Logiken der Eskalation

Rezension zu "Situational Breakdowns. Understanding Protest Violence and Other Surprising Outcomes" von Anne Nassauer

„Wie münden friedliche Demonstrationen in gewaltsamen Konflikten?“ Das fragt Anne Naussauer am Beginn des Vorworts zu Situational Breakdowns – und versucht, dies in ihrer darauffolgenden Arbeit zu beantworten. Dabei betrachtet sie gewaltsame Konfrontationen in Demonstrationen nicht als notwendige Konsequenz einer auf Gewaltanwendung abzielenden Handlungsmotivation der beteiligten Akteure und Akteursgruppen, sondern vielmehr als das unerwartete Ergebnis von Situationen, in denen Handlungsroutinen versagen. Diese Perspektive ist inspiriert von Herbert Blumers symbolischem Interaktionismus, von Herbert Simons Konzept der Bounded Rationality[1] sowie von Randall Collins’ Dynamik der Gewalt.[2] Die Autorin betrachtet den Verlauf von Demonstrationen in Deutschland und den USA, die von linken transnationalen Protestbewegungen getragen werden. Der von ihr analysierte Zeitraum umfasst die Jahre 1960 bis 2010. Der Komplexität des Phänomens trägt sie Rechnung, indem sie Video- und Textmaterial aus unterschiedlichen Quellen (Gerichte, Polizei, Demonstranten und Medien) zur Grundlage ihrer Analyse macht. Hinzu kommen Daten, die sie selbst mit teilnehmenden Beobachtungen und Interviews erhebt. Die Auswertung der Daten erfolgt sowohl systematisch, mittels Videoanalyse und Qualitative Comparative Analysis, als auch kursorisch, um einzelne Argumente im Text durch Ausschnitte aus Interviews und Nachrichten zu belegen.

Das Buch gliedert sich in neun Kapitel, eine abschließende Conclusio und einen umfangreichen Anhang. Im ersten Kapitel stellt Anne Nassauer den von ihr verwendeten engen Gewaltbegriff vor, dem zufolge Gewalt nur dann vorliegt, wenn sie physisch erfolgt und auf interpersonaler Ebene angesiedelt ist: „actions in which one person causes physical harm or death to another“ (S. 23). Die Entscheidung für einen solcherart umgrenzten Gewaltbegriff begründet sie forschungspragmatisch – mit der leichten Beobachtbarkeit physischer Gewalt – wie auch methodisch: Aufgrund der Enge ihres Gewaltbegriffs könnten, so das Argument, andere Formen der Gewaltanwendung, wie beispielsweise Sachbeschädigungen, als Ursache für physische Gewaltanwendung erfasst werden. Die methodische Begründung erscheint mir problematisch, denn dafür wäre es auch möglich gewesen, verschiedene Dimensionen von Gewalt (Gewalt gegen Personen vs. Gewalt gegen Dinge, physische Gewalt vs. psychische Gewalt vs. strukturelle Gewalt) zu unterscheiden und diese in Beziehung zueinander zu setzen. Dem formalen Einwand möchte ich eine theoretische Vermutung hinzufügen. Bei Anwendung eines weiten Gewaltbegriffs, wie er in den Sozialwissenschaften in der Regel vertreten wird,[3] verlöre Anne Nassauers theoretisch motivierte Pointe, wonach erst zusammenbrechende Handlungsroutinen zur Ausübung von Gewalt führen, mindestens ihre Relevanz, womöglich sogar ihre Gültigkeit. Denn dort, wo sie beispielsweise Sachbeschädigungen als Teil des Geschehens betrachtet, liegen diese definitiv vor dem Zusammenbrechen der Handlungsroutinen.

Neben ihrer Definition von Gewalt gibt die Autorin im ersten Kapitel einen knappen Überblick zum Wandel von linken transnationalen Protestbewegungen einerseits und von Polizeiarbeit andererseits. Dabei arbeitet sie sowohl Veränderungen in den Protestformen wie auch Unterschiede in der Polizeiarbeit heraus. In beiden Punkten sind die entsprechenden Erläuterungen zu kurz und beinhalten relevante und interessante Aspekte, die in der Folge leider nicht weiter aufgegriffen werden. So weist Anne Nassauer auf einen Wandel in der „philosophy“ (S. 22) der Polizeien in Deutschland und den USA hin – weg von der Staatspolizei hin zur Bürgerpolizei. Mit dieser Veränderung des polizeilichen Leitbildes, so muss man sich als Leserin denken, geht eine sich wandelnde Polizeikultur einher, die sich wiederum in Konzeption und Selbstverständnis der Polizei als Organisation niederschlägt. An dieser Stelle wartet man vergeblich auf den Hinweis, dass die Polizei das staatliche Gewaltmonopol nach innen vertritt: Während das Militär das Gewaltmonopol nach außen, also in der Regel gegenüber anderen Nationen, repräsentiert, ist die Polizei als Organisation dazu befugt, unter bestimmten Bedingungen und innerhalb eines festgelegten Rahmens, Gewalt gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern auszuüben. Es ist fraglich, ob die Anwendung von physischer Gewalt in Interaktionszusammenhängen, in denen die Polizei eine relevante Akteursgruppe darstellt, untersucht werden kann, ohne auf diesen entscheidenden Aspekt einzugehen.

Das Versäumnis holt Anne Nassauer auch nicht in den beiden anschließenden Kapiteln nach, in denen sie diejenigen Akteursgruppen, die hauptsächlich an politischen Demonstrationen beteiligt sind – Demonstrierende (Kapitel 2) und Polizei (Kapitel 3) –, vorstellt. Bei Ersteren gilt ihr Interesse dem sogenannten Schwarzen Block, den in der öffentlichen Wahrnehmung als gewaltmotiviert geltenden Demonstrantinnen und Demonstranten, sowie der scheinbar gängigen Annahme, dass dessen Gewaltmotivation ihre ideengeschichtlichen Wurzeln im Anarchismus hat. Beides diskutiert sie kritisch, aber leider ebenfalls zu kurz, wenn sie beispielsweise den Anarchismus in einer Fußnote abhandelt.

Die folgenden drei Kapitel sind den Interaktionszusammenhängen zwischen beiden Akteursgruppen gewidmet. Das Aufeinandertreffen dieser Interaktionszusammenhänge zieht häufig das Versagen von Handlungsroutinen nach sich; was wiederum Gewaltanwendungen wahrscheinlich werden lässt. „[F]ive interactions between protesters and police that happen during protests are crucial for the emergence of violence“ (S. 14 f.): räumliche Übergriffe, Missmanagement auf Seiten der Polizei, Anzeichen für eine Eskalation, Sachbeschädigung und Kommunikationsprobleme. Treten sie in drei konkreten Kombinationen auf, führen sie zu gewaltsamen Konflikten – so lautet das Ergebnis der von Anne Nassauer vorgelegten Qualitative Comparative Analysis. Erstens der „loss-of-control path“, bei dem räumliche Übergriffe und Missmanagement auf Seiten der Polizei zusammenkommen; zweitens der „offense path“ als Kombination aus räumlichen Übergriffen, Anzeichen einer Eskalation und Sachbeschädigungen; und als drittes der „missing information path“, bei dem räumliche Übergriffe auf Anzeichen einer Eskalation und auf Kommunikationsprobleme treffen.

Darauffolgend geht es im siebten Kapitel um die emotionalen Gemengelagen, die den Gewaltausbrüchen unmittelbar vorausgehen und in die sie dadurch eingebettet sind. Durch die Kombination der einzelnen Situationsmerkmale (räumliche Übergriffe, polizeiliches Missmanagement, Eskalation, Sachbeschädigung, Kommunikationsprobleme) werden bei den Beteiligten in den aufgeführten Pfadabhängigkeiten (Kontrollverlust, Offensive, Informationsmangel) durch sogenannte trigger-Momente Stress- und Angstgefühle ausgelöst, welche wiederum zu Gruppenbildungsprozessen führen und sich in Gewalthandlungen manifestieren können.

Zum Abschluss führt die Autorin das bis dahin Vorgestellte zusammen und leitet daraus verschiedene Maßnahmen zur Vermeidung von gewaltsamen Konflikten ab (Kapitel 8). Weiterhin validiert sie ihre Befunde durch Kontrastierung mit maximal abweichenden Vergleichsgegenständen wie bewaffneten Raubüberfällen und Protesten gegen rassistisch motivierte Polizeigewalt in den USA (Kapitel 9). In der Conclusio ergänzt sie ihre empirischen Erkenntnisse an der einen oder anderen Stelle um theoretische Hinweise.

Die Arbeit von Anne Nassauer setzt an der soziologisch relevanten Frage an, in welchem Verhältnis Handlungsmotivationen zu tatsächlichen Handlungen stehen. Offensichtlich manifestieren sich Motivationen nicht notwendigerweise in korrespondierenden Handlungsweisen, denn wäre dem so, könnte man die dem Buch zugrundliegende Frage leicht beantworten: (Vermeintlich) friedliche Demonstrationen münden deshalb in gewaltsamen Konflikten, weil ihnen von Beginn an eine Gewaltmotivation inhärent ist. Gewaltsames Handeln als Forschungsgegenstand müsste im Umkehrschluss kausal auf Gewaltmotivationen zurückgeführt werden – Ende der Geschichte. So einfach kann es nicht sein, gegen diese Gleichsetzung wehrt sich auch Anne Nassauer und folgt damit einer langen soziologischen Tradition. Die Schlichtheit des eben angerissenen Arguments, nach dem sich Sinnsetzungen zwangsläufig in korrespondierenden Handlungsweisen niederschlagen, zeigt sie anhand eines Gedankenexperiments auf: Eine Person, die direkt nach der Arbeit joggen gehen möchte (Handlungsmotivation), vergisst morgens, zuhause ihre Laufschuhe einzupacken, und kann damit ihrem eigentlichen Vorhaben (Joggen gehen) nicht entsprechen. Es kommt also zu einem Bruch zwischen Motivation (Joggen wollen) und Handlung (nicht Joggen gehen). Ebenso bedeutet das Ausführen einer Handlung nicht automatisch, dass diese Handlung beabsichtigt war. Eine Gewaltmotivation führt also keineswegs immer zu einer Gewalthandlung und eine Gewalthandlung verfügt nicht immer über eine Gewaltmotivation.

Nach Max Weber ist Handeln sinnhaftes Verhalten und sozial ist dieses Handeln dann, wenn es Bezug nimmt auf andere. Im von Anne Nassauer vorgeschlagenen Gedankenexperiment kann Joggen zwar als Handeln, allerdings nicht als soziales Handeln gelten – das müsste es aber sein, um eine Analogie zu gewaltsamem Handeln in der von ihr definierten Form aufzuzeigen. Die Autorin versucht weder, Gewalthandlungen als eine Form sozialen Handelns darzustellen, noch rekonstruiert sie die von ihr analysierten Demonstrationen als eine Kette von aufeinander Bezug nehmenden sozialen Handlungsweisen, deren Summe einen Interaktionszusammenhang ergibt, in dessen Verlauf es möglicherweise zu gewaltsamem Handeln kommen kann. Anhand dieser analytischen Schritte ließe sich mit dem symbolischen Interaktionismus zeigen, an welchen Stellen es den Akteuren im Vorfeld des Gewaltausbruchs nicht gelungen ist, sich den Sinn ihres jeweiligen Handelns gegenseitig zu vermitteln, weshalb Handlungsroutinen zusammenbrechen und gewaltsame Handlungsformen gewählt werden, die anfänglich nicht beabsichtigt waren.

Leider lässt das Buch eine erläuternde Diskussion seiner theoretischen Annahmen sowie eine Darstellung des Forschungsdesigns vermissen. Aufgrund ihrer theoretischen Basisannahmen müsste Anne Nassauer die Bedeutung des Konzepts der Bounded Rationality bei nicht erfolgter Sinnverständigung klar herausstellen. Stattdessen bleibt sie die empirische Plausibilisierung ihrer theoretischen Grundierung schuldig. Damit sind alternative theoretische Argumentationen, wie beispielsweise divergierende Sinnhorizonte auf Seiten der beteiligten Akteure und Akteursgruppen, mindestens ebenso plausibel. Auch der Übergang von zusammenbrechenden Handlungsroutinen hin zur Anwendung physischer Gewalt muss nicht emotionssoziologisch gedacht werden: Gerade die Polizei als Organisation zur Ausübung des staatlichen Gewaltmonopols nach innen folgt unterschiedlichen Leitbildern und verfügt damit nicht nur über eine historisch auszumachende Kultur. Ebenso gestaltet sie ihre Mitgliedschaft selektiv, sodass nicht nur die Polizeikultur zu berücksichtigen ist, sondern auch eine „Cop Culture“ (Behr 2008), das heißt Werte, Einstellungen und informelle Normen, die das polizeiliche Handeln ebenfalls anleiten. All diese Kritikpunkte verweisen auf eine theoretische Diffusität, weshalb uns Anne Nassauer die Logik ihrer Forschung nicht präsentiert.

Abschließend muss man daher leider feststellen, dass es ihren Befunden an einer sich forschungslogisch erschließenden Notwendigkeit – und damit immer auch einer theoretischen Begründung – für die Erklärung des Gegenstands mangelt und die Arbeit über weite Strecken im Dokumentarischen verharrt. Letzteres gelingt ihr allerdings gut, nicht zuletzt wegen der sehr sympathischen Hinweise auf den biografischen Kontext ihres Forschungsinteresses.

Fußnoten

[1]Bounded Rationalty nach Simon bezeichnet einen verhaltensökonomischen Modus der Entscheidungsfindung, in dem das Individuum versucht, seinen Nutzen unter bestimmten Einschränkungen zu maximieren. Situative Limitationen können durch begrenzte kognitive Fähigkeiten oder den Rückgriff auf Heuristiken entstehen, aber auch aufgrund unvollständiger Informationen beziehungsweise hohen Kosten für die Informationsbeschaffung oder sogar aufgrund umfassender Ungewissheit. Vgl. Herbert A. Simon, Theories of Decision Making in Economics and Behavioural Science, in: American Economic Review 49 (1959), 3, S. 253–283.

[2] Randall Collins, Dynamik der Gewalt. Eine mikrosoziologische Theorie, übers. von Gennaro Ghirardelli, Hamburg 2011.

[3] Wilhelm Heitmeyer / John Hagan, Gewalt. Zu den Schwierigkeiten einer systematischen internationalen Bestandsaufnahme, in: dies. (Hg.), Internationales Handbuch der Gewaltforschung, Wiesbaden 2002, S. 15–25.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.