Nomina et impera

Rezension zu "Max Webers Begriffspolitik" von Kari Palonen

Kari Palonen beschäftigt sich seit Jahrzehnten (vornehmlich) mit dem Politikverständnis Max Webers, womit er sich, wie er selbst schreibt, „ein eigenes Profil unter den Weberologen hat verschaffen können“. Die im vorliegenden Band veröffentlichten Aufsätze, Vorträge und Rezensionen lassen sich wohl am besten als Begleit- und Vorbereitungsarbeiten zu seinen drei Hauptwerken  „Das ‚Webersche Moment‘“ (1998), „Eine Lobrede für Politiker. Kommentar zu Max Webers ‚Politik als Beruf‘“ (2002) und „‘Objektivität‘ als faires Spiel. Wissenschaft als Politik bei Max Weber“ (2010) verstehen.

Die Pointe der versammelten Überlegungen besteht in meinen Augen darin, Weber weniger als einen Forscher zu lesen, der an der Aufarbeitung „wissenschaftlich“ zu nennender Sachfragen interessiert ist, als in ihm einen streitbaren „Theoriepolitiker“ zu sehen, dessen Arbeiten darauf ausgelegt sind, mit rhetorischen Figuren und normativen Auslegungen begründete Vorschläge darüber zu unterbreiten, welche Debatten zu führen und welche gesellschaftspolitischen Ziele zu favorisieren sind. In Übereinstimmung mit diesem Verständnis interpretiert Palonen Weber als jemanden, der in erster Linie „aktive Begriffspolitik“ betreiben will. Ihr Ziel ist, zu zeigen, dass die Selbstthematisierung der Gesellschaft durch ihre Wissenschaftler jederzeit offen und „kontingent“ verlaufen muss und dass die fortdauernde „Umbildung der Begriffe“ den Bereich und die „Grenzen“ des faktisch Möglichen auszuleuchten vermag. Zudem soll der wissenschaftsinduzierte Streit um die richtigen „Interpretationsangebote“ zentraler gesellschaftlicher Reproduktionsprozesse die „Chancen“ offenlegen, die Politiker wie Laien zur praktischen Bewältigung ihrer ebenso veränderlichen wie umstrittenen Lebensumstände ergreifen können. Dabei steht fest, dass die andauernden Debatten um das richtige Begriffsverständnis als „Kampf“ und „machtabhängig“ ausgetragen werden. Originell dürfte in diesem Zusammenhang Palonens Andeutung sein, dass man mit Weber davon ausgehen kann, dass dieser Streit um die Realisierungschancen divergierender Lebens- und Institutionengestaltungen mit Hilfe von Regeln moderierbar ist, die dem Wirken des britischen Parlaments zu entnehmen sind. Das versetzt sich auf diese Weise nämlich in die Lage, das „Austragen des Streits“ als ein „faires Spiel“ zu inszenieren, das auch dann zu kollektiv verbindlichen Entscheidungen führen kann, wenn es dafür nur wenig augenscheinliche Gründe gibt. Die Wissenschaftler – so die Weber zugeschriebene Ansicht – sollten sich diese „deliberative“ beziehungsweise „rhetorische Kultur“ zum Vorbild nehmen. Das liegt umso näher, als auch der „akademische Betrieb als ein Spielfeld der Theorienpolitik“ zu verstehen ist, auf dem das „Streben nach akademischen Machtanteilen“ entschieden wird.

Palonen versteht die Weber‘schen Auslassungen zum politischen Leben nicht als gesellschaftstheoretische Reflexionen, sondern als durchweg zeitgebunden, da sie in konkreten, zum Teil tagespolitisch eingefärbten Kontroversen verankert sind und durch Webers Willen, den aktuellen gesellschaftspolitischen Debatten seiner Zeit die „Agenda“ zu setzen, getragen werden. Die Beiträge zur politischen Wissenschaft sind demnach technologisch-normativer Art; sie enthalten keine deskriptiven Bestandsaufnahmen, sondern verfassungspolitische Reformempfehlungen. Dabei spielen Werturteilsenthaltungsstrategien genau besehen nur eine Nebenrolle, vielmehr nimmt Webers Politikverständnis deutliche Züge einer „kritischen Theorie“ an, die es sich nicht nehmen lässt, die Werturteile, die jeder Kritik zugrunde liegen, aus den aktuellen sozialen Erscheinungen selbst abzuleiten. So legitimierte Weber die Beharrlichkeit, mit der er die „Beamtenherrschaft“ und den Bürokratismus, die Mängel des kaiserzeitlichen Parlamentarismus, die damalige Verfassung oder die Idee des Gesellschaftsvertrags beziehungsweise generell: die „zeitgenössische politische Situation“ mit zum Teil beißenden Kommentaren versah und deren nachhaltige Umgestaltung einforderte.

Besondere Aufmerksamkeit erfährt vor diesem Hintergrund auch die Weber‘sche Wissenschaftsphilosophie, der Palonen deutliche konstruktivistische, historizistische und instrumentalistische Züge attestiert, die er allerdings mit Blick auf die von ihm unterstellte Kontingenzorientierung des Weber‘schen Denkens insofern verteidigt, als dass er sie für folgerichtig erklärt. Palonens Fazit fällt jedenfalls unzweideutig aus: „Die ‚Objektivität‘ der Wissenschaft besteht […] vor allem in der Anerkennung ihrer durchgehenden historischen Wandelbarkeit sowie in der damit gesetzten Pluralität der konkurrierenden Theorien, Begriffe und Perspektiven“. Über die themenstellende „Kulturbedeutung“ der zu erforschenden Phänomene wird also „politisch“ beziehungsweise „opportunistisch“ entschieden. In diesem Sinne deutet der Autor auch die Weber‘sche Auffassung von Handeln: „Handeln“ ist seiner Lesart folgend macht- und gelegenheitsorientiertes und zugleich restriktionsunterworfenes Wahlhandeln einzelner Akteure. Auch auf diesem Feld gilt es, die „Omnipräsenz der Kontingenz“ anzuerkennen, die sich auch in der Erweiterung zum „sozialen Handeln“ nicht verringert.

Der Leser kann sich über die allgemeine Anlage des Palonen‘schen Weberverständnisses anhand eines informativen Geleitaufsatzes informieren, der in drei thematische Abschnitte aufgeteilt ist: In einem ersten informiert der Autor darüber, wie er das Kontingenzverständnis seines Protagonisten beziehungsweise dessen Idee „objektiver Möglichkeiten“ präzisieren möchte, in einem weiteren illustriert er, wie sich die „Politik der Begriffe“ am Beispiel ausgewählter Einzelthemen (Macht, Herrschaft, Staat, Demokratie, Parlamentarismus und dergleichen) und mit Hilfe historischer Rekonstruktionen dokumentieren lässt, und im dritten Abschnitt zeigt Palonen, wie sich die praktische Alltagspolitik Weber‘scher Denkfiguren bedient, um die eigene Rhetorik publikumswirksam auszugestalten und mit plausiblen Bezügen zu versehen.

Dass der Autor die im Rahmen seiner Weberinterpretation gewonnen Einsichten über den „begriffspolitischen“ Charakter des wissenschaftlichen wie des politischen Denkens auch für die Jetztzeit für verbindlich hält, dürfte zu vermuten sein, auch wenn sich nur vage Andeutungen dazu finden. Da Palonen sich ganz unbefangen in die Denktradition von Reinhard Koselleck und dessen Bemühungen um die Entwicklung einer gesellschaftssensiblen „Begriffsgeschichte“ stellt, wird man um so mehr Freude an dem vorgelegten Sammelband haben, je eher man darauf hofft, dass die Unabsehbarkeit wie die Eigenwilligkeit gesellschaftlicher Entwicklungsprozesse durch die Analyse der Bedeutung vornehmlich jener Begriffe durchleuchtet werden können, mit deren Hilfe politisch einflussreiche Akteure ihre Gesellschaften beschreiben und sich zur Durchführung von Reformen ermuntern.

Man kann das vorliegende Werk aber auch als Anregung für die Frage lesen, weshalb der Gesichtspunkt der „selbst-performativen“ Wirkung des Weber‘schen Politikverständnisses in der einschlägigen deutschen Weberrezeption – bislang jedenfalls – keine Aufmerksamkeit hat erwecken können, beziehungsweise umgekehrt, weshalb sich Palonen, sieht man von einigen Ausnahmen ab, offenbar nicht wirklich für die weitausgreifende „Weberforschung“ zu interessieren scheint.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.