Nicht viel Neues von der Feuerfront

Rezension zu "Disasters. A Sociological Approach" von Kathleen Tierney

Ein einsamer Feuerwehrmann vor einem Flammenmeer, darüber in großen Lettern: Disasters. Wäre da nicht der Untertitel A Sociological Approach, käme man beim Anblick dieses Buchumschlags kaum auf die Idee, dass es hier um Soziologie gehen soll. Dass Katastrophen aber sehr wohl ein Gegenstand sind, dessen soziologische Analyse sich lohnt, demonstriert Kathleen Tierney mit ihrem neuen Buch. Hierin zeigt die Autorin, was einen soziologischen Ansatz zum Themenfeld Katastrophen ausmacht und gewährt ihren Leserinnen und Lesern einen Einblick in die mittlerweile beinahe 100 Jahre andauernde soziologische Auseinandersetzung mit dem Katastrophalen.

Trotz des relativ langen Bestehens der Katastrophensoziologie und ihrer Nähe zur Krise – einem der zentralen Gegenstände soziologischen Denkens – hat es dieser Forschungszweig bisher kaum in den soziologischen Mainstream geschafft. Vielmehr blieb er immer eine eher randständige Bindestrichsoziologie. Daraus sollte jedoch keineswegs der Schluss gezogen werden, es gäbe keine katastrophensoziologischen Forschungstraditionen, -schulen und etablierte Forschungseinrichtungen. Es gibt sie und Tierney, die Autorin des in Rede stehenden Buches, entstammt den bekanntesten. Bereits im Studium mit Katastrophen als Gegenstand soziologischen Denkens in Berührung gekommen, wurde sie nach einigen akademischen Positionen 1995 Ko-Direktorin am Disaster Research Center in Delaware; anschließend war sie von 2003 bis 2016 Direktorin des Natural Hazards Centers in Colorado und damit an leitender Stelle der beiden in den USA, wenn nicht gar weltweit führenden katastrophensoziologischen Einrichtungen tätig. Hier ist also eine profunde Kennerin und zugleich maßgebliche Akteurin im Feld der Katastrophensoziologie am Werk, deren Stellung in diesem Forschungszweig nach dem Tod der institutionellen Gründungsväter Enrico L. Quarantelli 2017 und Russell R. Dynes 2019 nochmals weiter in den Vordergrund rückte.

Diese besondere Stellung ist ein Gewinn, aber zugleich auch eine Hypothek für das Buch, haben wir es doch mit einer ausgezeichneten Wissenschaftlerin zu tun, die über detailreiches historisches Wissen auch über disziplinäre Grenzen hinweg verfügt. Gleichzeitig ist die Autorin eine Person, die mittlerweile eine, wenn nicht gar die herausragende Repräsentantin des US-amerikanischen Diskurses ist – und entsprechend den Narrativen sowie der Orthodoxie des Forschungsfeldes verhaftet, das sie selbst so stark geprägt hat und für das sie stellvertretend steht. Bei Disasters handelt es sich daher nicht um einen neuen Ansatz zur soziologischen Katastrophenanalyse oder eine klare Positionierung mit steiler These, sondern eher um eine Art Bestandsaufnahme und einen Überblick über die Geschichte des Forschungsfeldes, seiner wichtigsten Errungenschaften und die Darstellung konsolidierten sowie empirisch gesicherten Wissens.

In diesem Bestreben ist das Buch eindeutig auf den US-amerikanischen, bestenfalls noch nordamerikanischen Diskurs verengt – der sicherlich eine herausgehobene Stellung genießt, aber keineswegs der einzige ist. An einigen Stellen wird zwar eine internationale Perspektive eingenommen, doch gewinnt man hier schnell den Eindruck, die ansonsten kohärente, den nordamerikanischen Diskurs betreffende Gesamtdarstellung wäre zu Gunsten eher zufälliger Fallbeispiele unterbrochen worden. Dieser besondere Fokus des Buches bringt verschiedene Begrenzungen mit sich, die erwähnt werden müssen: Die betrachteten Katastrophen sowie die soziokulturellen Kontexte, die der Analyse unterzogen werden, sind global betrachtet auf einen engen geografischen Raum begrenzt. Am Rande kommen zwar auch Ereignisse wie der 2004 die Küsten Südostasiens überschwemmende Tsunami, das 2010 Haiti oder das 2011 Tōhoku erschütternde Erdbeben vor – von denen letzteres hierzulande insbesondere im Kontext von Fukushima erinnert wird –, der Fokus liegt jedoch ganz eindeutig auf den USA, minimal ergänzt um Kanada. Zwar sind gerade die USA das Land, in dem sich ökonomische Katastrophenschäden wie in keinem anderen akkumulieren, jedoch sollte diese Tatsache nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich Katastrophen auch in anderen Weltregionen ereignen, insbesondere im Globalen Süden, wo die meisten Todesopfer durch Katastrophen zu verzeichnen sind – was in diesem Buch nur wenig Berücksichtigung findet. Auch sollte Lesern wie Leserinnen bewusst sein, das sowohl die zugrunde liegenden Erkenntnisinteressen als auch die betrachteten sozialen Gruppen primär der Perspektive westlicher Industriegesellschaften, teilweise auch nur der US-amerikanischen Gesellschaft, entstammen und die präsentierten Erkenntnisse damit ebenfalls primär Validität für diese begrenzten Kontexte beanspruchen können.

Das Buch ist thematisch gegliedert; dabei bauen die einzelnen Kapitel nur bedingt aufeinander auf, vielmehr stehen sie – von einigen Querverweisen abgesehen – mehr oder weniger für sich allein. Das Buch beginnt mit einem einführenden Kapitel, das den sozialen Charakter beziehungsweise die soziale Bedeutung von Katastrophen darlegt und zentrale Begriffe einführt. Schon hier wird deutlich, welch weitreichende soziale Folgen Katastrophen haben, warum (Natur-)Gefahren als physikalische Prozesse etwas anderes sind als Katastrophen, die sich ganz im Sinne Durkheims nur als genuin soziale Prozesse mit entsprechend sozialen Ursachen und sozialen Folgen sinnvoll fassen lassen. Zudem erläutert Tierney, warum es aus analytischer Perspektive notwendig ist, mit Emergencies, Disasters und Catastrophes unterschiedliche Schweregrade von Katastrophen zu differenzieren und diese als qualitativ unterschiedliche soziale Prozesse aufzufassen, die entsprechend unterschiedliche gesellschaftliche wie politische Auswirkungen und Grade von Betroffenheit nach sich ziehen, unterschiedliche soziale Reaktionsweisen bedingen sowie unterschiedliche Bewältigungsformen erfordern.

Im zweiten Kapitel, das in seiner Verdichtung zu den besten des Buches zählt, erfolgt eine historisierende Verortung der soziologischen Katastrophenforschung in den USA beginnend mit ersten soziologischen Auseinandersetzungen zum Thema in den 1920er- und 1930er-Jahren. Die Geschichte in den Folgejahren ist stark von anwendungsorientierten Fragestellungen dominiert, etwa den strategischen Bombensurveys des US-Militärs, das sich im Kontext des Zweiten Weltkrieges die Frage stellte, ab wann Gesellschaften so sehr durch Zerstörung und Entbehrung in Mitleidenschaft gezogen werden, dass ihre soziale Kohäsion sich auflöst und ganze Gesellschaften zerbrechen – eine grundlegend soziologische Fragestellung also, die das Forschungsfeld bis zum heutigen Tage umtreibt, auch wenn andere Ereignistypen in den Vordergrund rückten. Auch während des Kalten Krieges blieb die Nähe zu anwendungsorientierten Fragestellungen bestehen, etwa wenn es um das Verhalten der eigenen Bevölkerung im Angesicht vielfältiger Gefahren – von klassischen Naturgefahren wie beispielsweise Hurrikans und Hochwasser bis zu einem Angriff mit Atomwaffen – ging und um die Frage, was Menschen dazu motiviert oder auch daran hindert, geeignete Schutzmaßnahmen zur Abwehr von Naturgefahren und bedrohlichen Umweltphänomenen zu ergreifen.

Tierney legt weiterhin dar, wie im Lauf der Zeit auch andere soziale Krisen und Konfliktsituationen etwa im Kontext der sogenannten Watts Riots Mitte der 1960er-Jahre zum Gegenstand der Forschung wurden, die sich zunehmend in den eingangs erwähnten Forschungszentren institutionalisierte. Entscheidende neue Impulse erhielt das Feld in den 1980er-Jahren durch die radikale, im Kern soziologische Kritik am Umgang mit Katastrophen, die vor allem von sozialwissenschaftlich orientierten Geograf*innen formuliert wurde: Katastrophen seien keine durch exogene Ursachen hervorgerufenen Störungen gesellschaftlicher Normalität, sondern extreme Auswüchse alltäglicher endogener soziopolitischer wie ökonomischer Prozesse. Zudem sei der technokratische Glaube an Katastrophenrisikoreduktion durch Naturbeherrschung und technische Maßnahmen Teil eines vorherrschenden, Katastrophen überhaupt erst ermöglichenden Diskurses, wie beispielsweise Kenneth Hewitt[1] unter Rekurs auf Foucault argumentierte.

Den letzten bedeutsamen Richtungswechsel des Forschungsfeldes verortet Tierney nach 9/11 und Hurrikan Katrina. Die daran anschließenden Veränderungen der Architektur des Katastrophenmanagements in den USA – weg von einem primär auf Naturgefahren ausgerichteten Ansatz hin zu einer umfassenden, auch terroristische Gefährdungen einbeziehenden Homeland Security – haben einerseits den Gegenstandsbereich erweitert, andererseits aber auch die in diesem Themengebiet aktiven Wissenschaftler*innen zu kritischen Positionierungen gegenüber dieser Ausweitung herausgefordert.

Im nachfolgenden Kapitel setzt sich Tierney mit den Beiträgen aus benachbarten Disziplinen wie der Anthropologie, der Psychologie, der Volkswirtschaftslehre, der Geografie, den Politik- und Verwaltungswissenschaften, der Stadtplanung sowie deren Bedeutung für die soziologische Katastrophenforschung auseinander. An dieser Stelle wird mehr als deutlich, dass der Gegenstandsbereich der Katastrophen aufgrund ihrer komplexen Entstehung sowie der ebenso komplexen als auch weitreichenden Folgewirkungen eigentlich nur vermittels einer interdisziplinären Analyse zu erfassen ist, auch wenn sich genuin soziologische Ansätze zur Analyse abgrenzen lassen.

Diese theoretischen Ansätze und Perspektiven werden von der Autorin in einem gesonderten Kapitel diskutiert. Sie argumentiert dabei überzeugend, dass es einen bedeutenden Unterschied macht, Katastrophen als sozial produziert oder als sozial konstruiert zu begreifen. Beide Zugänge seien für die soziologische Analyse von Katastrophen zentral, Tierney geht es aber insbesondere um den Konstruktionscharakter von Katastrophen, da „hazards and disaster […] are shaped by narratives, discourses, institutional practices, and other factors“ (S. 66). Die Autorin verdeutlicht das vor allem an der sozialen Konstruktion von (Nicht-)Wissen um Katastrophen(gefahren), während sie im Kontext der sozialen Produktion von Katastrophen die Bedeutung und Funktionsweise politischer Ökonomien auf verschiedenen sozialen Ebenen – vom Globalen über das Nationale bis hin zum Lokalen – betont.

Auch wenn Tierney soziale Ursachen, die politische Ökonomie und den Konstruktionscharakter von Katastrophen hervorhebt, bleibt leider im ganzen Buch die Frage unbeantwortet, wie Katastrophen selbst als Gegenstand soziologischer Forschung gedacht werden können. Während sich jede Seite des Bandes aus soziologischer Perspektive mit den Ursachen, Folgen und dem Umgang mit Katastrophen befasst, bleibt eine soziologische Definition der Katastrophe auf der Strecke. Klassische, mittlerweile überkommene ereigniszentrierte Definitionen werden für die Ausblendung des Prozesscharakters und die Verdinglichung von Katastrophen kritisiert, die entstehende Leerstelle bleibt jedoch unbesetzt und Tierney selbst muss wieder auf ein „naives“ Alltagsverständnis von Katastrophen zurückgreifen. Auch wenn sich der US-amerikanische Diskurs generell stark empirisch orientiert und sich eher wenig theorielastig darstellt, so muss man doch konstatieren, dass das Forschungsfeld in der Vergangenheit schon deutlich weiter war: Die beiden Meilensteinpublikationen zum Thema What is a Disaster?[2] erwähnt Tierney kaum und rezipiert sie noch weniger, dabei fänden sich hier und darüber hinaus höchst interessante Ansätze, die Katastrophen genuin soziologisch als kollektive Stresssituationen[3], als fehlverlaufende Mensch-Umwelt-Interaktionen[4] oder als Real-Falsifikation kollektiver Ordnungsstrategien[5] konzipieren – von der Katastrophe als umfassendem gesellschaftlichen Entflechtungsprozess, bei dem sich über Jahre aufgebaute soziale Tausch- und Sanktionssysteme sowie entsprechende soziale Erwartungen schlagartig in Form radikalen, rapiden und neue Erklärungsmuster erfordernden „krassen“ (Lars Clausen) sozialen Wandels[6] auflösen, ganz zu schweigen. Eine Erinnerung an diese Ansätze des Forschungsfeldes, vielleicht sogar eine Reaktualisierung oder Wiederbelebung der Debatten darum, wie sich Katastrophen soziologisch fassen lassen, hätte der Darstellung gutgetan, da gerade die theoretisch-konzeptionellen Ansätze gesellschaftstheoretische Erkenntnisse über Katastrophen bereithalten, die die Besonderheit der soziologischen Betrachtung unterstreichen und zugleich auch anschlussfähig an andere soziologische Debatten wären.

