aus, während eine begründete Schätzung für China im gleichen Zeitraum auf nicht einmal die Hälfte des französischen Niveaus an Militärausgaben kommt. Zum Vergleich führt Hoffman u.a. die Militärausgaben zur Hochzeit des Kalten Krieges an, die für die USA bei rund fünf Prozent und für die Sowjetunion bei, wie wir mittlerweile wissen: ruinösen, zehn Prozent lagen.

Warum aber kam es auf dem europäischen Kontinent über ziemlich lange Zeit hinweg in immer neuen Runden zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen einer insgesamt doch überschaubaren Zahl von Kontrahenten? Von 1550 bis 1750 befanden sich die europäischen Mächte zu mehr als der Hälfte der Kalendertage im Kriegszustand; bis 1850 ging der Anteil an Tagen, die im Zeichen militärischer Konflikte standen, zunächst auf ein Drittel und im letzten halben Jahrhundert des 19. Jahrhunderts schließlich auf ein Viertel zurück. Wisse man einmal, warum die europäischen Herrscher so häufig Krieg führten, so Hoffman, dann müsse man untersuchen, welche Folgen dieser kriegerische Normalzustand zeitigte, wie die Kriege finanziert wurden und was die Hoffnung der Kontrahenten nährte, in der nächsten Runde als Sieger und nicht als Besiegter vom Schlachtfeld zu gehen.

Kriegführung war das banale Alltagsgeschäft desjenigen feudalen Standes, der daraus seine Existenzberechtigung ableitete und durch diese Art von Tätigkeit nicht nur seinen Besitz, sondern auch sein soziales Ansehen zu mehren trachtete. Die Voraussetzung dafür, dass das Geschäftsmodell funktionierte, bildete der Umstand, dass die Konkurrenten darauf verzichteten, einander zu vernichten. Während ein siegreich geführter Krieg einem neben einem Stück Land auch Ruhm und Ehre brachte, bedeutete eine verlorene Auseinandersetzung hingegen nicht die endgültige Eliminierung. Anders ausgedrückt: Eine Niederlage war nicht mehr als eine Scharte, die beim nächsten Mal ausgewetzt werden konnte. Sieht man einmal von der Ausnahme der englischen Bürgerkriege des 17. Jahrhunderts ab, dann ging zwischen 1498 und 1789 kein Souverän einer der damaligen europäischen Großmächte seiner Krone verlustig. In den 130 Jahren von der Französischen Revolution bis zum Ende des ersten Weltkriegs wurden französische, niederländische, österreichische, schwedische und spanische Herrscher sowie die Regenten aus dem Haus der Hohenzollern dann mit einer Wahrscheinlichkeit, die zwischen 14 und 67 Prozent lag, nach einem verlorenen Krieg „abgesetzt“, das heißt wahlweise verbannt, eingekerkert, verstümmelt, hingerichtet oder zum Selbstmord gezwungen (S. 35). Doch zu dem Zeitpunkt lag die Eroberung der Welt durch Europa eigentlich schon hinter ihnen.

Hoffmans Turniermodell vereinfacht die Analyse und beschränkt sich auf zwei potenzielle Kontrahenten, die jeder für sich immer wieder neu vor der Entscheidung stehen, einen Krieg zu führen oder es (dieses Mal) zu unterlassen. Dem Sieger winkt dabei ein „bestimmter Gewinn – das kann vielerlei sein: Ehre, ein spezifisches Territorium, wirtschaftliche Vorteile, ein Anrecht auf die Thronfolge oder auch ein Sieg über die Feinde des ‚rechten Glauben‘“ (S. 39). Um das Modell einfach zu halten, nimmt Hoffman an, dass der Verlierer nichts bekommt, aber auch keine Strafe bezahlen muss. Ja, dem jeweiligen Verlierer ergeht es in der Modellwelt so gut, dass er nach der Niederlage mit der Vorbereitung der Rache, also dem nächsten Turnierauftritt auf dem europäischen Schlachtfeld zu planen beginnen kann.

