Privatheit und Freiheit, Überwachung und Sicherheit

Andreas Mühlichen über die großen Themen des digitalen Zeitalters

Es ist alles andere als ausgemacht, was es bedeutet, dass die Welt zunehmend digital vernetzt wird. Sind die damit verbundenen Veränderungen bloß alter Wein in neuen Schläuchen? Oder ist Digitalisierung ein Symptom des Endes der Moderne? Privatheit jedenfalls ist eines jener modernen Ordnungsmuster, an deren Krise sich die aktuellen Transformationen des Sozialen äußern. Das Private wird totgesagt und beschützt, kritisiert und gelobt, fixiert und transformiert – in jedem Fall umtriebig umkämpft. Privatheit wird einerseits als tragendes Element liberaler Ordnung beschworen; andererseits scheint sie von Staaten, Unternehmen und Nutzer_innen in großem Stil missachtet zu werden. In dieser Situation ist Forschung willkommen, die sich über den prekären Status des Privaten wundert und versucht, zu einer Klärung dieser Situation beizutragen. Andreas Mühlichens Beitrag ist vor allem ein empirischer. Er verfolgt mit seinem im Barbara Budrich Verlag erschienenen Buch „Privatheit im Zeitalter vernetzter Systeme“ zwei Ziele: Erstens „zu zeigen, dass es gute Gründe dafür gibt, dass individuelle Privatheit wichtig sein sollte“ (S. 20), und zweitens, zu untersuchen, „ob sich dies auch in einem Bedürfnis nach Privatheit individuell widerspiegelt“ (ebd.). Dafür ist das Buch in vier Teile gegliedert: Im ersten Kapitel legt Mühlichen sein Privatheitsverständnis mit Hilfe theoretischer Ansätze zugrunde. Das zweite Kapitel diskutiert die aktuellen technologischen Bedingungen dieser Privatheit, die dann im dritten Kapitel auf ihre sozialen Auswirkungen hin untersucht werden. Im vierten und fünften Kapitel geht es schließlich um die Herleitung und Darstellung seiner empirischen Forschung.

Das erste Kapitel des Bandes soll standesgemäß die grundsätzlichen Fragen klären – mithin, „was Privatheit eigentlich ist“ und „warum wir sie gewahrt wissen wollen (sollten)“ (S. 21). Entsprechend ist dieser Teil theoretischen Überlegungen zur konzeptionellen und normativen Verortung von Privatheit gewidmet. Analytischer Ausgangspunkt ist dabei das Verhältnis von Privatheit und Freiheit. Mühlichen folgt hier einer Tradition liberaler Theorien, die annehmen, Privatheit sei in liberalen politischen Ordnungen konstitutiv mit individueller Autonomie verknüpft. Als Kronzeuge für diese klassische Position der Privatheitstheorie dient dem Autor das einschlägige Werk „Der Wert des Privaten“ (2001) von Beate Rössler (S. 22–30). Mit Rösslers sozialphilosophischem Ansatz konzeptualisiert Mühlichen Privatheit als eine Bedingung für individuelle Selbstbestimmung und damit als unverzichtbare Grundlage liberaler Demokratien. Privatheit müsse nicht nur politisch gewährleistet, sondern auch aktiv individuell gelebt werden. „In dieser Sichtweise ist Privatheit etwas, das erstrebenswert ist – und etwas, das erstrebt werden sollte: Verliert Privatheit an Bedeutung, steht damit letztlich der Wert der Freiheit auf dem Spiel“ (S. 45). Anschließend erweitert Mühlichen seine theoretischen Überlegungen um den Wert der Sicherheit, der dem der Freiheit immer wieder als angeblicher Antagonist gegenübergestellt wird (S. 33). Während der Autor Privatheit als Mittel zur Förderung individueller Freiheit identifiziert, sieht er Überwachung als Mittel, um Sicherheit zu gewährleisten (ebd.). So werden Privatheit und Überwachung für Mühlichen zu einem entscheidenden Gegensatzpaar. Um die sozialen Risiken zu illustrieren, die mit dem Einsatz von Überwachung verbunden sein können, konsultiert der Autor Foucaults vielzitierte Interpretation des Bentham‘schen Panopticons. Dieser entnimmt Mühlichen die These, Überwachung sei stets in gesellschaftliche Machtverhältnisse eingewebt und deshalb als Mittel zur Gewährleistung von Sicherheit und Freiheit mindestens risikobehaftet (S. 45, 169). Zentrales Ergebnis seines theoretischen Kapitels ist eine normative Privatheit klassisch liberaler Gangart, die als individuell und kollektiv erstrebenswert bewertet wird (ebd.). Gegenbegriff zu dieser Form von Privatheit ist eine Überwachung, die zwar in Maßen zur Gewährleistung von Sicherheit beitragen kann, deren Eignung und Nebenfolgen aber nichtsdestotrotz infrage stehen (ebd.). Insgesamt gewinnt Mühlichen auf diesem Wege zwar eine brauchbare Arbeitsdefinition von Privatheit sowie die Möglichkeit, normativ für eben diese Form zu optieren. Allerdings stehen diese theoretischen Grundlagen mit vergleichsweise wenigen und nicht sehr disparaten Referenzen insgesamt auf recht dünnen Beinen.

Das zweite Kapitel dient Mühlichen dazu, zu zeigen, „was der Wandel vom Analogen zum Digitalen für den Umgang mit Informationen bedeutet“ (S. 49). Das knapp 80 Seiten starke Kapitel bietet einen umfassenden Überblick darüber, wie sich im Zuge der Digitalisierung der Status von Daten verändert hat. Grundlegender Tenor dieser Ausführungen ist, dass dank der technischen Möglichkeiten, die vor allem großen privatwirtschaftlichen Akteuren wie Google, Facebook oder Apple beziehungsweise staatlichen Behörden wie der NSA oder dem BND vorbehalten sind, Daten eine ganz neue Bedeutung für die Privatheit erlangen. Der Umschlag von analoger Datenaufbewahrung – beispielsweise in Form von Akten – zu digitalen Datenbanken und die damit koinzidierenden Datensammelpraktiken bergen Mühlichen zufolge erhebliches Problempotenzial für die Aufrechterhaltung privatheitlicher Standards. Personenbezogene Daten, also solche, die „der betreffenden Person zugeordnet werden können“ (S. 68), sind die Voraussetzung für eine Problematisierung von Datensammlung. Das allein reicht ihm zufolge jedoch noch nicht aus, um Daten als potenziell privatheitsgefährdend einzustufen. Entscheidend ist für Mühlichen vielmehr – und damit spielt er auf den Titel seiner Dissertation an („Privatheit im Zeitalter vernetzter Systeme“) – die Kombinierbarkeit dieser Daten. Dadurch kann das Bild, welches über Personen gewonnen wird, immer plastischere Züge annehmen wodurch wiederum bestimmte Privatheitspraktiken – beispielsweise Anonymisierungstechniken in sozialen Netzwerken – praktisch wirkungslos bleiben (S. 81). Zum anderen müsse man sich dessen bewusst sein, dass trotz ihrer extremen Ausgereiftheit datenverarbeitende Algorithmen nach wie vor nicht exakt bestimmen können, um welche Person es sich handelt. Vielmehr treffen sie „probabilistische Aussagen“ (S. 91), was einerseits das Auftreten von Fehlallokationen ermöglicht, andererseits aber für die Nutzer_innen reale Konsequenzen hat (S. 92). Sie sind dabei letztlich datenanalytischen Automatismen ausgeliefert, die sie nicht weiter beeinflussen, geschweige denn korrigieren können.

