Radikal im Herzen, pragmatisch im Geist

Die amerikanische Zeitschrift Jacobin präsentiert eine Anthologie in deutscher Übersetzung

Dass es nicht gut steht um linke Politik und linke Perspektiven im globalen Norden, ist in Anbetracht von Rechtsruck, Austerität und Prekarisierung unbestreitbar. Die von Loren Balhorn und Bhaskar Sunkara herausgegebene Anthologie der amerikanischen Zeitschrift Jacobin hat sich zum Ziel gesetzt, diese Perspektiven durch ihre Öffnung zu verbessern. Der politische Anspruch einer erneuerten Linken soll sich dementsprechend nicht auf bloße Negation beschränken, sondern „die Ideale der Aufklärung auf eine Art verwirklichen, zu der der Kapitalismus nicht imstande ist“ (S. 299).

Jacobin, das von Sunkara gegründet wurde und bis heute von ihm herausgegeben wird, erscheint seit 2010 als Printmedium in den USA und konnte die Zahl der Abonnements in den neun Jahren seiner Existenz beachtlich steigern, so dass es zum wohl wichtigsten sozialistischen Printmedium in den Vereinigten Staaten avanciert ist. Es reklamiert für sich, marxistische Analyse mit demokratisch-sozialistischen politischen Forderungen zu kombinieren, Forderungen, die zwischen der eher reformerischen Umsetzung sozialstaatlicher Maßnahmen und der revolutionären Abschaffung des Kapitalismus oszillieren.

Die in der Anthologie versammelten Artikel, die in den sieben Jahren zwischen 2011 und 2018 von unterschiedlichen, zumeist an die Universität gebundenen, linken AktivistInnen und PublizistInnen verfasst wurden, behandeln ein breites Themenspektrum. Es erstreckt sich vom Umweltschutz bis zu sozialistischen Zukunftsvisionen, allerdings stehen der Kapitalismus und seine Folgen immer im Zentrum der Analysen und Traktate. Die angestellten Überlegungen zeichnen sich in der Regel durch eine ziemlich eingängige, also entsprechend verkürzte Argumentation aus. Dafür sind die Stellungnahmen dann aber auch ausgesprochen zugänglich. Irritationen werden der Leserschaft erspart, die Unterscheidungen zwischen gut/böse, richtig/falsch, Arbeit/Kapital fallen scharf und nuancenlos aus. Von materialistischer Ideologiekritik kann also keine Rede sein. Der traditionsmarxistisch anmutende und sich durchhaltende Klassenkampf-Duktus, der sich aller handelsüblichen Schlagwörter („Arbeiterschaft“, „Solidarität“, „Produktionsmittel“) bedient, führt dennoch dazu, dass das Buch deutlich akademischer daherkommt, als es den AutorInnen und den beiden Herausgebern lieb sein wird: Marxistisches Vokabular scheint dieser Tage eher als Distinktionsmerkmal zum Einsatz zu kommen denn als Instrument politischer Theorie und Praxis.[1] Paradigmatisch für die Stoßrichtung der Anthologie ist der Text „Den globalen Kapitalismus beseitigen“ von Sam Gindin, dem ehemaligen Forschungsleiter der „Canadian Auto Workers Union“ – bis vor wenigen Jahren eine der wichtigsten kanadischen Gewerkschaften überhaupt. Mittlerweile lehrt der Autor als außerordentlicher Professor für politische Wissenschaft an der Universität Toronto. Ihn treibt die Frage nach den Bedingungen für eine politische Perspektive jenseits von Neoliberalismus, Finanzialisierung und Globalisierung um. Dabei liefert sein Beitrag einen knappen historischen Abriss nicht nur über die Institutionalisierung US-amerikanischer Gewerkschaften, sondern auch über die Durchsetzung des Neoliberalismus, die nach der nicht gerade originellen Einschätzung von Gindin die zunehmende Fragmentierung der Arbeiterklasse verursacht hat und damit deren faktische Schwächung. Folglich sieht Gindin aktuell wenig Chancen für den Ausbruch von Klassenkämpfen, von etwaigen Erfolgsaussichten ganz zu schweigen, weshalb er, ganz im Sinne von Marxens Hinwendung zur Kritik der politischen Ökonomie angesichts der gescheiterten Revolution von 1848, jetzt zunächst und vor allem Analysearbeit leisten will.

Ergo erklärt Gindin, der heute vorherrschende Neoliberalismus sei ein vollständig entgrenzter Kapitalismus, der nicht einfach wieder eingehegt werden könne – auch nicht durch politische Forderungen nach einer Rückkehr zu den sozialstaatlichen Errungenschaften der Nachkriegszeit. Dazu griffen die wohlfahrtsstaatlichen Maßnahmen erstens) – selbst wenn angewandt – noch immer zu kurz und zweitens) kennzeichne es die heutige weltwirtschaftliche Situation – im Gegensatz zu den Zeiten des Wirtschaftsbooms –, dass ein Kompromiss mit einer gut organisierten Arbeiterklasse keinesfalls notwendig sei. Drittens seien Neoliberalismus und Wohlfahrtsstaatlichkeit ohnehin immer schon miteinander verflochten, woraus offenbar folgt, dass wohlfahrtsstaatliche Einhegungen eines neoliberalen Kapitalismus allenfalls kosmetischer Natur sein können. Also lautet das Fazit: Wohlfahrtsstaatliche Interventionen greifen zu kurz, es braucht „eine klare alternative Vision“ (S. 203). Dabei reiche es nicht aus, das abstrakte Finanzkapital gegenüber der „realen“ Produktionssphäre zu kritisieren. Auch Kapitalisten, die sich ausschließlich in der Realwirtschaft verdingen, sind auf Kapital, Verteilungsmechanismen und Derivate aus dem Finanzsektor angewiesen. Gindin stellt fest: „Die Tatsache, dass der Kapitalismus eine so durch und durch antisoziale Institution zu einem unverzichtbaren Bestandteil seiner Funktionsweise gemacht hat, ist einer der Gründe dafür, dass der Kapitalismus ein so fragwürdiges Gesellschaftssystem ist.“ (S. 205) Globalisierung hingegen sei kein notwendiges Resultat kapitalistischer Dynamik, sondern ein „Klassenprojekt“ (S. 206). Zum einen, weil sie erst nach der Durchsetzung marktwirtschaftlicher Prinzipien auf nationaler Ebene überhaupt möglich wurde, zum anderen, weil sie die Staaten selbst (insbesondere die USA) in der Reaktion auf die Krisen der 1970er-Jahre und die Finanzkrise vom September 2008 gezielt vorantrieben. Letztlich, so Gindin, gebe es viele Formen der Unterdrückung, doch sei die Ausbeutung und Unterdrückung der Arbeiterklasse vorrangig zu bekämpfen. Dementsprechend prangert er die für die Linke „destruktive Polarisierung zwischen Identität und Klasse“ (S. 217) an, die durch eine Fragmentierung (und damit Schwächung) der Arbeiterklasse die Erzwingung „substanzieller Reformen“, wie etwa angemessene Löhne, erschwere.

Dass die Frage nach der politischen Relevanz einer Politik, die sich auf die Beseitigung kapitalistischer Ausbeutung und die Befreiung der Arbeiterklasse konzentriert, derart prominent für die Positionen in Jacobin ist, verweist auf den Kontext, aus dem die Zeitschrift stammt, das heißt, auf eine US-amerikanische Debatte, in der identity politics heftige Kontroversen ausgelöst haben. Jacobin bezieht Standpunkte, die einer kulturalistischen Linken eher mit Skepsis begegnen. Wäre die Alternative, um es mit Nancy Fraser und Axel Honneth zu sagen, Anerkennung oder Umverteilung, ist völlig klar, wofür die AutorInnnen votieren. Insofern ist Jacobin mit seinem erstaunlichen Erfolg ein bemerkenswertes Phänomen, wurde und wird eine dezidierte Kapitalismuskritik, zumal wenn sie unter dem Schlagwort „Sozialismus“ auftritt, in den USA doch geradezu traditionell verteufelt. Unter dieser Hinsicht wird die Zeitschrift nicht zuletzt auch von dem unerwarteten Erfolg Bernie Sanders‘ bei den Vorwahlen der Demokraten für die letzte Präsidentschaftswahl profitiert haben. Sanders und die so genannten „demokratischen Sozialisten“ werden vom Jacobin-Herausgeber offen unterstützt. Tatsächlich enthält die Anthologie sogar ein ausführliches Interview, das Sunkara 2017 mit Sanders führte und in dem er Sanders sein – nach europäischem Verständnis im besten Sinne sozialdemokratisches – Programm (Umverteilung durch Steuern, Zerschlagung von Großbanken, kostenlose Bildung, öffentliche Krankenversicherung) präsentiert.

Die bemerkenswerte und trotz aller Debatten immer noch vorherrschende Konjunktur der identity politics ist auch hierzulande weder an der außerparlamentarischen Linken noch an den Universitäten spurlos vorbeigezogen. Dabei sind es die VertreterInnen der Dritten Generation der Frankfurter Schule, die im akademischen Betrieb den Kapitalismus am deutlichsten kritisieren. Allerdings ist es für diesen Typ von Kapitalismuskritik auch nach 1989 kennzeichnend, dass er – gut neomarxistisch – keine Kritik der politischen Ökonomie betreibt, sondern sich auf eine primär normative Kritik entfremdeter Lebensformen konzentriert. Jacobin hingegen vertritt – zumindest seinem Anspruch nach – einen traditionelleren Marxismus, das heißt, die in der jüngeren Geschichte der Linken eher konservative Überzeugung, es sei die politische Ökonomie, die den Königsweg für die theoretische wie praktische Kritik des Kapitalismus liefere. Sunkara zeigt sich in diesem Zusammenhang überzeugt davon, dass Marx zwar den politökonomischen Rahmen abgesteckt habe, mit dem der Kapitalismus und die Geschichte des sozialen Wandels begriffen werde könne, doch sei es der Sozialismus, der die grundsätzliche ethische Überzeugung einer antikapitalistischen Linken beisteuere (S. 300 f.). Dieses etwas eigenwillige Verständnis von Sozialismus klingt dann etwas weniger rätselhaft, wenn einbezogen wird, was Sunkara eigentlich unter sozialistischer Praxis versteht: Ihre Aufgabe besteht ihm zufolge primär darin, die Macht der Investoren zu beschränken. Ein solcher Sozialismus als Ethik gründet mithin in einer diffusen Empörung angesichts schreiender Ungerechtigkeiten, die zunächst auf einen personalisierten Feind (den „Kapitalisten“) projiziert wird, um schließlich in eine politische Agenda zu münden, die konkret gegen die Kapitalisten vorgehen soll. Mit solchen Vorstellungen korrespondiert Gindins These, Globalisierung sei keine kapitalistische Strukturnotwendigkeit, keine Entwicklung, die ein System kennzeichne, das – in den Worten Rosa Luxemburgs – auf „Landnahme“ beruhe, sondern ein Projekt, das von transnational operierenden Eliten in Wirtschaft und Politik betrieben werde. Einer solchen Interpretation zufolge ist Globalisierung insofern vermeid- und revidierbar als Akteure identifiziert werden können, denen das Handwerk gelegt werden sollte. Freilich bleibt in diesem Bild der Gegenwart eines globalisierten Kapitalismus von der marxistischen Analyse eigentlich nur noch das klassenkämpferische Vokabular übrig.

Wofür ein solcher Sozialismus wenn nicht offen, so doch implizit plädiert, ist ein Rückbezug auf den Nationalstaat. Anders als eine internationalistische Linke, die offenkundig völlig in die Defensive geraten ist, setzten auch die demokratischen Sozialisten jenseits des Atlantiks auf den Werkzeugkasten nationalstaatlicher Interventionspolitik. Er hält die Instrumente bereit, die – geschlossene Grenzen vorausgesetzt – eine wohlfahrtsstaatliche Selbstverteidigung gegen die Destruktionsmacht der Globalisierung gestatten. Auch wenn Sunkara (wie Gindin) wiederholt proklamiert, seine Forderungen seien weitreichender als die einer Sozialdemokratie europäischer Provenienz, auch wenn in Jacobin mit einiger Intensität postkapitalistische Gesellschaftsentwürfe diskutiert werden (Peter Frase steuert einen solchen Text in der Anthologie unter der Überschrift „Vier Zukünfte“ bei), ist durch die verschiedenen Stellungnahmen hindurch im Grunde mit Händen zu greifen, dass nicht die Abschaffung, sondern eine Einhegung kapitalistischer Dynamik durch staatliche Steuerung und Umverteilung das Ziel ist. Er sei, so gesteht Sunkara, „radikal im Herzen, [aber] pragmatisch im Geist“ (S. 292).

Bei aller Befremdung durch und Kritik an der nun vorliegenden Textkompilation, bleibt festzuhalten, dass es in der deutschen Linken kein Jacobin auch nur entfernt vergleichbares Organ gibt. Von einem professionell gemachten Printmedium mit fester Redaktion, angestellten MitarbeiterInnen, solidem Stamm an AbonnentInnen und kontinuierlich steigender Auflage ist hierzulande nicht einmal zu träumen. Ganz zu schweigen von dem Umstand, dass Jacobin kapitalismuskritische Inhalte nicht nur in essayistischer Form, sondern auch mit überzeugendem ästhetischen Anspruch und in popkultureller Inszenierung bietet. Vielleicht wird das gelungene Design des Magazins von den Herausgebern der Anthologie etwas zu häufig lobend erwähnt (S. 13, 15, 17), doch ist das Selbstlob in der Sache keineswegs falsch. Ob das Magazin – und die jetzt bei uns erschienene Anthologie – jedoch seinem strategischen Anspruch gerecht wird und dazu beiträgt, „eine gesellschaftliche Basis in der Arbeiterschaft“ (S. 305) aufzubauen, bleibt mehr als fraglich. In ihrer ganzen Aufmachung und Anmutung kommt die Veröffentlichung doch derart studentisch daher, dass sie wohl kaum ein Publikum jenseits der ohnehin schon politisierten Akademikerin erreichen wird.

Fußnoten

[1] Das kann auch Sunkaras Bonmot nicht kaschieren, demzufolge „strategisch gesprochen […] 1000 gut positionierte Arbeiter unendlich viel mehr wert als 10 000 Universitätsstudenten“ (S. 305 f.) seien.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer.