Raus aus dem Kapitalismus – und dann?

Rezension zu "Degrowth/Postwachstum zur Einführung" von Matthias Schmelzer und Andrea Vetter

Die Fixierung auf Wirtschaftswachstum und egoistisches Konkurrenzdenken wird von vielen – mal zustimmend, mal kritisch – als prägendes Merkmal einer globalisierten Welt erlebt. Ein neues einführendes Taschenbuch von Matthias Schmelzer und Andrea Vetter vom Leipziger Konzeptwerk Neue Ökonomie porträtiert einen einigermaßen radikalen wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Gegenansatz dazu. Bezeichnet wird er als Degrowth respektive Postwachstum. Das Buch bleibt dazu nicht bei wohlbekannten Aussagen darüber stehen, dass in einer endlichen Welt kein ewiges Wachstum möglich ist oder dass Wachstum den Ärmeren nichts nütze. Gesucht werden vielmehr Konzepte für eine grundlegend andere Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft.

Das Buch zielt im Stil einer thematisch relativ breit gefächerten Einführung darauf ab, den bislang fehlenden Gesamtüberblick über einen Diskurs zu geben, dessen Wurzeln Jahrhunderte zurückreichen, bevor er mit dem Bericht des Club of Rome von 1972 verstärkt Fahrt aufnahm und sich in den letzten 20 Jahren zu einem breiten wissenschaftlichen und politischen Diskursfeld entwickelte. Auch wenn die weltweite Aufmerksamkeit nach wie vor vergleichsweise gering und die Zahl der Protagonisten überschaubar ist, artikulieren sich diese doch zunehmend ausführlicher und hörbarer, wobei sich allerdings auch eine gewisse Zersplitterung und Vielstimmigkeit zeigt. Vor dem Hintergrund dieser Gemengelage unternehmen Schmelzer und Vetter den verdienstvollen Versuch, eine Gesamtperspektive einzunehmen und Zusammenhänge aufzuzeigen. Dabei wird von Anfang an sehr deutlich, dass sie sowohl wissenschaftlich als auch politisch nachdrückliche Verfechter postwachstumsökonomischer Konzepte sind.

Das Buch gliedert sich in fünf Abschnitte. Nach einer generell gehaltenen Einleitung wird zunächst die Genese, Rolle und Problematik des Wachstumsparadigmas entfaltet. Sodann werden verschiedene Kritikrichtungen erörtert und Gegenkonzepte – aufgeteilt in Visionen, Maßnahmen und Transformationswege – behandelt. Den Schlusspunkt bildet eine kurze Kritik einzelner Aspekte des Degrowth-Diskurses. Bei alledem unterscheiden Schmelzer und Vetter mehrere Stränge der Kritik, die sie letztlich produktiv aufeinander zu beziehen versuchen. Sie nennen sie die ökologische, sozial-ökonomische, kulturelle, feministische Kritik, Industrialismus-Kritik und Süd-Nord-Kritik. Ein wenig anders verhielte es sich mit den Gegenkonzepten. Diese seien danach zu differenzieren, ob sie stärker Institutionen, individuelles Handeln, Alternativwirtschaft, Feminismus oder Kapitalismuskritik ins Zentrum rücken, wobei übergreifende Ziele stets globale Gerechtigkeit, gutes Leben und Wachstumsunabhängigkeit seien.

Viele der porträtierten kritischen Ansätze beruhen allerdings auf einer Reihe ziemlich kontroverser normativer Annahmen, die in dem Buch mehr vorausgesetzt als begründet werden und die zudem oft implizit bleiben.[1] Relativ offenkundig durchschlagend ist nur der ökologische Nachweis der Grenzen des Wachstums. Auch diese Grenzen hängen indes nicht primär – wie in dem Buch wie auch sonst oft zu lesen ist – am sogenannten Rebound-Effekt, also daran, dass ökologische Fortschritte bislang regelmäßig durch wachsenden Wohlstand aufgefressen wurden. Denn dieses Problem könnte zumindest im Prinzip überwindbar sein, besonders solange kein ganz konkretes ökologisches Ziel als Maßstab dient. Was sich hingegen nicht ändern lässt, ist der Umstand, dass die Herausforderung für einen rein technischen und damit wachstumskompatiblen Umweltschutz schlicht zu groß ist, wenn man sie an den globalen rechtsverbindlichen Zielen aus dem Pariser Klima-Abkommen und der UN-Biodiversitätskonvention misst. Notwendig ist deshalb auch mehr Genügsamkeit, gerade in den Industriestaaten und bei den Schwellenländer-Oberschichten. Sonst scheitert die Einhaltung etwa der 1,5-Grad-Erwärmungsgrenze aus dem Paris-Abkommen, denn dies erfordert globale Nullemissionen in sämtlichen Sektoren bis hin zu Kunststoffen und Landwirtschaft in rund zwei Dekaden. Damit ist man vermutlich beim Postwachstum, nolens volens.

Im Gegensatz zu anderen Postwachstums-Autoren benennen Schmelzer und Vetter nun ein Problem sehr klar: Bislang hängen vom Wachstum zentrale gesellschaftliche Institutionen ab, etwa der Arbeitsmarkt, das Rentensystem, die Banken und das System der Staatsverschuldung. Ideen, wie es hier ohne Wachstumszwang gehen könnte, sind über einzelne Vorschläge wie Arbeitszeitverkürzung bislang kaum hinaus gelangt. Erst recht fehlen Ansätze für die schwierige Übergangsphase in die Zeit nach dem Wachstum – ohne massive Brüche und soziale Unruhen, wie wir sie in den Eurokrisen-Staaten erlebt haben, wo innerhalb kürzester Zeit durch Zusammenbrüche und Sparauflagen Wachstum in Schrumpfung verkehrt wurde. Genau über diese konkreten Probleme müsste man reden, wenn mehr Genügsamkeit – also weniger Konsum und nicht nur smarterer Konsum – allein schon ökologisch nötig ist.

Anders als andere versuchen Schmelzer und Vetter hier zumindest Antworten anzubieten. Den Nachweis, dass sie makroökonomisch haltbar und seriös durchgerechnet sind, können sie allerdings nicht wirklich antreten. Wo beispielsweise sollen die riesigen Geldsummen für das offenbar angedachte Grundeinkommensmodell herkommen? Der scheinbar naheliegende Weg, virtuelle Buchgelder von Großkonzernen in realwirtschaftliche Portemonnaie-Inhalte für Millionen und Milliarden von Menschen zu verwandeln, wird so wohl nicht gangbar sein. Zudem würde der avisierte Pfad ins Postwachstumszeitalter viele ökonomische Werte einfach vernichten. Pointiert gesprochen: Ist die fossile Industrie erst einmal abgewickelt, können auch deren Überschüsse nicht mehr umverteilt werden. Außerdem ist – um Ulrike Herrmann zu zitieren – der Kapitalismus „keine Badewanne, bei der man den Stöpsel ziehen und einfach die Hälfte des Wassers ablassen kann.“[2] Zerstört man die kapitalistische Dynamik, wird auch jenseits der fossilen Industrie und virtueller Wertpapiere viel von dem, was Schmelzer und Vetter gerne den Ärmeren zuwenden würden, schlicht nicht mehr da sein.

Die Forderung, man möge endlich private Sorgearbeit vergüten, erzeugt – unabhängig von der neuerlichen Frage: von welchem Geld? – ebenfalls mehr Fragen als Antworten. Zunächst einmal vermisst man in dem Buch die nüchterne Feststellung, dass in Ländern wie Deutschland wesentliche Bausteine eines solchen Einkommens für Sorgearbeit bereits existieren: Elternjahre werden vergütet, und Steuervorteile sowie Rentenjahre bringt einem die Kinderpflege auch ein. Daneben gibt es diverse weitere Sozialleistungen sowie – nicht zu vergessen – Unterhaltsansprüche gegen aktuelle und ehemalige Ehepartner. Ganz abgesehen davon: Wäre es nicht etwas eigenartig, einfach den gesamten Bereich häuslicher Tätigkeiten als bezahlungswürdig einzuordnen? Putzen, Essen kaufen und zubereiten, sich waschen und den Müll rausbringen muss letztlich jeder und jede – soll das ernstlich vergütet werden? Selbst beim Aufziehen von Kindern wäre die Rede von gesellschaftlich notwendiger Sorgearbeit recht pauschal. Schließlich sagt niemand – außer Menschen mit sehr kollektivistischen normativen Vorstellungen –, dass eine Gesellschaft fortbestehen muss. Niemand muss Kinder bekommen, wenn sie oder er es nicht möchte. Wenn er oder sie es aber möchte, warum sollte man dann nicht auch selbst – ohnehin wie gesehen bereits mannigfach finanziell unterfüttert – die Verantwortung dafür übernehmen? Der Rezensent hat übrigens selbst zwei kleine Söhne, mit denen er viel Zeit verbringt, ebenso wie mit diversen Haushaltstätigkeiten.

Sehr viel klarer als andere weisen Schmelzer und Vetter darauf hin, dass der Aufbruch ins Postwachstumszeitalter letztlich nur transnational, wahrscheinlich sogar nur global gelingen kann, weil sich Unternehmen und Umweltprobleme sonst schlicht in andere Länder verlagern. Doch wenn schon in einem wohlhabenden Land wie Deutschland der Anteil der Degrowth-Begeisterten an der Gesamtbevölkerung bei unter 5 Prozent liegen dürfte: Wie groß ist dann wohl die Wahrscheinlichkeit, dass sich große Mehrheiten in Ländern wie China oder Indien für Degrowth begeistern werden? Die zusammen mit vielen anderen marxistischen Ideen durch das Buch wehende Vorstellung, Menschen seien von Natur aus überwiegend altruistisch eingestellt und würden nur vom Kapitalismus kompetitiv und eigennützig gemacht, könnte sich – wie bereits in der Geschichte des realen Sozialismus – als fataler Irrtum erweisen. Schon evolutionsbiologisch dürften Menschen eine gewisse Neigung zum individuellen und zum Kleingruppen-Egoismus haben. Ohne existenzielle Bedrohungen und Nöte wie in der Steinzeit ist unsere Neigung zur altruistischen Kooperation oft sehr begrenzt. Das gilt insbesondere, wenn die Kooperation – anders als in grauer Vorzeit – über Kleingruppen hinausgehen muss, etwa bei globalen Problemen wie dem Klimawandel. Und abgesehen davon: Wer wünscht sich schon die massive soziale Kontrolle zurück, die für kleingruppenbasierte Lebensweisen früherer Zeiten typisch war? Wesentlich deutlicher hätten Schmelzer und Vetter den Blick übrigens auch darauf lenken müssen, dass zum Kapitalismus auch Kundeninnen, Arbeitnehmer, Wählerinnen und Politiker gehören. Die Erwartung, Massen für eine globale Degrowth-Bewegung mobilisieren zu können, erscheint vor diesem Hintergrund zwar an sich sehr wichtig, aber doch auch relativ mutig.

Möglicherweise werden wir bornierten Menschen nicht einmal einsehen, dass wir uns um unserer schlichten Existenz willen – ökologisch gesprochen – auf den ökonomischen Abschwung wohl oder übel werden einlassen müssen. Schmelzer und Vetter wollen jedoch noch viel mehr von uns, indem sie uns nicht nur ein maßvolleres Leben in (immer noch vorhandener) individueller Autonomie andienen, sondern gleich die gesamte Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung vollständig auf den Kopf stellen wollen. Dies wird noch herausfordernder dadurch, dass sie ihr normatives Konzept nicht deutlich ausformulieren, geschweige denn es ethisch oder rechtlich sauber begründen, wie dies Jürgen Habermas nicht zuletzt den Soziologen in den 1980er-Jahren wiederholt ins Stammbuch geschrieben hat. Als Leser erfährt man zwar, dass das Buch Linke gut und Rechte wie Björn Höcke böse findet, aber eine wissenschaftliche, ethische oder rechtliche Begründung und Ausformulierung ihres normativen Konzepts ersetzt das nicht. Angestrebt wird offenbar eine egalitäre Gesellschaft, da der wesentliche vorgetragene Kritikpunkt an diversen Zuständen in dem Buch die fehlende Gleichheit ist – wobei aber bereits unklar bleibt, ob wirkliche kommunistische Gleichheit oder eher eine Einkommensspanne avisiert wird. Das eine wie das andere müsste begründet werden. Gelingen wird diese Begründung kaum, wie nach der jahrhundertelangen Diskussion zu sozialen Verteilungsfragen gesagt werden kann. Denn dazu sind ganz unterschiedliche Positionen gut zu rechtfertigen, anders als hinsichtlich grundlegender Prinzipien, Abwägungsregeln und Institutionen der freiheitlichen Demokratie. Ebenfalls mit großen Problemen behaftet ist die ab und an im Buch anklingende Absicht, den sowohl autonomiefreundlichen als auch ökonomisch höchst effizienten Markt- und Geldmechanismus zugunsten rätedemokratischer Entscheidungen zurückzudrängen.

