Rettung ist keine Lösung

Rezension zu "Die Rettung der Arbeit. Ein politischer Aufruf" von Lisa Herzog

Wer in den 1980er-Jahren das Studium der Soziologie aufnahm, sah sich mitten in die Debatte um die Zukunft der Erwerbsarbeit geworfen. Der Gedanke der Erlösung von der entfremdeten Arbeit durch beharrlichen Klassenkampf war noch nicht vollständig verblasst. Das Milieu der Kritik der politischen Ökonomie überlebte in dieser Zeit in „Marx-Seminaren“, in denen sich Dozenten und Studierende andachtsvoll in die „blauen Bände“ der Marx-Engels-Werke vertieften. Zugleich blühten und grünten auf der bunten Wiese der Alternativökonomie die Fantasien über neue Formen selbstbestimmten Arbeitens. Kulturzentren und Bioläden, Kneipenkollektive und schwarzrote Buchläden waren in der Erwartung ihrer Protagonisten erste Vorboten einer Welt selbstbestimmter Arbeitskollektive. Feinsinnig wurden „Wege ins Paradies“ autonomer Arbeit bei André Gorz gewiesen. Und selbst die nüchterne und empirisch aufgeklärte Arbeitssoziologie stellte Mitte der 1980er-Jahre die Frage nach dem „Ende der Arbeitsteilung?“. So lautete der Titel einer prominenten Studie dieser Zeit von Horst Kern und Michael Schumann. Es war also einiges los in diesem vermeintlich langweiligen und bleiernen Jahrzehnt – lange nach 68 und kurz vor 89. Aber so vielgestaltig die Debatten auch waren, auf die Idee, „die“ Arbeit retten zu müssen, kam zu dieser Zeit niemand. Die Prognosen über die Zukunft der Arbeitsgesellschaft changierten je nach wissenschaftlichem und politischem Temperament zwischen Revolution, Niedergang oder neuer Blüte unter veränderten Vorzeichen. Nur in einem waren sich alle einig: Rettung ist keine Lösung.

Wer aus dieser Perspektive auf das neue Buch der Philosophin Lisa Herzog schaut, ist daher zumindest verblüfft: Was verbirgt sich hinter dem Titel des hier zu besprechenden Bandes „Die Rettung der Arbeit. Ein politischer Aufruf“? Vor wem, mit wem und gegen wen ist die Arbeit, wie wir sie kennen, zu retten? Der Treiber des Titels ist vermutlich die angesichts von Robotik und Künstlicher Intelligenz beförderte Sorge, dass die menschliche Arbeit irgendwann im Algorithmus endet. Die Digitalisierung der Arbeit provoziert Ungewissheit und Unsicherheit. So rechtfertigt das drohende Verschwinden der Arbeit als tätige Auseinandersetzung mit Stoff und Materie, mit Mensch und sozialer Umwelt den Titel. Folgerichtig klingt auch der Eingangssatz: „Wenn die Algorithmen kommen, wer werden die Gewinner sein und wer die Verlierer?“ (S. 7). Die Autorin schlägt von Beginn einen hohen Ton an. Sie spricht davon, dass die Arbeit eine „zutiefst menschliche Angelegenheit“ ist; „Menschen wollen etwas schaffen, sie wollen ihre Welt gestalten“; Arbeit „stellt uns in soziale Räume, ohne die unser Leben um ein Vielfaches ärmer wäre“ (alle S. 9 f.). 

Rasch wird bei der Lektüre des schmalen Bandes klar, dass es im Zuge des technologischen Sprungs der Digitalisierung nach Auffassung der Autorin ums Ganze geht. Empirische Details stehen nicht im Vordergrund, sondern der Akzent, dass „wir“ mit Blick auf die Erwerbsarbeit nicht im Wandel stehen, sondern vor Disruption und Zäsur. Hier gilt es starke Verteidigungslinien aufzubauen. Denn im Silicon Valley erwachsen die Giganten einer neuen Digitalökonomie und zerstören die gesellschaftliche Kraft, die persönlichen Wertschätzungen und die fachlichen Kompetenzen, die sich mit Arbeit, Beruf und Erwerbsbiographie im alten Europa verbinden. Mit dem scheinbar unaufhaltsamen Aufstieg von Amazon, Google und Facebook erodieren Arbeit und Bildung, wie wir sie bisher kannten. Umso dringender gerät daher der Appell, der den Band von Lisa Herzog durchzieht: Bitte überlasst die Arbeit nicht den Mächten digitaler Märkte! Lasst uns selbst zu Gestaltern werden! – Kein neuer Hinweis, aber was richtig ist, darf ruhig öfter gesagt werden.

In diesem Zusammenhang entwirft Herzog ein Bild der Arbeitswelt, das freudig stimmt. Die Autorin hebt den sozialen Charakter geteilter Arbeit hervor. Sie weist immer wieder darauf hin, dass Arbeit Bindungen schafft, Erlebnisse der Selbstwirksamkeit ermöglicht und Zusammenhalt produziert – im Betrieb und darüber hinaus. Sie appelliert an die Fairness in der Arbeitswelt und plädiert für mehr Wirtschaftsdemokratie im betrieblichen Alltag. „Workplace republicanism“ (S. 161) lautet ihr Stichwort. Sehr eindrücklich schildert sie ein Grunddilemma moderner Arbeitswelten, das sicher nicht nur, aber doch vor allem durch digitale Prozesse der Kontrolle und Standardisierung provoziert wird: Wie gelingt es, Professionalität in der Arbeit zu verwirklichen?

Kurzum, die Grundaussagen und Botschaften des gut geschriebenen und dramaturgisch wohl überlegten Bandes wirken durchweg sympathisch. Die Autorin erarbeitet ein Koordinatensystem, an dem sich die Entwicklung der Arbeitswelt, der betrieblichen Beziehungen und der inhaltlichen, sinnerfüllten Gestaltung der Arbeit orientieren kann. Und sie unterstreicht auf nachdrückliche und überzeugende Weise die Relevanz der Erwerbsarbeit als Medium der Persönlichkeitsbildung und als Mittelpunkt wertschätzender Sozialbeziehungen. In den 1980er-Jahren niemals erwartet, leben wir heute in einer Hyper-Arbeitsgesellschaft, die den strukturellen und normativen Kern der sozialen Prozesse der Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung bildet. Sie verbindet und trennt. Sie ist gleichermaßen Integrationsmotor und Polarisierungsmaschine.

Gleichwohl provoziert die Lektüre des Bandes eine Reihe von Irritationen. Diese Irritationen haben drei Ansatzpunkte: Sie haben erstens etwas mit dem Titel der „Rettung“ zu tun. Denn empirisch betrachtet gibt es weite, ja wachsende Teile einer prekären und von ausbeuterischen Verhältnissen geprägten Erwerbsarbeit, die zu retten wohl kaum im allgemeinen Interesse liegt – schon gar nicht im Interesse derjenigen, die in solchen Arbeitswelten gebunden sind. Die Irritation des Lesers bezieht sich zweitens auf den argumentativen Gestus. Denn ein solches Plädoyer, wie es Herzog vorlegt, führt die Gefahr mit sich, ins Leere laufende Benevolenz zu verbreiten. Alle Menschen guten Willens kämpfen um eine humane, soziale und rechtlich geordnete Welt der Arbeit. Dieser Eindruck wird durch die Wortwahl noch verstärkt, spricht die Autorin doch immer wieder von „wir“ und „uns“. Gewiss, der Text ist ein politischer Aufruf und keine Zusammenfassung der soziologischen oder ökonomischen Literatur zum Thema. Zudem könnte man sagen: Nach all den Weißbüchern, Ratgebern, Handreichungen, Kommissionsberichten und Dokumentationen zu Digitalisierung etc. tut ein solch programmatischer Band durchaus gut.

Der Hauptpunkt der Irritationen, die Herzogs Schrift auslöst, liegt allerdings im Fehlen von Anschlusspunkten. Die kontroverse und lebhafte gesellschaftswissenschaftliche Debatte, die hierzulande um die Zukunft der Arbeit im Zeichen von Robotik, KI und anderen digitalen Dingen geführt wird, kommt nicht vor. Es geht dabei nicht um die wohlfeile Kritik, dass dieses und jenes von der Autorin noch hätte gelesen und ins Literaturverzeichnis gebracht werden müssen. Nein, es geht um den Punkt, dass empirisch nachvollziehbare Perspektiven darauf, in welcher Weise die gesellschaftliche Auseinandersetzung um Arbeit in den kommenden Jahren zu führen wäre, Mangelware bleiben.

Die wesentlichen Grundlagen der Ausführungen von Herzog bilden auf der einen Seite die mehr oder weniger bedrohlichen Szenarien einer Zukunft der Arbeit, wie sie von Arbeitsforschern und Technofuturisten in der englischsprachigen Literatur geführt werden; auf der anderen Seite steht der appellative Ton einer kritischen Philosophie, die den Wert der Arbeit für Person und Gesellschaft hochleben lässt. Vieles spricht aber dafür, dass sich die Fragen der Zukunft von Erwerbsarbeit auf der mittleren Ebene entscheiden: auf der Ebene betrieblicher Digitalisierungskonflikte, die zwischen Management und Personal- wie Betriebsräten ausgetragen werden; auf der Ebene einer Fortentwicklung des Arbeitsrechts, das über eine Neujustierung des Arbeitnehmer- und Arbeitgeberbegriffs verstärkt wird nachdenken müssen; und auf der Ebene der Arbeitskräfte selbst, die sich als Angestellte oder Arbeiter, als akademisch oder in Lehrberufen Ausgebildete, als Berufsanfänger oder beruflich Erfahrene ihren eigenen Reim auf neue Zumutungen machen (müssen). Auf dieser Ebene betrieblicher Wirklichkeiten, derjenigen konkreter Rechte und unmittelbarer Arbeitserfahrungen, kann es eine Antwort auf die eingangs gestellte Frage geben: Vor wem, mit wem und gegen wen ist die Arbeit zu retten? Dann erhält der von Herzog formulierte Impuls die notwendige Dynamik, die es braucht, um Arbeitsgesellschaft zu gestalten. Es müssen ja nicht gleich die neuen „Wege ins Paradies“ sein, von denen vor rund vierzig Jahren die Rede war.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.