Prognostizierst du noch oder simulierst du schon?

Rezension zu "Die Echtzeitgesellschaft. Wie smarte Technik unser Leben steuert" von Johannes Weyer

Die Entwicklung und Einführung von tragbaren Computersystemen (Wearables) sowie die zunehmende Automatisierung verschiedener Prozesse haben eine kontroverse Debatte um die Kontrolle der privaten und beruflichen Lebensbereiche entfacht.[1] Die Annahme, dass digitale Technik „nahezu alle Bereiche des Lebens und Arbeitens“ (S. 1) durchdrungen hätte, ist auch die Grundlage von Johannes Weyers Gesellschaftsdiagnose Die Echtzeitgesellschaft. Wie smarte Technik unser Leben steuert. Hierbei stellt er heraus, dass die immer engere Verzahnung von Technik und Gesellschaft in soziotechnischen Systemen eine zeitliche Verdichtung und Simultaneität von Handlungsabläufen hervorbringt. Mit seiner Analyse will er einen Beitrag zur Techniksoziologie leisten und zugleich ein Bild der gegenwärtigen sozio-technischen Entwicklungen zeichnen.

Das Buch liefert eine informative Basis für weiterführende Untersuchungen zur Digitalisierung des Privat- und Berufslebens. Mit seinem aufmerksamen Blick identifiziert der Techniksoziologe Weyer wichtige Entwicklungsprozesse der Gegenwart, die Individuen und Organisationen gleichermaßen betreffen. Bei allem Wissen um die mit der Thematik verbundenen Probleme ist es dem Autor dennoch ein Anliegen, gängigen Befürchtungen bezüglich einer ganzheitlichen Kontrolle der Gesellschaft entgegenzutreten. Hierfür zieht der Autor mehrere Fallbeispiele heran, an denen er mittels Modellen und Simulationen die Komplexität der Verzeitlichung und Synchronisation zu veranschaulichen versucht.

Unter besonderer Berücksichtigung der Felder Mobilität, Verkehr und Energie befasst sich Weyers Analyse mit der Digitalisierung des Alltags, Big Data-Modellen, dem Risikomanagement von Großsystemen vor dem Hintergrund technischer Katastrophen und der Regulierung von Verkehrssystemen in der (deutschen) Gesellschaft. Neben Fragen nach dem Vertrauen in digitale Technik oder nach der Rolle von Organisationen im Umgang mit Unsicherheiten bei der Planung und Einführung sicherheitskritischer Großsysteme behandelt das Buch auf der Makro-Ebene die Bedingungen und Optionen soziotechnischer Transformationsprozesse. Nach einem kurzen Abriss der soziotechnischen Entwicklung hin zur Echtzeitgesellschaft der Gegenwart folgt ein Überblick zu techniksoziologischen Ansätzen. Die nächsten drei Kapitel diskutieren das Zusammenwirken von sozialen und technischen Komponenten auf der individuellen, organisationalen und sozialstrukturellen Ebene. Abschließend werden in den letzten zwei Kapiteln die möglichen Auswirkungen einer zeitlichen Verdichtung auf politische Steuerungsformen sowie der soziologische Beitrag des Konzepts einer „Echtzeitgesellschaft“ zusammenfassend dargestellt. Im Spiegel der eingangs genannten Befürchtungen vor einer zunehmenden technikgesteuerten Kontrolle wirft Weyer im Laufe des Buches gesellschaftspolitisch relevante Fragen auf, die die Annahme einer unkontrollierten Steuerungs- und Regulierungsdynamik hinterfragen. Unter Rückgriff auf das Konzept des „soziotechnischen Systems“ weist er darauf hin, dass Entwicklungs- und Handlungsprozesse, Technologien, Infrastrukturen oder Netzwerke erst durch die Kopplung von technischen und sozialen Komponenten stabilisiert werden und funktionieren können.

Trotz der breit gefächerten Fallauswahl zeigt sich jedoch, dass die angestrebte Auseinandersetzung mit Theorie und Praxis schnell an ihre Grenzen stößt. Das Ziel, auf gerade mal 165 Seiten eine tragfähige Gesellschaftsdiagnose zu entwickeln, ist überambitioniert und wirft mehr Fragen auf, als sie Antworten gibt.

Insbesondere die Verknüpfung des Arguments der Beschleunigung und Simultaneität von Handlungsprozessen mit der Digitalisierung bleibt beim Lesen durchgehend erklärungsbedürftig. Dabei haben Forscher*innen aus den Science and Technology Studies (STS) wie Judy Wajcman bereits ausführlich begründet, warum die Verzeitlichung selbst ein Resultat bestimmter soziotechnischer Paramenter, Prioritäten und Werte ist, die Individuen, Organisationen und Institutionen erst über Elemente wie Technik (aber auch Gesetze oder Normen) manifestiert haben.[2] Daraus lässt sich ableiten, dass nicht nur die Technik, sondern auch der Temporalitäts-Begriff – inklusive Zeitverständnis und -gefühl –, sozial konstruiert ist. Soziotechnische Entwicklungen führen demnach nicht in einem disruptiven Prozess zu neuen Gesellschaftsformen, sondern verändern die soziale Wirklichkeit kontinuierlich und phasenübergreifend. Mit Rückgriff auf die STS kann also konstatiert werden, dass bereits vor dem proklamierten digitalen Wandel Formen der Synchronisation und Annahmen einer zunehmenden Simultaneität von Handlungsabläufen zu beobachten waren. Außerdem hat die Digitalisierung aktuellen Studien zufolge längst nicht alle Lebensbereiche umfasst.[3] Weyer versucht zwar, auf das allgemeine Digitalisierungs-Narrativ zu reagieren, bleibt dem/der Lesenden jedoch konkrete Belege schuldig, die seine Argumente plausibilisieren und untermauern würden. So ist auch am Ende der Lektüre nicht hinreichend klar, auf welche Bereiche – außerhalb von dem der Mobilität oder der Nutzung von Smartphones – die Digitalisierung gegenwärtig gravierende Auswirkungen hat und wie sich diese Form der Simultaneität nun im Detail von vergangenen Phasen der Gesellschaft abgrenzen würde.

Des Weiteren lässt Weyers (methodische) Herangehensweise vorschnelle, vereinfachte und allzu normative Schlüsse über die soziotechnischen Entwicklungen erkennen. Exemplarisch wird im fünften Kapitel die Steuerung solcher Systeme am Beispiel der automatisierten Organisation von Verkehrssystemen veranschaulicht. Die eigens konzipierte und durchgeführte computerbasierte Simulation gründet auf einer Vielzahl an Modulen, sozialen und technischen Komponenten und Verbindungen, über die Interaktionen im Verkehr nachgestellt werden sollen. So wird beispielsweise die Handlungsabfolge von Einkaufenden im Zusammenhang mit simulierten Unternehmensinteressen, politischen Entscheidungen oder einem bestimmten Verkehrsmanagement digital nachgeahmt. Für Weyer liegt sein soziologischer Beitrag in dem Vorschlag, stärker mit derartigen agentenbasierten Modellierungen und computergesteuerten Simulationen zu arbeiten. Den Zugewinn sieht er dabei in der einzigartigen Möglichkeit, „sowohl die Funktionsweise und Dynamik komplexer soziotechnischer Systeme als auch die Wirksamkeit politisch motivierter Interventionen in diese[n] Systeme[n]“ analysieren zu können (S. 140). Anders als viele Soziolog*innen versucht Weyer, mit Hilfe solcher Simulationen erste Antworten darauf zu geben, welcher gesellschaftspolitischen Regulierungen es (zukünftig) bedarf. Dabei lässt er jedoch außer Acht, dass diese Elemente – und auch die nachgestellten soziotechnischen Systeme – in einem kontingenten und interdependenten Zusammenhang stehen, sodass auf dieser Grundlage nur schwer darüber spekuliert werden kann, wie sich die Zukunft tatsächlich entwickeln wird. Weyer ist sich zwar im Klaren, dass Modelle nicht die Wirklichkeit abbilden können, er sieht jedoch in der Modellierung von soziotechnischen Systemen genügend Potenzial, um konkrete Ansatzpunkte für eine aktive Mitgestaltung der Gesellschafts- und Technikentwicklung geben zu können. Trotz seiner (technik-)soziologischen Perspektive lässt der Autor jedoch wenig Raum für Diskussionen über die konstruktivistische Eigenschaft von Modellen. Sein Vorhaben, mittels eigens ausgearbeiteter Modelle und Simulationen die These der Echtzeitgesellschaft empirisch fundieren zu wollen, bleibt fragwürdig, sucht er doch mittels selbst erstellter Modelle, die auf Grundlage von eigens priorisierten Elementen entstanden sind, die eigenen Hypothesen über ebenjene Elemente zu überprüfen. Dass seine Simulationen und Modellierungen die Existenz (s)einer Echtzeitgesellschaft bestätigen, ist also nicht weiter verwunderlich, sondern vielmehr tautologisch. Die Simulationen basieren überwiegend auf normativ aufgeladenen und nahezu individuell ausgewählten Faktoren, die wenig Spielraum für andere Nutzungsformen lassen; so gibt es beispielsweise nur vier mögliche Nutzer*innen-Typen, die in der Simulation von Verkehrssystemen eine Rolle spielen. Außerdem wird von Weyer nicht ausreichend reflektiert, welche wirtschaftlichen Produktionsweisen, Wertvorstellungen, Interessen (und Interessenskonflikte) oder Absichten in dem simulierten soziotechnischen System überhaupt eine Rolle spielen (sollen). In diesem Zusammenhang ist ebenfalls unklar, ob und wie sich die aus den Fallbeispielen abgeleiteten Ergebnisse letztendlich auch auf andere Technologien (neu entwickelte oder bereits etablierte) übertragen lassen: Können derartige Simulationen auch über die prognostizierte Echtzeitgesellschaft hinaus bestimmte Gesellschaftsentwicklungen darstellen? Die Frage nach dem diagnostischen Potenzial und den Transfermöglichkeiten von Simulationen betrifft ja nicht nur diese selbst, sondern das gesamte soziologische Genre der Gesellschaftsdiagnose.

Schließlich zeigen sich auf der Makro-Ebene der politischen Steuerung Unklarheiten, die die Wahl der analytischen Faktoren und den Einfluss soziopolitischer Verhältnisse betreffen. Im Zuge von Beschleunigung und zeitlicher Verdichtung geht es dem Autor darum, dass sich die Akteure und Organisationen auch „politisch für Verteilungsgerechtigkeit“ (S. 20) einsetzen, indem beispielsweise Produktivitätsgewinne fair verteilt werden sollen. Hier bleibt jedoch in der weiteren Lektüre des Buchs offen, wie sich die geforderte Verteilungsgerechtigkeit in der Echtzeitgesellschaft eigentlich realisieren ließe und unter welchen ökonomischen Bedingungen dies für wen überhaupt wünschenswert wäre. In der Untersuchung, „wie eine politische Steuerung der Echtzeitgesellschaft aussehen könnte“ (S. 143), müsste die Politik laut Weyer zudem mit neuen und verschiedenen Steuerungs- beziehungsweise Governance-Formen agieren. Dabei warnt Weyer vor einer zunehmenden Einschränkung der individuellen Freiheit und Selbstbestimmung, erklärt allerdings nicht, wie dies entweder per se verhindert werden könnte oder wie soziotechnische Systeme gestaltet werden müssten, um dem entgegenzuwirken. Weyer spricht außerdem häufig von der zunehmenden Digitalisierung aller Lebensbereiche, ohne dabei zu differenzieren, welche sozialen Schichten davon überhaupt tangiert sind beziehungsweise sein könnten. Auch diese Vorannahmen beziehungsweise Defizite spiegeln sich in den Simulationen und Modellen wider und lassen Zweifel über die Forderung nach politischer Verteilungsgerechtigkeit aufkommen. Hier müssten die sozialpolitischen Hintergründe, Werte und Strukturen sowie die ökonomischen Bedingungen konkretere Berücksichtigung finden.

Alles in allem hinterfragt das Buch wichtige Grundannahmen über eine vermeintlich technikkontrollierte Gesellschaft und begründet, warum eine techniksoziologische Perspektive im gegenwärtigen Diskurs um die Digitalisierung einen wichtigen Beitrag leisten kann. Allerdings werfen die Konstatierung einer vermeintlich neuen zeitlichen Verdichtung, die ungenaue und normativ aufgeladene methodische Herangehensweise einer auf Simulationen basierenden Gesellschaftsdiagnose sowie das vorschnelle Plädoyer für eine diffuse politische Verteilungsgerechtigkeit letztendlich mehr Fragen und Problematiken auf, als sich mit dem techniksoziologischen Zugriff beantworten lassen. Die detaillierte Beschreibung der postulierten Echtzeitgesellschaft in ihren komplexen Zusammenhängen bleibt daher vorerst noch eine bestehende Aufgabe für nachfolgende Untersuchungen.

Fußnoten

[1] Vgl. Simon Schaupp, Digitale Selbstüberwachung. Self-Tracking im kybernetischen Kapitalismus, Heidelberg 2016; Stefanie Duttweiler u.a. (Hg.), Leben nach Zahlen. Self-Tracking als Optimierungsprojekt? Bielefeld 2016; Jan Willmroth, Quantified Self. Selbstvermessung am Handgelenk, in: Süddeutsche Zeitung, 23.6.2015.

[2] Vgl. Judy Wajcman, Pressed for Time: The Acceleration of Life in Digital Capitalism, Chicago, IL 2015.

[3] Vgl. Hartmut Hirsch-Kreinsen, Technologieversprechen Industrie 4.0, in: WSI Mitteilungen 71 (2018), 3, S. 166; Sabine Pfeiffer, The Vision of “Industrie 4.0” in the Making – a Case of Future Told, Tamed, and Traded, in: Nanoethics 11 (2017), S. 107–121.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart und Karsten Malowitz.