Neben uns die Sintflut

Stephan Lessenich über die Externalisierungsgesellschaft und ihren Preis

Hier zu besprechen ist ein ebenso ungewöhnliches wie bemerkenswertes soziologisches Buch. Ungewöhnlich deshalb, weil es bei einem Publikumsverlag erschienen ist und die große Bühne sucht, und bemerkenswert deshalb, weil es sich etwas traut. Sein Autor, der Münchner Soziologe Stephan Lessenich, wagt eine große These und stellt sich dafür auf die zeitdiagnostischen Hinterbeine, um mehr zu sehen, als Soziologen mit der Analyse eines eng umgrenzten Gegenstandsbereichs für gewöhnlich wahrnehmen. Was er in den Blick nimmt, ist die Externalisierungsgesellschaft, konkreter: der Wohlstandskapitalismus westlicher Prägung und die Kosten, die er in anderen Weltregionen verursacht. Thematisch knüpft Lessenich damit an einen Vortrag an, den er als Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Soziologie auf dem Vereinskongress in Trier 2014 gehalten hat. Dort stellte er die argumentative Figur der Externalisierung zum ersten Mal einem größeren Publikum vor. Was damals noch eher lose formuliert und umrissen wurde, hat sich nun im Reifegrad deutlich gesteigert, auch wenn der Grundgedanke derselbe geblieben ist. Der Kapitalismus, so Lessenichs These, kommt ohne die fortgesetzte Landnahme immer neuer Räume, Ressourcen und Bereiche nicht aus. Er ist kein in sich geschlossenes, auf ein bestimmtes Territorium beschränktes und selbstsuffizientes System, sondern bezieht sich immer auf ein „Anderes“, das er sich einverleibt, unterwirft oder ausbeutet. Lessenich zufolge lässt sich der Reichtum der einen daher nicht ohne die Armut der anderen denken. Seine Analyse zielt auf das „relationale Moment“, auf die Beziehungs- und Verflechtungsstruktur kapitalistischer Wohlstandgesellschaften, oder, in den Worten des Autors, es geht „um Reichtumsproduktion auf Kosten […] anderer“ (17).

Vom Stil her macht es das Buch dem Leser leicht, sich mit ihm anzufreunden. Der Autor hält mit seinem Sprachtalent nicht hinter dem Berg, der Text fließt locker und pointiert dahin. Gespickt mit schönen sprachlichen Wendungen, gut gewählten Bildern, anschaulichen Beispielen und der einen oder anderen frechen Zuspitzung, ist die Lektüre trotz der ernsten Problematik ein Vergnügen. Die ebenso dichte wie gefällige Argumentation wirkt unangestrengt, stilsicher und verführt zum Weiterlesen. Langweilig wird es einem daher nie, auch wenn der eine oder andere kunstvolle Schlenker etwas übersteuert wirkt.

Auf der inhaltlichen Ebene geht die Externalisierungsthese weit über den Befund verfestigter globaler Disparitäten oder der Dominanz des Westens in anderen Weltregionen hinaus, denn Lessenich behauptet nicht weniger als einen kausalen Nexus: Uns geht es gut, weil es den anderen schlecht geht. Das klingt mindestens entfernt nach den Arbeiten Immanuel Wallersteins, auf dessen Konzept der Weltsystemanalyse Lessenich denn auch als eine Quelle von Inspiration verweist (33ff.). Wo Wallerstein allerdings stabile Zentrum-Peripherie-Strukturen ausmacht, sieht Lessenich eine vom Westen ausgehende Logik der Externalisierung am Werk: Die Kehrseite der Reichtumsproduktion bildet für ihn die Armutsproduktion, „the west and the rest“ hängen untrennbar zusammen. In eine andere Metapher gekleidet: Da leben ein Gesunder und ein Kranker in benachbarten Zimmern, aber sie leben nicht einfach nebeneinander her, sondern ihrer beider Existenzen sind ineinander verstrickt. Der Gesunde ist gesund, weil er den Kranken krank macht, weil er seinen Müll bei ihm ablegt, ihm das frische Obst stibitzt und so dafür sorgt, dass sein Nachbar nicht auf die Beine kommt.

So eindeutig der Kausalzusammenhang zwischen dem Wohlstand der kapitalistischen und der Armut der ausgebeuteten Länder für Lessenich ist, so wenig unterstellt er den Angehörigen der westlichen Staaten oder ihren politischen Repräsentanten jedoch pauschal ein vorsätzliches Tun. Nicht überall, wo die kapitalistische Produktionseise negative Folgen zeitigt, geschieht das Lessenich zufolge mit der Absicht und dem Wissen der Beteiligten; oft sind Externalisierungen Folgen unseres ganz normalen Alltagshandelns, die wir übersehen, verdrängen oder gar, wie im Falle von „smart borders“, unsichtbar machen. Wahr ist Lessenich zufolge allerdings auch, dass wir nicht immer alles wissen wollen, was wir wissen könnten. Wir Westler, so sein Befund, haben es uns ganz bequem eingerichtet hinter den Schleiern unseres Nichtwissens und Nichtwissenwollens.

In systematischer Hinsicht unterscheidet Lessenich zwischen Externalisierung als Struktur, als Prozess und als Praxis. Struktur verweist auf Beziehungskonstellationen, in denen wir stehen, die Prozessdimension auf das interaktive Moment und die vielfältigen Mechanismen, über die Ungleichheiten reproduziert werden, und die Praxisdimension schließlich auf die Einstellungen und Handlungsorientierungen, die die Verhältnisse habituell und motivational absichern. Eine dominante Spielart der Externalisierung vermag Lessenich nicht zu erkennen. Vielmehr tragen für ihn alle drei Aspekte zur Stabilisierung von Über- und Unterordnungsverhältnissen bei.

Mit der These vom Reichtum auf Kosten der Armen spricht der Autor offen aus, was wir als mehr oder weniger reflektierte Bewohner und Nutznießer kapitalistischer Lebenswelten alle mindestens irgendwie ahnen. Zugleich präsentiert Lessenich mit dem Konzept der Externalisierung ein griffiges Analyseinstrument, das ihm wie ein Brennglas dazu dient, ganz unterschiedliche Phänomene wie globale Armut, Visa- und Grenzpolitik, Konsumgewohnheiten oder Umweltkatastrophen im Globalen Süden in den Blick zu bekommen. Die Beispiele sind geschickt gewählt und Lessenich ist sehr überzeugend darin, seine These zu plausibilisieren, wobei er auch gleich mit einigen neoliberalen Mythen aufräumt: Globalisierung läuft eben doch nicht auf einen Weltmarkt zum Wohle aller hinaus. Die vom Westen oft beschworene Reisefreiheit bleibt das Privileg der Mitglieder eines reichen Clubs, von dem die Bewohner anderer Weltregionen systematisch ausgeschlossen werden. Während die einen ihre Bewegungsfreiheit maximieren, werden die anderen immobilisiert, trotz aller Verheißungen der Globalisierung und Entgrenzung. Es ist nicht die geringste Leistung des Buches, seine Leserinnen und Leser für solche Verschränkungen von Nutzen und Lasten zu sensibilisieren.

Doch zurück zur Kernthese des Buches, dem kausalen Nexus zwischen Privileg und Marginalisierung, zwischen Obenauf und Untendrunter, zwischen dem Mehr und dem Weniger. Lessenich beschreibt die soziale Welt als Welt der sozialen Beziehungen und der wechselseitigen Bezogenheit, weshalb er für eine Soziologie plädiert, die sich als Wissenschaft der Relationen versteht. Macht man sich Lessenichs Perspektive zu eigen und lässt sich auf das Denken in Beziehungsstrukturen und Wechselwirkungen ein, erscheint die mit der These der Externalisierungsgesellschaft verbundene Zeitdiagnose stimmig. Viele der Beispiele beschreiben schwer zu leugnende Zusammenhänge, bei denen eins aus dem anderen folgt und sich wie bei einem Puzzle zusammenfügt. Da wird Müll aus den Wohlstandsländern exportiert, von dem andere krank werden; da werden anderswo Ressourcen für unseren Lebensstil extrahiert und dabei Ökosysteme zerstört; da sind Armuts-Reichtums-Relationen zuallererst Ausbeutungsverhältnisse. Ganz gleich, wo Lessenich auf seinem furiosen Ritt durch Länder und Kontinente auch hinkommt, überall begegnet ihm das gleiche Phänomen: Externalisierung.

Bei so viel Plausibilität muss der zum kritischen Urteil aufgeforderte Rezensent inne halten. Sieht er nun den Wald vor lauter Externalisierung nicht mehr? Lessenich selbst verzichtet weitgehend auf die Abschichtung und Qualifizierung seiner Argumente wie auch auf deren systematische Fundierung. Das Buch versteht sich als Thesenbuch. Es geht seinem Autor nicht um das Sondieren, das Wägen und das dichte Beschreiben, sondern ums Grundsätzliche, was ihn vieles zu- und manches überspitzen lässt. So werden alternative Ansätze in der Regel nur kurz angerissen und dann meist ebenso schnell zerpflückt, auch der empirische Zugang bleibt trotz aller Beispiele recht selektiv und einseitig. Da die Ausgangsthese schon von vornherein feststeht, scheint sie kaum irritierbar.

Gleichwohl regen die von Lessenich aufgeworfenen Probleme zum Weiterfragen und -denken an. Gern würde man beispielsweise wissen, nach welchen Mechanismen sich die globale Ungleichheit denn nun sortiert. Ist es immer der kausale Nexus von Mehr und Weniger, der hier trägt, oder gibt es nicht doch auch hausgemachte Gründe mangelnder Entwicklungsperspektiven? Welche Rolle spielen regionale Mächte und lokale Gewaltstrukturen? Stimmt es wirklich, dass „die erhöhten Lebenschancen der einen strukturell mit den reduzierten Überlebenschancen der anderen verknüpft“ (179) sind? Dass sich in den vielen von Lessenich präsentierten Beispielen tatsächlich eine Art von Gesetzmäßigkeit offenbaren sollte, mag man nicht so recht glauben. Des Öfteren wünschte man sich genauere Differenzierungen. Das kluge Buch schlägt zwar eine wichtige Schneise ins Dickicht der Auswüchse des globalen Kapitalismus, doch richtig „beackern“, das heißt begrifflich bearbeiten, methodisch erschließen und theoretisch durchdringen mag es die so freigelegte soziologische Nutzfläche (noch) nicht.

Am Ende des Buches wird es wiederum prinzipiell. Der Autor möchte kein Moralapostel sein, daher appelliert er an das „aufgeklärte Eigeninteresse, das uns am Prinzip der Externalisierung zweifeln lassen sollte“ (188). Früher oder später, so Lessenich, würden die Folgen sowie die mit ihnen verbundenen Kosten der Externalisierung auch auf uns zurückfallen, weil es in der Weltgesellschaft kein „Außen“ mehr gebe. Mit dieser These kommt er seinem Vorgänger auf dem Münchner Lehrstuhl, Ulrich Beck, dem das Buch gewidmet ist, so nahe wie sonst kaum. Weder nach noch neben uns die Sintflut: Als Angehörige einer Weltrisikogesellschaft sitzen wir alle im selben Boot, mit dem wir uns entweder gemeinsam über Wasser halten oder zusammen untergehen. Auf die Frage, wie sich der im Untertitel angekündigte Eintritt der Apokalypse noch aufhalten lassen soll, hat freilich auch Lessenich keine einfache Antwort. So nötig ihm die Überwindung der Externalisierungsgesellschaft erscheint, so schwerwiegend gestalten sich in seinen Augen die Schwierigkeiten, die einem solchen Unterfangen entgegenstehen. Weder gibt es ein homogenes Gegenüber noch ist eine kollektive Selbstverständigung über die Externalisierungskosten wahrscheinlich. Was bleibt? Politisierung und Kollektivierung und der Übergang vom „Empört Euch!“ zum „Tut was!“ werden als Rezepte in die Diskussion gestellt. Dass das noch viel zu wenig ist, um der Externalisierungsgesellschaft Zügel anzulegen, weiß Stephan Lessenich natürlich selbst. Mit seinem streitbaren Buch hat er aber zumindest einen wichtigen Anstoß für eine überfällige Diskussion gegeben.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.