Neue Toolbox für die Gewaltforschung

Rezension zu "Gewalt erklären! Plädoyer für eine entdeckende Prozesssoziologie" von Thomas Hoebel und Wolfgang Knöbl

In ihrer gemeinsam verfassten Monografie konfrontieren Thomas Hoebel und Wolfgang Knöbl, beide historisch interessierte Soziologen am Hamburger Institut für Sozialforschung, die sozialwissenschaftliche Gewaltforschung der jüngeren Vergangenheit nicht nur mit ihren Schwächen. Sie versuchen zugleich, auch deren Errungenschaften zu retten. Mit guten Gründen attestieren sie der Gewaltforschung eine gewisse Stagnation, die sie auf vereinseitigte Erklärungsmodelle und darauf zurückführen, dass sich einschlägige Studien und Ansätze über ihre explikativen Ansprüche häufig nicht ausreichend Klarheit verschaffen. Wie der Titel des Buches unschwer erkennen lässt, verteidigen sie den Erklärungsanspruch der Gewaltforschung. Doch legen ihre Ausführungen auch Rechenschaft darüber ab, was es bedeuten kann, Gewaltphänomene zu „erklären“. Dabei geht das Autorengespann weit über den gegenwärtigen Diskurs der sozialwissenschaftlichen Gewaltforschung hinaus und greift auf die elaborierte Diskussion über Kausalität und Kausalerklärungen zurück, wie sie in der Philosophie und Wissenschaftstheorie geführt wurde. Schon die Breite dieses Vorgehens ist ungewöhnlich an einem Buch, das sowohl ordnende Schneisen in das Dickicht der existierenden Gewaltforschung schlägt als der weiteren Forschung auch ernstzunehmende konzeptionelle Anregung und Orientierung bietet.

Die ersten beiden Kapitel wenden sich gleichermaßen gegen einen Skeptizismus, der Kausalerklärungen zugunsten von Beschreibungen aufzugeben bereit ist, wie gegen ein unnötig enges Verständnis von Kausalbeziehungen, das seinerseits wiederum für die explikative Enthaltsamkeit weiter Teile der Gewaltforschung sorgt. Dabei verweisen die Verfasser auf den pikanten Umstand, dass lange Zeit die quantitative Forschung die Möglichkeit kausaler Analysen zurückgewiesen hat und nunmehr die qualitative Forschung diesen Part bereitwillig übernommen hat. Legt man freilich das deduktiv-nomologische Hempel-Oppenheim-Schema, das allgemeine Gesetzesaussagen nach dem Muster „immer wenn ‒ dann“ postuliert, als Maßstab zugrunde, wird die Analyse von Gewaltphänomenen schwerlich je kausale Erklärungsansprüche erheben können. Daran lassen die Autoren keinen Zweifel, um im selben Atemzug darauf zu verweisen, dass die korrelationsstatistische Ursachenforschung der sogenannten Standard Causal Analysis mit dem notorischen Problem konfrontiert ist, begründen zu müssen, weshalb und inwiefern nur stochastische eo ipso auch kausale Zusammenhänge erfasst werden sollen.

Vor diesem Hintergrund suchen Hoebel und Knöbl nach einem erweiterten Verständnis von Kausalität und Erklärung, welches auch der ethnografischen und historischen Forschung gerecht zu werden vermag. Unter ihren Gewährsleuten für dieses Unterfangen spielen Andrew Abbott und Daniel Little, die jeweils unterschiedliche Typen explanatorischer Aussagen unterscheiden, eine herausragende Rolle (vgl. insb. S. 56 ff.). Die Autoren machen sich für Auffassungen stark, die jede dichotomische Entgegensetzung von Verstehen und Erklären, Narrativität und Kausalität grundsätzlich unterlaufen. Dabei folgen sie der epistemologischen Position des hermeneutischen Realismus im Anschluss an Anton Friedrich Koch, die im Kern besagt, dass eine reale Welt zwar unabhängig davon existiert, wie wir sie deuten, unsere Deutungen jedoch ein irreduzibler Teil dieser Realität sind. Dank dieser Position schieben sie einem konstruktivistischen Relativismus, der gegenstandsadäquate nicht vor beliebig anderen Erklärungsversuchen auszeichnen zu können glaubt, einen Riegel vor, ohne damit die notwendige Reflexivität der eingenommenen analytischen Perspektive ausrangieren zu wollen. Mit dieser Epistemologie und ihrem diversifizierten Verständnis kausaler Wirkzusammenhänge versetzt sich das Autorenduo in die Lage, eine Reihe von Kurzschlüssen und Selbstmissverständnissen neuerer Ansätze der Gewaltforschung ‒ von Trutz von Trotha bis Jan Philipp Reemtsma und Randall Collins ‒ aufzudecken.

