Vom Glück, sich zu schlagen

Rezension zu "Fighting as Real as It Gets. A Micro-Sociological Encounter" von Michael Staack

Über Lewis Coser, Norbert Elias, Ralf Dahrendorf, Pierre Bourdieu und Axel Honneth hat die Simmel’sche These, dass der Kampf – und mit ihm die soziale Formgebung des Kämpfens – eine elementare Triebfeder der kontinuierlichen Verfertigung sozialer Ordnungen ist,[1] eine große Karriere in ganz unterschiedlichen Theorietraditionen gemacht. Der Fruchtbarkeit des soziologischen Kampfbegriffs ungeachtet, sind soziologische Arbeiten über das Kämpfen, wie es sich im Alltag in den Friedenszeiten moderner Gesellschaften ereignet – also vor allem im Rahmen von Zweikämpfen im Kampfsporttraining und in Sportwettkämpfen – eher selten. Die bekannteste Ausnahme hierzu sind sicherlich Loic Wacquants ethnografische und leibesphänomenologische Arbeiten über das Boxen.[2] In diese Reihe stellt sich die Studie Fighting as Real as It Gets von Michael Staack. Ihre These lautet, dass im Rahmen der Entwicklung der Mixed Martial Arts (MMA), die in den 1990er-Jahren in den USA und seit in den 2000er-Jahren in Europa enorm an Popularität gewonnen haben (S. 1), eine Praxis der kollaborativen Herstellung einer besonders intensiv erlebten Form des Zweikämpfens entstanden ist, die von den Protagonist/innen ebenso wie vom Publikum als ‚realitätsnahes‘ Kämpfen idealisiert wird. Methodisch stützt sich die Studie dabei primär auf teilnehmende Beobachtungen des Trainings in MMA-Vereinen in drei Ländern (Deutschland, Brasilien und Japan) und auf kontrastive Beobachtungen der Trainingspraktiken anderer Kampfsportarten. Die Arbeit stellt sich dabei die Aufgabe, zu rekonstruieren, wie es dazu kommt, dass ein System einfacher, ineinander greifender Kampftechniken, welches die MMA-Szene gerne großspurig als „kinetic chess“ (S.4, 30) bezeichnet, in der Trainings- und Wettkampfinteraktion als unkontrollierbar und ‚realistisch‘[3] erfahren wird (S. 29 ff.). Die Fragestellung weist eine gewisse Ähnlichkeit mit der Herangehensweise musiksoziologischer Arbeiten etwa über die Improvisation im Jazz auf, indem auch sie untersucht, wie aus einfachen, stark normierten Routinen eine singularisierende Erfahrung konstruiert werden kann.[4]

Der Leitfaden der mikrointeraktionistischen Analyse orientiert sich dabei an den typischen Stationen des MMA-Trainings: Technikvorführung (Kapitel 4 und 5), fokussierte, auf einzelne Techniken eingeschränkte Partnerübungen (Kapitel 6) und „freies“, nicht auf einzelne Kampftechniken konzentriertes Sparring (Kapitel 7 und 8). Dabei überzeugt an der Arbeit vor allem die begriffliche Schärfe, mit der die unterschiedlichen Praktiken des MMA-Trainings seziert werden. Hervorzuheben ist etwa die schlüssige Beobachtung, dass die Demonstration von Kampftechniken durch eine/n Kampflehrer/in und eine/n Schüler/in dramaturgisch einer Zaubernummer ähnelt. Sie erfordert vom Schüler oder der Schülerin stets die Übernahme einer Doppelrolle: Zum einen muss sie/er − wie der Gehilfe/die Gehilfin eines Illusionisten − konform erwartete Techniken beherrschen (etwa: „einen geraden Schlag anbringen“). Zum anderen wird erwartet, dass die Gehilfen limitierte Abweichung von den rollenmäßig geforderten Reaktionen zeigen, die die Vorführung hinsichtlich ihrer Kampfwirkung authentisch wirken lassen (etwa: „Nach dem Konter, statt zusammenzusacken, den Lehrer takeln“). Letzteres ähnelt der gespielten Panik, die für Zaubernummern typisch ist. Die Kombination der beiden Rollenaspekte gestattet es dem Trainer/der Trainerin, die Effektivität einer Kampftechnik vorzuführen und zugleich zu demonstrieren, dass die entsprechende Technik auch bei Abweichungen von einer gestellten Idealsituation ihre Kampfwirkung entfaltet. Der große Unterschied zu einer Zaubernummer besteht jedoch darin, dass die Trainer/innen im Nachgang versuchen, die Illusion bis ins kleinste Detail zu dekonstruieren, damit dem Publikum der Schüler/innen die Wirkweise der Technik verständlich wird (S. 31–45).

Präzise beschreibt Staack auch die Dynamik der Eskalation, die aus der Intensität des Sparrings erwächst und in die Erfahrung der ‚Übernahme‘ des Leibes und den Verlust der rationalen Steuerung des Körpers einmündet. Die Sparringspartner ‚schaukeln‘ sich Stück um Stück hoch, erhöhen die Schmerzbelastung und die körperliche Anstrengung der Übung, bis eine Art Fluss erreicht wird, eine/r der Teilnehmenden aufgibt oder auf verbale Weise fordert, die Intensität zu reduzieren. Dabei handelt es sich um eine kooperative Eskalation, in der der Studie zufolge „combative passion” (S. 105) hergestellt werden soll – das organisierende Motiv des Zweikämpfens (S. 102–186).

Die Arbeit stellt folglich eine facettenreiche mikrointeraktionistische Studie des Zweikampfes dar, wie er sich in Trainingssituationen von Vollkontaktkampfsportarten ereignet. Irritierend ist dagegen, dass auf den sehr genauen Untersuchungen der mikrosozialen Interaktionsmuster keine weiterführenden soziologischen Analysen aufbauen – und das, obwohl sich Staack nach eigener Auskunft explizit in der Tradition Bourdieus sieht (S. 24). Bestimmte Fragen liegen dabei förmlich auf der Hand. Die einfachste betrifft die Herstellung einer sozialen Ordnung durch das Kampftraining selbst. Die Trainer/innen, die kompetent und kunstvoll ihre Techniken vorführen, tun stets mehr als nur Techniken vorführen: Sie verteidigen Traditionen und vertiefen Lehrer-Schüler-Bindungen. Es ist sicher keine Koinzidenz, dass Kampfsportvereine häufig eine gewisse Ähnlichkeit mit charismatisch geführten Kleingruppen haben. Aber die Verbindung von der Struktur der Trainingsvorführungen zur sozialen Struktur der Kampfsportgruppen zieht Staack nicht. Ähnliche Überlegungen fehlen auch hinsichtlich des Sparrings: Wer im Sparring ‚gut‘ ist, erlangt vermutlich über die einzelne Sparringseinheit hinaus eine Reputation als gute/r Kämpfer/in, die in vielfältigen Zusammenhängen zur weiteren Respektabilität und zum generellen Ansehen der Person stehen kann – combative passion hin oder her. Es ist zumindest sonderbar, dass die Arbeit nicht versucht, einen Zusammenhang zwischen den im Feld gültigen sozialen Werten und der Virtuosität des Zweikämpfens herzustellen.

Insgesamt befördert Staack den Eindruck, dass die alltäglichen Zweikämpfe im Training primär eine autotelische Betätigung darstellen, wenn er schreibt „through this specific bodily acquisition of the MMA techniques, the students not only learn the techniques. Instead, they especially also develop a body (or a bodily routine of executing these techniques in the form of rhythmical gestalts, respectively) that enables them to specifically experience themselves as overwhelmed by their combative passion in sparring. In other words, over the course of the training practices, the students successively develop a combatively passion-able body that lets them experience themselves as being befallen by a combative passion in sparring.“ (S. 192) Damit ist die Analyse des Autors im Grunde wesentlich näher an Ernst Jüngers Poetik des Kampfes als einem menschlichen Urerlebnis[5] denn an Wacquants feingliedriger Analyse der Korrespondenz zwischen der Leibesphänomenologie des Boxkampfes und den Formen asketischer Respektabilität marginalisierter Überlebenskünstler. Die Erfahrungen, die in der Entfesselung mechanisierter (im Sinne leiblich internalisierter) Kampftechniken im Zweikampf gemacht werden, stellen sich in Fighting as Real as It Gets vornehmlich als Selbstzweck dar, vor diesem Hintergrund werden die Kampfbeziehungen zu den anderen Kämpfer/innen zu Mitteln einer primär hedonistischen Kampferfahrung. Diese Sicht auf die alltäglichen Zweikämpfe im Training hat sicherlich ihre Berechtigung, allein schon deshalb, weil es verhaltenspsychologisch plausibel ist, dass sich eine freiwillige Praxis besonders dann leicht etabliert, wenn sie den Einzelnen hedonistische Befriedung verschafft. Der Kampf aus „Kampflust“ galt daher bereits bei Simmel als einer der gesellschaftlichen Ursachen des Kämpfens.[6] Aber Simmel stellte ebenfalls fest, dass es sich dabei um keine hinreichende Erklärung für das Phänomen handeln könne. Die Beschränkung auf die leibesphänomenologischen Aspekte des Zweikämpfens ist eine übermäßige Verkürzung der soziologischen Analyse. Etwa ist sinnfällig, dass die Fähigkeit zum gekonnten Zweikampf in bestimmten sozialen Milieus ein höheres Ansehen genießt als in anderen. Die in bestimmten Szenen und Schichten zu beobachtende Popularisierung von Kampfsportarten, die auf besonders ‚realistische‘ Zweikämpfe hin orientiert sind, stellt daher in ihrer Tendenz einen interessanten sozialstrukturellen Indikator dar, durch den sich gesamtgesellschaftliche Entwicklungen genauer bestimmen und beschreiben lassen. Themen wie die Veränderungen der Formen exaltierter Männlichkeit, der Umgang mit Homosexualitätsängsten, aber auch die Popularität der spezifischen Singularitätserfahrungen des Kämpfens wären hier zumindest längere Exkurse wert gewesen. Leider greift die Studie solche Fragen, die über die autotelische Bedeutung des Kämpfens hinausgehen, stets nur kurz auf und lässt sie dann liegen. Sie werden vor allem als mögliche Erweiterungen der Arbeit im Abspann angeführt (S. 194 ff.). Aus meiner Sicht ist daher zu konkludieren, dass die Studie vor allem eine interessante Lektüre für diejenigen darstellt, die an einer sehr genauen leibesphänomenologischen Beschreibung modernen Kampfsporttrainings Interesse haben, aber all jene enttäuscht, die sich ein genaueres Verständnis davon erhoffen, wie sich der gesellschaftliche Ort und der soziale Sinn des Zweikampfes in modernen Gesellschaften verändert.

Fußnoten

[1] Georg Simmel, Der Streit, in: ders., Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung, Leipzig 1908, S. 247–336, hier S. 247 ff.

[2] Loïc Wacquant, The Social Logic of Boxing in Black Chicago. Toward a Sociology of Pugilism, in: Sociology of Sport Journal 9 (1992), 3, S. 221–254; ders., A Fleshpeddler at Work. Power, Pain, and Profit in the Prizefighting Economy, in: Theory and Society 27 (1998), 1, S. 1–42; ders., Body and Soul. Ethnographic Notebooks of An Apprentice-Boxer, Oxford / New York 2004.

[3] Im Sinne von unvorhersehbar, spontan und weitestgehend regelfrei.

[4] Etwa Robert W Witkin, Why Did Adorno “Hate” Jazz?, in: Sociological Theory 18 (2000), 1, S. 145–170.

[5] Ernst Jünger, Der Kampf als inneres Erlebnis [1922], in: ders., Sämtliche Werke, Bd. 7.2: Essays I. Betrachtungen zur Zeit, Stuttgart 1980, S. 9–103.

[6] Simmel, Der Streit, S. 259.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Wibke Liebhart.