Das gleiche Problem zeitigt die normative Forderung, nicht etwa die (beispielsweise umweltrechtlich ausbuchstabierte) wechselseitige Begrenzung der individuellen Autonomie zu stärken, sondern sie mit Rousseau und Marx zugunsten einer im Wesentlichen nur noch kollektiv verstandenen Autonomie über Bord zu werfen. Selbst wenn man der Meinung wäre, dass menschliches Glück ein tauglicher Begründungstopos für normative Forderungen ist, müsste man doch darauf hinweisen, dass die empirischen Befunde der Glücksforschung eine solche These kaum tragen. Schmelzer und Vetter beziehen sich übrigens durchgängig positiv auf Autoren, die etwa die Errichtung größenwahnsinniger orientalischer Grabmäler, nämlich der Pyramiden, die tausende Bauern durch Zwangsarbeit zu Tode brachten, als positives Beispiel eines kollektiven und (welch ein Glück) ökonomisch völlig unproduktiven Abfeierns von Überschüssen nennen. Entscheidungen despotischer Herrscher subkutan zu einem antikapitalistischen gesellschaftlichen Konsens umzudeuten, wie es südeuropäische Degrowth-Fans tun, dürfte historisch dann doch etwas mutig sein.

Übrigens ist das Verhältnis zwischen (zudem heterogenen) sozialen und ökologischen Forderungen potenziell sehr viel konfliktträchtiger, als es das Buch und die omnipräsente Leerformel von den „sozial-ökologischen“ Belangen erkennen lassen. Ökologisch negative Wirkungen von Umverteilungsprozessen lassen sich beispielsweise keineswegs so einfach abtun, wie es in dem Buch geschieht. Und außerdem täuschen solche Formeln und generell das Abstraktionsniveau der Überlegungen (auch) in diesem Buch über das hinweg, um was es so ganz konkret geht. Gegenwärtig gehören – kaufkraftbereinigt – Menschen in Deutschland mit ALG-2-Bezug zu den rund 15 Prozent der Wohlhabendsten im Weltmaßstab. Menschen mit niedrigem oder mittlerem Einkommen sind folgerichtig noch höher in der globalen Einkommenspyramide angesiedelt. Ökologisch gesehen geht es nun darum, solchen Menschen zu sagen: Ihr werdet künftig nicht üppiger leben, sondern in kleineren Wohnungen, mit sehr viel weniger tierischen Nahrungsmitteln, das Auto wird überwiegend weg sein, die Urlaubsflüge werden weg sein, große Teile der Unterhaltungselektronik auch – so vielversprechend etwa konsequenter Klimaschutz beispielsweise friedenspolitisch auch ist und so dringend wir dies immer wieder hervorheben sollten.

Fragen über Fragen. Ungeachtet dessen bleibt es Schmelzers und Vetters Verdienst, einen guten, wenn auch ganz vorrangig an linke Mitkämpferinnen und Mitkämpfer adressierten Überblick über einen wichtigen Diskurs gegeben zu haben. Auch wenn sie die diversen Probleme kaum auflösen können, haben die beiden ein anregendes Buch geschrieben, mit dem eingehender auseinanderzusetzen sich lohnt.

Fußnoten

[1] Zum Hintergrund der gesamten vorliegenden Kritik Felix Ekardt, Sustainability: Transformation, Governance, Ethics, Law, Dordrecht 2019; ders., Wir können uns ändern: Gesellschaftlicher Wandel jenseits von Kapitalismuskritik und Revolution, München 2017.

[2] Ulrike Herrmann, Vom Anfang und Ende des Kapitalismus, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 65 (2015), 35–37, S. 3–9, hier S. 8.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Karsten Malowitz.