Schicksalszeiten. Finanzkrisen im Vergleich

Rezension zu "Crashed. Wie zehn Jahre Finanzkrise die Welt verändert haben" von Adam Tooze

In den letzten Jahren wurde immer wieder der Vergleich zwischen der Großen Depression ab 1929 und der Finanzkrise ab 2007 angestellt. Nicht zuletzt um die Schwere der späteren Krise herauszustellen, liefen die Vergleiche in der Regel darauf hinaus, deren Ähnlichkeiten in Bezug auf Ursachen und Verlauf zu betonen. Allerdings weisen bereits die zeitgenössischen Schilderungen auch auf gravierende Unterschiede hin: Die Darstellungen der Großen Depression zeichneten sich durch eine Hoffnungslosigkeit aus, die nicht zuletzt daraus resultierte, dass die Krise einfach passierte. Die Menschen wurden zu Millionen arbeitslos und der Staat unternahm, zumindest in der zeitgenössischen Wahrnehmung: Nichts. Ganz anders die Berichte über die jüngste Finanzkrise. Sie kennzeichnet eher die Sequenz sich überschlagender Ereignisse. Es geht um dramatische Entscheidungen, die in Nachtsitzungen getroffen werden. Das auf der Kippe stehende Schicksal der Weltwirtschaft steht auf der Agenda. Solche Erzählungen liegen für die Große Depression nicht vor.

Es gehört zu den großen Vorzügen von Adam Toozes Geschichte der Finanzkrise, dass sie deren Komplexität nicht ausweicht. Ganz im Gegenteil: Auf den ersten 200 Seiten stürzt sich der Autor geradezu lustvoll in sie hinein. Dem finanzwirtschaftlich unbedarften Leser dürften dabei die Ohren klingeln angesichts der Vielzahl von Finanzinstrumenten, Transaktionsformen und Institutionen, die für das Anschwellen der Kreditblase bis 2007 eine Rolle spielten. Toozes Darstellung ist konkurrierenden Erzählungen nicht zuletzt deshalb meilenweit überlegen, weil er keine Angst hat, seine Leser zu überfordern. Um die globale Dimension der Krise und ihre Komplexität ernsthaft zu behandeln, sind mehr als 700 eng beschriebene Seiten durchaus nicht zu viel – gelegentlich sogar zu wenig.

Die Geschichte, die der Autor wiedergibt, ist in groben Zügen folgende: Die Periode zwischen den 1990er-Jahren und dem Ausbruch der Finanzkrise war aus Sicht der USA in finanzieller Hinsicht durch zwei zentrale Entwicklungen geprägt: Aufgrund des Konkurrenzdruckes auf dem Bankensektor sowie eines langfristig anhaltenden Immobilienbooms wurden immer abenteuerlichere und für Außenstehende praktisch nicht zu durchschauende Finanzierungskonstruktionen und -instrumente entwickelt. Das trug zur Entstehung erheblicher Risiken bei, die lange Zeit unterschätzt oder heruntergespielt wurden. Parallel dazu kaufte China, nicht zuletzt im Zusammenhang mit einer Politik der fortgesetzten Währungsmanipulation, immer mehr US-Staatsanleihen auf, was viele amerikanische Finanzpolitiker mit großer Sorge erfüllte.

Dass diese Konstellation ein Problem darstellte, wurde erst offensichtlich, als die Blase schließlich platzte. Jedoch nahm die Krise einen überraschenden Verlauf: Den USA gelang es, durch eine dramatische Bankenrettung und massive finanzielle Interventionen des Staates beziehungsweise der Federal Reserve, ihre Folgen zu begrenzen. Ab 2009 griff das Krisengeschehen jedoch zunehmend auf Europa über, dessen führende Politiker es bis dahin als genuines Resultat eines angelsächsischen Finanzkapitalismus betrachtet hatten. Allerdings hatten sich auch viele europäische Banken derselben Praktiken bedient, welche die US-amerikanischen Finanzhäuser in Schwierigkeiten gebracht hatten. Zudem wurden diesseits des Atlantiks, anders als in den USA, keine wirksamen Gegenmaßnahmen ergriffen, um die sich abzeichnenden Gefahren einzudämmen. Stattdessen verlegten sich die europäischen Politiker Tooze zufolge auf ein fortgesetztes „Durchwurschteln“, das der Griechenlandkrise überhaupt erst ihre Dramatik verlieh. Erst mit dem Beginn des massenhaften Ankaufs von Staatsanleihen durch die EZB seit 2014 habe die Eurozone – mit einigen Jahren Verspätung – ein wirksames Instrumentarium zur Krisenbekämpfung entwickelt.

Diese Interpretation ist keineswegs neu: Beispielsweise hat Barry Eichengreen schon vor einigen Jahren eine ganz ähnliche, „keynesianische“ Deutung der Finanzkrise vorgelegt, die ebenfalls in der verspäteten Reaktion der Europäer eine entscheidende Ursache für die Schwere der Krise ausgemacht hatte.[1] Tooze hingegen geht in seiner Darstellung deutlich mehr ins Detail, bis hin zur Rekonstruktion einzelner Verhandlungen oder der Schilderung emotionaler Ausbrüche Angela Merkels. Da ist mitunter viel „Hearsay“ im Spiel, was sich zum jetzigen Zeitpunkt, wo die relevanten Akten noch Jahrzehnte von ihrer Freigabe entfernt sind, wohl kaum vermeiden lässt. Tooze versucht außerdem die geopolitischen Folgewirkungen der Krise zu erfassen, was er jedoch zum Glück auf wenige Abschnitte seines Buches beschränkt.

Das Buch ist wie gesagt die bislang mit Abstand beste Geschichte der Finanzkrise. Trotzdem hat es Schwächen. Dazu gehört vor allem, dass der Autor sich nicht entscheiden kann, was für ein Buch er eigentlich schreiben will: eine Geschichte der Finanzkrise oder einen Beitrag zur politischen Debatte? Beides vermischt sich immer wieder und gerät dort in Konflikt miteinander, wo Tooze die Komplexität und Ambivalenz von Entscheidungssituationen vielschichtig herausarbeitet, um der Leserin anschließend klar zu machen, wie sie das Ganze zu beurteilen hat. Dabei schöpft der Autor aus einem nie versiegenden Füllhorn dramatischer Adjektive, die Nuancen verdecken und die Komplexität, die er gerade noch herausgearbeitet hat, letztlich wieder konterkarieren.

In der Einleitung behauptet Tooze, die Krisenpolitik sei vor allem in Europa drastisch verfehlt gewesen, weshalb Millionen Menschen „ohne vernünftigen Grund gelitten“ (S. 25) hätten. Im Laufe des Buches schwächt er diese anfängliche Zuspitzung zu der Aussage ab, bei einer früheren Intervention der EZB – der wohlgemerkt massive institutionelle, politische und rechtliche Hindernisse im Weg standen – hätte die Krise vielleicht einen anderen Verlauf genommen. Freilich ließe sich das von Tooze favorisierte Patentrezept, bei Ausbruch einer Krise sofort und massiv finanziell zu intervenieren, durchaus infrage stellen: Bedeutet es im Endeffekt nicht, den Bankern, die Tooze moralisch so harsch kritisiert hatte, ein weitgehend risikofreies Geschäft zu verschaffen? Ob ein Goldman-Sachs-Banker nicht das Gleiche fordern würde wie der nach eigener Aussage „linksliberale“ (S. 32) Autor, fragt man sich bei der Lektüre gewisser Passagen.

Bei allem Fleiß und der überzeugenden Ambition, der Komplexität des Geschehens gerecht zu werden, neigt Tooze mitunter zu atemberaubenden Verkürzungen. Ein eklatantes Beispiel dafür ist seine Darstellung der Griechenlandkrise. Das zentrale Problem des Landes bestand nach Tooze in seinen Schulden. Sie seien jedoch erst durch die Absenkung des BIP aufgrund der erzwungenen Austeritätspolitik zu einer existentiellen Bedrohung geworden. Die Schuldenaufnahme seit 2000 sei hingegen nicht verhältnismäßig hoch ausgefallen. Zudem seien die griechischen Sozialsysteme keineswegs überdimensioniert gewesen, weshalb ein Schuldenschnitt und eine entschiedene Intervention der EZB die Krise viel früher hätten beenden können.

Diese Meinung kann man vertreten, zumal es tatsächlich frappierend ist, dass eine solch langanhaltende Krise durch ein Land ausgelöst werden konnte, das gerade einmal ein Prozent zur Wirtschaftsleistung der EU beiträgt. Doch begründet Tooze seine Überzeugung nicht gut. Die These, dass sich Griechenland ab 2000 nicht übermäßig verschuldet habe, wird etwa durch die irritierende Bemerkung gestützt, das Land sei vorher schon überschuldet gewesen (S. 378). Und angesichts der griechischen Staatsausgaben stellt der Autor lapidar fest, im Gegensatz zu einer weit verbreiteten Ansicht seien die griechischen Sozialausgaben nicht übermäßig hoch gewesen. Bei einem frühen Schuldenschnitt und einer Bankenrettung hätte es also keine drastische Kürzung der griechischen Staatsausgaben gegeben? Griechenland hatte mit einem doppelt so hohen Lohnniveau bei gleicher Produktivität wie etwa Polen keine strukturellen Probleme? Es bleibt unklar, warum der Autor zahllose Sitzungen en detail beschreibt, derart zentrale Fragen aber weder stellt, geschweige denn beantwortet.

Vielleicht verhindert der politische Impuls hinter dem Buch gelegentlich die richtigeren Einsichten? Am Ende muss es stets auf klare Wertungen und eindeutige Verantwortungen hinauslaufen, etwa auf die Behauptung, die „provinziellen“ deutschen Fiskalpolitiker hätten die Eurozone beinahe ruiniert, wäre nicht der intellektuell gewandte Kosmopolit Mario Draghi zu deren Rettung angetreten (S. 514). Dabei demonstrieren viele der von Tooze geschilderten Episoden die extreme Komplexität einer Krise, in der die Akteure ständig „auf Sicht“ fahren, sich nicht nur mit globalen ökonomischen Problemlagen, sondern auch noch mit schwierigen politischen Konstellationen zuhause konfrontiert finden, die sie mitunter in Stundenfrist auszutarieren haben. Das alles erscheint dem Leser eher als ein großes Drama denn als Epos, in dem die Rollen von Gut und Böse klar verteilt sind.

Welche Richtung die zukünftige historische Forschung zur Finanzkrise einschlagen wird, lässt sich naturgemäß schwer voraussagen. Es liegt freilich nahe, Parallelen zur Aufarbeitung der Weltwirtschaftskrise zu ziehen. In ihrem Zuge wurde etwa das Handeln der Akteure im Hinblick auf deren seit dem Ersten Weltkrieg gemachte Erfahrungen, der Stand des ökonomischen Wissens der Zeit wie auch die schwierigen politischen Konstellationen historisiert, die damals eine konzertierte Krisenbekämpfung erschwert haben. Ein solches Vorgehen impliziert, dass systemische Faktoren stärker in den Vordergrund rücken. Vielleicht ist Vergleichbares für die jüngste Finanzkrise aber erst zu leisten, wenn deren historische Aufarbeitung sich nicht zugleich die Aufgabe stellt, einen pointierten Beitrag zur politischen Debatte zu liefern. Trotzdem wird „Crashed“ für diese zukünftige Geschichtsschreibung mit Sicherheit einer der zentralen Referenztexte sein.

Fußnoten

[1] Barry Eichengreen, Hall of Mirrors. The Great Depression, the Great Recession and the Uses – and Misuses – of History, Oxford 2015.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Martin Bauer.