Tierney – und auch hier bleibt sie dem Mainstream der US-amerikanischen Katastrophensoziologie treu – stellt stattdessen eher Theorien mittlerer Reichweite vor, die Katastrophen nicht in Gänze, sondern eher mit ihnen assoziierte social problems in den Blick nehmen. So werden gut gesicherte empirische Erkenntnisse sowie, wenn auch eher marginal, deren theoretische Einbettung zum Thema des menschlichen Verhaltens in Katastrophen präsentiert, etwa anhand der scheinbar nie an Aktualität einbüßenden Frage, ob und gegebenenfalls wann Menschen im Verlauf von Katastrophen in Panik verfallen. Gleiches gilt für weitere klassische Themen der katastrophensoziologischen Forschung, beispielsweise für die Emergenz von Gruppen in Katastrophensituationen, die Improvisation in Krisen sowie handlungstheoretische Erklärungsansätze und Modelle für Warn- und Schutzhandlungen in Katastrophensituationen.

Ein weiteres Kapitel, das fünfte des Buches, setzt sich mit den besonderen methodischen und (forschungs-)ethischen Herausforderungen soziologischer Katastrophenforschung auseinander. Die von Tierney dargelegten diesbezüglichen Hürden der Katastrophenforschung beziehen sich in der Darstellung primär auf den angelsächsischen Kontext, da in vielen Ländern Europas und insbesondere in Deutschland keine vergleichbaren Institutional Review Boards über die Einhaltung forschungsethischer Grundsätze wachen.[7] Jenseits der Forschungsethik treten jedoch unabhängig vom akademischen Setting besondere forschungspraktische Herausforderungen zutage, etwa mit Blick auf Feldzugänge und die Sicherheit der Wissenschaftler*innen bei der Durchführung empirischer Feldforschung nach Katastrophen sowie besondere methodische Herausforderungen, beispielsweise beim Sampling von sozialen Gruppen, die durch Katastrophen grundlegend in ihrer Struktur und Zusammensetzung verändert wurden. Hier kann Tierney deutlich machen, dass die Katastrophensoziologie sich nicht nur über ihren Gegenstandsbereich, sondern auch über besondere forschungspraktische und methodische Spezifika definiert.

Gleich zwei Kapitel befassen sich mit Vulnerabilität und Resilienz gegenüber Katastrophen, also vereinfacht gesprochen mit der Frage, was beziehungsweise welche sozialen Faktoren bestimmte soziale Gruppen einerseits besonders anfällig für Katastrophenschäden machen und welche Faktoren diese Gruppen andererseits aber auch besonders widerstands- respektive anpassungsfähig gegenüber Katastrophen machen können. Tierney betont überzeugend die Notwendigkeit eines anti-essentialistischen Verständnisses von Vulnerabilität, das diese nicht als eine Personengruppen inhärente Eigenschaft, sondern als das Ergebnis sozialer Marginalisierungsprozesse versteht. Außerdem plädiert die Autorin für ein komplexes, intersektionales Verständnis von Vulnerabilität, bei dem nicht singuläre Faktoren, sondern „multiple dimensions of stratification and inequality come together to shape people’s life circumstances and life changes“ (S. 127) – in diesem Fall geht es um nicht weniger als ganz reale Überlebenschancen. Nach diesen grundsätzlichen Verortungen folgt eine umfassende Darstellung des Forschungsstandes, indem empirische Belege für den Zusammenhang zwischen der spezifischen Vulnerabilität gegenüber Katastrophen und Variablen wie soziale Klasse, Ethnie, Gender, Alter, physische Einschränkungen, sexuelle Orientierungen, Staatsbürgerschaft und so weiter vorgestellt werden. Mit dieser breiten Darstellung des Forschungsstandes kann Tierney zeigen, in welch großem Ausmaß die unterschiedliche Betroffenheit von Personengruppen im Falle von Katastrophen sozial bestimmt wird und warum gerade die soziologische Analyse von Katastrophen so wichtig und notwendig ist.

