Public Sexology

Rezension zu "Kritische Sexualwissenschaft" von Volkmar Sigusch

Der Psychiater und Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch gilt als einer der bedeutendsten Vertreter seines Faches in Europa. Im Gegensatz zu vielen Kollegen seiner Generation hatte er sich frühzeitig nicht auf das Verfassen von Lehrbüchern und Aufsätzen in Fachzeitschriften beschränkt, sondern den Weg der Popularisierung medizinischen Wissens beschritten. So gab er ab 1979 die Zeitschrift Sexualität konkret heraus, verfasste zahllose Artikel in Printmedien und beteiligte sich an gesellschaftlichen Debatten. Diese Tätigkeit setzte er auch nach seiner Emeritierung 2006 fort. Im vorliegenden Buch hat er nun 17 wissenschaftliche Aufsätze und populär gehaltene Essays aus den Jahren 1979 bis 2013 zusammengestellt, die er als Quintessenz seines Schaffens und der Genese einer kritischen Sexualwissenschaft verstanden wissen will. Einige der Beiträge waren bereits Teil unterschiedlicher Sammelbände, doch in dieser Konstellation werden sie hier erstmals gemeinsam vorgestellt.

Die ersten vier Aufsätze sind grundsätzlicher Natur und stammen aus den Jahren 1979, 1980, 1992 und 2013. In ihnen schildert Sigusch, wie sich Liebe und Natur in der modernen Gesellschaft zueinander verhalten beziehungsweise von Zeitgenossen gesehen werden. Die Texte spiegeln auch Siguschs eigene Sichtweisen im Wandel der Jahre wider. Im Jahre 1979 schrieb er – nach der Zeit der Libertinage und vor AIDS – kühl und distanziert über die verschiedenen Formen des sexuellen und gefühlsechten Zusammenlebens. Der euphorische Sturm und Drang der 68er-Revolte, wie er unter anderem in dem Satz „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“ zum Ausdruck kam, war da längst verweht. 1980 spielte die Auseinandersetzung mit marxistischen Sexualitätskonzepten die Hauptrolle. Damals war eine solche Diskussion hochaktuell, doch im Jahre 2019 sind die seinerzeit unternommenen Versuche, den Marxismus in die Psychologie und Medizin einzubringen, nur noch von historischem Interesse (S. 30 f.). Das hat damit zu tun, dass mit der einstigen „Systemalternative“ im Ostblock auch die Vorstellung entfallen ist, gesellschafts- und gesundheitspolitische Probleme ließen sich leichter lösen, sofern man nur die richtige Ideologie im Gepäck habe. Marxisten glaubten, dass es möglich sei, innerhalb einer Generation die Situation von Menschen grundlegend zu verbessern. Heute spielen hingegen Begriffe aus der Biologie, Genetik und Evolutionslehre die Hauptrolle, wie der Beitrag „Drang, Begierde oder Trieb?“ aus dem Jahre 2013 erahnen lässt. Dabei geht es nicht mehr um das Schmieden von Zukunftsplänen, sondern um die Suche nach Entschuldigungen, warum es nicht möglich sein soll, die Gegenwart positiver zu gestalten. Siguschs Selbstverortung in diesem Zusammenhang wird ersichtlich, wenn er dem Materialismus gegenüber dem Idealismus den Vorzug gibt (S. 39) und zugleich deutlich macht, dass er Triebe nicht als angeboren – „mitgebracht wie Dickdarmzellen“ (S. 53) – betrachtet. Sigmund Freud, der in der deutschen Psychiatrie lange Zeit verpönte Theoretiker des Sexuellen, wird von Sigusch gerne rezipiert, unter anderem in seinem Beitrag über den „Fetischcharakter“ in Sexualität und Liebe.

Die Aufsätze fünf bis acht reflektieren zentrale Fragen aus der Sexualforschung der letzten Jahrzehnte: Wie soll man „kritische Sexualwissenschaft“ betreiben? Welche Rolle kommt dem wirkmächtigen Feminismus bei der Ausprägung sexualpolitischer Debatten und Entwicklungen zu? Und kann, ja sollte die Sexualwissenschaft direkten Einfluss auf den Gesetzgeber nehmen? Als Beispiel bei seiner Beschäftigung mit letztgenannter Frage dient Sigusch hier die maßgeblich von ihm mitgeprägte Diskussion um Transsexualität, denn ohne seine Interventionen hätte es das Transsexuellengesetz 1980 nicht gegeben. Damals hochmodern, ist es heute längst verändert. So mutete das ursprüngliche Gesetz den Antragstellern nicht nur eine Odyssee durch psychotherapeutische Praxen und Amtsstuben zu, sondern war auch noch gänzlich frei von heute ganz selbstverständlich erscheinenden Vorstellungen über „Gender“. Schließlich spielt(e) AIDS für Sigusch eine bedeutende Rolle. 1989 zeigte er auf, wie eine Krankheit „vergesellschaftet“ wurde und Gesundheit zu einem allumfassenden Thema avancierte (S. 107). AIDS war seit Jahrzehnten die erste (nicht nur) sexuell übertragbare Krankheit, die nicht mit Antibiotika therapiert werden konnte und deren Auftreten mit einer ungeheuerlichen Stigmatisierung der vom Gesetzgeber gerade erst emanzipierten Homosexuellen einherging. Hier ging Sigusch seinerzeit auch hart mit Kollegen ins Gericht, die „auf den Gedanken verfallen können, ein Staat, der im Sexualleben herumfuhrwerkt, tue das ehrlich und besonnen und verdiene Vertrauen“ (S. 117).

