Rassismus in transatlantischer Perspektive

Stuart Halls W. E. B. Du Bois Lectures von 1994 erweisen sich als erstaunlich zeitgemäß

Mit Stuart Hall starb im Februar 2014 nicht nur ein Wegbereiter der Cultural Studies, der Rassismusforschung und der postkolonialen Kritik, sondern auch ein selten gewordener Typus des öffentlichen Intellektuellen. Für Hall war die wissenschaftliche Arbeit Mittel zum Zweck der politisch-intellektuellen Intervention, die Theoriearbeit, wie er selbst mehrfach schrieb, ein „Umweg auf dem Weg zu etwas Wichtigerem“.[1] Mit Antonio Gramsci verstand er das als die Aufgabe eines ‚organischen Intellektuellen‘.[2]

Ein Ausdruck seiner Arbeitsweise war die Form ihrer Produkte. Obwohl man Hall zu den großen kritischen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts zählen kann, wird man ein Hauptwerk vergeblich suchen. In über einem halben Jahrhundert veröffentlichte er kein einziges Buch im konventionellen Sinne, keine Monografie, die seinen Namen trägt.[3] Stattdessen konzentrierte er sich auf die knappe Form, die er für Interventionen in jeweils aktuelle Konjunkturen nutzte.[4] Zahllose Artikel und Rezensionen, Radio- und Fernsehbeiträge sowie Essays und Lehrmaterialien (etwa für die Open University, an der er von 1979 bis zu seiner Pensionierung 1997 forschte und lehrte) bilden sein Lebenswerk. Dazu kommen mehrere gemeinschaftliche Veröffentlichungen eines Forschers, der die kollektive Arbeit dem einsamen Geniekult ebenso vorzog wie der Selbstvermarktung qua Impact Factor.

Vor diesem Hintergrund entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass die Zahl der unter seinem Namen publizierten Bücher seit seinem Tod 2014 deutlich gestiegen ist. Den Anfang machte der 2016 veröffentlichte Band Cultural Studies 1983. Dabei handelt es sich um die Transkription von acht Vorträgen, die Hall in besagtem Jahr an der US-amerikanischen University of Illinois gehalten hatte.[5] Es folgten die Memoiren Familiar Stranger[6] und eine Sammlung politischer[7] Schriften in der von Duke University Press aufgelegten neuen Reihe Stuart Hall: Selected Writings. Auch wenn der Proliferation an Hall-Büchern vordringlich ökonomische Motive zugrunde liegen mögen, eröffnen die neu zusammengestellten Textsammlungen gleichwohl auch interessante neue systematische Perspektiven auf das Werk dieses im besten Sinne „konjunkturellen“ Denkers. Während das oben erwähnte Cultural Studies 1983 zeigt, wie die Entstehung der Cultural Studies am Centre for Contemporary Cultural Studies in Birmingham aus der gleichzeitigen Auseinandersetzung mit den Theorietraditionen der Kultur- und Literaturwissenschaften einerseits sowie den Ansprüchen und Krisen des Marxismus andererseits resultierte, präsentiert der vorliegende jüngste Band Hall zu einem späteren Zeitpunkt, in andere politisch-intellektuelle Auseinandersetzungen verstrickt.

Wie Cultural Studies 1983 basiert auch The Fateful Triangle auf einer Reihe von Vorlesungen, in diesem Fall auf der 1994 an der Harvard University gehaltenen W. E. B. Du Bois Lecture, deren drei Teile hier nun erstmals in gedruckter Form vorliegen. Das „schicksalhafte Dreieck“, das den Vorträgen wie dem Buch seinen Titel gibt, bilden die Begriffe „Race“, „Ethnicity“ und „Nation“. Sie stecken das Feld ab, das Hall vermessen will – ein Feld, das sich über den Atlantik erstreckt und zwischen Halls zweiter Heimat Großbritannien, seiner ersten Heimat der Karibik und den USA verläuft. Waren die Cultural Studies-Vorträge von 1983 noch darum bemüht, dem amerikanischen Publikum (s)eine in Großbritannien entwickelte theoretisch-analytische Perspektive nahezubringen, liegt The Fateful Triangle ein stärker transversales, diasporisches Verständnis des Raumes zugrunde, in dem der Autor spricht. Die Perspektive des Black Atlantic – das Buch von Halls ehemaligen Studenten Paul Gilroy war im Jahr zuvor erschienen[8] – ist in den Vorträgen spürbar präsent.

Die Dreiteilung der Vorträge entlang der Trinität Race – Ethnicity – Nation gliedert zugleich die Fragestellungen, die so zusammengefasst werden können:

Race“: Menschen wurden seit Jahrhunderten und werden bis heute nach „rassischen“ Kategorien eingeteilt, dadurch voneinander gespalten und hierarchisiert. Wie lassen sich diese Kategorien, ihre objektiven Effekte und die daraus entstehenden subjektiven Identitäten verstehen? Und wie kann ihre reale Effektivität anerkannt werden, ohne damit die in ihnen eingelassene Spaltung und Unterdrückung zu perpetuieren?

Ethnicity“: Welche Identitäten erlauben es, die Zumutungen der Klassifizierung nach „Rasse“ oder anderen Essentialismen zurückzuweisen und zugleich gemeinsame Erfahrungen der Unterdrückung und des Widerstands zu artikulieren? Und welche Probleme tauchen auf, wenn an die Stelle „rassischer“ Klassifikationen eine Vervielfachung ethnischer Identitäten tritt, „each conceived in very particularistic, homogeneous, culturally self-enclosed, and self-sufficient ways“ (S. 95).

Nation“: Was passiert mit Identitäten in einer globalisierten Welt, die machtvolle Narrative der Schwächung, Verflüssigung oder gar des Verschwindens der Nationalstaaten produziert? Und wie hängen ökonomische Globalisierung, Praxen weltweiter Migration und das Erstarken neuer Nationalismen zusammen?

Schon diese knappe Darstellung lässt erahnen, dass Hall einen weiten Bogen spannt, historisch wie geografisch. Zusammengehalten wird dieser Bogen von zwei Seiten. Einerseits von einem grundlegenden Erkenntnisinteresse, das den behandelten Fragen den Takt vorgibt und untersuchen will, wie Differenz und Macht im globalen Kapitalismus zusammenhängen. Und andererseits von einem spezifischen theoretischen Zugriff. Stuart Hall ist 1994, wenn man so will, der peak-discourse-Hall - will sagen: Nie zuvor und auch danach war sein Denken so stark von diskurstheoretischen Kategorien geprägt, wie zu dieser Zeit. Geschult an den Schriften Michel Foucaults, Jacques Derridas und Homi K. Bhabas (dessen The Location of Culture ebenfalls 1994 erschienen war[9]), will Hall in der Analyse der erwähnten sozialen Verhältnisse die Herstellung und Umarbeitung von Bedeutung (meaning) in den Mittelpunkt stellen. Mit der ihm eigenen Selbstironie bemerkt Hall zu Beginn seiner ersten Du Bois-Lecture: „I ought to say from the outset that I’ll use the word discourse perhaps ad nausem, yet by it I mean not a set of textual pyrotechnics but rather an overall view of human conduct as always meaningful“ (S. 31). Rassismus, Politiken der Ethnizität, Globalisierung und Nationalismus werden von ihm entsprechend stets als Bedeutungssysteme („systems of meaning“) verstanden, die im doppelten Sinne Macht vermitteln: Als Macht der Ordnung, Zuweisung und Unterdrückung; aber auch als Ermächtigung, die darin besteht, (Be-)Deutungen anzueignen, umzuarbeiten und gegen Unterdrückung zu wenden.

An der ersten Vorlesung mit dem Titel „Race – The Sliding Signifier“ lässt sich dieses Vorgehen exemplarisch nachvollziehen. Hall unternimmt keine „Diskursanalyse“ eines definierten Korpus, sondern liest die politische Konjunktur diskurstheoretisch. Er interessiert sich für die Frage, warum die Kategorie „Rasse“ weiterhin wirkmächtig genug ist, um Menschen zu spalten, ihnen Eigenschaften zuzuweisen und Ressourcen vorzuenthalten, wenn ihre angebliche Grundlage in biologischen Unterschieden von den zuständigen Wissenschaften längst verworfen wurde. Den Grund dafür sieht Hall in einem eigenen, rund um den Begriff „race“ herum organisierten Diskurs: „[I]t operates like a language, like a sliding signifier; (…) its signifiers reference not genetically established facts but the systems of meaning that have come to be fixed in the classifications of cultures; (…) those meanings have real effects not because of some truth that inheres in their scientific classification but because of the will to power and the regime of truth that are instituted in the shifting relations of discourse that such meanings establish with our concepts and ideas in the signifying field.” (S. 45 f.) „Race“ organisiert menschliche Erfahrungen mithin auf eine Weise, in die Jahrhunderte währende „Geschichten der Differenz“ (S. 53) eingelassen sind, Geschichten der Eroberung, Versklavung, Erniedrigung, Vertreibung, Verschleppung und Vernichtung. Die aus diesen Geschichten resultierende „obviousness of race“, die scheinbar selbstverständliche visuelle Identifizierung von Menschen als „schwarz“ oder „weiß“, hat sich im Laufe der Zeit so sehr verfestigt, dass sich die damit verbundenen Zuschreibungen auch durch wissenschaftliche Erkenntnisse nicht erschüttern, geschweige denn entkräften oder überwinden lassen.

Zugleich bleibt in diesem Vorgehen – auch das ist für Halls Werk charakteristisch – die historische Genauigkeit bisweilen auf der Strecke. „Racism“ wird kurzerhand mit dem Diskurs um „Race“ gleichgesetzt, die Vielfalt rassistischer Diskriminierungen, die ohne den Begriff „Race" auskommen, bleibt im Dunkeln.[10]

Die historischen Exkurse, etwa zum Disput von Valladolid oder zum Weltbild der „Western Enlightenment philosopher“, zu dessen Konturierung Hall eine einzige Formulierung von Edmund Burke genügt, bleiben oberflächlich; ihr Zweck erschöpft sich in der Illustration des theoretischen Arguments.

Entscheidend sind für Hall – ganz im Sinne des eingreifenden Denkens eines organischen Intellektuellen – die politisch-strategischen Konsequenzen. Der Fluchtpunkt des Vortrags ist denn auch die Zukunft von Black Politics auf beiden Seiten des Atlantiks, einer oppositionellen Politik vom Standpunkt einer Schwarzen Identität aus. Zwar verwahrt Hall sich gegen Formen der Identitätspolitik, die von der Richtigkeit bestimmter politischer Positionen, ästhetischer Urteile oder strategischer Vorschläge allein aufgrund der Schwarzen Identität ihrer ProtagonistInnen überzeugt sind. Zugleich lässt sich (Schwarze) Identität aber auch nicht einfach wegdekretieren, wie das manche KritikerInnen der „Identitätspolitik“ bis heute fordern. Mit Du Bois fragt Hall also: Was liegt der Schwarzen Identität zugrunde, wenn es weder eine biologische noch eine kulturelle Essenz ist? „The real essence of kinship“, so schreibt der späte Du Bois 1940 in seinem autobiografischen Text Dusk of Dawn, „is its social heritage of slavery“ (S. 38).[11]

Hall greift diese Formulierung auf: Grundlage einer Politik vom Standpunkt der Schwarzen Erfahrung sei demnach „Du Bois’s conception of a people who suffered a common disaster, who share a common history, who have one long memory, which is the heritage of slavery, and who are marked by color as a ‘badge’” (S. 66). Hier wird sichtbar, dass die abstrakte diskurstheoretische Rahmung des Problems politisch-praktische Konsequenzen hat, die auch zu aktuellen Kontroversen – etwa zu den auch im deutschsprachigen Raum teils verbissen ausgetragenen Diskussionen um „Identitätspolitik“ oder Critical Whiteness – produktive Überlegungen beitragen kann.

Auch die zwei anderen Vorträge – „Ethnicity and Difference in Global Times“ und „Nations and Diasporas“ können gleichsam auf drei Ebenen gelesen werden. Einmal als elegante Darlegungen der Hall’schen Methode in operandi. Zweitens als Interventionen in die politischen und zeitdiagnostischen Debatten Mitte der 1990er-Jahre, die geprägt waren von Konflikten zwischen den Befürwortern einer beschleunigten Globalisierung und den damit einhergehenden Hybridisierungen von Identitäten einerseits, und den Verteidigern vermeintlich „alter“ und „homogener“ ethno-nationaler oder religiöser Identitäten andererseits. Drittens schließlich bieten die Vorlesungen eine Reihe möglicher Anschlusspunkte und Provokationen für aktuelle Debatten an der Schnittstelle von Wissenschaft, Medienöffentlichkeit und Politik. Das betrifft in besonderer Weise jenes Phänomen, das Hall hier als „joker in the pack“ bezeichnet, also als die höchste, jede Konzeption einer homogenen, nationalen kulturellen Identität unwiderruflich ausstechende Trumpfkarte, nämlich die weltweiten Migrationsbewegungen (S. 147 f.). Bei diesen geplanten oder ungeplanten, von Verzweiflung oder Hoffnung getriebenen Bewegungen handelt es sich um durch den globalisierten Kapitalismus ins Leben gerufene Tatsachen, die sich nicht ungeschehen machen lassen. Jede Politik, die diesen Bewegungen mit dem Versuch der Wiederherstellung vermeintlich verloren gegangener Identitäten begegnet, wird unweigerlich reaktionär. Das trifft nicht nur auf die rechte „defensive restoration of natio and ethnos“ (S. 150 f.) zu, sondern auf Strategien jeglicher politischer Couleur: „[T]he crucial distinction between closed and open constructions of cultural identity […] is one that runs right across, and completely disrupts, our conventional alignments of left/right, progressive/regressive, even racist/antiracist” (S. 157). Notwendig ist für Hall eine Politik des Kulturellen, die Differenzen aushält, vielfache Zugehörigkeiten zelebriert und offen ist für das, was an Neuem in den Begegnungszonen der neuen „Zwischenräume“ („interstitial spaces“, S. 164) entsteht. Um diesen Prozess zu beschreiben, greift Hall auf die Metapher der Diaspora zurück: In der Formierung diasporischer Subjekte ist die Frage nicht, „wer wir sind“, sondern „wer wir werden können“ (S. 174). Gelingt es nicht, zu dieser Realität ein positives Verhältnis zu entwickeln, so deutet Hall an, werden wir dazu verurteilt sein, die immer gleichen, falschen Identitätskämpfe auszutragen.

Heute erweisen sich viele seiner Diagnosen als bemerkenswert hellsichtig. An der Haltung zur Tatsache der globalen Mobilität ordnet sich mehr noch als damals der politische Raum neu. Jene Kräfte, die auf die Restauration geschlossener Identitäten setzen, sind weiter erstarkt. Sie bilden eine „Ablehnungskultur“,[12] die nicht nur das politische Geschäft, sondern auch den gesellschaftlichen Alltag imprägniert. In der Frage, wie mit dem Aufstieg autoritärer Bewegungen und Parteien umzugehen ist, spiegeln sich Widersprüche, die in den Ausführungen Halls bereits aufscheinen. Solche Übersetzungsleistungen obliegen den LeserInnen dieses kleinen Büchleins. Dass mehr als ein Vierteljahrhundert vergangen ist, seit Hall die darin abgedruckten Vorlesungen hielt, öffnet Raum für neue Rezeptionen. Gerade das macht die Lektüre auch für jene empfehlenswert, die bereits mit Halls Arbeiten vertraut sind. Für alle anderen bieten die drei Vorlesungen dieses Bandes eine gute Gelegenheit, das vielschichtige Werk dieses engagierten Intellektuellen kennenzulernen.

 

Fußnoten

[1] Stuart Hall, Old and New Identities, Old and New Ethnicities, in: Anthony D. King (Hg.),

Culture, Globalization and the World-System. Contemporary Conditions for the Representation of Identity, Minneapolis, MN 1991, S. 41–68, hier S. 42.

[2] Vgl. Benjamin Opratko, Hegemonie. Politische Theorie nach Antonio Gramsci, Münster 2018, S. 49 ff.; ders. / Janek Niggemann, Das Lächeln nicht verlieren! Stuart Hall als sozialistischer Intellektueller, Berlin 2015, S. 7582.

[3] Eine vollständige Übersicht aller Schriften Stuart Halls bietet die von Nick Beech für die Stuart Hall Foundation besorgte und online zugängliche Bibliography.

[4] Vgl. John Clarke, Conjunctures, Crises, and Cultures. Valuing Stuart Hall, in: Focaal – Journal of Global and Historical Anthropology 70 (2014), S. 113–122.

[5] Stuart Hall, Cultural Studies 1983. A Theoretical History, Durham 2016.

[6] Stuart Hall, Familiar Stranger. A Tale of Two Islands, Durham 2017.

[7] Stuart Hall, Selected Political Writings: The Great Moving Right Show and Other Essays, Durham 2017.

[8] Paul Gilroy, The Black Atlantic. Modernity and Double Consciousness, London 1993.

[9] Homi K. Bhaba, The Location of Culture, London u. a. 1994.

[10] Vgl. Wulf D. Hund, Rassismus und Antirassismus, Köln 2018, S. 35.

[11] William E. B. Du Bois, Dusk of dawn: an essay toward an autobiography of race concept, Oxford u. a. 2007.

[12] Manuela Bojadžijev / Benjamin Opratko, Von der Willkommens- zur Ablehnungskultur?, in: Migration Online, https://migration-online.de/beitrag._aWQ9MTAzMjM_.html.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz und Clemens Reichhold.