Auf der Suche nach den globalen Mittelschichten

Rezension zu "The Global Bourgeoisie. The Rise of the Middle Classes in the Age of Empire" von Christof Dejung, David Motadel und Jürgen Osterhammel (Hg.)

Gleich drei weltbekannte public intellectuals und historisch orientierte Sozialwissenschaftler: Thomas Piketty, Sven Beckert und Dipesh Chakrabarty loben diese Aufsatzsammlung auf der Titelrückseite in den höchsten Tönen. Und in der Tat verdient der Versuch, eine globale Sozialgeschichte von Bürgertum und Bürgerlichkeit, von Bourgeoisie und Mittelklassen zu schreiben, allemal Lob und Anerkennung, denn auf dem üppig wachsenden Markt einer international aufblühenden global history ist dies zweifellos ein besonders schwierig zu bearbeitendes Gelände. Global history meets social history könnte denn auch der Untertitel des Bandes sein. Das Buch dokumentiert, wie weite Distanzen überbrückt werden müssen, um eine globale Sozialgeschichte zu schreiben. Heutzutage geht es offensichtlich darum, überhaupt erst einmal eine solche Sozialgeschichte zu erfinden. Denn die gängigen Herangehensweisen, Quellen und Methoden sozialgeschichtlicher Erforschung moderner Gesellschaften bleiben bis in unsere Gegenwart geprägt vom methodischen Nationalismus: Der Staat definierte seit dem 19. Jahrhundert immer mehr Berufskategorien und Dienstklassen, steuerte wirkungsvoller denn je Zugangsberechtigungen und Ausschlüsse, regulierte ökonomische Chancen und Märkte und lieferte schlussendlich die wichtigsten sozialstatistischen Daten, ohne die eine Sozialgeschichte der modernen Sozialwelten nicht auskommt. Grenzüberschreitende Gruppenbildungen, gar Klassenbeziehungen blieben weitgehend ausgespart oder wurden politökonomischen Großtheorien überlassen. Selbst die florierende Migrationsgeschichte ist über weite Strecken bestenfalls eine bi-nationale Sozialgeschichte geblieben, oft hat sie Einwanderungs- und Auswanderungssituationen beziehungsweise -gesellschaften separat untersucht. Kolonial- respektive Imperialgeschichte interessierte sich wiederum wenig für übergreifende soziale Zusammenhänge jenseits des engeren Kreises von Kolonialbeamten und der unmittelbar mit dem Kolonialismus verknüpften Akteure. Alle anderen Gruppen wurden meist aus der Perspektive postkolonialer (National-)Staaten betrachtet.

So hat die Globalgeschichte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ein weites, unbestelltes Feld vor sich und die Untersuchung von Bevölkerungsgruppen, die innerhalb der Imperien und Kolonialreiche mobil waren, grenzüberschreitend lebten, eigene (hybride) Lebens- und Kulturformen ausprägten, ist zu einem ihrer bevorzugten Untersuchungsfelder geworden. Ein Grundmodell lieferte dabei die Sozialgeschichte der modernen Plantagensklaverei und Kuliarbeit. Umgekehrt handelt es sich bei den grenzüberschreitenden Akteuren am anderen Ende der sozialen Hierarchie in der Regel um kleinere Gruppen, zuweilen Familien oder Einzelpersonen; zu tun hat man es häufig mit besonders aktiven oder einflussreichen, oft auch wohlhabenden Akteuren der sogenannten ersten Globalisierung im Zeichen von kolonialem Imperialismus und Kapitalismus weltweit. Besonders eng war und ist in diesen Studien die Verzahnung von sozial- und kulturgeschichtlichen Interessen und Methoden. Da die Hauptfiguren dieser Studien immer wieder die etablierten Grenzen zwischen Religionen, Zivilisationen und Sprachen überschritten, gewannen kulturhistorische Themen immense Bedeutung. Einen Schritt von einer solchen Globalgeschichte von Migranten, Brokern und global players hin zu einer globalen Sozialgeschichte von Klassen und sozialen Gruppen versucht dieser Band. Darin besteht meines Erachtens sein besonderes Verdienst, was nicht zuletzt die Euphorie der eingangs genannten Autoritäten erklärt.

Leider ist der Titel des Buches irreführend: Die Leserin erfährt wenig oder fast gar nichts über jenes Wirtschaftsbürgertum der Unternehmer, Kapitalbesitzer und der mit ihnen verbundenen Staatsbeamten, Juristen und Politiker, welche den Job machten, den Marx und Engels ihnen 1848 im kommunistischen Manifest prophezeit hatten, nämlich weltweit nach lukrativen Geschäften zu fahnden und ihr Kapital grenzüberschreitend zu vermehren. Bekanntlich waren die Zentren dieser ersten Phase eines globalisierten Kapitalismus Paris und London, während die dort ihre Anlagen tätigenden Familien über die ganze Welt verstreut lebten – wenn auch sehr ungleichgewichtig distribuiert.

Stattdessen kümmern sich die meisten Beiträge darum, die Spuren einer möglicherweise entstehenden sozialen Schicht eigener Prägung unterhalb der alten und neuen imperialen „Eliten“ zu erkunden. Die Frage nach der Existenz einer irgendwie mit der aus dem Westen kommenden neuen wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Dynamik verbundenen Schicht mittlerer Einkommensbezieher zwischen den großen Bevölkerungsmehrheiten ländlicher oder städtischer Unterschichten beziehungsweise Klassen ist das eigentliche Thema der meisten Beiträge.

Und das hat seinen guten Grund auch in der Gegenwart. Hat die Globalisierung der letzten fünfzig Jahre doch dafür gesorgt, dass längst kein Zweifel mehr an der Existenz von Mittelklassen weltweit besteht und die unterschiedlichen Bezieher mittlerer oder oberen Einkommen in den verschiedenen Regionen der Welt immer stärker durch vielfältige kulturelle, professionelle und pekuniäre Verbindungen miteinander verflochten sind, sodass sie als Träger zivilgesellschaftlicher Aktivitäten und als mögliche Hoffnungsträger eines liberalen Internationalismus weltweit gelten. Was liegt da näher als ein Blick zurück ins 19. und frühe 20. Jahrhundert, in die Zeit der Imperien und des Imperialismus, um mögliche Anfänge und verdeckte Verbindungen zu diesen Facetten der Gegenwart herzustellen. Folglich konzentriert sich diese Sammlung von Studien auf ein ganz spezifisches Ensemble neuer Berufe und sozialer Positionen: jene Mittelschichten oder middle classes, die bis auf den heutigen Tag als verlässliche Weggefährten der Globalisierung im Zeichen des Kapitalismus aktiv sind. Die Rede ist von kleineren Selbständigen in Handel und Gewebe, von Ärzten, Juristen, Lehrern vor allem an höheren Schulen und Hochschulen aller Art, von den gehobenen und höheren Diensträngen öffentlicher Verwaltungen und schließlich auch von der Gruppe qualifizierter Dienstleister, die in lohnabhängiger Stellung für Privatunternehmungen aller Art tätig ist. Für Europa ist die Sozialformation dieser (klein-)bürgerlichen Mittellage bereits von den Zeitgenossen als das Rückgrat der entstehenden, neuen bürgerlichen Gesellschaft identifiziert und (sozial-)politisch umhegt worden. Deren Angehörige grenzten sich meist nicht nur entschieden vom Industrieproletariat ab, sondern auch von den ländlichen und städtischen Unterschichten. Und ihrer Lebensführung nach orientierten sie sich – zuweilen durchaus kritisch, häufig voller Neid und moralischem Ressentiment – an der globalen Bourgeoisie, die im Übrigen sowohl aristokratischer wie bürgerlicher Herkunft war.

Aber finden sich diese middle classes als erwähnenswerte soziale Formation auch jenseits der Grenzen Europas und der (ehemaligen) anglophonen Siedlerkolonien? Das ist die Leitfrage dieses Buchs, eine Themenstellung, die von einem sicheren empirischen Tatbestand ausgehen kann: Die heute weltweit wachsende Gruppe mittlerer Einkommens- und meist bescheidener Vermögenslagen entwickelte sich im 19. Jahrhundert überall dort, wohin die neuen imperialen Herrschaftsverhältnisse vordrangen oder wo die neuen kapitalistischen Unternehmungen dauerhafte Spuren hinterließen. Allerdings fällt ihr Erscheinungsbild, ihre Lebensweise, ihr Ideal von Kultur, ihre Größe und ihre Verankerung in den sie umgebenden Gesellschaften ganz anders aus, als die Erwartungen nahelegen, die Kenner der europäischen Bürgertumsgeschichte hegen würden.

Die Forschungsreise führt uns rund um die Welt: Einzelne Kapitel beschäftigen sich mit den USA (M. Gräser, „The ‚Great Middle Class‘ in the Nineteenth Century United States“) , Ostafrika (E. Hunter, „Modernity, Print Media, and the Middle Class in Colonial East Africa“), dem islamischen Nahen- und Mittleren Osten (H. E. Chebai, „The Rise of the Middle Classes in Iran before the Second World War“; A. Mestyan, „The Muslim Bourgeoisie and Philantropy in the Late Ottoman Empire“), Südamerika (D. S. Parker, „Asymmetric Globality and South American Narratives“), Japan (J. Hunter, „Modern Business and the Rise of the Japanese Middle Classes“) und China (S. Dabringhaus / J. Osterhammel, „Chinese Middle Classes between Empire and Revolution“), sie kehrt aber auch nach Europa zurück, das gewissermaßen von den Randlagen aus untersucht wird (D. Motadel, „Worlds of Muslim Bourgeoisie. The Sociocultural Milieu of the Islamic Minority in Interwar Germany“; A. K. Smith, „The ‚Missing‘ or ‚Forgotten‘ Middle Class of Tsarist Russia“). Zwar handelt es sich um eine Art sozialgeschichtliche Weltreise, doch sind es nicht die einzelnen Reisestationen, die dem Band sein Ordnungsmuster vorgeben. Den vier großen Themenbereichen Staat, Kolonialismus, Kapitalismus und Religion sind die ersten vier Teile mit insgesamt zwölf Kapiteln zugeordnet, ein fünfter Teil befasst sich mit gescheiterten oder randständigen Klassenbildungen und der sechste, synthetisierende Teil ist für ein theorieorientiertes Schlusskapitel reserviert (R. Drayton, „Race, Culture, and Class. European Hegemony and Global Class Formation, circa 1800–1950“). Der Rahmen könnte also kaum grundlegender und weiter abgesteckt sein, auch mangelt es keineswegs an Forschungszielen und Erklärungsmodellen für eine künftige globale Sozialgeschichte. Viele Ideenimpulse stammen aus der neuen Imperialgeschichte. Den Leitideen, Medien und Funktionären der sich im 19. wie frühen 20. Jahrhundert entfaltenden imperialen und gleichzeitig kapitalistischen Expansion und der sie begleitenden Zivilisierungsmission sind gleich sechs Kapitel gewidmet. Sie beschäftigen sich mit so unterschiedlichen Objekten wie der Idee der Bevölkerungsplanung (A. Bashford, „Population Plannng for a Global Middle Class“), Kochbüchern (U. Ray, „Cosmopolitan Consumtion. Domesticity, Cooking, and the Middle Classes in Colonial India“), der kolonialen Inszenierung der „Sklavenbefreiung” in der britischen Karibik ( P. X. Scanlon, „Bureaucratic Civilization. Emancipation and the Global British Middle Class“), den sachlichen wie personalen Instrumenten eines „imperialen Kapitalismus“ (K. Manjapra, „ The Semiperipheral Hand. Middle-Class Service Professionals of Imperial Capitalism“) und dem sozialdarwinistischen Rassismus (C. Dejung, „From Global Civilizing Mission to Racial Warfare. Class Conflicts and the Representation of the Colonial World in European Middle Class Thought“).

Im Buch entfaltet sich also auch eine thematisch vielgestaltige Forschungsreise: Eine global agierende beziehungsweise vernetzte Bourgeoisie respektive eine an grenzüberschreitenden modernen Lebens- und Wissensformen sich orientierende middle class werden anhand von Kochbüchern, der Gestaltung öffentlicher urbaner Räume, von modernen Aufschreibesystemen und Informationstechniken als Träger einer ganz eigenen Wissens- und Herrschaftsform identifiziert. Und ganz ohne Frage ist die zeitgenössische Kulturgeschichte eine der wichtigen Zulieferer für eine künftige Sozialgeschichte globaler sozialer Formationen oder Gruppen. Daneben finden sich aber auch klassisch sozialhistorische Zugänge über Vermögensbildung, Einkommenslagen und andere ökonomische Ressourcen oder über unterschiedliche Professionen, ergänzt und erweitert durch die Frage nach Kontinuitäten zu älteren sozialen Gruppen und Sozialstrukturen. Ergo wird die Perspektivenvielfalt einer solchen grenzüberschreitenden, transkulturellen Sozialgeschichte in dieser voluminösen Aufsatzsammlung durchaus deutlich.

Dieser erste Durchgang durch den Band macht hoffentlich klar, dass methodisch und thematisch ganz unterschiedliche Zugänge und Perspektiven zum Tragen kommen. Wer freilich erwartet, bereits den mehrstimmigen Entwurf für eine künftige globale Sozialgeschichte in Händen zu halten, sei gleich gewarnt: Das ist nicht der Fall. Was die Leserin sicherlich findet, sind Elemente, die für eine solche künftige Sozialgeschichte unabdingbar sind, mehr jedoch nicht. Eine präzisere Vorstellung davon, wohin die Reise gehen könnte, lässt sich nach wie vor besser gewinnen, liest man den gerade einmal 25 Seiten umfassenden Abschnitt „Bürger und Quasi-Bürger“, der sich im Kapitel „Vertikale Hierarchien im sozialen Raum“ in Jürgen Osterhammels Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts findet.[1]

Warum dieser negative Befund? Zum einen erweist sich als Nachteil, dass ein durchgängiger Dialog über Methoden und Zugänge fehlt, der über die Kapitelgrenzen hinweg geführt würde oder zumindest erkennbar wäre. Natürlich werden die neuen Klassiker einer Globalgeschichte des 19. Jahrhunderts, voran Bayly und Osterhammel, pflichtschuldig zitiert, was jedoch beileibe nicht bedeutet, dass deren substanzielle Einsichten und Anregungen stets beherzigt worden wären. Im Resultat kommt das in einigen Texten sich geradezu aufdrängende Gespräch zwischen global- und sozialgeschichtlichen Perspektiven, Methoden und Theorieansätzen gar nicht erst in Gang. Dieses Defizit macht sich besonders schmerzhaft bemerkbar, wenn die neuen Mastererzählungen der aktuellen Globalgeschichte die Suche nach sozialgeschichtlichen Erklärungsansätzen verschütten. Etwa wenn die (sowohl von den Autoren wie bereits von den Zeitgenossen) imaginierte (westliche) Moderne zu einer sozial- und alltagsgeschichtlich wirksamen Kraft ernannt wird, ohne dass überhaupt der Nachweis geführt würde, westliche Ideen, Konsummuster oder Verhaltensweisen hätten in der Tat jene Durchschlagskraft in Afrika, Indien oder China besessen, welche es – sozialgeschichtlich formuliert – nahelegt, anzunehmen, sie hätten die sozialen Verhaltensweisen und Orientierungen größerer sozialer Gruppen in mittlerer Einkommenslage nachhaltig geprägt.

Auch die methodisch naheliegende Frage, welches Gewicht wir literarischen Zeugnissen, Verwaltungsberichten von Kolonialbeamten, neuen Rezepten in Kochbüchern für die partielle Veränderung von Alltagsroutinen, von Sozialisationsprozessen, von Habitusformen zuschreiben sollen, wird in einigen Beiträgen zugunsten einer klassisch kulturalistischen beziehungsweise idealistischen Grundannahme vorentschieden. Dieses unbefragte Apriori macht sich besonders in jenen Kapiteln bemerkbar, in denen die Rezepte einer neuen kulturgeschichtlich informierten und wissensgeschichtlich ambitionierten Imperialgeschichte Anwendung gefunden haben. Die Lebenswelten und sozialgeschichtlichen Konturen der Träger eines bereits im frühen 19. Jahrhundert als durchschlagskräftig imaginierten globalen Kapitalismus bleiben denkbar blass, die Bedeutung der kleinen muslimischen Community in Berlin für dortige oder gar deutsche Mittellagen respektive für die nationale Bourgeoisie ungeklärt. Besonders krass tritt diese für eine fruchtbare Verbindung von Sozial- und Globalgeschichte eigentlich hinderliche Vorannahme zutage, wenn historische Abstraktionsleistungen wie „Global Capitalism“ ein Eigenleben entwickeln, um entweder ausbleibende kausale Erklärungen oder gar fehlende empirische Befunde (und deren Kenntnis) zu ersetzen. Die noch aus der Entstehungszeit einer nationalzentrierten oder regional operierenden Sozialgeschichte einschlägig bekannte, fatale Blendwirkung großer Theorie (Klassenkampf, Kapitalismus, Modernisierung) tritt auch hier als eine geradezu klassische Kinderkrankheit historischer Sondierung zutage. Selbst Richard Draytons abschließendes Theorieangebot („Race, Culture, and Class. European Hegemony and Global Class Formation, circa 1800–1950“) kommt genau besehen nicht über die mittlerweile kanonischen Einsichten der historisch informierten Soziologie eines Stuart Hall hinaus. Ohne sorgfältige Kritik an solchen, sich verselbständigenden, quasi naturalisierten Denkprodukten wird sich auch eine neue, ambitionierte globale Sozialgeschichte – wie uns die Geschichte der älteren Sozialgeschichte gelehrt hat – um wertvolle Erkenntnischancen bringen. Dass man Möglichkeiten historischer Einsicht verspielt, dokumentiert gegenwärtig ja das unheimliche Eigenleben von Begriffsgespenstern wie „Empire“, „Modernity“ oder „Cosmopolitism“. Überraschenderweise beleben diese Gespenster im Hintergrund auch wieder das undifferenzierte Bild einer „westlichen Moderne“ angloamerikanischer Prägung, obwohl eine ebenso differenzierte wie ertragreiche Sozialgeschichte der Metropolen die vermeintliche Existenz dieser kompakten Einheit doch längst zerstört hat.

Eine solche Teilkritik fällt umso leichter, als dieses Buch auch zahlreiche Anknüpfungspunkte und Hinweise für produktive Weiterentwicklungen offeriert. So verdichten die Beiträge zu Japan, China, dem osmanischen Reich oder zum zaristischen Russland unter globalhistorischer Perspektive die bereits vorhandenen umfangreichen Wissensbestände zur Geschichte von middle classes wie Bourgeoisie in den jeweiligen Imperien beziehungsweise Weltregionen auf eindrucksvolle Weise. Sie stützen ihre Synthesen auf gesicherte Befunde bereits durchgeführter sozialhistorischer Analysen und reflektieren deren Deutungen kritisch. Damit gewinnen Fragen nach Kontinuität (in personeller, kultureller wie natürlich auch in ökonomischer Hinsicht) und Bruch sozialer Beziehungen an Kontur; bemerkenswert ist zudem, dass in allen Beiträgen die historische Semantik der Gruppenbezeichnungen eine wichtige Rolle spielt, wodurch verhindert wird, dass eingespielte Kategorien der europäischen Bürgertumsforschung unbesehen in andere Weltregionen exportiert werden. Besonders eindrücklich und im Befund negativ ist das chinesische Beispiel (Dabringhaus/Osterhammel): Der kometenhafte Aufstieg einer chinesischen Mittelschicht in den letzten vier Jahrzehnten war ein Neubeginn, der weder personelle noch kulturelle Verbindungen zurück zur kurzen Blüte einer chinesischen Bourgeoisie oder urbaner Mittelschichten in den Küstenregionen des Landes zwischen 1912 und 1945 aufweist. Eine derartige Diskontinuität steht in scharfem Kontrast zu den sozialgeschichtlichen Befunden, die Forschungen über die Mittelschichten in Europa oder den USA, aber auch in Japan während des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts zutage gefördert haben.

Auch die enormen Gestaltungsspielräume der verschiedenen Gruppen mittlerer Einkommenslagen zwischen strikter Nachahmung westlicher Vorbilder und radikaler Ablehnung werden als ein wichtiges Grundmuster erkennbar. Die sich parallel zu Imperialismus und Kapitalismus ausbreitende Nationalidee ist dafür von erheblicher Bedeutung. Sie bahnt nicht nur intellektuellen, sondern auch handfesten sozialen und ökonomischen Bündnissen den Weg, vermittelt also zwischen den unterschiedlichsten Akteuren, etwa modernisierenden Staatseliten, sozialrevolutionären oder antiwestlichen respektive antiliberalen Aktivisten aller Art.

In den Kapiteln wird auch deutlich, dass für diese neuen und alten Familien in mittlerer Einkommenslage Religionen weiterhin eine wichtige Bezugsquelle darstellen, was soziale Orientierung und Praktiken angeht. Die christlichen wie die islamischen Traditionen lieferten nicht zuletzt die Schlüssel für den Umgang mit den stets als bedrohlich wahrgenommenen Unterschichten. Als „Arme“ sollten sie einerseits von traditionellen wie modernisierten Formen der Armenfürsorge profitieren, andererseits galt es, die soziale Hierarchie kraft moralisch-religiöser Legitimationen zu stabilisieren und zu bekräftigen. So ist es kein Zufall, dass Philanthropie, Mission und religiös-kulturelle Reformbewegungen eine wichtige Rolle für die Orientierung der middle classes in den verschiedensten Regionen spielen.

Leider vermeidet der Band einen direkten Vergleich der vielfältigen intereuropäischen Varianten bürgerlicher Mittelschichten mit den weltweit zu beobachtenden Entwicklungen und Dynamiken. Vermutlich würde gerade eine solche komparative Analyse den vermeintlich sicheren Rahmen sprengen, den so krude Grundmodelle wie Moderne/Modernisierung oder Peripherie/Semiperipherie immer wieder aufrufen. Offenbar ist die Angst vor einem Rückfall in Eurozentrismus noch zu groß oder das Lektürepensum für die damit fällige Kenntnisnahme einschlägiger Fachliteratur zu einschüchternd und anstrengend. Auch die parallelen, wiewohl keineswegs direkt miteinander verknüpften Geschichten der Nationalisierung und Globalisierung sozialer Formationen verlangen weiterer Untersuchungen. Sie werden ohne eine vergleichende Sichtung der vielen sozialgeschichtlichen Befunde, die meist im engeren Kontext nationalhistorischer Perspektiven entstanden, allerdings kaum möglich sein. Man darf also auf ein weiteres Treffen zwischen Global- und Sozialhistorikern gespannt sein.

Fußnoten

[1] Jürgen Osterhammel, Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, München 2009, S. 1079–1104.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer.