On the Ground and in the Feeds in Harlem

Rezension zu "The Digital Street" von Jeffrey Lane

Dass Smartphones unsere Welt verändern, ist ganz unstrittig. Umso umstrittener ist allerdings, mit welchem Effekt das geschieht, und die Einschätzungen variieren zwischen seriöser Skepsis[1] und dem abgeklärten Optimismus von Michel Serres.[2] Vor diesem Hintergrund hat die Marktforschung[3] wie auch – hierzulande noch zaghaft – die Kultursoziologie Formen digitaler Ethnografie entwickelt.[4] Die Bedeutung einer solchen empirischen Vorgehensweise zeigt Jeffrey Lane in seiner urbanen Ethnografie zur Lebenswelt afro-amerikanischer Jugendlicher in Harlem. Er berücksichtigt dabei sowohl das analoge Leben der Jugendlichen auf der Straße wie auch ihre digitalen Kommunikationen und bringt somit zusammen, was meistens getrennt betrachtet wird. Das Ergebnis ist die „digital street“.

Deren Untersuchung war gar nicht beabsichtigt als der Autor, ein weißer Doktorand von Princeton, 2009 nach Harlem zog und dort einen nur als „Pastor“ bekannten Geistlichen traf, der sich intensiv für die afro-amerikanische Jugend der Gegend engagierte. Lane beteiligte sich an dieser Arbeit, lernte viele Jugendliche kennen und begann eine insgesamt fünfjährige Forschung in der Gegend von 129th Street und Lenox Avenue. Dabei stand er regelmäßig mit insgesamt 80 Teenagern persönlich und über soziale Medien in Kontakt, besonders eng mit 25 von ihnen. Digitale Ethnografie in diesem Kontext bedeutet demnach einen ständig triangulierenden Bezug zwischen analogen Daten, also Gesprächen und Begegnungen, und digitalen Daten, anfangs über MySpace und Twitter, dann vor allem über Facebook, schließlich auch Instagram und zudem YouTube. Im Wechsel zwischen biografischen Porträts einzelner Jugendlicher samt Einblick in ihre digitalen Kommunikationen und theoretisierenden Passagen entwirft Lane im Stile eines Erlebnisberichts ein farbiges und (stellenweise allzu) detailliertes Bild der Jugendkultur in Harlem. Seine theoretische Fundierung bilden dabei der street code[5], der die Lebenswelten der Jugendlichen formt und bei Lane gegenüber den bisherigen Beschreibungen der Forschung einige Differenzierungen erfährt.

Das gilt wesentlich für die Darstellung der gender-spezifischen Aspekte in Kapitel 2. Jungen Frauen schreibt Lane eine bedeutsamere Rolle zu als andere Untersuchungen das tun. Für diese können die sozialen Medien physische Interaktionen abpuffern, weil sie erlauben, die Kontrolle zu behalten, nicht zuletzt im Hinblick auf unangenehme Anmache. Zudem bietet die Wall von Facebook durch ihre Öffentlichkeit nochmals einen größeren Schutz als die Nachrichten-Inbox, was erlaubt, „to receive the veneration of being sexy and perhaps to enjoy being sexy with the buffer of distance“ (S. 37). Für Jungen wiederum ist es in den sozialen Medien weniger peinlich als in der Öffentlichkeit, von einem Mädchen abgewiesen zu werden. Auch im digitalen Raum existiert zwar männliche Hegemonie, aber er bietet zugleich Möglichkeiten zur Ermächtigung für junge Frauen: „the enact­ment changed to give girls more control.“ (S. 59) Der street code beeinflusst die Dynamiken zwischen Mädchen und Jungen dabei wesentlich. Mädchen können ihren Block leichter verlassen, weil sie – im Gegensatz zu Jungen – keine Bedrohung darstellen. Diese „microgeographic boundaries“ (S. 55) geben Mädchen also eine gewisse Macht. Und während die Jungen sich innerhalb dieser Grenzen bewegen (und von den Mädchen ebenfalls erwarten, ihre Kontakte innerhalb dieser Grenzen zu haben), findet die digitale Kommunikation der Mädchen über diese Grenzen hinaus in den Netzwerken statt. Von besonderer Bedeutung ist dabei das Aussehen: Fotos sind auf Facebook ausschlaggebend für den Entschluss, jemanden kennenlernen zu wollen. Mädchen wie Jungen betonen, dass junge Frauen unter Druck stehen, sich möglichst wenig angezogen und als sexualisierte Körper zu präsentieren. Welcher Stil der Selbstinszenierung mit welchen Posen für Jungen charakteristisch ist, erfährt man jedoch leider nicht.

Nicht immer allerdings repräsentiert eine Seite in einem sozialen Netzwerk die Person, die vorgibt, repräsentiert zu werden. Solche "fake pages" lassen sich instrumentell einsetzen, beispielsweise um aufzudecken, ob jemand auch andere Kontakte knüpft. Sie ermöglichen sogar private Ermittlungen: So hält die Mutter einer ermordeten jungen Frau deren Facebook-Profil aufrecht, kommuniziert mit deren Netzwerk, auch dem mutmaßlichen Mörder, und übergibt die so gesammelten Daten schließlich der Polizei.

Kapitel 3 behandelt die Wandlungen des street code und „the primary challenge of the digital street: managing the boundaries of its visibility“ (S. 61). Angelehnt an Goffmans Konzept von „audience segregation“, also den unterschiedlichen Kommunikationsformen und Selbstdarstellungen in unterschiedlichen Kontexten, untersucht Lane die Entwicklungen im Hinblick auf die sozialen Medien, die die Sichtbarkeit gravierend verändern: „The goal becomes to perform toughness in front of their peers on the street while keeping that image to the street“ (S. 65 f.) Ein Kampfvideo kann für die beteiligten Personen etwa unangenehm sein, wenn es sie nicht mehr als „decent“ erscheinen lässt, während ein solches Video, in dem die beteiligten Personen nicht erkennbar sind, eine Quelle des Stolzes bildet. Twitter (das Medium für Alias-Namen und undeutliche Fotos) und Facebook („a family network“, S. 71) ergänzen sich dabei gegenseitig: „Together the two sites enabled a simple struc­ture for audience segregation and code switching“ (S. 72). Auf Facebook wird dann generell eine weniger forsche Form der Selbstdarstellung praktiziert: „Status on the street certainly mattered, but it was not the only form of respect they pursued.“ (S. 77) So werden etwa Schulerfolge aller Art gepostet, zum einen, weil sie angesichts der sozialen Situation als besonders kostbar erscheinen, zum anderen, da die beiden Lebensbereiche nicht vollständig voneinander getrennt sind: „Just as street culture flowed into schools, scholastic culture flowed onto the street“ (S. 78).

Kapitel 4 schließlich beschäftigt sich mit sozialer Kontrolle in der „bottom-up“-Form, also „von unten“. Auch frühere Arbeiten zu Jugendgewalt gehen nicht davon aus, dass sie polizeilich kontrolliert werden könnte, sondern betonen die Bedeutung von Schule, Ausbildung und älteren Erwachsenen als Mentoren. Übersehen wurde aber bisher die Bedeutung von Straßenpfarrern, die außerhalb einer Gemeinde arbeiten und kommunikativ zwischen Jugendlichen und Erwachsenen, Polizei und Anwohnern vermitteln. In dieser Rolle dient der von Lane exemplarisch beschriebene Pastor vielen Jugendlichen als „surrogate parent figure“ (S. 101), die Glaubwürdigkeit aus der eigenen Vergangenheit als Dealer und längeren Gefängnisaufenthalten bezieht. Die eingehende Schilderung einer Straßenschießerei, in deren Verlauf ein Jugendlicher getötet wird, dient Lane als Hintergrund zur Beschreibung der Aktivitäten von Pastor, der on- und offline präsent ist und sowohl bei den Jugendlichen selbst interveniert wie auch „in the middle of the community to mediate its dis­pute“ (S. 114). Das bietet Chancen zur Befriedung, hat aber auch Grenzen, weil Pastor ohne institutionellen Hintergrund arbeitet. „Street credibility often works against institutional legiti­macy, and vice versa“ (S. 114).

Online präsent ist auch die Polizei, die das Verhalten der Jugendlichen in den sozialen Medien nutzt, um diese kriminalisieren zu können, wie Lane in Kapitel 5 erläutert. Die Jugendlichen achten daher weniger auf Eindrucksmanagement gegenüber Erwachsenen als darauf, Inhalte auf für die Polizei unverdächtige Weise darzustellen. Während die Polizei auf der Straße Gangs nach ihrer Sichtbarkeit ausmacht, bleiben die Kontrollen des Digitalen unsichtbar und konzentrieren sich auf Inhalte, die die Konstruktion des strafrechtlichen Vorwurfs der „conspiracy“ erlauben. Anhand einer eingehenden Beschreibung der Strafverfolgungen in der 129th Street – alleine 2011 gab es dort 16 Schießereien – analysiert Lane, wie das geschieht: durch (selektiv herangezogene und manchmal völlig überholte) Fotos in den Netzwerken, die Verbindungen zwischen den Jugendlichen und ihrer Selbst-Identifikation als Gang-Mitglieder belegen sollen, sowie durch die Auswertung der Nachrichten-Inbox. Die polizeilichen Interventionen führten zwar kurzfristig zu einer Abnahme der Gewalt, aber auch zu einer Selbstzensur der Jugendlichen und zu einer Disziplinierung, die offiziell „neighborhood transfor­mation” (S. 156) genannt wird. Zugleich ermöglicht die digitale Überwachung der Polizei, das „stop-and-frisk policing“ (die Befragung und Durchsuchung von vorrangig afro-amerikanischen Jugendlichen auf der Straße) aufzugeben und ihre Kontrollen abseits der Öffentlichkeit durchzuführen.

Lanes jugendpolitische Folgerungen (Mädchen zu ermächtigen, positive Wendepunkte im Leben der Jugendlichen zu fördern, ihr Straßenleben als Ansatzpunkt einer Medienkarriere mit Rap, Videos etc. zu sehen) dürften grundsätzlich auch hierzulande zutreffen, während seine ethnografischen Befunde wohl nur bedingt übertragbar sind. Doch vor allem legt er einen überzeugenden Beleg für Sinn und empirische Fruchtbarkeit einer digitalen Ethnografie vor, die – wie er in einem methodischen Anhang erläutert – „on the ground“, „in the feeds“ und „in the networks“ stattfindet. Das erweitert unsere Kenntnis um den digitalen Raum und eröffnet neuartige Möglichkeiten des ethnografischen Dabeiseins und Verstehens.

Fußnoten

[1] Siehe etwa Howard Gardner / Katie Davis, The App Generation. How Today’s Youth Navigate Identity, Intimacy, and Imagination in a Digital World, New Haven-London 2013.

[2] Michel Serres, Was genau war früher besser? Berlin 2019.

[3] Axel Theobald (Hg.), Mobile Research. Grundlagen und Zukunftsaussichten für die Mobile Marktforschung, Wiesbaden 2018.

[4] Vgl. Anouk Hoffmeister / Séverine Marguin / Cornelia Schendzielorz, Feldnotizen 2.0. Über Digitalität in der ethnografischen Beobachtungspraxis, in: Martin Huber / Sybille Krämer (Hg.), Wie Digitalität die Geisteswissenschaften verändert: Neue Forschungsgegenstände und Methoden, Sonderband der Zeitschrift für digitale Geisteswissenschaften 3, 2018; Hubert Knoblauch / Theresa Vollmer, Ethnografie, in: Nina Baur / Jörg Blasius (Hg.), Handbuch Methoden der empirischen Sozialforschung, Wiesbaden 2019, S. 599-617.

[5] Lanes primäre Referenz ist hier Elijah Anderson, Code of the Street, New York 1999.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Hannah Schmidt-Ott.