René König und die „Kölner Schule“

Stephan Moebius über die Entgrenzung eines Paradigmas

Es1 ist nicht ohne Ironie, dass unter den drei großen Schulen der bundesdeutschen Nachkriegssoziologie – also jener zwischen Frankfurt, Münster und Köln „rotierenden Triade“ (O. König) – gerade jener die geringste historische Bedeutung beigemessen wird, die den vermutlich größten Beitrag zur Institutionalisierung des Faches nach 1945 geleistet hat. Gemeint ist die Kölner Schule, der Stephan Moebius, Universitätsprofessor für soziologische Theorie und Ideengeschichte an der Karl-Franzens-Universität Graz, jüngst ein längst überfälliges kleines Bändchen gewidmet hat. Während es sowohl zur Frankfurter Schule um Adorno und Horkheimer als auch zu ihrem – je nach politischer Lesart – konservativen beziehungsweise technokratischen „Gegenentwurf“ in Gestalt des Münsteraner Kreises um Helmut Schelsky eine Fülle von Darstellungen gibt, fehlte bisher eine vergleichbare monografische Abhandlung der „Kölner Verhältnisse“. Dies mag auch daran liegen, dass Köln – wie auch Moebius verdeutlicht – gerade in der Zeit der Studentenbewegung in der breiten öffentlichen Wahrnehmung zum „fliegenbeinzählenden“, empirisch ausgerichteten Widerpart der Frankfurter wurde, zugleich jedoch im Vergleich zu der Münsteraner Variante als zu langweilig gelten musste, um in der historischen Rückschau als ein adäquater politischer Gegner wahrgenommen zu werden. Dass in Frankfurt empirisch geforscht wurde, es in Köln eine wohl fundierte theoretische Diskussion gab und sogar Münster respektable Marxisten wie Hans-Jürgen Krysmanski hervorbrachte,2 ist inzwischen längst bekannt, hat aber nicht zur völligen Aufklärung jener Mythen beigetragen, ohne die Soziologiegeschichte womöglich ziemlich fad würde.

Dass das Buch von Moebius nun den Titel René König und die „Kölner Schule“ trägt, hat auch mit der Forschungshypothese zu tun, die das Bändchen anleitet: Ihr zufolge lassen sich wissenschaftliche Schulen gerade nicht aus der Analogie zu bürokratischen Einrichtungen begreifen, die sich einem modernen Universitätsbetrieb, der kontinuierlich weiter rationalisiert wird, „funktional“ einfügen. Vielmehr gleichen sie „personalen Gefolgschaften“ im Weber’schen Sinne. Einige Evidenz verdankt diese Vermutung den methodischen Vorarbeiten Lothar Peters,3 an denen sich Moebius orientiert. Erprobt hat er sie aber auch schon in eigenen Studien zur Durkheim-Schule,4 zu deren Peripherie übrigens auch der zeitweise in Paris studierende René König gezählt werden kann.

Was Moebius nun in methodischer Hinsicht unternimmt, ist die konsequente Anwendung seiner Ausgangshypothese auf die Kölner Soziologie: „Will man die Soziologie von König und seinen Schülern wirklich als Kölner ‚Schule‘ begreifen, so ließe sich ähnlich der Durkheim-Schule behaupten, es brauche ein Schuloberhaupt, eine spezifische ‚paradigmatische‘ Lehre bzw. ein Programm, eine Zeitschrift und eine sich mit dieser Lehre identifizierende Schülerschaft mit diffundierender Wirkung.“ (33) Dass diese Beschreibung der Kölner Schule durchaus der historischen Selbstbeschreibung ihrer Akteure entspricht, zeigt der Autor an einer Fülle versammelten Materials, die seine Arbeit zugleich zu einer lohnenswerten Einführung in ihre Thematik macht. So bemerkt Moebius im Rückgriff auf ein Zitat Günther Lüschens, dass die Kölner Schule stets die am „deutlichsten erkennbare Schule“ (34) innerhalb der bundesrepublikanischen Soziologie gewesen sei, was sowohl mit „der Rigidität der Methodologie“ als auch mit dem „persönlichen Einfluß Königs“ (ebd.) zu tun habe.

Der große Wert des Buches besteht allerdings darin, dass es nicht bei solchen in Interviews und Festschriften geäußerten Selbstbeschreibungen stehen bleibt, sondern genauer nachfragt, worin die methodische Rigidität und der persönliche Einfluss des „Schuloberhaupts“ König denn tatsächlich bestanden haben. Dabei tun sich paradigmatische und generationale Brüche auf, die das Bild der „Einheitlichkeit“ der Kölner Schule erschüttern. Allein in der Person René Königs, der knapp die Hälfte des Buches gewidmet ist, findet sich eine so große Zahl von Widersprüchen verkörpert, dass sich die Vorstellung eines mit seinem Namen verknüpften Kölner Paradigmas soziologischer Wissenschaft als fragwürdig erweist. In König treffen ganz unterschiedliche, scheinbar einander ausschließende, wissenschaftliche und politischer Einflüsse zusammen, die den von Moebius kenntlich gemachten eklektizistischen Charakter seines Werkes bedingen. Geprägt durch die kulturanthropologisch orientierte Berliner Sozialwissenschaft um Max Dessoir und Richard Thurnwald, aber auch durch Karl Löwith entdeckt König, der seinerseits deutsch-französischer Herkunft ist, bereits früh die französische Soziologie – insbesondere die Durkheim-Schule. In diesem Zusammenhang steht auch seine erst spät veröffentlichte Habilitationsschrift Kritik der historisch-existenzialistischen Soziologie. Will man den eigenwilligen Positivismus Königs verstehen, muss man die polemische Stoßrichtung zur Kenntnis nehmen, mit der er sich in dieser akademischen Qualifikationsschrift gegen die unter anderem von Hans Freyer begründete Schule einer „deutschen Soziologie“ wendet. Angesichts einer in metaphysische und völkische Orientierungen abgleitenden deutschen Soziologie wird Durkheim zu einem wissenschaftlichen wie politisch-erzieherischen Ankerpunkt für den jungen König, der bereits in den ersten Jahren des Nationalsozialismus in die Schweiz emigrieren muss, sich zeitweise nach Sizilien zurückzieht und schon in dieser Zeit zu einem glühenden Anti-Faschisten wird.

Die Orientierung an der französischen Soziologie und dem französischen Sozialismus beschränkt sich jedoch keineswegs auf Durkheim allein. Wie vielfältig die französische Kultur des 19. Jahrhunderts auf König eingewirkt hat, konnte kaum jemand besser einschätzen als der durch zahlreiche Arbeitszusammenhänge mit König verbundene Horkheimer-Schüler und Marburger Soziologe Heinz Maus. Er, der große Teile seiner wissenschaftlichen Arbeit der Bergung des Werks von Auguste Comte gewidmet hat und in seiner Frankophilie stets der Neigung nachgab, eigene Zeitgenossen den mannigfaltigen Strömungen des französischen Sozialismus zuzuordnen, hat König einmal als einen Anhänger Proudhons bezeichnet, mithin die Bedeutung des frühen Anarchismus für Königs intellektuelle wie politische Physiognomie unterstrichen. Offenbar ist Königs politische Haltung ausgesprochen unzeitgemäß in der jungen Bundesrepublik gewesen. Nach Auskunft seiner Schüler war er nicht nur ein „Moralist“, sondern ein dem Marxismus skeptisch begegnender Sozialist. In den Zeiten des Kalten Krieges handelt es sich also um eine Position, die in der Gegenüberstellung von real-sozialistischem Osten und rheinisch-kapitalistischem Westen eigentlich gar nicht vorgesehen war. Kein Wunder, dass König in der „rotierenden Triade“ zwischen Frankfurt, Köln und Münster derart schwer greifbar war.

Als eher zeittypisch darf dagegen Königs aufgeschlossene Haltung gegenüber der empirisch orientierten Soziologie aus den Vereinigten Staaten gelten. Dabei gehorcht seine Aneignung der avancierten US-amerikanischen Sozialwissenschaft einem moralischen Impuls. Die Überzeugung, dass die Einrichtung eines demokratischen Gemeinwesens und rationale politische Planung gesellschaftlicher Entwicklungen keine einander ausschließenden Optionen darstellen sollten, teilt er nicht nur mit Durkheim und dem amerikanischen Pragmatismus. Sie verbindet ihn zudem mit so gegensätzlichen Vertretern der frühen deutschen Sozialwissenschaften wie dem späten Karl Mannheim einerseits und Frankfurter Köpfen wie Max Horkheimer und Friedrich Pollock andererseits. Die „Planungseuphorie“ sozialwissenschaftlicher Milieus hat auch bei König ihre Spuren hinterlassen, was Äußerungen belegen, die sich eine Lösung sozialer und politischer Probleme durch empirische Forschung erhoffen. Mit ihnen droht König den auch und gerade in praktischer Hinsicht folgenreichen kategorialen Unterschied zwischen sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis zu verwischen. Hier täte eine kritische Auseinandersetzung mit der Soziologie und dem Werk Königs not, die über das kleine Buch von Moebius hinaus noch zu leisten ist. Insbesondere der letztlich normativ begründete Glaubenssatz, dass es einer Soziologie bedürfe, die „nichts als Soziologie“ sei, wäre zu hinterfragen.

Dass sich König derart ausdrücklich gegen eine Verkürzung seiner Arbeiten auf einen szientistischen Positivismus gewehrt hat, ist ein starkes Indiz für die vielfältigen und durchaus heterogenen intellektuellen Impulse, unter denen er, jedenfalls nach eigenem Selbstverständnis, Soziologie getrieben hat. Dass diese Einflüsse detailliert herausgearbeitet werden, ist in der Tat ein Vorzug der Studie, die Moebius vorgelegt hat. Der in der zeitgenössischen Wahrnehmung häufig dominierende Eindruck, König sei ein „Apologet“ amerikanischer Sozialforschung gewesen, den insbesondere Schelsky in der späten, von biografischen Selbstrechtfertigungen geprägten Debatte mit König lancierte, hätte wohl kaum ohne die überwiegend empirisch vorgehende Kölner Schülerschaft entstehen können. Obwohl König selbst hauptsächlich konzeptionell arbeitet, einen großen Teil seiner Anstrengungen auf die programmatische Fundierung der Soziologie als Einzelwissenschaft in Lexikon- und Handbuchartikeln sowie die Herausgabe der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie verwendet, fördert er vor allem empirisch forschende und methodisch geschulte Soziologen. Anders wäre die innerhalb des Kölner Institutes früh vorangeschrittene wissenschaftliche Arbeitsteilung bei erheblichem Drittmittel- und Projektaufkommen wahrscheinlich überhaupt nicht zu schultern gewesen. In der „Arbeitsteilung“ der frühen bundesrepublikanischen Soziologie für die internationalen Kontakte zuständig, „jagt“ (Lepsius) König einen großen Teil seiner Schüler nach Amerika. Dort haben die von Moebius in den Mittelpunkt gerückten Kölner wie Erwin K. Scheuch, der kurzzeitig sogar eine Professur in Harvard innehatte, Peter Heintz, Peter Atteslander und Dietrich Rüschemeyer wichtige Erfahrungen gesammelt. Weil sie allesamt ihren spezifischen Beitrag zur Institutionalisierung der Kölner Soziologie geleistet haben, leuchtet diese Auswahl unmittelbar ein. Umso bedauerlicher erscheint es jedoch vor dem Hintergrund der von Moebius stets betonten Vielseitigkeit des Werkes von König, dass beispielsweise eine so interessante „Schülergestalt“ wie der schließlich in Berlin lehrende Jacob Taubes in dem Buch eine Randgestalt bleibt.5

Ein weiteres Verdienst dieses Buches besteht darin, dass Moebius die fachlichen und persönlichen Brüche zwischen König und seinen Schülern rekonstruiert. Dass Köln seit den 1960er-Jahren zum „Mekka“ einer in Teilen politisch konservativ orientierten empirischen Sozialforschung aufstieg, hat vor allem mit der Haltung Scheuchs zu tun, der in Reaktion auf die studentische Protestbewegung Ende der 1960er-Jahre ein Buch über die Wiedertäufer der Wohlstandsgesellschaft herausgibt. Hinzu kommen persönliche Zerwürfnisse zwischen König und seinen Schülern – insbesondere mit Peter Heintz. Wie Moebius überzeugend vorführt, rühren diese Zerwürfnisse nicht zuletzt aus dem allenfalls vorübergehend zu schlichtenden Widerspruch zwischen der enorm vereinnahmenden und fordernden Haltung Königs auf der einen und den „sachlichen“ Erfordernissen der Institution Universität auf der anderen Seite. Ein weiterer Grund für die Spannungen innerhalb der Kölner Soziologie dürfte auf eine Tendenz zurückgehen, welche die gesamte bundesrepublikanische Soziologie heimsuchte, in Köln aber bereits sehr viel früher wirksam wurde: es setzte eine massive innersoziologische Themenspezialisierung ein, die König, der methodische Generalist und Eklektiker, mit seiner nachdrücklichen Forderung nach einer empirisch ausgerichteten Soziologie ironischerweise selbst in Gang gebracht hatte. Das Schuloberhaupt wird zum „Zauberlehrling“, der die Geister, die er rief, am Ende nicht mehr vertreiben kann.

Neben einer kompakten, informativen und äußerst lesenswerten Darstellung der Kölner Schule liefert das Buch von Moebius ein Musterbeispiel dafür, wie die Wissenschaftsgeschichte in einem exponierten Einzelfall den häufig von wissenschaftspolitischen Deutungskämpfen überlagerten Begriff der soziologischen Schule klären kann. Heinz Steinert hat einmal bemerkt, dass die Entwicklung wissenschaftlicher Schulen einem „Familienroman“ ähnelt: Im von Konkurrenz und Wettbewerb mitbestimmten akademischen Tagesgeschäft übernehmen sie eine bedeutsame Rechtfertigungs- und Ausschlussfunktion, die soziale Differenzierungen in gewisser Weise als natürliche Differenzen erscheinen lässt. Insofern ist es auch keineswegs abwegig, wissenschaftliche Schulen – analog zur traditionalen Familie – als im weitesten Sinne patriarchale Herrschafts- und Gewaltzusammenhänge aufzufassen. Deshalb kommt es gewöhnlich auch nicht zu einer linearen Erbfolge, sondern häufig zum Streit über die Hinterlassenschaft. Die treue Schülerschaft eines Marcel Mauss, der das Werk seines Onkels Durkheim nach dessen Tod unter Vernachlässigung seiner eigenen Forschung völlig loyal fortschreibt, stellt eher eine Ausnahme dar. Gewalt erleiden freilich nicht nur die Lebenden, sondern gerade die Toten – so auch René König. Auf den Schultern Freuds spricht Moebius in diesem Zusammenhang ausdrücklich von einem „Vatermord“. Offenbar steht die Wissenschaftsgeschichte immer wieder vor der Aufgabe, ihren jeweiligen „Familienromanen“ historische Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Selbst wenn sie so gut wie unlösbar ist, muss man es – geschult an Stephan Moebius – zumindest versuchen.

Fußnoten

1 Für inhaltliche Hinweise und das Lektorat des Textes danke ich Martin Bauer und Christina Müller.

2 Vgl. hierzu insbesondere die Beiträge in Georg Ahrweiler / Rainer Rilling / Rolf Schellhase (Hrsg.), Soziologische Ausflüge. Festschrift für Hans-Jürgen Krysmanski zum 60. Geburtstag, Opladen 1997.

3 Vgl. Lothar Peter, Warum und wie betreibt man Soziologiegeschichte?, in: Christian Dayé / Stephan Moebius (Hrsg.), Soziologiegeschichte. Wege und Ziele, Berlin 2015, S. 112–148.

4 Vgl. Stephan Moebius, Die Zauberlehrlinge. Soziologiegeschichte des Collège de Sociologie 1937–1939, Konstanz 2006.

5 König nimmt insbesondere auf Überlegungen „meines Schülers Jakob Taubes“ Bezug, wenn er die eschatologische und geschichtsphilosophische Seite bei Marx kritisiert (vgl. René König, Soziologie heute, Zürich 1949, S. 128). Taubes kann in Wahrheit schon deshalb nicht in die Tradition der Kölner Schule gehören, weil er sich mit Fragen beschäftigt, die für König von vornherein aus dem Problembereich der Soziologie herausfallen. Er ist gewissermaßen das andere Extrem einer Soziologie, die „nichts als Soziologie“ sein will, und seine Arbeiten deshalb möglicherweise umso interessanter für eine kritische Rekonstruktion von Königs Soziologie.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Frithjof Nungesser.