Gleichwohl bieten die so kritisierten Ansätze das Material für die Rekonstruktion der kausalen Heuristiken, die den Autoren zufolge in der gegenwärtigen Gewaltforschung leitend sind. Im dritten Kapitel unterscheiden Hoebel und Knöbl drei solcher Heuristiken, die unter den Stichworten Motive, Situationen und Konstellationen firmieren. Damit liefern sie nicht nur eine enorm hilfreiche Systematisierung, sondern erbringen auch den Nachweis dafür, dass alle diese kausalen Heuristiken intern an ihre Grenzen stoßen und immer wieder Anleihen bei explikativen Mustern machen müssen, die zu anderen Heuristiken gehören. Alle drei Heuristiken erweisen sich demnach nicht nur als defizitär, wenn man sie verabsolutiert, sondern auch als unverzichtbar.

Allerdings verbinden die Autoren mit den kausalen Heuristiken bisweilen Zusatzannahmen, die nicht notwendigerweise mit ihnen verknüpft sind. Dies gilt insbesondere für ihre Darstellung ursächlicher Erklärungen, die auf die Motive von Akteurinnen und Akteuren rekurrieren. Meisterlich erläutern sie die Probleme, Fallen und Irrungen von Motivzuschreibungen, freilich unterstellen sie etwas vorschnell, die Forschung gehe immer von statischen Motiven aus: als hätten Akteurinnen und Akteure vor einem Gewaltausbruch bestimmte Motive, die sie im ganzen Verlauf des Gewaltgeschehens unverändert durchexerzieren. Eine solche Vorstellung wäre gerade angesichts langanhaltender gewaltförmiger Konflikte eine ziemlich merkwürdige Annahme. Ebenso fraglich ist, ob bei kollektiven Gewalthandlungen allen auf derselben Seite aktiv Beteiligten die gleichen Motive unterstellt werden dürfen. Das tun die Verfasser keineswegs, gleichwohl ist es irritierend, dass sie ausgerechnet anhand der Studie von Stathis N. Kalyvas, in deren Mittelpunkt der Bürgerkrieg auf der nordöstlichen Peleponnes während der Besatzung durch die deutsche Wehrmacht steht, die Begrenztheit eines motivbezogenen Erklärungsansatzes belegen wollen. Das von Kalyvas untersuchte Phänomen ist schlicht zu vielschichtig für einen solchen Ansatz; faktisch waren derart zahlreiche Kontextfaktoren im Spiel, dass eine sich allein auf Motivlagen kaprizierende Analyse hoffnungslos unterkomplex ausfallen muss. Bei der Untersuchung häuslicher Gewalt zwischen Paaren hingegen erweist sich die Rekonstruktion von Handlungsmotiven als recht erfolgreich. So konnte etwa Norman K. Denzin zeigen, dass männliche Gewaltausübung einen prekären Versuch darstellt, etwas Verlorenes zurückzugewinnen, nämlich die Kontrolle über die Frau und ihre Zuwendung.[1] Aber auch bei solchen Motivrekonstruktionen sollte man sich stets die kulturellen Kontexte vergegenwärtigen, die in jede Motiväußerung von Akteurinnen und Akteuren eingehen: „Lernen, was ein Motiv ist, gehört dem Erlernen der Standards an, die das Leben in der Gesellschaft beherrschen, in der man lebt.“[2] Ohne die Berücksichtigung von gesellschaftlichen Kontexten kommt eine nicht-reduktionistische Gewaltforschung also ebenso wenig aus wie ohne die Rekonstruktion von situativen Handlungsdynamiken, die wiederum auf Motive zurückwirken. In diese Richtung zielen die beiden Autoren und man wird darin gewiss einen wesentlichen Aspekt des Hermeneutischen an ihrem epistemischen Realismus erblicken dürfen.

