Prekäre Verhältnisse

Annina T. Hering untersucht den Einfluss unsicherer Partnerschafts- und Beschäftigungssituationen auf die Familiengründung

In ihrer Studie, die eine überarbeitete Version ihrer Dissertation darstellt, geht Annina T. Hering der Frage nach, welchen Einfluss atypische Beschäftigungsverhältnisse auf die Familiengründung erwerbstätiger Frauen in der Bundesrepublik haben. Die Autorin hat dabei insbesondere befristete Beschäftigungsverhältnisse im Blick, wenngleich auch konkurrierende Formen atypischer Beschäftigungsformen in den Blick genommen werden. Auf theoretischer und konzeptioneller Basis knüpft sie an den familienökonomischen Ansatz Gary S. Beckers sowie an lebenslaufanalytische Perspektiven an. Ihre empirischen Studien führt Hering mittels Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) für die Jahre 1995 bis 2012 durch.

Basierend auf den avisierten Forschungsfragen geht die Untersuchung an zwei entscheidenden Stellen über den bisherigen, in den letzten Jahren rasant an Umfang zugenommenen Forschungsstand im Bereich Atypische Beschäftigung und Familienleben hinaus: Erstens analysiert sie neben dem Übergang in die Elternschaft auch die Effekte atypischer Beschäftigungsverhältnisse auf die Familienerweiterung. Zweitens nimmt sie sowohl subjektive Indikatoren der Verarbeitung atypischer Beschäftigungsformen als auch subjektive Partnerschaftsindikatoren in ihre Untersuchungen auf. Zwar gilt es in familiensoziologischen Ansätzen inzwischen als Common Sense, neben objektiven auch subjektive Prekaritätsdimensionen sowie deren Einflüsse auf die Familiengründung zu berücksichtigen.[1] Eine analytische Verknüpfung mit Unsicherheitsindikatoren hinsichtlich des partnerschaftlichen Zusammenlebens wurde bislang jedoch bestenfalls in Grundzügen ausgearbeitet und in empirische Studien eingebunden.

Gemäß ihrer Forschungsfrage setzt sich Herings Studie das Ziel, die interaktiven Wirkungen sowohl von Unsicherheiten bzw. Prekaritäten im Erwerbsleben als auch von Unsicherheiten im partnerschaftlichen Zusammenleben auf den Übergang zum ersten und auch zum zweiten Kind zu untersuchen. Dabei berücksichtigt sie neben ehelichen auch nicht-eheliche Partnerschaften. Unsicherheit in Partnerschaften wird als „Ungewissheit über den Fortbestand der Beziehung“ (S. 82) definiert. Basierend auf ihren Annahmen geht die Autorin ferner davon aus, dass der Grad an Unsicherheiten in nicht-ehelichen Lebensgemeinschaften subjektiv höher ausfällt als in Ehen (S. 82 f.). Unsicherheiten im Erwerbsleben definiert die Autorin anknüpfend an ökonomische Ansätze als subjektive Ungewissheiten, „die eine aktuelle oder zukünftige finanzielle Absicherung erschweren oder aber auch einfach [als] eine Ungewissheit über zukünftige Arbeitsmarktpositionierungen“ (S. 83). Im Anschluss an die Darstellung und Erläuterung jüngerer, „nicht eindeutig[er]“ (S. 85) Forschungsresultate zu beiden Unsicherheitsdimensionen zieht Hering die umfassende Annahme, nach der beide Unsicherheitsdimensionen „die Familiengründung und die Familienerweiterung in gleichem Maße beeinflussen“ (S. 85).

