Order from Noise

Kai Ginkel über die sozialen Bedingungen der Möglichkeit von Klang

Wann wird ein Geräusch zu geordnetem Klang und wann bleibt es unartikuliertes Rauschen? Und welchen Beitrag leisten soziale Strukturen und Prozesse, wenn die Grenzen zwischen Order und Noise gezogen werden? Das vorliegende, auf eine Dissertation zurückgehende Buch Kai Ginkels wendet sich den Grundfragen des Entstehens sozialer Ordnung zu und tut das auf eine erfrischend direkte Weise, nämlich indem es einen für SoziologInnen auf den ersten Blick exotisch wirkenden Gegenstand aufgreift. In einer theoretisch anspruchsvoll angelegten ethnografischen Untersuchung von Noise-Konzerten und Artefakten aus der Welt des Noise sollen die Praktiken, Wissensformen und Kompetenzen herausgearbeitet werden, durch die Noise-Musiker und ihr Publikum gemeinsam Musik herstellen.[1] Vertreter dieses extremen Musikgenres bewegen sich nicht nur an den Rändern eines avantgardistischen Kunstschaffens, sondern gehen gemeinsam mit ihrem Publikum auch an die Ränder des akustisch Erträglichen. Klang (sound) wird zum Gegenstand der Auslotung und Aushandlung von Grenzziehungen zwischen Musik und Lärm.

Ginkels Arbeit stützt sich auf das junge Gebiet der sound studies und auf einen gegenwärtigen sonic turn in den Kulturwissenschaften. Der Autor will einen Beitrag zu einer Soziologie des Auditiven leisten, wie sie insbesondere von Christoph Maeder[2] angeregt wurde. Ginkel verweist jedoch auch auf Georg Simmels Soziologie der Sinne, wenn er Klangerfahrungen zum Gegenstand qualitativer soziologischer Forschung macht. An Simmels soziologischer Deutung des Hörens betont er eine Raum füllende und Raum schaffende Qualität von Klang und die damit verbundenen günstigen „Voraussetzungen zum Affizieren einer Gruppe kopräsenter TeilnehmerInnen“ (S. 9). In ihr verbinden sich auch die drei Themenfelder, deren soziologische Deutung den Ausgangspunkt der vorliegenden Studie bildet: Klang, Körper und Raum.

Simmel hatte auf zwei Seiten der fundamentalen soziologischen Bedeutung hingewiesen, die sich aus der Tatsache der sinnlichen Wahrnehmbarkeit von Nebenmenschen ergibt: Auf der einen Seite affizieren uns die Sinneseindrücke anderer Menschen, lösen Gefühle aus und bestimmen damit den eigenen Zustand. Auf der anderen Seite sind sie Mittel, die eine über die unmittelbare Erscheinung hinausgehende Erkenntnis des anderen erlauben. Sinnhaftes soziales Handeln und die Formen der Wechselwirkung, in denen es stattfindet, sind immer nur über die Sinne zugänglich. In diesem Zusammenhang kontrastiert Simmel das Sehen und das Hören. Sehen ist ein sozialer Sinn par excellence: Wenn sich unsere Blicke treffen, sehen wir nicht nur den anderen, sondern wir sehen, dass er/sie uns sieht. Das Hören symbolisiert gegenüber der Gleichzeitigkeit und der Abfolge im bloßen Nacheinander eine Dauer, in der die Vielfalt visueller Wahrnehmungen in eine einheitliche Sinnperspektive gebracht werden kann: „Es ist der äußerste soziologische Gegensatz von Auge und Ohr: daß dieses uns nur die in die Zeitform gebannte Offenbarung des Menschen bietet, jenes aber auch das Dauernde seines Wesens, den Niederschlag seiner Vergangenheit in der substanziellen Form seiner Züge, so daß wir sozusagen das Nacheinander seines Lebens in einem Zugleich vor uns sehn. Denn die erwähnte Augenblicksstimmung, wie freilich auch das Gesicht sie dokumentiert, entnehmen wir so wesentlich dem Gesprochenen, daß in der tatsächlichen Wirkung des Gesichtssinnes der Dauer-Charakter der durch ihn erkannten Person weit überwiegt.“[3] Die moderne Welt der Großstadt hat jedoch, so Simmel, das visuelle Element im Übermaß gestärkt und auch unter diesem Gesichtspunkt ist das Hören ein wichtiger, weil oft übersehener Gegenstand einer Soziologie der Sinne.

Ginkel deutet die Möglichkeiten der Soziologie Simmels nur an. Stattdessen entwickelt er einen anspruchsvollen, theoretischen Rahmen im Ausgang von drei neueren Ansätzen: (1) praxistheoretische Perspektiven, insbesondere mit Blick auf Körper und Wissen, (2) die Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT), in der Menschen und Dinge als hybride Akteure konzipiert werden, und (3) die Ethnomethodologie, in der – verkürzt gesprochen – die soziale Ordnung als emergente Eigenschaft situativ gebundenen sozialen Handelns gedacht wird. Auf diese Weise sollen die Arrangements menschlicher Körper und technischer Artefakte in Handlungssituationen zugänglich gemacht werden, in denen Sinn und soziale Ordnung im Handeln entstehen.

Ausgehend von diesen theoretischen Bezugspunkten wird Noise als Gegenstandsbereich konzipiert, der sich in verkörperten, materiell vermittelten Aktivitäten und Prozessen konstituiert. Entsprechend sozialkonstruktivistischer Annahmen ist das Hören von Klang in Noise-Konzerten und die damit einhergehende Unterscheidung zwischen musikalischen und unmusikalischen Klangqualitäten – das doing sound – die eigentliche Arbeit der KonzertteilnehmerInnen. Die Konstitution von Sinn wird gemäß ethnomethodologischer Grundannahmen nicht normativ „von oben“ vorgeschrieben, sondern erfolgt „von unten“ in der Situation. An dieser Stelle folgt Ginkel dem politischen Anliegen der disobedient generation der amerikanischen Soziologie[4] und zeigt, dass kategoriale Grenzziehungen eine Angelegenheit von Aushandlungsprozessen sind.

Noise kann ein schwer ertragbares, mitunter unerträgliches Hörerlebnis sein. In diesem Sinn stellt es eine Abweichung von den alltäglichen Normen des Hörens dar. Auch diese Beobachtung rückt die Arbeit in die Nähe der amerikanischen Soziologie, nun aber mit Blick auf die Einübung abweichenden Verhaltens in subkulturellen Zusammenhängen. Tatsächlich finden sich große Ähnlichkeiten in der Beschreibung der Kompetenzentwicklung von Marihuana-RaucherInnen[5] und TeilnehmerInnen an Noise-Konzerten. Ginkel geht aber an zwei Punkten über die Subkultur-Perspektive hinaus. Er arbeitet zunächst im fünften Kapitel heraus, wie Hörkompetenz als Distinktionsmerkmal entwickelt wird. Noise-HörerInnen müssen eine gewisse Leidensfähigkeit („being willing to be annoyed“) entwickeln, um als kompetente HörerInnen gelten zu können. Diese zunächst ironisch wirkende Beobachtung macht vor dem Hintergrund des Interaktionsgeschehens durchaus Sinn. Die Hörkompetenz zeigt sich vor allem daran, dass Personen, die sie nicht haben, den Raum verlassen. Bei den ohnehin nur spärlich besuchten Noise-Konzerten gipfelt dieser Vorgang im concert for one person. Ein solches Konzert gilt nicht etwa als das Eingeständnis einer erfolglosen Performance, sondern wird im Gegenteil aus Sicht der Akteure als ein gelungenes Konzert bewertet, bei dem es der/die MusikerIn geschafft hat, die Grenzen der Belastbarkeit und der Klanglichkeit zu erreichen. Die Erfahrung eines bis auf zwei Personen leeren Raums wird als „normatives“ Element umgedeutet, das gerade im Vertreiben die ästhetische Qualität der Musik herausstellt. Natürlich können solche Begründungen auch als rechtfertigende Umdeutungen des Ausbleibens von Erfolg verstanden werden und Ginkel ist sich dieser Deutungsmöglichkeit durchaus bewusst. Dennoch kann auch das concert for one person empirisch als Erfolg plausibel gemacht werden.

Gerade das concert for one person verdeutlicht den sozialen Charakter von Kunstformen, indem es eine intensive soziale Beziehung stiftet. Der sich leerende Konzertsaal legitimiert den Künstler und das verbliebene Publikum, deren Blicke sich ganz im Sinne des unmittelbaren Sozialitätserlebnisses Simmels treffen. Ginkel weist wiederholt darauf hin, dass Noise vom Ausloten von Grenzen lebt, was insbesondere Irritationen für den Teil des Publikums bedeutet, der nicht über die notwendige Hörkompetenz verfügt. Gerade der Protest und das demonstrative Verlassen von Aufführungsorten ist dann – im Sinne einer konflikthaften Form sozialer Wechselwirkung – für Noise als Musikform konstitutiv. Ob man sich bei einem Noise-Konzert für das Gehen oder Bleiben entscheidet, wird dann als Hinweis für die Etablierung einer sozialen Grenzziehung gedeutet.