Bei der Heuristik der Situation, die entlang der interaktionistischen Gewaltsoziologie von Randall Collins sowie des performativitätstheoretischen Ansatzes von Lee Ann Fujii diskutiert wird, stellen die Verfasser komplementäre Aporien fest. Solchen Zugängen wissen sie sehr viel abzugewinnen, zugleich legen sie jedoch überzeugend dar, dass sich situationistische Ansätze für sich genommen nicht konsequent durchhalten lassen. Bei der dritten Heuristik, jener der Konstellation, werden teilweise derart opake und wirre Ansätze vorgeführt, dass man sich fragt, ob sie es überhaupt verdienen, in die dargebotene Trias der Heuristiken aufgenommen zu werden. Im Grunde ist zu bezweifeln, dass es sich überhaupt um eigenständige Ansätze handelt. Oft ist nämlich nicht einmal klar, was wodurch erklärt werden soll, was als Explanandum und was als Explanans fungiert, wie es etwa bei Jörg Baberowskis Konzept des Gewaltraums der Fall ist. Hoebel und Knöbl verwerfen die Heuristik der Konstellation nicht einfach, versäumen es aber auch, unmissverständlich zu klären, in welcher Weise sie von Konstellationen sprechen. Während man zunächst an figurationssoziologische Ansätze denken könnte, verstehen sie unter Konstellationen eher makroskopische und strukturelle Rahmenbedingungen, wie etwa das Vorhandensein oder das Fehlen eines staatlichen Gewaltmonopols oder den situationsübergreifenden Kontext gewaltorientierter Organisationen mit generalisierten Verhaltenserwartungen und spezifischen Indifferenzzonen. Dass solche Rahmenbedingungen für die Analyse organisierter Gewalt alles andere als irrelevant sind, liegt auf der Hand, freilich decken sie ein extrem breites Feld ab, das gewiss weiterer Differenzierung zugänglich wäre. Bei Hoebel und Knöbl drängt sich jedoch gelegentlich der Eindruck auf, als handelte es sich beim gewaltsoziologisch ins Spiel gebrachten Konzept der „Konstellation“ lediglich um eine große Residualkategorie. Sehr deutlich machen sie dagegen, dass auch konstellations- und strukturbezogene Erklärungen ohne Motivrekonstruktionen und die Berücksichtigung situativer Dynamiken nicht auskommen.

Damit versteht es sich fast von selbst, dass die beiden Autoren die Mikro-Makro-Semantik als einen Holzweg für die Gewaltforschung betrachten. Diese Einschätzung begründen sie eingehend in einem vierten Kapitel, um sodann einen methodologischen Ausweg aus dieser Sackgasse vorzuschlagen. Im fünften Kapitel stellen sie ihren prozessualen Erklärungsansatz vor. Kausalität basiert nach diesem Ansatz auf Sequenzialität, also auf der zeitlichen Abfolge von Ereignissen und ihrer Verkettung. An dieser Sequenzialität wirken die beteiligten Akteure durch ihre Deutungen, Aktionen und Beziehungen mit; sie wird von ihnen hervorgebracht und soll, so die Verfasser, durch ereignissequenzielle Fallanalysen (Casing) rekonstruiert und auf ihre ursächlichen Zusammenhänge hin (Causing) untersucht werden. Zweifelsohne genießen solche Prozessanalysen hohe Plausibilität und die Verfasser können anhand einiger Studien von Thomas Hoebel deren Fruchtbarkeit demonstrieren. In aller Klarheit verweisen sie auch auf die epistemologischen und methodologischen Voraussetzungen temporaler Kausalanalysen. Allerdings stellt sich die Frage, ob bei Lichte besehen nicht jede Erklärung auf Sequenzialität beruht: Müssen die Motive nicht schon vor den Gewalthandlungen vorhanden gewesen oder im Vollzug derselben entstanden sein, um ihr Zustandekommen und ihren Verlauf erklären zu können? Müssen die situativen Einflussgrößen nicht schon obwalten, bevor sie gewalttätige Reaktionen hervorrufen können? Müssen strukturelle oder organisationale Kontextbedingungen nicht schon ihre Wirkung entfaltet haben, ehe sie als ursächlich für Gewalttaten gelten können? Allen diese Rückfragen würden Hoebel und Knöbl wohl zustimmen, weshalb man sich wünscht, dass sie mehr Mühe darauf verwendet hätten, zu spezifizieren, worin ihr prozesstheoretischer Ansatz denn genau und im Einzelnen über die genannten kausalen Heuristiken hinausgeht. So legt sich die Auffassung nahe, ihr Ansatz beschränke sich darauf, jene Heuristiken in ein Modell zu integrieren. Zweifelsohne wäre diese ebenso analytische wie synthetisierende Leistung bereits mehr als genug. Indessen scheinen die Autoren ihren prozesssoziologischen Ansatz doch als eine vierte, eigenständige kausale Heuristik zu begreifen (siehe S. 158).