Im Anschluss daran veranschaulicht Mühlichen im dritten Kapitel, wie sich die von ihm skizzierten Rahmenbedingungen der digitalen Ära auf das private Leben auswirken. Die von ihm präsentierten Aussichten, können als pessimistisch eingestuft werden; dies wird vor allem daran ablesbar, dass er bereits zu Beginn des Kapitels infrage stellt, ob es überhaupt noch möglich sei, ein genuines Bedürfnis nach Privatheit befriedigen zu können (S. 126). Als hinderlich dafür identifiziert er ein Spannungsverhältnis zwischen den Individuen auf der einen und privatwirtschaftlichen beziehungsweise staatlichen Akteur_innen auf der anderen Seite. Den privatwirtschaftlichen Akteur_innen sei daran gelegen, „über alle Personen etwas zu erfahren, alle Kunden und all ihre Wünsche zu analysieren, alle potentiellen Konsumenten zu beeinflussen, die von ihnen angebotenen Produkte zu kaufen und ihre Dienstleistungen zu nutzen – es sind also per se alle interessant“ (S. 134). In diesem Fall wird die Privatheit zugunsten wirtschaftlicher Interessen vernachlässigt; komplementär dazu zielt die Logik der Befürworter_innen der inneren Sicherheit darauf, mittels Überwachungstechnologien die Sicherheit und damit die Souveränität des Staates zu garantieren. Für Mühlichen stellt eine Verweigerung der digitalen Technologien aber auch keine Option dar, denn das würde sowohl in sozialer, aber auch in zivilgesellschaftlicher Hinsicht eine „massive Teilhabestörung bedeuten“ (S. 168). Letztlich sind für ihn weniger die Individuen zu einer Verhaltensänderung verpflichtet, da einer solchen zum Trotz damit zu rechnen wäre, dass sie keine hundertprozentige Sicherheit der individuellen Privatheit mit sich bringen würde (S. 138). Handlungsbedarf sieht er – wenn auch mit Einschränkungen (S. 158) – bei der Gesetzgebung, obgleich diese in seinen Augen bisher keine wirklichen Lösungen bietet (S. 168). Mühlichen wartet im zweiten und dritten Kapitel mit einem ungemeinen Wissen über die Materie auf. Seine Kenntnisse sowohl über die aktuellen Diskurse als auch über die Praktiken der Nutzer_innen haben einen nahezu enzyklopädischen Charakter. Jedoch vermisst man die theoretische Anbindung an das erste Kapitel. In welchem Verhältnis die digitalen Rahmenbedingungen und deren soziale Auswirkungen auf Rösslers Privatheitsverständnis oder Foucaults Ausführungen zum Panopticon stehen, wird bestenfalls angedeutet. Zumindest wäre es für die Leser_innen instruktiv gewesen, wie sich einzelne Phänomene – beispielsweise das des function creeps, also der „Zweckentfremdung eines […] Systems auf Anwendungsbereiche, die ursprünglich nicht intendiert waren“ (S. 97) – im theoretischen Konstrukt verorten lassen.

Das kurze vierte Kapitel fungiert als Bindeglied zwischen den vorangegangenen Analysen und der folgenden Darstellung der empirischen Forschung. Es bietet eine gute Zusammenfassung über den bisherigen Gang der Untersuchungen: Auf Grundlage seiner theoretischen Überlegungen kommt Mühlichen zu dem Schluss, Privatheit als wichtigen Wert und Bedingung individueller Freiheit anzuerkennen (S. 169). Demgegenüber haben die technischen Entwicklungen im Rahmen der Digitalisierung „das Gleichgewicht der Möglichkeiten zwischen Privatheit und Überwachung zuungunsten der Privatheit verlagert“ (ebd.). In dieser Situation seien weder technische Mittel, noch gesetzliche Regulationsversuche oder individuelle Strategien des Privatheitsschutzes geeignet, um dem Problem einer gefährdeten Privatheit angemessen zu begegnen (ebd.). Aus dieser Argumentation leitet der Autor schließlich die primäre empirische Frage ab, ob – trotz, oder gerade wegen der misslich scheinenden Lage – bei individuellen Nutzer_innen ein Bedürfnis nach Privatheit vorliegt (S. 171). Für Mühlichen ist hier nicht zuletzt interessant, ob die Befragten Privatheit zwar schätzen, aber angesichts konkurrierender Interessen (wie etwa an der Teilhabe an digital vermittelter Sozialität) hintanstellen, oder ob schlicht kein Bedürfnis nach Privatheit besteht (S. 172 f.). Abgesehen davon, dass Mühlichen recht grob jedwede Nutzung von Social Networking Sites (SNS) als ein „Weniger an Privatheit“ (S. 172) wertet, zieht er an anderer Stelle richtigerweise keine voreiligen Schlüsse: Weder lasse sich aus dem theoretisch fundierten Wert der Privatheit notwendigerweise ein individuelles Bedürfnis danach ableiten, noch sollte aus der Existenz möglicherweise privatheitsgefährdender Praktiken wie der Nutzung von SNS auf die Abwesenheit eines solches Bedürfnis geschlossen werden (S. 173).

Im fünften Kapitel widmet sich Mühlichen schließlich der Darstellung seiner empirischen Erhebungen. Ziel ist eine Operationalisierung und Messung eines individuellen Bedürfnisses nach Privatheit (S. 177). Zu diesem Zweck wurden Mitte des Jahres 2012 Studierende der Universität Bonn mit Hilfe von Papierfragebögen befragt (S. 178 f.). Die Stichprobe umfasste gut eineinhalbtausend Fälle (S. 181). Bei der Auswertung der Daten kommt eine exploratorische Analyse von multivariaten Zusammenhängen zwischen Variablen zum Einsatz (S. 184). Mühlichen wendet eine zweistufige Kategoriale Hauptkomponentenanalyse (CatPCA) an, um „die vorhandene Struktur in den inhaltlich zusammengehörigen Daten“ (S. 185) zu suchen. Der Autor gliedert seine Suche nach einem Privatheitsbedürfnis in drei Unterfragen: Erstens soll die privatheitsrelevante Praxis der Befragten gemessen, zweitens ihr Bedürfnis nach Privatheit ermittelt und drittens kontextualisierende Deutungsrahmen aufgedeckt werden. Letztere sollen beschreiben helfen, wie die Befragten „über Privatheit und hierauf bezogene Verhaltensweisen denken bzw. wie sie diese bewerten“ (S. 174). Dieser Dreiteilung folgend, fragt der Bonner Soziologe zunächst nach dem Umgang mit sensiblen Informationen in nicht-digitalen Situationen (S. 189) sowie nach Intensität und Formen der Nutzung von SNS (S. 197, 204). Im Rahmen des zweiten Fragenkomplexes, geht es ihm um die Identifikation jener Dimensionen, die für eine Bemessung eines Bedürfnisses nach Privatheit ausschlaggebend sind. Dazu gehören der Schutz identifizierender Informationen, die Bedeutung der Privatheit in der Interaktion und der Grad persönlicher Angewiesenheit auf Privatheit (S. 236). Zur Untersuchung des dritten Komplexes schlägt Mühlichen fünf Aspekte vor, die als Deutungsrahmen in Frage kommen und entsprechend gemessen werden sollten. Dazu gehören Konzepte, wie die Angst, durch Nichtteilnahme an SNS relevante Teile des sozialen Lebens zu verpassen („Antizipation einer Teilhabestörung“), aber auch die Überzeugung, in der digitalen Welt individuell die Kontrolle behalten zu können („Kontrollüberzeugung“) (S. 237 f.). Wichtige Ergebnisse dieses letzten großen Kapitels sind empirische Hinweise auf ein individuell ausdifferenziertes Kommunikationsverhalten hinsichtlich des Umgangs mit sensiblen Informationen (S. 197) sowie „starke empirische Anhaltspunkte“ (S. 236) für die Existenz eines gewissen Bedürfnisses nach Privatheit. Auch die Suche nach Deutungsrahmen ist ein vielversprechender Ansatz, könnte er doch das in der Privatheitsforschung prominente Phänomen des sogenannten Privacy Paradox adressieren. Das Paradox besteht darin, dass Menschen einerseits Sorge um ihre Privatheit äußern, andererseits aber (scheinbar) nicht entsprechend handeln.[1] Passend dazu formuliert Mühlichen die These, Deutungsrahmen könnten erklären, dass „gleichzeitig ein Bedürfnis nach Privatheit besteh[t], in der Praxis aber ein dem widersprechendes Verhalten gezeigt w[ird]“ (S. 261). Leider fehlt jeder explizite Bezug zur Diskussion um das Privacy Paradox. Außerdem gibt Mühlichen zwar an, die postulierten Deutungsrahmen würden sich aus den theoretischen Überlegungen des Buches ergeben (S. 237), eine systematische Herleitung oder Diskussion der Rahmen bleibt er jedoch schuldig.

Mühlichen liefert mit seiner Schrift einen in vielerlei Hinsicht hilfreichen Beitrag zum aktuellen Diskurs um die sich verändernde Form der Privatheit. Seine klar normative Linie zeigt sich allem voran in der Rezeption von Rösslers Privatheitsverständnis. Aus dieser Position heraus kann der Soziologe eine Vielzahl gesellschaftlicher Entwicklungen identifizieren, die privatheitsgefährdende Effekte nach sich ziehen. So lohnt sich das Buch als einführende Übersicht über aktuelle Problemlagen und virulente Widersprüche rund um das Thema. Mühlichen weist nachvollziehbar und mit validen Argumenten darauf hin, dass die gegenwärtige Krise der Privatheit weder technisch noch rechtlich in einem Handstreich lösbar ist. Darüber hinaus erteilt er erfreulicherweise auch Vorschlägen eine Absage, die versuchen, die Verantwortung für den Verlust oder den Schutz der Privatheit individuellen Nutzer_innen zuzuschieben (S. 167). Gerade in diesem Zusammenhang ist Mühlichens Intuition richtig, die Problemlage empirisch anzugehen und nach Praktiken und Bedürfnissen zu fragen.

Allerdings dürfen Zweifel daran geäußert werden, ob die zum Einsatz gebrachten Mittel angemessen sind. So richtig es ist, Privatheitspraktiken zu fokussieren, so unpassend scheint hierfür das Instrument des Fragebogens. Zumindest eine kritischere Reflexion der Methode wäre erfreulich gewesen, sind Diskrepanzen zwischen Diskurs und Praxis doch gerade in der Privatheitsforschung unter dem Namen Privacy Paradox als Herausforderung bekannt.[2] Außerdem hätte ein breiter angelegtes Verständnis von Privatheit Mühlichens empirischer Forschung helfen können, nicht nur die Wertschätzung etablierter Privatheitsformen zu bestätigen, sondern auch neuen Formen des Privaten auf die Spur zu kommen.[3] Eine intensivere Auseinandersetzung mit dem derzeitigen Forschungsstand zum Thema wäre in dieser Hinsicht vielversprechend gewesen. Die von ihm ins Feld geführten Autor_innen erfahren kaum kritische Reflexion und werden nicht mit alternativen Ansätzen konfrontiert. Mühlichen bemüht fast ausschließlich die klassische Schrift Rösslers, obwohl der Einbezug ihrer neueren Arbeiten ein feineres Bild der sozialen Dimension von Privatheit eröffnet hätte. Lohnenswert wäre darüber hinaus ein Blick auf ergänzende oder divergierende Ansätze der Privatheitstheorie gewesen. Während Rösslers Theorie als zentraler Beitrag im Feld zu Recht Beachtung findet, scheint gerade in Zeiten des digitalen Umbruchs eine multiperspektivische und zukunftsoffenere Sicht auf Privatheit angebracht. Ein Blick über den liberalen Tellerrand hätte gezeigt, dass das Feld weitere Konzepte zu bieten hat; beispielsweise die von Helen Nissenbaum erarbeitete Theorie kontextueller Integrität, die nicht nur zeigt, wie Privatheit ohne Kontrolle gedacht werden kann, sondern auch robuste Konzepte für empirische Analysen bereitstellt.[4] Zudem fällt auf, dass in den späteren Kapiteln nahezu keine Verknüpfungen zwischen den theoretischen Konzepten und thematisierten Phänomenen hergestellt werden. Dieser Leseeindruck mag das Ergebnis seiner empirischen Studie nicht schmälern; führt aber zu der Frage, warum der Autor beispielsweise Foucault überhaupt diskutiert, wenn dieser im Laufe der Arbeit de facto keine Rolle mehr spielt. Dass Foucault nur als Steigbügelhalter einer blassen Überwachungskritik auftritt, ist auch deshalb schade, weil gerade in diesem Kontext viel mehr von ihm zu lernen ist. Erstens ist es fraglich, Foucault in dieser Weise für das liberale Projekt einzuspannen – zeigt er doch auch, dass die Anrufungen der Freiheit ebenfalls Teil jener Ordnung sind.[5] So ließe sich Mühlichens Schluss, Privatheit müsse nicht nur gesellschaftlich gewährleistet, sondern individuell „gewollt sein“ (S. 29), mit Foucault als Internalisierung liberaler Machtverhältnisse kritisieren. Zweitens darf man mit Foucault aber auch davon ausgehen, dass der subjektivierende Einsatz von analogen wie digitalen Selbsttechnologien nicht bloß unterdrückende, sondern ebenso ermöglichende Effekte zeitigt.[6] Genauso wenig wie jede Teilnahme an SNS einfach nur als ein Weniger an Privatheit gewertet werden kann, sollte jede Aufgabe liberaler Privatheit mit einem Minus an Autonomie gleichgesetzt werden. Es mag einigen als schlechte Idee erscheinen, „Nacktselfies von sich zu posten" (S. 16), für andere kann es als emanzipatorische Selbsttechnik oder Taktik der Modifikation sozialer Körpernormen hilfreich sein.[7] Durch diese theoretischen Leerstellen verspielt Mühlichen die Möglichkeit, Transformationen von Privatheit jenseits der etablierten Formen zu beobachten. Ein zu enger Privatheitsbegriff bleibt unsensibel für alternative Problemdefinitionen und ist schließlich nicht das beste Werkzeug, um einen Blick in die nahe Zukunft der digitalen Welt zu werfen.

Fußnoten

[1] Vgl. für einen Überblick und eine empirische Kritik: Tobias Dienlin / Sabine Trepte, Is the privacy paradox a relic of the past? An in-depth analysis of privacy attitudes and privacy behaviors, in: European Journal of Social Psychology 45 (2014), 3, S. 285–297.

[2] Carsten Ochs / Barbara Büttner / Enrico Hörster, Das Internet als „Sauerstoff“ und „Bedrohung“, in: Privatheit und selbstbestimmtes Leben in der digitalen Welt, Wiesbaden 2018, S. 37 ff.

[3] Z. B. Niklas Barth, Kalte Vertrautheiten. Private Kommunikation auf der Social Network Site Facebook, in: Berliner Journal für Soziologie 25 (2018), 4, S. 459–489; Fabian Pittroff, Perverse Privatheiten. Die Postprivacy-Kontroverse als Labor der Transformation von Privatheit und Subjektivität, in: Jonathan Kropf / Stefan Laser (Hg.), Digitale Bewertungspraktiken, Wiesbaden 2018, S. 189–212.

[4] Helen Nissenbaum, Privacy in context: Technology, Policy, and the Integrity of Social Life, Stanford 2010.

[5] Michel Foucault, Freiheit und Selbstsorge. Gespräch mit Michel Foucault am 20. Januar 1984, in: Michel Foucault / Helmut Becker, Freiheit und Selbstsorge, Frankfurt am Main 1993, S. 9–28.

[6] Michel Foucault, Die Sorge um sich. Sexualität und Wahrheit 3, Frankfurt am Main 1986.

[7] Z.B. Alfred Weidinger / Anika Meier (Hg.), Virtual Normality: Netzkünstlerinnen 2.0, Wien 2018.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Kira Meyer.