Nicht minder wichtig für das Modell sind die darin berücksichtigten institutionellen Voraussetzungen zur erfolgreichen Kriegführung. Nach Hoffman sind dies eine Armee respektive Flotte und ein Steuersystem. Die Kosten für die Schaffung dieser beiden Institutionen entstehen lange bevor ein Herrscher in einen Krieg eintreten kann. Zudem kann die Etablierung von beidem auf Widerstände stoßen und zu politischen Unruhen führen. Das Modell geht mit Blick auf diese Umstände der Einfachheit halber von der Annahme aus, dass diese Fixkosten für beide Seiten gleich sind. Um tatsächlich einen neuen Krieg beginnen zu können, bedarf es also finanzieller Mittel, die nötig sind, um eben diesen nächsten Krieg vorzubereiten und in Gang zu bringen: Es braucht Schiffe und Befestigungsanlagen, Waffen und Versorgungsgüter und dergleichen mehr. Um die ungefähre Höhe der Kosten für jede Kriegspartei schätzen zu können, behilft sich Hoffman damit, dass er die Erbringung dieser Leistungen durch eine Söldnerarmee berechnet. Dass diese zusätzlichen finanziellen Kosten eng mit politischen Kosten verbunden sind, die bei der Mobilisierung dieser zusätzlichen Ressourcen anfallen können, wurde bereits erwähnt. Naheliegender Weise nimmt Hoffman an, dass diese Kosten nicht für alle und zu allen Zeiten gleich sind. Banaler Weise wird dem Modell zufolge also jene Seite den Krieg gewinnen, die mehr Ressourcen mobilisieren und deshalb die effektivere Streitmacht aufstellen konnte.

Eine Kalkulation der zu mobilisierenden Ressourcen und damit auch der anfallenden Kosten durchzuführen, darf man von jedem Herrscher billigerweise erwarten. Tatsächlich mangelt es ja auch nicht an historischen Beispielen, die belegen, dass Regenten oder Regierungen bewusst darauf verzichtet haben, in einen Krieg zu ziehen beziehungsweise sich in einen hineinziehen zu lassen. Leitend für das Modell ist also die Annahme, dass auch die Unterlassung von kriegerischen Handlungen möglich ist.

Zum Krieg kommt es unter Modellbedingungen also dann, wenn „ein wertvoller Gewinn, niedrige Kosten für die Einrichtung von Steuersystem und Heer, keine großen Unterscheide hinsichtlich der Größe oder der Möglichkeit, Soldaten und Ausrüstung zu beschaffen“ (S. 42) gegeben sind.

Ich sehe davon ab, hier zu schildern, welche weiteren Spezifikationen Hoffman vornimmt, welche Einwände er gegen das Modell formuliert und wie er diese wiederum zu entkräften sucht. Stattdessen begnüge ich mich hier mit dem Hinweis, dass es nicht der geringste Vorzug von Hoffmans Modellbaukasten ist, dass zumindest sonnenklar ist, wie sich die mit seiner Hilfe konstruierten Thesen widerlegen lassen. Dass dies durchaus für die Anlage des Buches spricht, wird deutlich, wenn man hier nochmals an die Weber-These und ihre Unwiderlegbarkeit erinnert.[6]

Breiten Raum nimmt in Hoffmans weiteren Ausführungen zum europäischen Sonderweg sodann die Schnelligkeit der Verbesserungen in der Schießpulvertechnologie ein. Denn nur wegen des Turniercharakters der europäischen Staatenkriege und der damit verbundenen Aussicht auf eine zweite Chance, kommt Hoffman zufolge militärtechnologische Innovation überhaupt in Fahrt. Wegen der Häufigkeit der Kriege hat jede militärtechnologische Erfindung oder Entdeckung nahezu unmittelbare Folgen für die effizientere und kostengünstigere Ausstattung der Heere und Flotten. Drittens kommt noch hinzu, dass es relativ leicht möglich war, an die Innovationen der Gegenseite heranzukommen und diese nachzumachen. Während also das frühneuzeitliche Europa eine Konstellation bot, in der sich ein Innovationszyklus entfalten konnte, fehlten andernorts jene Bedingungen, die zunächst die territoriale Rivalität und später dann auch die militärische Expansion mehrerer Mächte beförderten. Die Chinesen hätten berittene Nomaden mit den frühen Schusswaffen nicht abwehren können, da weder deren Nachladetechnik noch ihre Zielgenauigkeit dafür ausreichten. Folglich, so Hoffman, hätten sie sich mit der Errichtung einer Mauer begnügt, die wenig Folgeinnovationen nach sich zog. Ganz ähnlich diskutiert Hoffman die anderen Reiche und dann auch die europäische Expansion nach Übersee.

Im abschließenden Fazit weitet Hoffman dann den zeitlichen Horizont in den Kalten Krieg aus, als Europa gegenüber den beiden neuen Hegemonen ins Hintertreffen geriet. Die Jahrzehnte nach dem zweiten Weltkrieg sind ihm ein weiterer Beleg für die Erklärungskraft des Turniermodells und der darin enthaltenen Option, sich an einem Krieg nicht zu beteiligen. Und schließlich betont er noch einmal, dass der militärtechnologischen Dynamik eine der politischen Geschichte zugrunde lag: Erst weil bestimmte politische Konstellationen existierten (Größe der Staaten, Verzicht auf Vernichtung des unterlegenen Gegners, Organisation von Steuern und Militär, relativ offene Grenzen, die Migration und Spionage zuließen), konnten sich langfristig die Dynamik der Industrialisierung und damit die historische Vormachtstellung Europas entwickeln. Der von Daron Acemoğlu u.a. vertretenen wirtschaftshistorischen Deutung, wonach Arbeitskräftemangel zu Lohnerhöhungen führte, was Investitionen in menschliche Arbeit ersetzende Maschinen nach sich zog, folgt Hoffman nicht, sondern spricht sich für die Alternative aus, die im Humankapital Englands den entscheidenderen Faktor erblickt. Wissen und Kompetenz von Technikern und Handwerkern ermöglichten was seither „Industrielle Revolution“ genannt wird, die durch politische Institutionen, die den Freihandel unterstützten, begleitet wurde. Hier verweist Hoffman auf jüngere Beiträge jener Richtung der Wirtschaftsgeschichte, die sich der Instrumente der Nationalökonomie bedient und so etwas wie retrospektive experimentelle Modellierungen betreibt.

Für alle Faktoren, die die Eroberung der Welt durch Europa zu erklären vermögen, gilt aber auch nach Hoffmans Urteil, dass sie keinen notwendigen Prozess auslösten, sondern auf äußerst fragile Weise ineinandergriffen, weshalb man den Aufstieg Europas besser als kontingent betrachten sollte: „Hätte die Geschichte nur an ein paar entscheidenden Momenten eine andere Wendung genommen, hätte am Ende durchaus eine andere Macht die Welt beherrschen können.“ (S. 25)

Die gelungene Übersetzung des Buches liest sich im Deutschen so flüssig wie das amerikanische Original und es ist geeignet, Leserinnen und Leser verschiedener Fachrichtungen mit unterschiedlichen Interessen gleichermaßen anzusprechen. So kann man sich mit dem 250 Seiten umfassenden Haupttext mit seinen zahlreichen Grafiken und Abbildungen begnügen, sich vom Autor auf 30 Seiten in die Kunst des Modellbaus einführen lassen oder aber die detaillierte Auseinandersetzung mit der konkurrierenden Literatur in den ähnlich umfangreichen Anmerkungen verfolgen. Wie von amerikanischen Sozialwissenschaftlern nicht anders zu erwarten, ist auch noch der zwölf Seiten umfassende Index ein Beweis handwerklicher Umsicht und Genauigkeit.

Philip T. Hoffmans Wie Europa die Welt eroberte liefert eine dichte Schilderung der Voraussetzungen des überseeischen Eroberungszugs, die es in vorbildlicher Weise vermeidet, in irgendeinen Jargon zu verfallen. Seinen Argumenten können Leser folgen, ohne einschlägige Expertise besitzen zu müssen; wer will, dem bieten die zahlreichen Literaturhinweise Möglichkeiten zur Vertiefung. In ökonomischer Modellbildung Bewanderte finden auf den 30 Seiten im Anhang Gleichungen, um das Turniermodell der europäischen Welteroberung prüfen zu können. Mehrfach betont Hoffman wie unwahrscheinlich die Schritte waren, die Europa zuerst zuhause setzte, als kleinräumige Herrschaftsverbände Runde für Runde an militärischem Kräftemessen absolvierten und dabei die sozialen und materiellen Technologien der Kriegsführung verfeinerten, welche dann zur überseeischen Expansion genutzt wurden.

Fußnoten

[1] Max Weber, Wissenschaft als Beruf (1919), in: ders., Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, hrsg. v. Johannes Winckelmann, 6. Aufl., Tübingen 1985, S. 581–613, hier S. 591.

[2] In der Buchreihe „The Routledge Guides to the Great Books“ ist für April 2018 das Erscheinen eines von David Chalcraft betreuten Bandes zu Webers Protestantischer Ethik angekündigt. In der Weber Gesamtausgabe erschien 2016 Band I/18, in dem Wolfgang Schluchter seine fast 60 Seiten umfassende Einleitung dazu nutzt, um seine Deutung Webers gleichsam zu kanonisieren. Dazu kritisch: Dirk Kaesler, Die Weberei, sie höret nimmermehr auf, literaturkritik.de (März 2017). Einen ersten Eindruck des Umfangs der Auseinandersetzung mit der Weber-These gewinnt man, wenn man beispielsweise feststellt, dass die englische Ausgabe in Google Scholars fast 30.000 Zitationen, der deutsche Titel immerhin auch noch über 2000 Zitationen aufweist. Zur Rezeption der Weber-These in der Wirtschaftsgeschichte vgl. auch Matti Peltonen, The Weber-Thesis and Economic Historians, in: Max Weber Studies 8 (2008), 1, S. 79–98.

[3] Webers berühmte Formulierung der Problemstellung lautet bekanntlich wie folgt: „[W]elche Verkettung von Umständen hat dazu geführt, daß gerade auf dem Boden des Okzidents, und nur hier, Kulturerscheinungen auftraten, welche doch – wie wenigstens wir uns gern vorstellen – in einer Entwicklungsrichtung von universeller Bedeutung und Gültigkeit lagen?“ Max Weber, Vorbemerkung, in: ders., Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie I, 9. Aufl., Tübingen 1988, S. 1–16, hier S. 1.

[4] Vgl. Philip T. Hoffman, Growth in a Traditional Society: The French Countryside 1450–1815, Princeton, NJ 1996; ders., Priceless Markets: The Political Economy of Credit in Paris, 1660–1870, Chicago, IL 2001.

[5] Hoffman zitiert u.a. aus Jared Diamond, Guns, Germs, and Steel. The Fates of Human Societies, New York / London 1997 (dt. Arm und Reich. Die Schicksale menschlicher Gesellschaften, übers. v. Volker Englich, Frankfurt am Main 1998) und Massimo Livi-Bacci, The Depopulation of Hispanic America after the Conquest, in: Population and Development Review 32 (2006), 2, S. 199–232.

[6] Vgl. zu letzterem Punkt Heinz Steinert, Max Webers unwiderlegbare Fehlkonstruktionen: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, Frankfurt am Main 2010 und das diesem Buch gewidmete Schwerpunktheft der Österreichischen Zeitschrift für Geschichtswissenschaften (ÖZG) 23 (2012), 3: Max Webers Protestantismus-These. Kritik und Antikritik.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.