Insgesamt orientiert sich das Buch stärker an Andrew Abbotts und John Levi Martins Überlegungen zu Erklärungstypen und kausalen Heurisiken als an Daniel Klein, der nicht zuletzt zwischen funktionalistischen und mechanismischen Erklärungstheorien unterschieden hat. Die an diesen Dualismus angelehnten Erklärungstypen werden zwar eingeführt (S. 57 f.), spielen jedoch im Anschluss allenfalls eine untergeordnete, jedenfalls keine systematisierende Rolle mehr. Gerade beim mechanismischen Erklären, das eine fallübergreifende Relevanz für sich reklamiert, schöpfen die Verfasser die Potenziale für die Gewaltforschung gewiss nicht aus, selbst wenn sie ihre entdeckende Prozesssoziologie gelegentlich in dessen Nähe rücken (vgl. insb. S. 179 ff.). Ebenso bleibt die Rolle komparativer Studien für die Erklärung von Gewalt unterbelichtet. Und wenn wir uns schon in der Rubrik „Hätte und Könnte“ bewegen, sei auch noch festgehalten, dass eine Auseinandersetzung mit der Frage nahegelegen hätte, welche Erklärungsansätze und Kausalitätsmodelle für welche Form der Gewalt besonders vielversprechend wären, beschäftigt sich die Gewaltforschung doch mit einer ausgesprochen heterogenen Palette von Phänomen, zu denen interpersonale Akte von Gewaltanwendung ebenso gehören wie kollektive Gewaltpraktiken bis hin zu kriegerischen Auseinandersetzungen.

Damit sind lediglich ein paar Rückfragen an ein Buch gerichtet, das die Gewaltforschung in ganz wesentlichen Punkten voranbringen kann. Es liest sich wie eine Anleitung, die künftiger Forschung anempfiehlt, sich ihres jeweiligen Erklärungsanspruchs zu vergewissern, ihn möglichst konsequent umzusetzen und zugleich mit Blick auf die eigenen sozialwissenschaftlichen Konstruktionsleistungen in reflexiver Weise zu verfolgen. Dabei erscheint das Buch von Hoebel und Knöbl zweifelsohne zur rechten Zeit. Weit über eine enge Methodendiskussion hinausgehend, stellt es reichlich Rüstzeug für die Beantwortung von Fragen der Operationalisierung einer anspruchsvollen Gewaltsoziologe bereit, die verbreitete Einseitigkeiten überwindet und sich von falschen epistemischen Selbstbeschränkungen befreit. Und ganz nebenbei lernt man von den überaus kundigen Autoren viel über die soziologische, ethnologische und historische Gewaltforschung unserer Tage.

Fußnoten

[1] Norman K. Denzin, Toward a Phenomenology of Domestic, Family Violence, in: American Journal of Sociology 90(1984), 3, S. 483‒513.

[2] Peter Winch, Die Idee der Sozialwissenschaft und ihr Verhältnis zur Philosophie, Frankfurt am Main 1974, S. 107.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer.