Doppelpassspiel

Rezension zu "Citizenship 2.0. Dual Nationality as a Global Asset" von Yossi Harpaz

Am 15. Juli 1999 verabschiedete der Deutsche Bundestag, begleitet von Protesten, das Gesetz zur Reform des Staatsangehörigkeitsrechts. Es leitete eine historische Wende in der Konzeption deutscher Staatsbürgerschaft ein und veränderte den sozialen und politischen Status vor allem der Familien von ArbeitsmigrantInnen in Deutschland grundlegend, indem es ihre gesellschaftspolitischen Zugehörigkeitsbedingungen neu definierte. Das Gesetz ergänzte das seit dem frühen 19. Jahrhundert dominierende Abstammungsprinzip (ius sanguinis) um das Geburtsortsprinzip (ius soli): In Deutschland geborene Kinder ausländischer Eltern, die dauerhaft und legal in Deutschland leben, erhalten seitdem automatisch die deutsche Staatsangehörigkeit. Mit dieser Gesetzesreform wurde die doppelte Staatsbürgerschaft möglich. Die zunächst vorgesehene Optionspflicht – spätestens mit 23 Jahren sollten sich DoppelpasslerInnen für eine Staatsangehörigkeit entscheiden – wurde in einer Neuregelung 2014 fallengelassen. Menschen, die in Deutschland geboren, aufgewachsen und zur Schule gegangenen sind, können dauerhaft sowohl die Staatsangehörigkeit ihres Geburtslandes als auch die des Herkunftslandes der Eltern behalten.

Die Reform des Staatsangehörigkeitsrechts in Deutschland ist keineswegs ein Einzelfall, sondern Teil einer seit den 1990er-Jahren zu beobachtenden, globalen Entwicklung. Der Trend, Staatsbürgerschaft nicht mehr als exklusive Form der Zugehörigkeit zu konzipieren, ist folgenreich für politische Prozesse innerhalb und zwischen Staaten wie auch für individuelle Lebenswege und soziale Dynamiken in bestimmten Communities. Entsprechend breit ist die wissenschaftliche Forschung zum Thema. Die 2019 erschienene Studie Citizenship 2.0. Dual Nationality as a Global Asset des Soziologen Yossi Harpaz ist ein aus verschiedenen Gründen origineller und lesenswerter Beitrag zu diesem Feld.

Bemerkenswert ist zunächst der Zuschnitt des Gegenstands. Während in Westeuropa und Nordamerika politische wie auch wissenschaftliche Debatten die doppelte Staatsbürgerschaft vor allem im Kontext von Migration diskutieren, lenkt Harpaz den Blick auf eine hierzulande kaum beachtete Konstellation: Menschen, die sich um eine zweite Staatsbürgerschaft in einem Land bemühen, in dem sie nicht wohnen und in das sie auch nicht auszuwandern planen. Möglich ist dieser Erwerb einer zweiten Staatsbürgerschaft aus der Ferne (long-distance acquisition) überall dort, wo Staaten eine Einbürgerung aufgrund ethnischer oder anderer Abstammungsmerkmale erlauben, wie etwa im Falle von in der Ukraine lebenden Russen. Darüber hinaus eröffnet auch das bedingungslose Geburtsortsprinzip, wie es beispielsweise in den meisten Staaten Amerikas gilt, diese Option. Im Zentrum von Harpaz’ Studie stehen nun nicht primär Motivationen, sondern die Effekte, die sich durch die Möglichkeit einer spezifischen zweiten Staatsbürgerschaft in einem bestimmten sozialen Kontext ergeben. Ausgehend davon diskutiert er grundsätzliche konzeptuelle Fragen: Was passiert mit Staatsbürgerschaft als Institution, wenn sich die Spielregeln deutlich verändern? Wie artikuliert sich nationale Zugehörigkeit im Zeitalter flexibler, überlappender und nicht-territorialer Staatlichkeit (S. 1)?

Die Arbeit ist als Mixed-Methods-Studie angelegt. Nach einer quantitativen Analyse globaler Dynamiken des Zweitpasserwerbs arbeitet der Autor in drei reichen, auf Interviews basierenden Fallstudien heraus, wie sich diese Prozesse „on the ground“ – so eine häufig wiederholte Formulierung – darstellen. Er fragt, wie sie sich im Leben von Menschen und Familien artikulieren und welche Effekte sich auf politische Gefüge unterschiedlicher Skalierung (Gemeinden, Regionen, Staaten) ergeben.

Ausgangspunkt der Analyse ist die Beobachtung, dass Staaten im internationalen System strukturell zwar als gleichwertige Entitäten behandelt werden, die formale Zugehörigkeit zu diesem oder jenem Staat im Leben der Menschen jedoch sehr unterschiedliche Konsequenzen hat. Wer mit einem deutschen Pass die Welt bereist, wird sich nur selten Sorgen um die Erteilung eines Visums machen müssen; mit einem afghanischen Pass sieht das ganz anders aus. Neuseeländische Kinder können kostenfrei öffentliche Schulen besuchen, deren Abschlüsse weltweit anerkannt und geschätzt werden, während Eltern in Bolivien ihre Kinder auf Privatschulen schicken müssen, damit sie international anschlussfähige Abschlüsse erwerben. Die Möglichkeiten und Rechte, die eine spezifische Staatsbürgerschaft mit sich bringt, stellen einen Wert dar, der sich von Staat zu Staat unterscheidet. Wenn Menschen darüber nachdenken, sich um eine zweite Staatsbürgerschaft zu bemühen, spielt – so die erste zentrale These des Buches – die globale Ungleichheit des Werts von Staatsbürgerschaften (global inequality of citizenship value, S. 21) eine maßgebliche Rolle.

Harpaz argumentiert, dass die bürokratische und moralische Normalisierung des Erwerbs einer zweiten Staatsangehörigkeit Dynamiken der Kommodifizierung erzeugt. Staatsbürgerschaft verliert den Status eines institutionell zugeschriebenen Merkmals und wird mehr und mehr zu einem Gut, das man erwerben oder durch Engagement erreichen kann. Dies führt auch zu einer Desakralisierung (desacralisation) – auf Deutsch könnte man auch formulieren: zu einer Entzauberung – des Verhältnisses von Bürger und Staat. Fluchtpunkt von Harpaz’ Argumentation ist die Figur des „souveränen Subjekts“ (sovereign individual), das die qua Geburt verliehene Staatsangehörigkeit nicht mehr als schicksalhaft hinnimmt, sondern emanzipiert und strategisch nach den besten verfügbaren citizenship packages sucht.

Im ersten Kapitel der Studie entwickelt der Autor ein quantitatives Modell, das es erlaubt, den Wert einzelner Staatsbürgerschaften zueinander ins Verhältnis zu setzen. Dieser wird zum einen an den Vorteilen, die StaatsbürgerInnen im Land selbst genießen, gemessen und zum zweiten anhand der internationalen Mobilität, die durch diese Staatsangehörigkeit ermöglicht wird.[1] Durch eine Clusteranalyse können die Länder der Welt plausibel in eine Hierarchie von drei Gruppen eingeteilt werden, deren Zusammensetzung wenig überrascht: eine Spitzengruppe, die sich vornehmlich aus westeuropäischen und nordamerikanischen Staaten zusammensetzt, eine mittlere Gruppe, zu der die meisten Länder Lateinamerikas sowie Mittel- und Osteuropas gehören, und eine Schlussgruppe, die alle afrikanischen Staaten sowie die meisten Staaten Nordafrikas, des Nahen und Mittleren Ostens umfasst. 

Auf Grundlage eines eigens erstellten Datensatzes zur Prävalenz doppelter Staatsbürgerschaft in 30 Ländern der ersten und zweiten Gruppe kann Harpaz statistisch belegen, dass doppelte Staatsbürgerschaft in den Ländern der Spitzengruppe zwar häufiger vorkommt, dort zumeist jedoch durch tatsächliche Einwanderung erworben wird. Das heißt, Menschen mit doppelter Staatsbürgerschaft in den Ländern der ersten Gruppe sind in der Regel EinwandererInnen und deren Nachfahren. DoppelpasslerInnen in den Ländern der mittleren Gruppe haben hingegen die zweite Staatsbürgerschaft zumeist in einem Land der Spitzengruppe, ohne dass sie ihren Wohnsitz dauerhaft dorthin verlegen würden (long-distance acquisition). Dass Menschen der Spitzengruppe sich aus der Ferne um eine zweite Staatsbürgerschaft in einem Land der mittleren Gruppe bemühen, kommt deutlich seltener vor. In Harpaz’ Sample machten beispielsweise ArgentinierInnen italienischer Abstammung von der Möglichkeit, zusätzlich die italienische Staatsbürgerschaft zu erlangen, 27 Mal häufiger Gebrauch, als US-AmerikanerInnen italienischer Abstammung, denen das gleiche Recht zusteht (S. 35 f.).[2] LeserInnen, die mit dem Forschungsfeld wenig vertraut sind, mag das kaum überraschend erscheinen. Doch steht die Einsicht im Widerspruch zu zentralen Positionen in der Forschung zum Doppelpass, die bis heute das letztlich romantische Verlangen nach persönlicher Verbindung mit dem Herkunftsland der Vorfahren als zentrales Motiv unterstellen (sentimental dual citizenship), die Möglichkeit strategischen und opportunistischen Handelns (compensatory dual citizenship) jedoch ignorieren.

Doch was bedeutet es nun, wenn Menschen den Ort, an dem sie leben, nicht unbedingt verlassen wollen, und dennoch den Erwerb einer weiteren Staatsbürgerschaft in Betracht ziehen? Dem geht Harpaz in drei Fallstudien nach, die den eigentlichen Schatz des Buches darstellen. In der ersten geht es um serbische Staatsangehörige in der Grenzregion Vojvodina, die aufgrund der Änderung des ungarischen Staatsbürgerschaftsrechts durch die nationalkonservative Regierung Viktor Orbáns seit 2011 die Möglichkeit haben, die ungarische Staatsangehörigkeit zu erlangen. Die zweite Fallstudie beschäftigt sich mit mexikanischen Staatsangehörigen, die im Norden des Landes leben, ihre Kinder jedoch in Krankenhäusern oder Geburtskliniken in Texas zur Welt bringen, um diesen auch die US-amerikanische Staatsbürgerschaft zu sichern. In der dritten Fallstudie schließlich geht es um Israelis, die die Staatsbürgerschaft desjenigen europäischen Staates erlangen, der sie ihren Eltern oder Großeltern zur Zeit des Nationalsozialismus entzogen hatte. Jedes Kapitel beginnt mit Erläuterungen zum historischen Kontext und zur quantitativen Dimension des Phänomens. Es folgt eine Beschreibung der Anforderungen und Verfahren des Staatsbürgerschaftserwerbs sowie der daraus entstandenen lokalen citizenship industries, zu der je nach Kontext Sprachschulen, Kliniken der Geburtshilfe, spezialisierte Beratungseinrichtungen und Anwaltspraxen gehören. Danach wird aufgezeigt, in welche familiären und intergenerationellen Dynamiken diese Prozesse eingebettet sind, und welchen praktischen Nutzen die Menschen mit der zweiten Staatsbürgerschaft verbinden. Den Abschluss bildet eine Diskussion der sozialen und gesellschaftlichen Effekte der dargestellten Dynamiken in lokalen, regionalen und nationalen Kontexten. 

Die drei Fallstudien, die auch interessante vergleichende Perspektiven eröffnen, sind gut strukturiert, dicht erzählt und reich an bisweilen überraschenden Einsichten, von denen hier exemplarisch drei erwähnt seien. Erstens zeigen die qualitativen Analysen deutlich, dass – außer im serbisch-ungarischen Fall – die Emigration ins Land der zweiten Staatsbürgerschaft in den Motivationslagen von Einzelnen und Familien keine vordringliche Rolle spielt. Zentral sind stattdessen Bildungschancen, also die Möglichkeit von Ausbildungs- oder Studienaufenthalten, sowie die Erleichterung globaler Mobilität. Außerdem ist der zweite Pass auch eine Absicherung für den Fall unvorhergesehener (sicherheits-)politischer Entwicklungen; das gilt vor allem für Israel, aber auch für Mexiko.

Zweitens wird anhand der Fallstudien deutlich, dass der Erwerb der zweiten Staatsbürgerschaft nicht nur bürokratischen und logistischen Aufwand bedeutet, sondern auch mit intensiver und anhaltender emotionaler Arbeit einhergeht. Die Möglichkeit mehrfacher Staatsangehörigkeit führt also keineswegs dazu, dass Fragen von (nationaler) Zugehörigkeit an Bedeutung verlieren; stattdessen erzeugt sie neue Notwendigkeiten, Zugehörigkeit zu bekennen, zu performieren und zu rechtfertigen, was intra- wie interpersonelle Konflikte erzeugt. 

Bemerkenswert ist schließlich drittens, wie die Öffnung und Kommodifizierung der Institution Staatsbürgerschaft diese zu einem Instrument in Kämpfen um zivilisatorische oder kulturelle Hegemonie werden lässt und so dazu beiträgt, imperiale Narrative zu reproduzieren. In allen drei Fällen ist für die Doppelpass-InhaberInnen die zweite Staatsbürgerschaft der buchstäbliche Ausweis ihrer Zugehörigkeit zu einer Elite, deren Ursprünge in der westeuropäischen Moderne liegen. Damit fungiert der Doppelpass als Distinktionsmerkmal gegenüber anderen Gruppen (beispielsweise indigenen MexikanerInnen, orthodoxen oder afrikanisch-stämmigen Juden und Jüdinnen), die als rückständig und beschränkt beschrieben werden. Harpaz’ detaillierte Analyse zeigt auf, wie die institutionelle Zugehörigkeit zum „Friedensprojekt Europa“ in ethno-nationalistischen und rassistischen Stratifizierungsprozessen mobilisiert und instrumentalisiert wird.

Der in seinem Hauptteil nur 143 Seiten umfassende Band ist in flüssigem und ansprechendem Stil geschrieben. Lesbarkeit auch für fachfremdes Publikum scheint eines der leitenden Gestaltungsprinzipien gewesen zu sein. Der vermutlich einer solchen Adressierung geschuldete Verzicht auf technische Ausführungen zur statistischen Analyse ist allerdings durchaus bedauerlich. Die Redundanzen zwischen den Kapiteln stören bei einer vollständigen Lektüre, erleichtern aber wiederum das auszugsweise Lesen, wie es gerade in der Lehre häufig praktiziert wird.

Am eingangs zitierten deutschen Fall lässt sich beobachten, dass sich für die Kinder und Enkelkinder von ArbeitsmigrantInnen durch die Einführung der doppelten Staatsbürgerschaft die Chancen politischer, gesellschaftlicher und ökonomischer Partizipation deutlich erhöht haben. Eine Anerkennung als gleichermaßen zugehörig ging damit jedoch nicht notwendig einher. Die Abgrenzungsfunktion, die zuvor durch die Kategorie „Nationalität“ erfüllt worden war, verschob sich hin zu Fragen von Kultur und Religion. Aus „türkischen GastarbeiterInnen“ und deren Kindern wurden „Muslime“. So hat die Einbürgerungsoption Diskriminierungen gegenüber bestimmten Gruppen von ArbeitsmigrantInnen also keineswegs zum Verschwinden gebracht, sondern vielmehr einen Kategorienwechsel eingeleitet, der zur Politisierung von Religion und Religiosität auch außerhalb von Migrationskontexten führte. Harpaz’ Studie Citizenship 2.0 führt vor, wie eine an globaler Politik und alltäglicher Erfahrung gleichermaßen interessierte Analyse die Komplexität solcher Entwicklungen zu entfalten vermag und damit auch zu einer differenzierteren Debatte über Implikationen und Konsequenzen beitragen kann.

Fußnoten

[1] Erstere werden in einem Citizenship Quality Index (CQI) abgebildet⁠, letztere anhand des Henley Passport Index (HPI). Der CQI wurde von Harpaz selbst entwickelt, er bestimmt die Qualität einer Staatsbürgerschaft als kombinierter Effekt aus Sicherheit, ökonomischen Möglichkeiten und (Bürger-)Rechten und kombiniert dazu Daten aus dem State Fragility Index (SFI), dem Human Development Index (HDI) und dem Democracy Index.

[2] Die Zahlen beziehen sich auf den Zeitraum von 1998 bis 2010 (S. 36).

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.