Im weiteren Verlauf stellt die Autorin ihre Hypothesen auf, wobei – etwas überraschend – die Unsicherheit einer Partnerschaft ausschließlich mittels objektiver Kriterien empirisch erfasst wird, und zwar über die Dauer einer bestehenden Partnerschaft sowie die Art der Partnerschaft, also ehelich versus nicht-ehelich. Angesichts der Fokussierung auf subjektive Unsicherheitsmerkmale im Bereich des Erwerbslebens sowie, darüber hinaus, eines reichhaltigen Forschungsstandes und entsprechend ausgereifter Instrumentarien zur Messung sowohl subjektiver Instabilitäten als auch Unzufriedenheiten in ehelichen oder nicht-ehelichen Partnerschaften[2] ist diese Vorgehensweise kaum angemessen. Schließlich ist theoretisch plausibel, dass sich der Aufschub einer Familiengründung bzw. -erweiterung eben nicht nur durch Erwerbsrisiken und objektive Partnerschaftsmerkmale, sondern vor allem durch subjektive Unzufriedenheiten und Unsicherheiten innerhalb einer Partnerschaft erklären lässt. Auf ebenjenen Umstand machen vor allem die von der Autorin selbst zitierten austauschtheoretischen Ansätze[3] sowie neuere verhandlungstheoretische Überlegungen[4] aufmerksam: Mit zunehmender Unzufriedenheit wächst vor allem das Drohpotenzial zur Beendigung der Beziehung auf Seiten jenes Partners bzw. jener Partnerin, der bzw. die die größeren materiellen und/oder immateriellen Investitionen in die Partnerschaft leistet. Mit Blick auf die Erklärungsreichweite des von der Autorin gewählten Ansatzes wäre es wichtig gewesen, sowohl die objektiven, mitunter materiellen, als auch die subjektiven, immateriellen Ressourcen und die damit jeweils einhergehenden Unsicherheitsmerkmale von Partnerschaften in die Untersuchung aufzunehmen.

Im Anschluss an die theoretischen Ausführungen folgen die empirischen Untersuchungen, die die Autorin unter Verwendung von Daten des SOEP vornimmt. Dabei zeigt sich, dass verheiratete Frauen signifikant früher zum ersten Mal Mutter werden als in nicht-ehelichen Partnerschaften lebende Frauen. Beim Übergang zum zweiten Kind verschwindet dieser Unterschied jedoch. Demgegenüber hat eine befristete Beschäftigung kaum einen Effekt auf den Übergang zur Mutterschaft: Sowohl bei verheirateten als auch bei in nicht-ehelichen Beziehungen lebenden Frauen fällt die Wahrscheinlichkeit für die Geburt eines Kindes lediglich im ersten Jahr einer befristeten Anstellung signifikant geringer aus als bei Frauen in unbefristeter Tätigkeit. In der Zeit danach scheinen die Frauen sich an die Befristungserfahrung zu gewöhnen, denn ein signifikanter Unterschied zwischen Frauen mit befristeter und unbefristeter Anstellung im Hinblick auf die Geburt eines Kindes lässt sich dann anhand der Daten nicht ausmachen.

Diese empirischen Befunde sind vor dem Hintergrund des bisherigen Forschungsstands aufschlussreich, bedürfen angesichts einiger methodischer Unstimmigkeiten der Untersuchung, die nachfolgend exemplarisch beleuchtet werden, jedoch näherer Betrachtung. Zur statistischen Hypothesentestung wendet die Autorin zeitdiskrete Ereignismodelle in Kombination mit logistischen Regressionen für Paneldaten an. Dieses Verfahren ist in längsschnittlichen Untersuchungen familiensoziologischer Fragestellungen durchaus erprobt, jedoch erweist es sich mit Blick auf die lebenslaufanalytisch fundierte Analyse des Einflusses atypischer Beschäftigungsformen auf den Übergang zur Elternschaft als problematisch. Zeitdiskrete Modelle gehen davon aus, dass der Eintritt eines Ereignisses zum Zeitpunkt t+1 durch bestimmte Prädiktoren hervorgerufen wird, die zum Zeitpunkt t, also in der vorangegangenen Periode, gemessen wurden.[5] Bei der Modellierung des Einflusses theoretisch relevanter Prädiktoren zum Zeitpunkt t auf das Geburtsereignis zum Zeitpunkt t+1 ist jedoch zu beachten, dass die den Prädiktorvariablen zugrunde liegenden Daten erhoben werden müssen, bevor eine dem Geburtsereignis vorangehende Schwangerschaft bei den Befragten eingetreten ist. Wurden die Daten zu einem Zeitpunkt t erhoben, als schon eine Schwangerschaft vorlag, so sind die resultierenden Regressionskoeffizienten nicht sinnvoll interpretierbar, weil die zentrale Kausalitätsannahme zwischen Prädiktor- und Kriteriumsvariablen verletzt wurde.[6] Die Autorin trägt diesem Problem Rechnung, indem sie vom Zeitpunkt der Messung der abhängigen Variable (Geburt eines Kindes) neun Monate, also die durchschnittliche Dauer einer Schwangerschaft, subtrahiert. Damit wird das Kausalitätsproblem zwar umgegangen, jedoch gibt die Studie an dieser Stelle keinen Aufschluss darüber, wie mit den Angaben für Prädiktorvariablen verfahren wurde. Den Annahmen der Methode zeitdiskreter Ereignisanalysen gemäß ist zu erwarten, dass für deren Messung das Jahr vor dem Eintritt des Ereignisses, das die Prädiktorvariable indiziert, gewählt wurde. Aufgrund des Vorziehens des Messzeitpunkts der Kriteriumsvariable um neun Monate ist es jedoch plausibel anzunehmen, dass bei einer erheblichen Anzahl der untersuchten Fälle im Datensatz – nämlich für diejenigen, die die Geburt eines Kindes bis zum August des jeweiligen Jahres angaben, in dem sie erfasst wurden – der Messzeitpunkt der Kriteriumsvariable rechnerisch in das Jahr vor den tatsächlichen Ereigniszeitpunkt gezogen wurde. Damit muss der Methodik entsprechend aber auch die Messung der Prädiktorvariablen um ein Jahr vorgezogen werden, um den zeitdiskreten Charakter der Untersuchung aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig würden die resultierenden Regressionskoeffizienten mit einem solchen Vorgehen mögliche Einflüsse der interessierenden Prädiktoren auf die Dauer bis zur Geburt eines Kindes jedoch deutlich unterschätzen.

An dieser aus methodischer Sicht zentralen Stelle der Studie wäre die Diskussion möglicher inhaltlicher Konsequenzen dieses Problems für die Forschungsresultate aufschlussreich gewesen. Methodisch und inhaltlich wäre es mit Blick auf die Hypothesentests zudem sinnvoll gewesen, die Paneldaten des SOEP wie monatsgenaue Ereignisdaten zu behandeln. So schlägt etwa Kreyenfeld[7] zwecks Aufbereitung von SOEP-Daten für Ereignisdatenanalysen vor, monatsgenaue Angaben über die Interviewzeitpunkte einer jeden Person und Welle sowie monatsgenaue Angaben der Geburtsereignisse zu verwenden. Statt zeitdiskreter Modelle hätte sich die Verwendung von Exponential- oder Piecewise Constant Models angeboten, die die Schätzung konsistenterer Koeffizienten ermöglicht hätten.[8] Diese Verfahren haben gegenüber zeitdiskreten, logistischen Modellen den Vorzug, dass sie die Modellierung nicht-linearer Zusammenhänge zwischen den Prädiktoren und der Kriteriumsvariable ermöglichen.[9] Angesichts einschlägiger Befunde zu nicht-linearen Verläufen von Partnerschaftsinstitutionalisierungen und -auflösungen[10] hätte eine solche Vorgehensweise die Realitätsnähe der Untersuchungen weiter erhöht. Ferner wäre es angesichts des zentralen Stellenwerts der Partnerschaftsdauer als Indikator für Unsicherheit im Partnerschaftskontext eine Überlegung wert gewesen, statt des Alters der Befragten die Partnerschaftsdauer (S. 102) als Prozesszeit heranzuziehen. Über entsprechende Dummykodierungen der zugrunde gelegten Zeitintervalle[11] hätte das eine genauere Schätzung der Effekte der Partnerschaftsdauer auf die Zeit bis zur Geburt eines Kindes als über die Modellierung der Prozesszeit basierend auf dem Alter der Befragten ermöglicht.

Annina T. Herings Studie bietet wichtige empirische Erkenntnisse hinsichtlich des Einflusses von partnerschafts- und erwerbsbezogenen Unsicherheiten auf die Dauer bis zur Geburt eines Kindes – sowohl mit Blick auf eheliche als auch auf nicht-eheliche Familienarrangements. Insbesondere die lebenslaufanalytische Herangehensweise, die die Autorin in ihren empirischen Untersuchungen verfolgt, bringt wichtige Befunde zutage, von denen sowohl zukünftige familien- als auch arbeitssoziologische Forschungen profitieren werden. Denn mit dieser Verschiebung des Analysefokus eröffnet die Autorin Untersuchungsfelder, die im Zuge bisheriger familiensoziologischer Forschungsansätze zu kurz gekommen sind. Es ist das Verdienst der Untersuchung, hierauf aufmerksam zu machen und im Zuge empirischer Analysen sowohl forschungs- als auch praxisrelevante Anknüpfungspunkte für die Auseinandersetzung mit den krisenhaften Folgen atypischer bzw. prekärer Beschäftigungsformen aufzuzeigen. Die teils kontrovers geführten öffentlichen Debatten um die sozialen Folgen atypischer Beschäftigungsformen – zuletzt etwa im Rahmen des Bundestagswahlkampfs 2017 – können von profunden empirischen Studien nur profitieren. Dort, wo soziale Ungleichheiten und Benachteiligungen infolge von Flexibilisierungs- und Deregulierungsprozessen auf Arbeitsmärkten auftreten, ist eine soziologische – das heißt theoretisch und empirisch fundierte – Prekaritätsforschung nötiger denn je.

Fußnoten

[1] Michaela Kreyenfeld, Economic Uncertainty and Fertility, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 67 (2015), 1, S. 59–80.

[2] Oliver Arránz Becker, Was hält Partnerschaften zusammen? Psychologische und soziologische Erklärungsansätze zum Erfolg von Paarbeziehungen, Wiesbaden 2008; ders., Determinanten und Konsequenzen von Trennung und Scheidung, in: Paul B. Hill / Johannes Kopp (Hg.), Handbuch Familiensoziologie, Wiesbaden 2015, S. 527–562; Kirsten Rüssmann et al., Konzepte und Skalen zur Messung des Beziehungserfolgs. Zur Entwicklung einschlägiger Instrumente, in: Paul B. Hill (Hg.), Interaktion und Kommunikation. Eine empirischeStudie zu Alltagsinteraktionen, Konflikten und Zufriedenheit in Partnerschaften, Würzburg 2004, S. 73–102.

[3] Robert A. Lewis / Graham B. Spanier, Theorizing about the Quality and Stability of Marriage, in: Wesley R. Burr et al. (Hg.), Contemporary Theories about the Family. Research-based theories, New York 1979, S. 268–294; Robert A. Lewis / Graham B. Spanier, Marital Quality, Marital Stability, and Social Exchange, in: Francis Ivan Nye (Hg.), Family Relationships. Rewards and Costs. London 1982, S. 49–65.

[4] Annette Kohlmann / Johannes Kopp, Verhandlungstheoretische Modellierung des Übergangs zu verschiedenen Kinderzahlen, in: Zeitschrift für Soziologie 26 (1997), 4, S. 258–274.

[5] Alfred Hamerle / GerhardTutz, Diskrete Modelle zur Analyse von Verweildauer und Lebenszeiten. Frankfurt am Main / New York 1989.

[6] Michaela Kreyenfeld, Economic Uncertainty and Fertility, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 67 (2015), 1, S. 59–80, hier S. 66 f.

[7] Ebd.

[8] Michaela Kreyenfeld, Uncertainties in Female Employment Careers and the Postponement of Parenthood in Germany, in: European Sociological Review 26 (2010) 3, S. 351–366; Christian Schmitt, Labour Market Integration, Occupational Uncertainties, and Fertility Choices in Germany and the UK, in: Demographic Research 26 (2012), 12, S. 253–292.

[9] Hans-Peter Blossfeld et al., Event History Analysis with Stata, New York 2007, S. 116–181.

[10] Andreas Diekmann / Peter Mitter, A Comparison of the "Sickle Function" with Alternative Stochastic Models of Divorce Rates, in: dies. (Hg.), Stochastic Modelling of Social Processes, New York 1984, S. 123–153; Johannes Kopp, Geburtenentwicklung und Fertilitätsverhalten. Theoretische Modellierungen und empirische Erklärungsansätze, Konstanz 2002; Johannes Kopp et al., Verliebt, verlobt, verheiratet: Institutionalisierungsprozesse in Partnerschaften, Wiesbaden 2010.

[11] Hans-Peter Blossfeld et al., Event History Analysis with Stata, New York 2007, S. 116–181.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.