Die zweite Perspektive, die über eine Soziologie der Subkulturen hinausgeht, ist die Verschränkung von Klang, Raum und Körper, die im sechsten Kapitel ausgearbeitet wird. Dieses Kapitel bildet vor dem Hintergrund des theoretischen Zugangs den Kern des Buches, in dem die soziale Konstruktion von Klang gezeigt werden soll, wie sie über den Leib und soziotechnische Arrangements vermittelt wird. In feinfühligen Beobachtungen werden Bewegungsformen und Körpererlebnisse herausgearbeitet, die für die Klangerfahrung keineswegs nebensächlich, sondern für diese vielmehr konstitutiv sind. Während die ZuhörerInnen Klang und Körper in ein Verhältnis des „Sich umspülen Lassens“ von Musik bringen, greifen die MusikerInnen bei der Bedienung von Mischpulten und Musikinstrumenten auf spezifische performative Repertoires zurück. Die Steuerung der Musikanlage wird auf diese Weise durch ein visuelles Element ergänzt, das die Ergriffenheit durch die Musik für die MusikerInnen erlebbar und gleichzeitig für das Publikum sichtbar macht. Für die Darstellung kollektiver Ergriffenheit sind Formen körperlicher Einstimmung notwendig, die ein spezifisches Körperwissen und ein Repertoire an Techniken und Bewegungen voraussetzen. In Anlehnung an Ideen der ANT scheinen nicht nur menschliche, sondern auch technische Akteure in das Geschehen miteinbezogen. Technische Artefakte werden nicht einfach bedient, sondern mit ihnen werden bestimmte Konstellationen eingegangen. Solche Argumente zeigen jedoch eher die Grenzen der Beobachtung als Methode, als dass sie als schlüssiger Nachweis für die Existenz hybrider Akteure gelten können. Ginkel müsste zeigen, wie die Handelnden selbst mit den Instrumenten in Beziehung treten und Letztere als Interaktionspartner deuten. Die Wahrnehmung von Hybridität und Verschränkung von Mensch und Gerät bleibt ein Postulat des Buches, während die Stiftung von Sozialität über gemeinsame Bewegung und den Ausdruck von Ergriffenheit tatsächlich gezeigt wird.

Ginkels Untersuchung der Konstruktion von Klang als soziale Kategorie sind theoretisch ambitioniert und mit reichhaltigem empirischem Material abgestützt. Viele, aber nicht alle Argumente können überzeugen. Vor allem der theoretische Ausgangspunkt der ANT erweist sich gegenüber dem systematischen, begriffsgeleiteten Verstehen des subjektiven Sinns sozialen Handelns als nicht tragfähig, auch nicht in seinen impliziten und verkörperten Formen. Aber das schmälert die Qualität der Arbeit keineswegs. An vielen Stellen gelingt es dem Autor überzeugend, soziale Formen über die Verschränkung der Medien Raum, Körper und Klang herauszuarbeiten und damit die soziale Seite der Etablierung von Klang aufzuweisen. Wer hätte erwartet, dass sich die große Frage nach der Möglichkeit sozialer Ordnung, die Talcott Parsons an den Anfang von The Structure of Social Action[6] stellte, an einem exotischen Musikgenre so anschaulich herausarbeiten lässt? Ein Noise-Konzert ist ein soziales System – da wären sich Garfinkel und Parsons völlig einig. Ginkels Darstellung des Materials und seine detaillierten Beschreibungen von Vorrängen und Handlungen im Feld muss man fast als liebevoll bezeichnen. Das ist wohl ebenfalls der Tatsache geschuldet, dass sich der Autor selbst als Noise-Musiker versucht und daher eine über das wissenschaftliche Interesse hinausgehende Beziehung zum Gegenstand hat.

Auch wenn man die theoretischen und methodischen Grundlagen der Arbeit nicht in allen Konsequenzen mitvollziehen möchte, bleibt sie im besten Sinn eine Soziologie der Sinne, die sich mit der Tradition Simmels vermitteln lässt. Es geht vor allem, aber nicht ausschließlich, um das Auditive. An einigen Stellen werden visuelle Körperwahrnehmungen einbezogen, insbesondere, wenn Wechselwirkungsbeziehungen über Blicke und die sichtbare Erfahrung gleichzeitiger Ergriffenheit gestiftet werden. Die soziale Bedeutung von Hören und Klang wird zu Recht in Erinnerung gerufen und überzeugend dargestellt. Ginkel arbeitet an verschiedenen Facetten von Klang-Raum-Körper-Arrangements die Formen der Wechselwirkung, das Miteinander genauso wie das Gegeneinander, eindrücklich heraus. Dass sich der Autor einige theoretische Ab- und Umwege hätte sparen können, darf man angesichts des gelungenen Gesamtentwurfs nachsehen.

Fußnoten

[1] Einen Eindruck vermittelt dieses auf Youtube verfügbare Video eines Konzerts des bekannten Noise-Musikers Merzbow, auf den Ginkels Buch auch Bezug nimmt.

[2] Christoph Maeder, Sound Analysis, in: Uwe Flick (Hg.), The SAGE Handbook of Qualitative Data Analysis, London 2014, S. 424–434.

[3] Georg Simmel, Soziologie: Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung, Berlin 1908.

[4] Alan Sica / Stephen Turner, The Disobedient Generation: Social Theorists in the Sixties, Chicago 2005.

[5] Howard S. Becker, Becoming a Marihuana User, in: The American Journal of Sociology, 59 (1953), 3, S. 235–242.

[6] Talcott Parsons, The Structure of Social Action: A Study in Social Theory with Special Reference to a Group of Recent European Writers, New York/London 1937.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.