Der Diskurs um Resilienz gegenüber Katastrophen ist mittlerweile schlicht nicht mehr zu überblicken, weil die theoretischen Ansätze, empirischen Anwendungen sowie die generelle Kritik am Konzept allzu vielfältig sind. Tierney tut daher in ihren Ausführungen gut daran, insbesondere die Bedeutung von Sozialkapital für Resilienz herauszuarbeiten und dabei auch die kritische Sicht auf die Janusköpfigkeit sowohl des Sozialkapitals als auch von Resilienz nicht zu kurz kommen zu lassen. Die Darstellung von Möglichkeiten der empirischen Messung von Resilienz fällt zwar knapp aus, zeigt aber grundsätzlich, welche unterschiedlichen Faktoren hierbei Berücksichtigung finden sollten.

Je näher das Buch seinem Ende kommt, desto mehr hofft die geneigte Leserin, der geneigte Leser auf eine kritische Gegenwartsanalyse, wie die Autorin sie etwa mit ihrer Kritik an der Übertragung des Diskurses über den sogenannten War on Terror und entsprechenden medialen Frames der Kriegsberichterstattung auf Katastrophenkontexte – man denke an die Bezeichnung „war zone“ für New Orleans nach dem Hurrikan Katrina – geäußert hat.[8] Die von Tierney eingenommene Perspektive auf Gegenwart und Zukunft fällt allerdings allzu vorsichtig aus und erschöpft sich weitestgehend in der Aufzählung potenzieller, bereits von anderen Autor*innen prognostizierter Katastrophen des 21. Jahrhunderts, die durch vielfältige Entwicklungen zum Teil schon von der Realität überholt scheinen.

Angesichts der verschiedenen Entwicklungen mit Katastrophenpotenzial wie etwa der Konzentration sogenannter kritischer Infrastrukturen, anthropogen induzierter Erdbeben, neuer Pandemien sowie des Klimawandels sieht Tierney nur zwei mögliche Entwicklungen: „business as usual; or the adoption of measures that can dramatically reduce vulnerability and contain losses“ (S. 226). Während die erste Möglichkeit künftig weiter steigende Zahlen an Katastrophentoten und -schäden mit sich brächte, gleichzeitig aber eine Erhöhung der Resilienz angesichts dieser Herausforderungen nur wenig Linderung verspräche, erachtet Tierney radikale soziale Transformationen, die den sozialen Ursachen von Katastrophen entgegenwirken, als unerlässlich. Wie solche Transformationen gestaltet und umgesetzt werden sollten, darüber schweigt sich die Autorin jedoch aus und verweist am Ende des Buches allein auf die Notwendigkeit, diejenigen hegemonialen Machtstrukturen, die für die Entstehung sozialer Vulnerabilität und die Akkumulation von Katastrophenrisiken verantwortlich sind, beständig herauszufordern und auf deren Veränderung zu drängen.

Es mag ein europäischer Blick sein, aber dass angesichts derartiger Überlegungen die gegenwärtige politische Verfasstheit und die Verhältnisse in den USA nicht (explizit) zur Sprache kommen, obwohl die gegenwärtige Administration mit einer ganzen Reihe von politischen Entscheidungen soziale Katastrophenrisiken verschärft, den Klimawandel leugnet und es immer wieder zu politisch motivierten Restrukturierungen bei der Federal Emergency Management Agency (FEMA) und dem Department of Homeland Security (DHS) kommt – von Donald Trumps Agieren in Puerto Rico nach Hurrikan Maria ganz zu schweigen –, mutet im Jahr 2019 reichlich gegenwartsvergessen und geradezu unsoziologisch an. Auch wenn die US-amerikanische Tradition der Katastrophensoziologie gesellschaftliche Fragmentierungen und soziale Konflikte vielleicht weniger stark als Katastrophenursachen oder zumindest -faktoren berücksichtigt als es die europäische Debatte tut, sollten derartige Gedanken auch der US-amerikanischen Katastrophensoziologie nicht gänzlich abgehen. Schließlich fänden sich entsprechende Anleihen etwa in der Konfliktsoziologie, mit ihren klassischen Studien zu sogenannten Racial Riots in den 1960er- und 1970er-Jahren sowie dem Wissen, dass vor allem der sozialen Kohäsion und der inneren Verfasstheit von Gesellschaften entscheidendes Gewicht zukommt, wenn es darum geht, ob Katastrophen sozial integrativ oder desintegrierend wirken und ob sich eher pro- oder eher antisoziale Verhaltensweisen in Katastrophen zeigen. Kurzum, es gäbe allerhand Anschlussmöglichkeiten, wenn nicht gar -notwendigkeiten, einen katastrophensoziologischen Blick auf die US-amerikanische Gegenwart und die in ihr entstehenden Katastrophenrisiken zu werfen.

Dass derartige Betrachtungen ausbleiben, ist dem Charakter des Buches geschuldet, das insbesondere eine retrospektive Darstellung der Errungenschaften des Feldes sein will und daher aktuelle Positionierungen vermeidet. Es präsentiert vor allem die klassischen Ansätze und Traditionslinien sowie empirisch gut abgesicherte, aber wenig kontroverse Erkenntnisse. Wirklich Neues findet sich nur an wenigen Stellen und dann auch eher in linearer Fortschreibung bestehender Trajektorien, so beispielswiese bei der Verortung des Forschungsfeldes im 21. Jahrhundert, der Notwendigkeit intersektionaler Vulnerabilitätsansätze oder des Klimawandels als künftig noch wichtigeres Thema. Dass das Buch dennoch sowohl für Personen, die sich bislang wenig mit der soziologischen Katastrophenforschung beschäftigt haben, als auch für solche interessant ist, die das bereits getan haben, liegt an Tierneys Erfahrung und der Syntheseleistung, einen Überblick über ein oft nur schwer zu überschauendes Forschungsfeld zu geben und dabei eine beeindruckende Fülle an Literatur aus Jahrzehnten der katastrophensoziologischen Forschung zu rezipieren.

Fußnoten

[1] Kenneth Hewitt, The Idea of Calamity in a Technocratic Age, in: ders. (Hg.), Interpretations of Calamity from the Viewpoint of Human Ecology, London 1983, S. 3–32.

[2] Enrico L. Quarantelli (Hg.), What is a Disaster? Perspectives on the Question, London, 1998; Enrico L. Quarantelli / Ronald Perry (Hg.), What Is A Disaster? New Answers to Old Questions, Philadelphia, PA 2005.

[3] Allen H. Barton, Communities in Disaster: A Sociological Analysis of Collective Stress Situations, Garden City, N.Y. 1969.

[4] Anthony Oliver-Smith, What is a Disaster? Anthropological Perspectives on a Persistent Question, in: ders. / Susanna M. Hoffman (Hg.), The Angry Earth. Disaster in Anthropological Perspective, New York 1999.

[5] Wolf R. Dombrowsky, Katastrophe und Katastrophenschutz: Eine soziologische Analyse, Wiesbaden 1989.

[6] Lars Clausen, Reale Gefahren und katastrophensoziologische Theorie. Soziologischer Rat bei FAKKEL-Licht, in: Lars Clausen / Elke M. Geenen / Elísio Salvadao Macamo (Hg.), Entsetzliche soziale Prozesse. Theorie und Empirie der Katastrophen, Münster 2003, S. 51–76.

[7] Vgl. Cordula Dittmer / Daniel F. Lorenz, Forschen im Kontext von Vulnerabilität und extremem Leid – Ethische Fragen der sozialwissenschaftlichen Katastrophenforschung, in: Forum Qualitative Sozialforschung 19 (2018), Art. 20.

[8] Kathleen Tierney / Christine Bevc, Disaster as War: Militarism and the Social Construction of Disaster in New Orleans, in: David L. Brunsma / David Overfelt / Steven J. Picou (Hg.), The Sociology of Katrina. Perspectives on a Modern Catastrophe, Lanham, MD 2007, S. 35–50.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.