Heute wird Siguschs Werk vor allem mit dem von ihm geprägten Begriff der „Neosexualität“ beziehungsweise der „neosexuellen Revolution“ konnotiert, und so ist es nur folgerichtig, dass der diesem Komplex gewidmete Aufsatz ebenfalls Aufnahme in das Buch gefunden hat. Unter „Neosexualität“ versteht Sigusch dabei das Ausleben von sexuellen Freiheiten im Zeitalter des globalisierten Kapitalismus, das er ebenso von sozialer und gesellschaftlicher Entgrenzung wie dem Verlust von materiellen, sozialen und familiären Sicherheiten geprägt sieht. Geschlechtsunterschiede weichen auf, Masturbation ist nicht mehr verpönt, Sexualität und Politik gehen wieder getrennte Wege (S. 184 f.).

In den weiteren Kapiteln widmet sich der Autor Fragestellungen, die erkennen lassen, wie komplex sexualwissenschaftliche Debatten, gesellschaftliche Realitäten und soziale Problematiken an der Schwelle zum 21. Jahrhundert inzwischen geworden waren. Provokant stellte Sigusch 2005 die Frage, ob es in der durchgestylten und sexuell aufgeladenen Welt der Gegenwart „Asexuelle“ geben könne oder dürfe. Auch erörtert er, was früher als „sexuelle Störung“ angesehen wurde und wirft die Frage auf, was man im 21. Jahrhundert unter einer solchen verstehen könne. „Lustlosigkeit“ erscheint heute unverständlich oder problematisch, während dies früher dem asketischen Gesellschaftsideal nahe kam (S. 239). Schließlich seziert Sigusch die Mystifikation kindlicher Unschuld in einer Zeit des Jugendkultes und im Kontext anhaltender Pädophiliedebatten. Im öffentlichen Diskurs verschwimmen die Grenzen zwischen „Kindheit“ und „Jugend“. Siebzehnjährige, die vor rund zwanzig Jahren noch als Quasierwachsene galten, würden heute – wenn es um Sex, Prostitution oder Porno geht – so schützenswert vereinnahmt, als ob sie vorpubertäre Kinder wären, während die vielfach prekären sozialen Verhältnisse von Kindern und Jugendlichen, etwa im Kontext von Hartz IV, in der öffentlichen Diskussion ausgeblendet würden. Sigusch stellt die Frage nach den grundsätzlichen Fehlern im System, während er seinen (im Buch bisweilen sehr direkt genannten) Gegenspielern vorhält, sich auf kosmetische Korrekturen beschränken zu wollen, ohne nach den tieferliegenden Ursachen zu fragen.

Negativ ist zu bemerken, dass Sigusch in keinem der Aufsätze auf etwaige neuere Aspekte, Forschungsarbeiten, Kritiken von Kollegen oder weitere eigene Beiträge in Zeitschriften oder Lehrbüchern eingeht. Allen nicht mit den aktuellen Trends vertrauten Leserinnen und Lesern bleibt die Weiterentwicklung der Forschung so verborgen. Das Fehlen eines Registers ist angesichts der Vielzahl der im Buch genannten Namen und Fachausdrücke sowie der die einzelnen Beiträge überspannenden Debatten besonders ärgerlich.

Positiv hervorzuheben ist, dass der vorliegende Band einen guten Einblick in etliche der seit den 1970er-Jahren geführten gesellschaftspolitischen und wissenschaftstheoretischen Debatten gewährt und sowohl die Potenziale als auch die Relevanz einer kritischen Sexualwissenschaft offenlegt. In diesem Zusammenhang soll nicht unerwähnt bleiben, dass „Sexualwissenschaft“ in Mitteleuropa mittlerweile (wieder) den Status eines Orchideenfaches innehat. Abgesehen von Hamburg, Kiel und Berlin ist hierzulande weder an medizinischen noch an sozial- oder kulturwissenschaftlichen Fakultäten eine Anbindung des Faches erfolgt. Siguschs eigenes Institut in Frankfurt am Main wurde nach seiner Emeritierung quasi eingespart. Sexualwissenschaftliche Erkenntnisse und Theorien sind zwar in zahlreiche Fächer und Diskussionen eingeflossen, doch eine eigenständige Forschung findet hierzulande kaum noch statt. So ist das vorliegende Buch nicht nur ein Fazit, sondern in gewisser Weise auch ein Vermächtnis.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.