Positive Dialektik

Hartmut Rosas Soziologie der Weltbeziehung

Die Kritische Theorie beeindruckt immer wieder. Sie ist als intellektuelle Herausforderung und soziologische Bezugsperspektive auf Gesellschaft offensichtlich derartig attraktiv, dass es ihr nicht nur gelingt, Schüler hervorzubringen, die das Erbe bewahren und verbreiten, sondern in regelmäßigen Abständen auch Neuerer, die das Paradigma für die Herausforderungen einer sich wandelnden Gesellschaft schärfen. Theodor W. Adorno und Max Horkheimer haben in diesem Sinne eine historische Dialektik des Klassenkampfes zu einem Instrument gegenwärtiger Kulturkritik weiterentwickelt und damit dem Umstand Rechnung getragen, dass die Erwartung einer historischen Synthese von den gesellschaftlichen Entwicklungen überholt wurde. Jürgen Habermas hat den linguistic turn für die Kritische Theorie vollzogen und einen diskursethischen Imperativ entwickelt, der einer an Aushandlung orientierten Gesellschaft als normative Richtschnur gelten kann. Schließlich hat Axel Honneth mit seiner Umstellung von Verständigung auf Anerkennung eine hegelianische Wende in der Kritischen Theorie eingeleitet. Mit seiner Monographie Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung setzt Hartmut Rosa diese große Geschichte einer sozusagen dialektischen Theorieentwicklung fort, die zuvor Ausgeschlossenes aufnimmt und gerade dadurch das Selbst der Theorie weiterentwickelt.

Es sind – mindestens – drei Aspekte, hinsichtlich derer Rosa die Kritische Theorie wieder zu der aktuellen Theorie macht, die sie schon immer war: Erstens führt er die Materialität (wieder) ein und vollzieht damit den material turn für die Kritische Theorie. Zweitens bettet er den normativen Maßstab der Kritischen Theorie kulturell ein, ohne den nun relativen normativen Anspruch aufzugeben. Und schließlich gelingt ihm das, was in einer an Erfolg orientierten Gesellschaft jeder angehende Manager im ersten Coaching lernt – nämlich nicht nur zu kritisieren, sondern das positiv anzustrebende Veränderungsziel zu formulieren. Resonanz ist das, was als positiver Zielwert mit einem Überwinden von Entfremdung erreicht ist. Rosas Soziologie der Weltbeziehung ist daher nichts weniger als eine positive Dialektik im besten Sinne des Wortes.

Im Folgenden wird zunächst der formale Aufbau der Monographie von Rosa kurz vorgestellt, um einen Überblick über diesen doch knapp achthundert Suhrkamp-Seiten starken Text zu geben. Im Anschluss daran wird auf die Schlüsselüberlegungen zu einer Dialektik von Resonanz und Entfremdung eingegangen sowie auf die bereits erwähnten drei zentralen Aspekte der Einführung von Materialität, der gesellschaftstheoretischen Selbstrelativierung und den positiven Ermächtigungscharakter dieses Buches.

I.

Rosas Soziologie der Weltbeziehung ist ein sozialphilosophisch und gesellschaftstheoretisch großer Wurf; zugleich wendet sich dieses Werk jedoch keineswegs nur an ein Fachpublikum. Sprache, Aufbau und Darstellung sind ganz im Gegenteil geeignet, eine breite Resonanz zu erzeugen – und zwar ganz im Rosa’schen Sinne einer Anverwandelbarkeit für all jene, die sich auf die Frage nach dem Verhältnis von Subjekt und Welt und damit auf die Frage nach dem guten Leben in der Moderne einzulassen bereit sind.

Formal ist die Monographie in vier Teile gegliedert. Nach einer Einleitung werden im ersten Teil Die Grundelemente menschlicher Weltbeziehungen erörtert und die begrifflich-konzeptionellen Grundlagen einer Soziologie der Weltbeziehung entwickelt. Anthropologisch-phänomenologische Ansätze sowie Charles Taylors Konzept der kognitiven Landkarten werden mit einer Kritik der Entfremdung verbunden.

Der zweite Teil diskutiert Resonanzsphären und Resonanzachsen, indem die begrifflichen Grundbestimmungen des ersten Teils aufgenommen und daran anschließend heuristisch Dimensionen der Weltbeziehung entfaltet werden. Rosa unterscheidet in loser Anlehnung an Helmuth Plessners Unterscheidung von Mitwelt, Außenwelt und Innenwelt drei Typen von Resonanzachsen: horizontale Resonanzachsen, die mit Familie, Freundschaft und Politik die soziale Welt betreffen; diagonale Resonanzachsen, die mit Objekten, Arbeit, Schule, Sport und Konsum wesentlich die Außenwelt, also Materialität und Körper, betreffen; sowie schließlich vertikale Resonanzachsen, die mit Religion, Natur, Kunst und Geschichte die Affektionen der Innenwelt betreffen.

Der dritte Teil über Die Angst vor dem Verstummen der Welt: eine resonanztheoretische Rekonstruktion der Moderne leistet eine gesellschaftstheoretische Analyse der modernen Gesellschaft, wobei Rosa die Moderne als eine Epoche bestimmt, die sich ganz wesentlich als ein von Resonanzerwartungen getriebenes Programm zur Verbesserung der Selbstwirksamkeit auszeichnet. Wenn vielleicht auch etwas ungleichgewichtig beschreibt Rosa die Moderne hier zugleich als Geschichte einer Resonanzkatastrophe wie als Geschichte gesteigerter Resonanzsensibilität.

Der vierte Teil schließlich entwickelt Eine kritische Theorie der Weltbeziehung und führt Kritik in die bis dahin vor allem analytisch-neutrale Konzeptentwicklung und Gesellschaftsbeschreibung ein. Hierbei schließt Rosa an seine Überlegungen zur Beschleunigungsgesellschaft an: Eine auf Wettbewerb und Beschleunigung ausgerichtete Gesellschaft erzwingt demnach eine ressourcenorientierte Lebensführung, in der die Welt in ihren verschiedenen Dimensionen als Objekt behandelt wird. Damit aber brechen die für die Subjekte konstitutiven Resonanzachsen tendenziell zusammen. Dialektisch ist, wie die gesamte Argumentation, so auch der Schluss: Eben die Ursachen der Krisen der Moderne bergen, so Rosa, zugleich das Potenzial ihrer eigenen Beseitigung – und eine Kritik der Resonanzverhältnisse kann durch eine Beförderung der Einsicht in die Verhältnisse zur Überwindung der Krisen beitragen.

II.

Den Stellenwert einer Schlüsselpassage haben in diesem Buch die drei Abschnitte zu „Resonanz“, „Entfremdung“ und „Dialektik von Resonanz und Entfremdung“ am Ende des ersten Teils. Hier entwickelt Rosa den Begriff der Resonanz sozialtheoretisch und führt ihn dezidiert in die Kritische Theorie ein.

Die Darlegung seiner zentralen konzeptionellen Überlegungen erst an so vergleichsweise später Stelle, auf den Seiten 280 bis 330, gehört zum Charme des Buches von Rosa. Er beginnt mit seiner übergeordneten These, dass es im Leben auf die Qualität der Weltbeziehungen ankomme – auf den „vibrierenden Draht“, die Anverwandlung auf den Resonanzachsen zwischen Welt und Selbst. Rosa fällt dann aber nicht mit der Tür ins Haus, indem er all diese Begriffe vorab definiert, sondern begibt sich mit dem Leser zunächst auf einen Streifzug. Resonanz und Entfremdung dienen dabei als Metaphern, um eine empirisch-exemplarische Plausibilität zu schaffen und zugleich, gewissermaßen en passant, zentrale Begrifflichkeiten bereits einzuführen. Von der Essstörung über das Charisma der freien Rede bis hin zur pharmazeutischen Selbstverdinglichung reichen solche exemplarischen Evidenzen. Auf diese Weise steigern und verdichten sich die Überlegungen, finden in den genannten drei Abschnitten ihren theorie-konzeptionellen Höhepunkt und werden im weiteren Verlauf des Buches angewendet, um zuvor bereits angerissene Phänomene systematisch wieder aufzugreifen.

Eine solche vorsichtige Heranführung mag wohl auch nötig sein – denn das Konzept der Resonanz hat es in sich. Obwohl es, wie wir bereits wissen, um das gute Leben und um gelingende menschliche Weltbeziehungen geht, bestimmt Rosa das Konzept der Resonanz – wie früher auch bereits das Konzept der Beschleunigung – zuerst abstrakt und unter Zuhilfenahme naturwissenschaftlicher, vor allem akustisch-physikalischer Begriffe. Resonanz bezeichnet danach eine spezifische Beziehung zwischen zwei schwingungsfähigen Körpern. Diese spezifische Beziehung der Resonanz entsteht nur, wenn durch die Schwingung des einen Körpers die Eigenfrequenz des anderen angeregt wird. Resonanz ist also erstens ein strikt relationaler Begriff, zweitens ist Resonanz genuin prozesshaft gedacht, und drittens erfordert Resonanz ein resonanzfähiges Medium. Als Beispiel für Resonanz in diesem abstrakten Sinne dienen zwei Stimmgabeln, deren leicht abweichende Ausgangsschwingung sich im Zeitablauf und unter Bedingung eines resonanzfähigen Mediums aufeinander abstimmt – sie schwingen sich aufeinander ein.

Natürlich geht es Rosa nicht darum, einen physikalischen Resonanzbegriff direkt auf das Soziale zu übertragen. Die Metaphorik dient ihm vielmehr dazu, Resonanz sowohl von einer reinen Wechselwirkung als auch von Gefühlszuständen zu unterscheiden. Resonanz bezeichnet einen spezifischen Modus, wie Subjekt und Welt zueinander in Beziehung treten: Nämlich nicht im Modus einer Beherrschung oder eines Verfügbar-Machens, sondern im Modus einer einwirkenden, prozessorientierten und antwortenden Selbstwirksamkeit. Im Gegensatz zu einem stummen Weltverhältnis, in dem Welt als Objekt behandelt wird, basiert eine Beziehung der Resonanz darauf, dass Subjekt und Welt jeweils „mit eigener Stimme sprechen“, also, um die physikalische Metapher zu verwenden, über eine Eigenschwingung verfügen. Resonante Weltbeziehungen zeichnen sich daher stets durch ein Element des Unverfügbaren aus, auf das sie konstitutiv angewiesen sind – Subjekt und Welt werden erst auf diese Weise.

III.

Mit seiner Bestimmung von Resonanz und Entfremdung gelingt es Rosa, die Kritische Theorie in dreierlei Hinsicht zu erweitern und damit sowohl für aktuelle Theorieentwicklungen als auch für spezifische Herausforderungen der Moderne zu sensibilisieren. So hat sich etwa seit den 1970er-Jahren auf der Ebene der Theorie der material turn, auf der gesellschaftspolitischen Ebene die Ökologie- und Nachhaltigkeitsdebatte entwickelt. Natürlich hat sich die Kritische Theorie zum Naturverhältnis kapitalistischer Gesellschaften geäußert, doch blieb sie bislang, wie im Übrigen auch die Systemtheorie, für die gesellschaftstheoretischen Implikationen des sozialen Mitwirkens von Materialität unempfänglich. Es entstanden neue Paradigmata, wie insbesondere die Actor-Network-Theory, während die großen gesellschaftstheoretischen Ansätze der Kritischen Theorie und der Systemtheorie ihrer vom linguistic turn geprägten, primär kognitivistischen Architektur verhaftet blieben. An solche Fragestellungen macht Rosas Weiterentwicklung die Kritische Theorie nun anschlussfähig. Körperliche Weltbeziehungen sind nicht nur der anthropologisch-phänomenologische Ausgangspunkt der Überlegungen; Welterfahrung geschehe vielmehr immer durch eine Amalgamierung von Körper und Sinn. Dieser erweiterte Ausgangspunkt hat zur Konsequenz, dass die Beziehung zum eigenen Leib als kulturelles Phänomen mit in den Blick gerät. Und mit dem Körper wird folglich auch die Materialität relevant: Bildschirme etwa als materielle Basis der Symbolverarbeitung, Objektbeziehungen in Arbeit oder Konsum, schließlich ganz generell die Unterscheidung von Natur und Kultur als ebenso spezifische wie historisch kontingente Form neuzeitlicher Weltbeziehungen.

Letztere Facette leitet über zum zweiten Novum einer auf Resonanz eingeschwungenen Kritischen Theorie – zur historisch-kulturellen Relativierung des normativen Maßstabs von Kritik. Dabei ist zu betonen, dass Resonanz durchaus zur Verwendung als normatives Konzept bestimmt ist, indem sie als Maßstab eines klingenden Lebens und damit als Kriterium einer normativ orientierten Sozialphilosophie etabliert wird (294f). Doch werden keine konkreten Praktiken, Maßstäbe oder Resonanzachsen normativ aufgewertet. Zwar beschreibt Rosa im zweiten Teil bestimmte Resonanzsphären und -achsen, die der dritte Teil geschichtlich in der westlichen Moderne situiert. Aber er betont explizit, dass sich in außereuropäischen Kulturräumen andere Resonanzbeziehungen konfigurieren können (296f). Diese Relativierung – oder vielleicht besser: Abstrahierung – des normativen Maßstabs gehört zum konzeptionellen Kern, ist Resonanz doch wesentlich durch das Moment der Unverfügbarkeit und Veränderlichkeit definiert. Die Soziologie der Weltbeziehung ist daher eine Kritik historisch realisierter Resonanzverhältnisse, betrachtet Weltbeziehungen aber als historisch und kulturell genuin variable Gesamtkonfiguration. Resonanzbeziehungen sind nur möglich, wenn im Sinne von Charles Taylor starke Wertungen involviert sind – die moralischen Landkarten, die sich daraus ergeben, sind jedoch potenziell ebenso wandelbar wie unterschiedlich. Die manchen vielleicht als erschreckend anmutende Radikalität, die in Rosas abstrakt-naturwissenschaftlicher Fundierung des Resonanzkonzepts liegt, hat in dieser grundsätzlichen kulturellen Öffnung ihren tieferen Wert. Dementsprechend gibt es denn auch keine Rezepte und keine verlässlichen Zeichen für ein gelingendes Leben (allenfalls: den „leuchtende-Augen-Index“), sondern nur die kritische Aufforderung, nach der Qualität der Beziehungen zu fragen. Beispielsweise kann das Lachen einen resilienzverstärkenden Einfluss auf den Organismus ausüben – als warenförmig gemachte Inszenierung wird es jedoch zum Indikator für ein stummes Weltverhältnis.

Abschließend ist zu unterstreichen, dass diese Soziologie der Weltbeziehung einen durchweg positiven Anspruch hat. Entfremdung wird als Beziehung der Beziehungslosigkeit bestimmt, so dass Beispiele entwickelt und Kritiklinien entfaltet werden können, die das Spezifikum dieser Beziehungslosigkeit in all ihren Konsequenzen offen legen. Das Konzept der Resonanz markiert den positiven Gegenpol, der sich einem gleichgültigen oder gar feindlichen Modus von Weltbeziehung entgegen gesetzt findet. Diese Kontrastierung erlaubt nicht nur – ganz hegelianisch – eine treffende Neubestimmung des Entfremdungs- und Verdinglichungskonzepts selbst; sie vermittelt auch eine Vorstellung von dem, was stattdessen sein könnte und sein sollte. Das Autonomieverlangen und die materielle Steigerungslogik der modernen Gesellschaft werden re-interpretiert als Versuch einer Resonanzsteigerung, der die Welt, statt sie zum Schwingen zu bringen, verstummen lässt. In dieser Problembeschreibung liegt zugleich positiv begründet, wie eine Anverwandlung und eine gelingende Weltbeziehung stattdessen aussehen kann – nämlich als eine Weltbeziehung, in der dem Anderen eine Eigenschwingung zugestanden wird. Das Zulassen eines Moments des Unverfügbaren und des Nicht-Beherrschbaren sowie die darin erfahrbare Begrenzung von Autonomie, in der ein Grundgefühl der Getragenheit begründet liegt, lösen den Widerspruch der Steigerungslogik der Moderne. Rosas Buch macht Mut, sich auf dieses Wagnis einzulassen.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer.