Kooperation im Konflikt

Rezension zu "Conspiring with the Enemy. The Ethic of Cooperation in Warfare" von Yvonne Chiu

Ende März 2020 rief der UN-Generalsekretär António Guterres verschiedene Konfliktparteien in der Welt dazu auf, angesichts der COVID-19-Pandemie die Waffen ruhen zu lassen, Kämpfe zu stoppen und „Fenster für Diplomatie“ zu schaffen.[1] Es mag zunächst irritieren, dass ein Virus zum Anlass genommen wird, einen derartigen Appell zu formulieren: Warum sollten verfeindete Gruppen ausgerechnet auf eine Krankheit Rücksicht nehmen? Umso überraschender, dass der Aufruf zumindest teilweise Erfolg hatte. Saudi-Arabien erklärte wenige Wochen danach eine einseitige Waffenruhe im Jemen und die Akteursgruppen mehrerer anderer Konflikte bekundeten ebenfalls ihren Willen, dem Impuls des UN-Generalsekretärs zu folgen – auch wenn sich dies nicht immer in ihrem direkten Handeln niederschlug.[2]

Wie lässt es sich erklären, dass Feinde derartige Formen der Kooperation für ein gemeinsames Ziel eingehen, obwohl sie sich im Krieg miteinander befinden? Yvonne Chius Buch Conspiring with the Enemy. The Ethic of Cooperation in Warfare widmet sich diesem scheinbaren Paradox und hinterfragt die in Studien der Internationalen Beziehungen etablierte Dichotomie zwischen Kooperation und Konflikt, indem die Autorin folgende These aufstellt: Schon seit es Krieg gibt, existieren – neben dem akzidentiellen Zusammenfallen von Zielen – immer auch Formen der moralisch motivierten Kooperation. Angesichts der Erwartung, dass einander bekriegende Parteien generell jedes Mittel in Erwägung ziehen, um den oder die Feind*in zu besiegen, widmet sich Chiu damit einem mehr als erstaunlichen Phänomen. Ihre genealogische Studie zeichnet die Entstehung von Kooperationsnormen im Krieg nach, die teils die Praxis prägen und durch sie reproduziert und modifiziert werden, die mitunter aber auch im Völkerrecht institutionalisiert sind. Chius Monografie ist der empirischen Ethik zuzuordnen. Sie sucht die Entstehung von Kriegsnormen in der Praxis nachzuvollziehen, um sie dann aus einer normativen Perspektive einzuordnen und zu beurteilen. Die Studie bewegt sich damit zwischen der praktischen Philosophie, den historischen und politikwissenschaftlichen Kriegs- und Sicherheitsstudien und der Militärsoziologie. Das Werk beeindruckt durch eine außergewöhnliche Fülle an Anekdoten, Vignetten und Beispielen aus Konfliktgeschehen in unterschiedlichsten Weltregionen und über einen Zeitraum, der von der griechischen Antike bis zum Bürgerkrieg in Syrien reicht. Ihr Material verwebt Chiu zu einem detailreichen Bild des scheinbar Absurden: Feind*innen kooperieren, während sie sich töten.

Chiu beginnt ihre Ausführungen mit einem Kapitel, das anhand mehrerer Beispiele, insbesondere den Grabenkämpfen des Ersten Weltkriegs, verdeutlicht, wie fern Kooperation erscheinen muss angesichts des Grauens, das das Kriegsgeschehen mit sich bringt. Momente der Kooperation, so gesteht Chiu dann auch zu, sind Ausnahmen – aber eben bedeutsame Ausnahmen, die sich addieren zu einer „ethic of cooperation between enemies in warfare, which is the idea that cooperating with the enemy in certain ways withing war is the right thing to do and has moral purchase“ (S. 2, meine Hervorhebung). In Abgrenzung zu spieltheoretischen Ansätzen entwickelt die Autorin ein Verständnis von Kooperation, das zum einen von dem oder der Akteur*in selbst als kooperativ wahrgenommene Handlungen im Krieg beinhaltet, bei denen keine Kommunikation oder Koordination mit der anderen Partei stattfindet (schwache Form intentionaler Kooperation). Zum anderen umfasst Chius Kooperationsbegriff das Arbeiten an einem Ziel mit der Intention, ein für eine*n beteiligte*n Akteur*in oder dritte Partei vorteilhaftes Ergebnis zu erzielen (starke Form intentionaler Kooperation). Dies setzt ein Mindestmaß an Interaktion voraus „that allows a person to infer information“ (S. 21).

Drei Kooperationsformen kommen so in den Blick: Erstens, die Kooperation zum Zweck eines geteilten Ziels, das heißt, alle beteiligten Parteien verfolgen dasselbe Ziel, dessen Erreichen allen in derselben oder in kompatiblen Weisen zugutekommt (z.B. Teambuilding). Als zweites nennt Chiu die Kooperation für das gleiche, aber nicht geteilte Ziel. Hier verfolgen beide Parteien zwar dasselbe Ziel, aber eben nicht zum Vorteil derselben Person oder Gruppe (z.B. Schachspielen). Die dritte Form ist die Kooperation für eine Vielzahl von unterschiedlichen Zielen, die innerhalb eines geteilten Prozesses angestrebt werden (z.B. das liberal-kontraktualistische Verständnis von Gesellschaft). Im Weiteren ordnet Chiu die von ihr untersuchten Kooperationsformen in der Kriegsführung anhand der in ihnen verfolgten Ziele und widmet sich in den drei folgenden Kapiteln dem Ziel eines fairen Kampfes (Kapitel 2), dem Ziel der Schadensminimierung für eine bestimmte Gruppe von Individuen (Kapitel 3) sowie dem Ziel der schnellen Beendigung des Kriegsgeschehens, um so den Gesamtschaden zu minimieren (Kapitel 4).

In Kapitel 2 wird die Analogie zum Sport gezogen, um plausibel zu machen, dass auch in einer Konkurrenzsituation nicht alle Mittel als legitim gelten und dass sich Akteur*innen, obwohl sie gewinnen wollen, deswegen Selbstbeschränkungen in der Wahl der Mittel auferlegen. Übertragen auf den Krieg bedeutet diese Form der Kooperation, dass Soldat*innen eine gleichwertige Situation hinsichtlich der Risiken und Chancen für sich und die Gegner*innen herstellen möchten. Dieser Geist der Fairness zeigt sich unter anderem daran, dass die Verwendung von Giftgas verboten ist (S. 85) und als „dreckig“ und „unsoldatisch“ verurteilt wird, ebenso wie in der Skepsis gegenüber Waffentechnologien, die aus der Distanz operieren (ein aktuelles Beispiel hierfür sind Drohnenkriege, S. 83), oder auch in der Ablehnung von perfiden Taktiken, etwa wenn eine Partei den Waffenstillstand ausflaggt, ohne die Intention, die Waffen auch tatsächlich niederzulegen (S. 59). Die moralischen Ursprünge dieses „Sportsgeistes“ im Militär identifiziert Chiu vor allem im über die Jahrhunderte gewachsenen Ethos von Soldat*innen, der mit Tugenden wie Ehre und Integrität verbunden ist, aber auch in den Kodizes des Berufsstandes „Soldat*in“, die aus eben jenen Werten und Selbstbildern geronnen sind.

Kapitel 3 widmet sich der Kooperation zum Schutz bestimmter Gruppen, insbesondere Zivilist*innen und Kriegsgefangenen. Um Erstere nach Möglichkeit aus dem kämpferischen Kriegsgeschehen herauszuhalten, sollen die Soldat*innen weithin erkennbar sein, daher müssen sie ihre Waffen offen tragen sowie uniformiert sein. Die Autorin zeichnet die Entstehung der soldatischen Uniform genealogisch nach: Anfangs war sie vor allem ein Mittel der Disziplinierung und Professionalisierung des eigenen Militärs, mit der Zeit diente sie aber immer mehr der Unterscheidung zwischen Zivilist*innen und Soldat*innen. Dadurch konnten beide Gruppen mit besonderen (Schutz-)Rechten, aber auch Pflichten versehen werden. Weiterhin soll der Schaden von Zivilist*innen durch das Verbot und die Ächtung bestimmter Waffen minimiert werden. Yvonne Chiu möchte auch die ethischen Ambivalenzen und unintendierten schädlichen Konsequenzen kooperativen Verhaltens im Krieg aufzeigen. Dieses Anliegen zieht sich durch das gesamte Buch und zeigt sich besonders eindrücklich an der Diskussion zum Schutz von Kriegsgefangenen. Die Normen zur Behandlung von Kriegsgefangenen können mitunter dazu führen, dass inhaftierte Soldat*innen ein privilegierteres Leben führen als die Zivilist*innen im jeweiligen Konfliktgebiet. Ebenso kann es den Konfliktpartien aufgrund der Pflicht, Kriegsgefangenen mit den eigenen Ressourcen einen bestimmten Lebensstandards zu ermöglichen, sinnvoll erscheinen, möglichst keine Soldat*innen gefangen zu nehmen und sie stattdessen umzubringen oder auf dem Schlachtfeld zurück zu lassen (S. 119). Das Kapitel endet mit einer Reflexion dazu, wie Kooperation mit dem Ziel des Schutzes bestimmter Gruppen – neben Kriegsgefangenen sind hier politische Eliten genannt, die die Verantwortung für die Entscheidung zum Krieg und für seine Zielen tragen – paradoxerweise den Krieg verlängern und damit das durch ihn verursachte Leid vergrößern kann.

Daran schließt in Kapitel 4 die Betrachtung der Kooperation zum Ziel der schnellen Beendigung des Krieges an, die historisch ausgesprochen selten ist. Chiu schenkt zwei Phänomenen besondere Beachtung, für die sich kein Äquivalent in der Gegenwart finden lässt. Zum einen diskutiert sie die griechischen Hoplitenkriege des klassischen und archaischen Zeitalters, die sich durch ihre kurze Dauer und die vorläufige Endgültigkeit ihres Ausgangs kennzeichneten: Wegen der Beschränkungen durch die Erntezeit in der agrarisch geprägten griechischen Gesellschaft standen lediglich ein bis zwei Monate im Jahr überhaupt für den Kampf zur Verfügung. Die stattfindenden Schlachten waren äußerst brutal, aber das Ausmaß des durch sie verursachten Schadens war aufgrund ihrer kurzen Dauer und der geografischen Beschränkung deutlich begrenzt. Ähnlich verhält es sich mit dem zweiten Beispiel, den ritualisierten Stammeskriegen. Die Fragen, wie eine moderne Version der kooperativen, weil auf einen kurzen Zeitraum angelegten Kriegsführung aussehen könnte und welche normativen Prinzipien ihr entgegenstehen, werden zum Abschluss des Kapitels diskutiert.

Zwischen den drei Formen der Kooperationsethik – dem fairen Kampf, dem Schutz bestimmter Gruppen, der schnellen Beendigung des Krieges – bestehen Reibungspunkte und Widersprüche, die Chiu zum Gegenstand des fünften Kapitels macht. Zum Beispiel können technologische Fortschritte in der Zielgenauigkeit von Waffen zum Schutz von Zivilist*innen beitragen, gleichzeitig entsprechen „effiziente“ Waffen nicht der Vorstellung eines fairen Kampfes. Mitunter scheint der durch Bodenkämpfe bedingte Tod von mehr Zivilist*innen akzeptabler zu sein als der Einsatz von ferngesteuerten Waffensystemen wie Drohnen, bei denen die Opfer „may not even have known what was coming“ (S. 165). Als Beispiel für die die Spannung zwischen der Ethik des Schutzes bestimmter Gruppen und der einer schnellen Beendigung der Kampfhandlungen führt Chiu etwa die unintendierten Konsequenzen humanitärer Waffenstillstände an. Zwar erlaubten diese die Versorgung der Zivilbevölkerung mit Medizin, Lebensmitteln und ähnlichem, wodurch sie letztlich geschützt würde, gleichzeitig führten solche kriegerischen Atempausen dazu, dass sich auch die Konfliktparteien erholen und beispielsweise neue Waffen besorgen könnten. Letzteres könne dazu führen, dass sich der Kriegszustand verlängere und so letztlich mehr Opfer fordere.

In Kapitel 6 diskutiert sie das ebenfalls spannungsreiche Verhältnis zwischen den drei von ihr entfalteten Formen der Kooperationsethik und anderen Normen der Kriegsführung, die im internationalen Recht verankert sind und sich in der traditionellen Theorie des „Gerechten Krieges“ entwickelt haben. Die Diskussion der konkurrierenden, sich teils widerstrebenden normativen Prinzipien und Ethiken führt Chiu in der generelleren Beobachtung zusammen, dass die Struktur moderner Kriegsführung durch drei Merkmale gekennzeichnet sei: den politischen Charakter ihrer Ziele, die Verengung der Frage nach Gerechtigkeit auf das jus in bello (nicht auf das jus ad bellum, also wann es überhaupt legitim ist, Krieg zu führen) und die Beschränkung davon, wer als legitime Kombattant*innen gilt. Aufgrund dieses Umstands charakterisiert sie die Struktur des modernen Krieges als „trial by combat“ (S.222 ff.): Wer einen Krieg gewinnt, hat automatisch Recht, und die Frage der Gerechtigkeit stellt sich ausschließlich im Hinblick auf das Wie der Kriegsführung, nicht jedoch bezüglich des Ergebnisses. So tritt die Kooperationsethik zur schnellen Beendigung des Krieges zwangsläufig hinter die Normen des fair fight und der Minimierung des Schadens bestimmter Gruppen zurück. Dennoch, so der präskriptive Impetus der Autorin, sprechen gute Gründe dafür, der Kriegsdauer und der Legitimität seiner Begründung, Ziele und Ergebnisse mehr Beachtung zu schenken. Dass sich zeitgenössische Diskurse derart auf das jus in bello konzentrieren und dadurch das Faktum eines Kriegsergebnisses in normatives Recht überführen, ist ein Ausdruck davon, wie staatszentriert die Normen der Kriegsführung nach wie vor sind. Sie reproduzieren und legitimieren das bestehende System internationaler Beziehungen als ein von Staaten dominiertes Konstrukt.

Chiu präsentiert eine faszinierende Perspektive auf (die Ethik) der Kooperation im Krieg, die viele Denkanstöße in normativ-präskriptiver wie empirisch-analytischer Hinsicht gibt. Sowohl die Wahl des Blickwinkels (Kooperation) als auch die Problematisierungen von scheinbar unhintergehbaren normativen Prinzipien der Kriegsführung (etwa der Schutz von Zivilist*innen und Kriegsgefangenen, die Neutralität von Ärzt*innen, die Ächtung bestimmter Waffen und Taktiken) sind als mutig zu bezeichnen, weil sie unbequeme Dilemmata entlarven und unangenehme Fragen aufwerfen. Ihr Buch ist nicht zuletzt wegen des Reichtums an Anekdoten und historischen Beispielen eine fesselnde Lektüre.

Gleichzeitig ist die illustrative Fülle auch ein Schwachpunkt des Werks, geht doch an manchen Stellen die große Argumentationslinie im Detailreichtum und in der Breite der angeführten Evidenz etwas verloren. Obwohl der Sprachstil, die Mischung von fiktionalen und historischen Quellen sowie zeitgenössischen Dokumenten und Verträgen dem Buch einen hohen literarischen Wert verleihen, wünscht sich die Leserin manchmal dennoch eine strukturiertere Aufbereitung und Vermittlung der Inhalte, die die wesentlichen Gedanken und Argumente des Buches stärker in den Vordergrund stellen. So hätten auch die Überschriften der Unterkapitel in der Hinsicht sprechender sein können.

Und auch wenn Chiu nicht den Anspruch hat, eine systematische empirische Analyse zu Kooperation im Krieg vorzulegen, so wirkt die Evidenz an einigen Stellen zu anekdotisch, um wesentliche Fragen zu beantworten: Wie verbreitet ist Kooperation im Krieg? Und in welchem quantitativen und qualitativen Verhältnis steht sie zur Verweigerung von Kooperation oder gar einer ebenfalls intentionalen, manchmal sogar systematischen Unterminierung etablierter Normen durch die Konfliktparteien? Der militärische Wert dieser Art der Transgression lässt sich aktuell beispielsweise am Fall ISIS diskutieren. Analyst*innen verwiesen darauf, dass ISIS hauptsächlich deshalb zum Sicherheitsproblem par excellence avancierte, weil ihre Mitglieder die etablierten Moralvorstellungen in Bezug auf legitime Kriegspraktiken immer wieder, in sich selbst übertreffender, bewusster und inszenierter Weise überschritten.[3] Bestehen für bestimmte Akteur*innen größere Anreize, sich normzersetzend zu verhalten? Oder umgekehrt gefragt: Welche Akteur*innen neigen eher zu kooperativem Verhalten und warum? Hat sich dies über die Zeit gewandelt und wie hängt all das mit dem von Chiu zu Recht konstatierten Primat des Staates im internationalen System zusammen? Welche Konsequenzen hat die Unterminierung von normativen Prinzipien durch eine Konfliktpartei auf die Bereitschaft der anderen, sich weiter an ungeschriebene Regeln und bestehende Gesetze zu halten? Gibt es einen Zeitpunkt oder eine Schwelle, ab deren Überschreitung eine Norm nachhaltig zu kollabieren beginnt? Derart weitreichende Fragen kann ein einziges Buch nicht beantworten, sie sind vielmehr als Anregung gemeint, Chius faszinierende Gedanken weiterzuführen. Allerdings wäre hierfür eine Einschätzung, wie häufig Kooperation empirisch gesehen tatsächlich vorkommt, relevant und hilfreich. Das Buch hätte sicherlich auch davon profitiert, Erkenntnisse aus der Normenforschung der Internationalen Beziehungen zur Entstehung und zum Kollaps von Normen stärker zu rezipieren.[4]

Eine weitere wichtige Debatte ist die politikwissenschaftliche und philosophische Anerkennungsforschung,[5] deren zentrale Fragen Chiu mehrfach touchiert (bspw. auf S. 214–222): Wer gilt als legitime*r Gewaltakteur*in und durch welche diskursiven Mechanismen und Praktiken wird dies festgelegt? Was sind die politischen und konfliktdynamischen Konsequenzen der Anerkennung nichtstaatlicher Gewaltakteur*innen beziehungsweise ihrer Verweigerung? Das Labeln bestimmter Gruppen spielt für die Selbstlegitimation von Akteur*innen eine zentrale Rolle, dient aber auch dazu, bestimmte (Gewalt-) Maßnahmen zu rechtfertigen, die etablierte Rechte und Normen missachten. Chiu thematisiert viele „dunkle Seiten“ der Kooperationsethik im Krieg, insbesondere in Form von den oben skizzierten Spannungen zwischen unterschiedlichen ethischen Prinzipien, die nicht befriedigend in die eine oder andere Richtung aufgelöst werden können. Diese Gedanken weiterzuentwickeln, scheint absolut lohnenswert, um das gegenwärtige Kriegs- und Konfliktgeschehen sowie potenzielle normative Transformationen besser zu verstehen. Als Beispiel sei hier zum Abschluss die gezielte Tötung des iranischen Generals Qassem Soleimani durch einen US-Drohnenangriff im Januar 2020 genannt. Die Rechtfertigung dieses Akts durch die US-Regierung beruhte darauf, dass er als Kommandeur der Quds-Einheit den Islamischen Revolutionsgarden diente, die von den USA als terroristische Organisation eingestuft werden. Gleichzeitig war er jedoch ein Funktionär der offiziellen Streitkräfte des Irans, einem international anerkannten souveränen Staat. Ist dies der Beginn einer Unterminierung von wichtigen kooperationsethischen Prinzipien moderner Kriegsführung, etwa der Ächtung des Tötens von politischen Eliten und der Achtung der Rechte von Kombatant*innen? Die Proliferation des Terrorismus-Labels spielt für die hier aufgezeigte Entwicklungen eine entscheidende Rolle, dient sie doch dazu, bestimmte Gruppen aus dem Spektrum legitimer Gegner*innen auszuschließen und somit die Gewaltanwendung gegen sie auch jenseits von gewachsenen Normen zu rechtfertigen. Auf diese Fragen wird durch Chius kluge Beobachtungen bezüglich der Selektivität und den Exklusionsmechanismen, die mit kooperationsethischen Prinzipien verbunden sind, eine neue Perspektive eröffnet, die es wert ist, in weiteren Studien angewandt und erprobt zu werden.

Fußnoten

[1] António Guterres, Aufruf zu einem Globalen Waffenstillstand [9.6.2020], in: Vereinte Nationen, 23.3.2020.

[2] António Guterres, Opening Remarks at Press Briefing to Update on Appeal for A Global Ceasefire Following the Outbreak of Coronavirus (COVID-19) [9.6.2020], in: Vereinte Nationen, 3.4.2020.

[3]Simone Molin Friis, "Behead, Burn, Crucify, Crush”. Theorizing the Islamic State’s Public Displays of Violence, in: European Journal of International Relations 24 (2018), 2, S. 243–267; dies., “Beyond Anything We Have Ever Seen”. Beheading Videos and the Visibility of Violence in the War against ISIS, in: International Affairs 91 (2015), 4, S. 725–746; Hanna Pfeifer/ Christoph Günther, ISIS und die Inszenierung von Kulturgüterzerstörung für ein globales Publikum, in: Axel Heck / Gabi Schlag (Hg.), Visualität und Weltpolitik. Praktiken des Zeigens und Sehens in den Internationalen Beziehungen, Wiesbaden 2020, S. 151–179.

[4] Antje Wiener, Contestation and Constitution of Norms in Global International Relations, Cambridge 2018.

[5] Christopher Daase et al. (Hg.), Recognition in International Relations. Rethinking a Political Concept in a Global Context, Basingstoke 2015; Anna Geis / Maéva Clément / Hanna Pfeifer (Hg.), Armed Non-state Actors and the Politics of Recognition, Manchester 2020 (unter Vertrag).

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.