Nach Halle kam Hanau

Rezension zu „Antisemitismus, Xenophobie und pathisches Vergessen. Warum nach Halle vor Halle ist“ von Helmut Dahmer

Der Untertitel von Helmut Dahmers Anfang 2020 erschienenem Buch bezieht sich auf den Anschlag auf eine Synagoge in Halle, der am 9. Oktober 2019 verübt wurde. Vier Monate später, am 19. Februar 2020, ermordete ein 43jähriger Mann mit einer (laut Generalbundesanwalt) „zutiefst rassistischen Gesinnung“ bei einem Anschlag in Hanau zehn Menschen, von denen neun einen Migrationshintergrund hatten. Auf einer eigenen Internetseite hatte er, wie in der Presse gemeldet wurde, ein Manifest veröffentlicht, das neben diversen Verschwörungstheorien auch klar rassistische Äußerungen und Phantasien enthielt. Er wollte Menschen mit anderer Hautfarbe nicht nur abschieben, sondern töten, ja ganze Völker und Nationen als seiner Ansicht nach lebensunwertes Leben ausmerzen. Was Dahmer mit dem Untertitel prognostiziert hatte, war damit zur Tatsache geworden.

Das schmale, 100 Seiten umfassende Bändchen ist in drei Teile gegliedert und versammelt 15 glossenartige Einzelbeiträge aus den Jahren 1987 bis 2019. Die Beiträge behandeln die Umtriebe von Rechtsextremisten und den Umgang der gesellschaftlichen „Mitte“ des wiedervereinigten Deutschlands mit ihren Taten. Ein Manko der Veröffentlichung ist, dass leider Drucknachweise fehlen, die zur Kontextualisierung der Texte beigetragen hätten; wären die Beiträge aber bisher unpubliziert, hätte auch das vermerkt werden sollen. Auch wird der Grund für die Gliederung in drei Teile nicht explizit gemacht. Im Überblick über die Beiträge wird jedoch erkennbar, dass die analysierten Vorfälle seit 1990 inzwischen schon ihre eigene Geschichte haben, so dass sich, bei aller Permanenz des xenophoben Motivs, verschiedene Täter-Typen unterscheiden lassen: Da ist zunächst der – in den 1990er-Jahren mit durchschnittlich 1000 Fällen pro Jahr vorherrschende – Typus des terroristischen Rabauken, der in der Gruppe Flüchtlingsheime anzündet oder jüdisch oder fremdländisch aussehende Passanten attackiert. Seiner Analyse ist der erste Teil des Buches gewidmet. Die Texte des zweiten Teils befassen sich mit den „zivileren“ Formen des Rechtsextremismus, die als Reaktion auf die zunehmende Ablehnung gewaltsamer Übergriffe durch die Mehrheitsgesellschaft seit der Jahrtausendwende Verbreitung fanden. Der Typus, der hier analysiert wird, setzt sich aus Parteien und Protestgruppen zusammen, die andere ausgrenzen und sich dabei selbst als Ausgegrenzte stilisieren, denen eine „undemokratische“ Behandlung zu Teil wurde. Sie verwenden daher auch eine pseudo-demokratische Tarnsprache, mit deren Hilfe sie sich als um das Wohl der Nation Besorgte geben. In diese Phase gehört auch die weitgehende Blindheit von Politik, Polizei und Justiz gegenüber den Gefahren von rechts außen. (Es gibt jedoch einige Anzeichen dafür, dass diese Phase mit den Attentaten von Kassel, Halle und Hanau zu Ende gehen könnte.) Der dritte Teil der Texte enthält Überlegungen zu einigen für das Verständnis von Rechtsextremismus zentralen Stichworten (Migration, Vorurteil, Faschismus).

Dahmer ist der Profession nach zwar Soziologe, stützt seine Analysen aber zugleich auf psychoanalytische Ansätze, die er im Sinne der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule gesellschaftskritisch wendet. Die Emphase seines Buches liegt darin, den Rechtsextremismus nicht nur an seinen gegenwärtigen Erscheinungsformen festzumachen, sondern ihn als einen längerfristigen kulturellen Prozess zu fassen, der seine Dynamik, die der von individueller psychischer Verdrängung und Wiederkehr des Verdrängten ähnlich ist, aus der Verweigerung eines fälligen politischen Lernvorgangs erhält. Denn auch das Attentat von Halle wurde, wie schon andere zuvor, vor allem als Handlung eines Einzeltäters etikettiert. Angesichts einer solchen Einordnung wird zumeist versäumt, eine Kontinuität zu vorangegangenen rechtsextremen Morden herzustellen. (Dahmers Kritik lässt sich auch auf die Tat von Hanau anwenden: Noch mehr könnte man diese individualistisch einzuhegen versuchen, war der Täter doch im Sinne eines Verfolgungswahnes offensichtlich psychotisch gestört. Aber auch vermeintliche Einzeltäter berufen sich auf gesellschaftliche Stimmungen, hören die Agitatoren reden und setzen denen, die „bloß schwätzen“ ihre Taten entgegen.)

Dahmer fordert, die heterogenen Ereignisse im Zusammenhang einer langen Reihe von – jeweils rasch wieder vergessenen – Untaten derselben Provenienz zu sehen. Die Rede ist, so Dahmer, von je nach Zählung zwischen 100 und 200 Toten in Deutschland seit 1990. Dass dieser Zusammenhang zumeist nicht hergestellt wird, ist einem „pathischen“, also gleichsam krankhaften Vergessen geschuldet.

Der erste, im Jahr 1987 und damit noch vor der deutschen Vereinigung verfasste, Dahmer‘sche Text führt einen psychischen Mechanismus ein, der in den anschließenden Analysen immer wieder herangezogen wird, um die beleuchteten Phänomene auch psychohistorisch einzuordnen. Dahmer nennt ihn „Derealisierung“, was im psychiatrischen Kontext eine dissoziative Störung bezeichnet, bei der sich eine Person von der Realität abgetrennt fühlt. Derealisierung (oder auch Depersonalisation) kann als psychischer Schutzmechanismus zum Beispiel in Folge von Unfällen auftreten, mit deren Hilfe das belastende Erlebnis aus dem Bewusstsein getilgt wird. Dahmer wendet diesen Mechanismus auf die Gesellschaft der Nachkriegszeit an: „Derealisierung war für die Mehrheit der einfachste Ausweg aus der Kalamität des ‚Zusammenbruchs‘; er erwies sich auch als der verhängnisvollste. Wer den Fluchtweg der Derealisierung einschlägt, ‚erspart‘ sich das politisch-psychologische Lernen – die Identitätsarbeit – durch Spaltung der Person und Petrifizierung des Abgespaltenen. […] Dadurch wurde die Mentalität, die den Unterbau auch der NS-Ideologie abgegeben hatte, konserviert.“ (S. 16)

Dahmer bedient sich einer Begrifflichkeit aus der Gruppen- und Familientherapie, nämlich des „Symptomträgers“ beziehungsweise des „Delegierten“. Wie zum Beispiel das Schulversagen eines Kindes einen unausgesprochenen Konflikt der Eltern symptomatisch repräsentieren kann, lassen sich Täter wie die des NSU als „Delegierte einer entsetzlichen Vergangenheit, von der keiner mehr etwas wissen will“, verstehen. „Als ‚Kriminelle‘ stellen sie heute uns vor, was früher einmal als des deutschen Volkes Wille galt.“ (S. 67) Bei der Analyse dieser Zusammenhänge führen psychoanalytische Einsichten Dahmer dazu, die alltagspraktische Unterscheidung zwischen Wahn und Realitätswahrnehmung in Frage zu stellen: Während die Nationalsozialisten aus der Diskreditierung der massenwahnhaft erzeugten Feindbilder Realität werden ließen, betrieben später die Täter und Mitläufer ebenso massenwahnhaft das psychische Ungeschehen-Machen der realen Untaten.

So wäre – das ist von Dahmers Analysen zu lernen – ein fließender Übergang zwischen Halluzination und Realität auch im jüngsten Fall des psychisch gestörten Täters von Hanau anzunehmen, der die Gäste zweier Shisha-Bars angriff und dabei neun Menschen erschoss. Damit setzte er in grauenhafte Realität um, was umtriebige rechte Politiker schon lange propagieren: die Idee einer ethnisch homogenen Bevölkerung und ein dementsprechend „reinrassiges“ Straßenbild. Solche Vorstellungen wären wiederum nicht möglich ohne die Einbettung dieser aggressiven Xenophobie in eine weit verbreitete deutsch-ethnozentrische Weltsicht, die sich von der wirtschaftlichen und kulturellen Globalisierung überfordert fühlt und eine heile, nicht entfremdete Welt zurücksehnt, die jedoch schon immer nur in ihren Köpfen existierte.

Im Sinne Dahmers lässt sich weiterhin ergänzen: Es gibt sie immer noch und wieder, jene, die sich gezielt auf die großen Faschisten des vergangenen Jahrhunderts berufen. Sie inszenieren sich als die tatkräftige Speerspitze einer Mehrheit, die bislang angeblich bloß aus Mutlosigkeit schweigt. Und sie sind nicht allein, sie holen sich mittels des Internets „moralische“ Unterstützung von ihresgleichen, die sich überall dort auf der Welt finden, wo von der Überlegenheit der weißen Rasse fantasiert und das Menetekel ihrer bedrohten Identität an die Wand gemalt wird. Damit ist ein neuer, von Dahmer allerdings nicht mehr (oder noch nicht) beschriebener rassistisch-ethnozentrischer Typus bezeichnet, der schon seit einiger Zeit in Erscheinung tritt: der äußerlich leidlich angepasste, einsame, aber digital gut vernetzte jüngere Mann, der sich, unbemerkt von seinem sozialen Umfeld, über Internet-Foren radikalisiert, bis der psychische Druck in ihm derart groß wird, dass er den hassgeladenen Postings Taten folgen lässt. Ideologisch flankiert wird er von weiteren, ebenfalls internetgestützten Typen. Da gibt es etwa Gruppierungen, die eher jüngere Menschen ansprechen, in dem sie sich der Pop- und Jugendkultur anpassen und sich als Influencer auf You-Tube-Kanälen präsentieren. Ein weiterer Typus ist der des eher seriösen Rechtsintellektuellen, der in entsprechenden Internetforen mit rhetorisch geschliffenen Beiträgen voller kultureller Bezüge von der großen „Umvolkung“ schreibt.

Das Buch hat einen zweiten Untertitel, Interventionen, II. Folge, der sich auf Dahmers 2012 erschienen Band Interventionen bezieht. In der Tat haben die meisten Texte eher den Charakter engagierter öffentlicher Einsprüche als eingehender wissenschaftlicher Untersuchungen. Es sind hervorragend formulierte und entsprechend gut lesbare, zeitdiagnostische Kommentare ohne weitergehende, theoretisch-systematische Ansprüche. Dabei unterlaufen dem Autor gelegentlich auch Verkürzungen, so, wenn er die Anhängerschaft der rechtspopulistischen Parteien als aus Arbeitslosen, Scheinselbständigen und „hoffnungslosen […] Paria-Schichten“ (S. 97) zusammengesetzt sieht, ohne zu berücksichtigen dass zum Beispiel der Anteil der AfD-Wähler bei den gewerkschaftlich organisierten Arbeitern höher ist als beim Durchschnitt der Gesamtbevölkerung.[1]

„Was tun?“, fragt Dahmer sich selbst und seine Leserinnen und Leser mehr als einmal. Seine Vorschläge betreffen den unmittelbaren Schutz von bedrohten Mitbürgern zum Beispiel durch Menschenketten, den öffentlichen Druck auf Exekutive und Judikative, ohne den diese kaum bereit sind, den Tätern das Handwerk zu legen, die sozialpsychologische und pädagogische Aufklärung in Schulen und Hochschulen über die Entstehung ethnozentrischer Einstellungen und – last but not least – „die Herstellung von Lebensverhältnissen, unter denen Mehrheiten den Fortschritt und die Fremde nicht mehr zu fürchten brauchen, aufhören können, ihre Identität durch Mord und Totschlag zu verteidigen“ (S. 35 f.). Letzteres ist allerdings, wie er eingestehen muss, „ein Projekt für viele Generationen“ (S. 35). „Solange die Herrschaft versteinerter Verhältnisse über die lebenden Menschen nicht gebrochen ist, das Gefälle zwischen Arm und Reich national wie international so groß ist wie in den heute bestehenden Klassengesellschaften, solange ein Fünftel der Menschheit in irdischen Paradiesen, ein anderes aber in irdischen Höllen lebt, solange also der Kampf um Selbsterhaltung und ein Quäntchen guten Lebens tobt, wird es das Bedürfnis nach realer Privilegierung und sein Komplement, das Bedürfnis nach sozialer Exklusion, geben. Solange wird auch das judo-alterophobe Dispositiv so attraktiv bleiben wie eine Droge.“ (S. 74)

Also immer, bin ich geneigt zu schlussfolgern. Schon Max Horkheimer und Theodor W. Adorno hatten in der Dialektik der Aufklärung für die Nachkriegszeit einen Antisemitismus ohne leibhafte Antisemiten diagnostiziert.[2] Mochte das antisemitische Feindbild auch zeitweise verschwinden, so konnte es durch andere Projektionen ersetzt werden. Konstant blieben dabei die durch die kapitalistische Wirtschaftsweise verstärkten psychischen Strukturen des Autoritarismus wie die Stereotypie des Denkens, der Hass auf Außenseiter und der Konventionalismus. Aber wie schon Horkheimer und Adorno setzt auch Dahmer jenem menschheitsgeschichtlich-anthropologisch gut gestützten Pessimismus die Hoffnung entgegen, sozialwissenschaftliche Aufklärung möge etwas bewirken. Schließlich „ist kaum ein Sozialrätsel unserer Tage so gründlich erforscht worden wie der Antisemitismus und seine Verallgemeinerungsform, die Xenophobie.“ (S. 78) Und damit sei es nun an der „politischen Pädagogik, […] wissenschaftlich gewonnene Einsichten [zu] popularisieren“ (S. 74).

Angesichts Dahmers Einschätzung der Aufklärung als „Jahrhundertaufgabe“ (ebd.) fühle ich mich an Sigmund Freud erinnert, der glaubte, im Getriebe der menschlichen Kultur den ewigen Kampf zwischen Eros und dem Aggressions- und Selbstvernichtungstrieb vor Augen zu haben, aber sein Unbehagen in der Kultur dennoch mit der Hoffnung auf Gleichstand schloss: „Und nun ist zu erwarten, dass […] der ewige Eros eine Anstrengung machen wird, um sich im Kampf mit seinem ebenso unsterblichen Gegner zu behaupten.“ [3] Das schrieb er 1929. In den darauffolgenden Jahren wurde die politische und wirtschaftliche Lage immer angespannter und bei den Reichstagswahlen vom September 1930 fuhr die NSDAP einen überwältigenden Sieg ein. Als bald darauf eine zweite Auflage seiner Schrift vorzubereiten war, ergänzte der alte weis(s)e Mann den Schluss um die düstere Frage: „Aber wer kann den Erfolg und Ausgang voraussehen?“

Fußnoten

[1] Dieter Sauer u.a., Rechtspopulismus und Gewerkschaften. Eine arbeitsweltliche Spurensuche, Hamburg 2018, S. 19 ff.

[2] Max Horkheimer / Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente (1947), in: Horkheimer, Gesammelte Schriften Bd. 5, Frankfurt am Main 1987, S. 230 ff.

[3] Sigmund Freud, Das Unbehagen in der Kultur (1930). In: Gesammelte Werke Bd. 14, London 1955, S. 506.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.