Selbstbestimmung und Anerkennung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt

Ein Sammelband über Lebenswirklichkeiten, Forschungsergebnisse und Bildungsbausteine

Sexualerziehung an Schulen ist ein anerkannter Teil des staatlichen Bildungsauftrags, seine Umsetzung jedoch ist Sache der Länder – und häufig ein politisches Streitthema. Für mediale Aufmerksamkeit sorgte zuletzt die von der grün-roten Landesregierung geplante Reform des Bildungsplans in Baden-Württemberg, die eine „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ anstrebt und zu diesem Zweck unter anderem eine Thematisierung gleichgeschlechtlicher Beziehungen und ,Regenbogenfamilien’, also gleichgeschlechtlicher Paare mit Kindern, vorsieht. Das Vorhaben stieß sowohl in Teilen der Eltern- und Lehrer_innenschaft als auch bei den Kirchen auf Kritik. Dieses aktuelle Beispiel zeigt, wie groß die Unsicherheiten und Wissenslücken auf dem Gebiet noch sind und welches Ausmaß an Verunsicherung, Misstrauen oder sogar Ablehnung Eltern und Lehrkräfte sowie politische oder religiöse Gruppierungen der Begegnung von Schüler_innen mit lesbischen, schwulen, trans*, inter* und queeren (im Folgenden LSBTIQ) Themen nach wie vor entgegenbringen. An solchen Szenarien wird deutlich, dass die „oft proklamierte Normalität sexueller und geschlechtlicher Vielfalt [...] häufig nur eine scheinbare“ (11) ist. Diese vermeintliche Normalität lässt sich leicht postulieren, solange geschlechtliche und sexuelle Vielfalt im (pädagogischen) Alltag kaum sichtbar ist, sie wird jedoch spätestens dann fragwürdig, wenn sie – wie im Fall Baden-Württemberg – sichtbar gemacht und offen diskutiert werden soll.

Der vorliegende Sammelband nimmt die aktuell gelebte geschlechtliche und sexuelle Vielfalt als Teil der gesellschaftlichen Realität zum Ausgangspunkt. Entsprechend stellt er Überlegungen vor, wie diese in der schulischen und außerschulischen Bildung angemessen thematisiert und stärker ins pädagogische Bewusstsein gerückt werden könnte. Ein Schwerpunkt wird dabei auf die Aspekte Selbstbestimmung und Anerkennung gelegt. Um diese zu fördern, bemühen sich die Autor_innen des Bandes um einen Brückenschlag zwischen „Theorie und Praxis, zwischen Alltagswelten, konkretem Handeln, Empathie, Reflexion und Wissenschaft“ (13).

Der Sammelband gliedert sich in vier Teile, die das Thema sexueller und geschlechtlicher Vielfalt aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten – theoretisch, biografisch, empirisch und praktisch. Die Herausgeberinnen sind zwar allesamt Erziehungswissenschaftlerinnen, die Autor_innen hingegen kommen aus diversen Fachrichtungen – Kommunikationswissenschaften, Politikwissenschaften, Psychologie, Rechtswissenschaften, Soziologie und aus der pädagogischen Praxis. Mit 27 Artikeln stellt der Band ein recht buntes Sammelsurium aus theoretischen Überlegungen, biografischen Erzählungen, empirischen Analysen sowie Vorschlägen für die pädagogische Umsetzung dar und richtet sich somit auch an ein recht breites Publikum aus Sozialwissenschaften und pädagogischer Praxis. Mit dieser allgemeinen Ausrichtung stellt der vorliegende Band ein Novum dar, da er die verschiedenen aktuellen Diskurslinien zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt aus den Sozialwissenschaften sowie der pädagogischen und sozialen Arbeit zusammenführt. Die theoretischen, normativitätskritischen Überlegungen werden den Beschreibungen bereits gelebter Praxen nicht-normativer sexueller Orientierungen und geschlechtlicher Identitäten zur Seite gestellt, um daraus wiederum politische Handlungsbedarfe abzuleiten. Damit ist der Band als Brückenschlag zwischen Theorie und Praxis gedacht – und als Antwort auf einen Anspruch, der häufig formuliert, aber selten umgesetzt wird.

Die Beiträge des ersten Teils greifen aktuelle Diskurse aus theoretischer Perspektive auf und fokussieren heteronormativitätskritische und queer-dekonstruktive Überlegungen zu Sexualität und Geschlecht. Zentral ist dabei die Forderung nach einem Paradigmenwechsel nicht nur in der Theorie, sondern auch in der pädagogischen und rechtlichen Praxis (29), sowie die Darstellung konkreter Handlungsbedarfe, etwa bezüglich der personenstandsrechtlichen Anerkennung von Inter*-Personen (Remus, 63–74). Auch werden Verschränkungen und Überlagerungen von verschiedenen Ungleichheitsverhältnissen – wie z.B. dem antimuslimischem Rassismus (Çetin, 45–62) – thematisiert, die in der Forschung unter dem Stichwort Intersektionalität verbucht werden (32).

Hervorheben möchte ich insbesondere die Aufsätze von Christine Klapeer und Ines Pohlkamp. Beide stellen heraus, dass es in der schulischen und außerschulischen Bildung nicht nur um „Möglichkeiten oder Strategien der/zur ‚Toleranz’ oder auch ‚Anerkennung’ von LGBTIQs in einer weiterhin heteronormativ strukturierten Gesellschaft“ (29) gehen darf, sondern dass gerade das hegemoniale heterosexuelle Alltagsverständnis ins Zentrum der Kritik rücken sollte. Dies ist aus Sicht der Autorinnen erforderlich, um eine nicht-normative Auseinandersetzung mit sexueller und geschlechtlicher Vielfalt zu ermöglichen und damit dem „widersprüchlichen und intersektionalen Alltag vieler Kinder, Jugendlicher und Erwachsener“ (79) ohne Defizitblick gerecht zu werden.

Um die existierende Vielfalt von Familien- und Beziehungsformen geht es im zweiten Teil des Bandes, der vier biografische Erzählungen von lesbischen und schwulen Personen beziehungsweise Paaren und ihren Kindern enthält. Die Berichte vermitteln sehr persönliche und gerade deshalb anschauliche Einblicke in die Alltagswelten der Beteiligten. Sie machen deren Lebenszusammenhänge ebenso erfahrbar wie die Herausforderungen, vor die sich die Angehörigen sexueller Minderheiten immer wieder gestellt sehen. Dass die Erzählungen zudem geeignet sind, Empathie zu wecken, dürfte ganz im Sinne der Herausgeberinnen sein, denen es mit ihrem Vorhaben nicht nur um Aufklärung, sondern auch um Wirksamkeit geht. Bedauerlich ist, dass sich die Berichte auf lesbische und schwule Kontexte beschränken, so dass die Lebens- und Familiengeschichten von Trans*- und Inter*-Personen nicht vorkommen.

Lebensphasen und Lebenskontexte sind die Themen, die den dritten und ausführlichsten Teil des Bandes einrahmen, der wiederum Raum für verschiedene empirische Studien, Reflexionen, Zugänge und Analysen bietet. Er gliedert sich in die drei Abschnitte „Kindheit, Jugend und Familie“, „Pädagogische Praxis“ und „Alter(n)“. Die Situation von LSBTIQ-Jugendlichen und Regenbogenfamilien wird im ersten Abschnitt aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet. Es finden sich sowohl Analysen des sozialen Umfelds und der Kultur – beispielsweise zu Geschlechterrollen und sexuellen Identitäten in Online-Spielen (Groen / Schröder) oder zu medialen Diskursen über den Umgang mit Trans*-Jugendlichen (Lauwaert) – als auch Zusammenstellungen von konkreten Unterstützungsangeboten für Regenbogenfamilien und LSBTIQ (Körner; Steinkemper). Ebenfalls zentral sind Darstellungen der derzeitigen rechtlichen und medizinischen Praxen bezüglich minderjähriger Trans*- und Inter*-Personen sowie der daraus resultierenden Konflikte für die Betroffenen (Bager / Göttsche; Nieder / Möller /Richter-Appelt). So wird etwa Eltern von Kindern, deren Geschlechtsorgane keinem der zwei rechtlich anerkannten Geschlechter zugeordnet werden können, häufig eine operative Maßnahme empfohlen, und dies zu einem Zeitpunkt, an dem die Kinder nicht selbst einwilligen können (126ff.).

Im Gegensatz zu Kindheit und Jugend ist das Thema LSBTIQ im Alter kaum erforscht (Lottmann / Lautman). Auch die pädagogischen Angebote sind wesentlich weniger umfassend, was insbesondere deshalb problematisch ist, weil ältere LSBTIQ häufig sehr spezifische Erfahrungen mit strafrechtlicher Verfolgung und Diskriminierung gemacht haben und ihnen ein „hohes Maß an sozialer Isolation und Ausgrenzung lebensgeschichtlich eingeschrieben [ist]“ (342). Deutlich wird zudem, dass derzeitige stationäre Pflegeeinrichtungen nur unzureichend geeignet sind, LSBTIQ-Personen angemessen zu pflegen, wobei insgesamt in Frage gestellt wird, inwiefern die ‚herkömmlichen Altenheime’ überhaupt als Wohnform für ältere Menschen Bestand haben werden beziehungsweise sollten (315). Als mögliche Alternative stellt Marco Pulver in seinem Aufsatz integrative Wohnprojekte vor, die ein „anderes Altern“ ermöglichen sollen, namentlich den „Lebensort Vielfalt“ in Berlin (303) und die „Villa anders“ in Köln (311).

Ein weiteres zentrales Thema des Sammelbandes (insbesondere im Abschnitt zu pädagogischer Praxis) ist die Problematik von Anspruch und Umsetzung. Es zeigt sich an verschiedenen Stellen – seien es nun die Berliner Seniorenleitlinien (Schröder / Scheffler) oder die Lehrpläne an Schulen (unter anderen Schmidt / Schondelmayer), – dass die Umsetzung hinter den formulierten Ansprüchen, sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in einer nicht-diskriminierenden Weise in der pädagogischen Praxis aufzugreifen und die Existenzweisen von LSBTIQ sichtbar zu machen, zurückbleibt. Als möglicher Grund hierfür wird ein Unwissen bei Lehrkräften ausgemacht (224), oder insgesamt auf das Problem hingewiesen, dass für eine angemessene Vermittlung „Wissen, Wollen und Können“ (289) notwendig sei: Neben dem Wissen über Diskriminierung von LSBTIQ beziehungsweise über normative Vorstellungen von Geschlecht und Sexualität bedarf es auch einer Sensibilisierung und eines eigenen Praxisbezugs (215). Häufig ,versteckten’ sich Lehrkräfte hinter der fehlenden Sichtbarkeit von LSBTIQ, sodass man den Eindruck gewinnen kann, als würde diskriminierendes Verhalten eher geduldet, wenn die diskriminierte Gruppe nicht anwesend zu sein scheint (242).

Gerade in diesem Kontext zeigt sich, wie wichtig die zu Beginn des Bandes erhobene Forderung ist, LSBTIQ nicht als additiv zur gesellschaftlichen ‚Normalität’ zu behandeln, sondern die Perspektive zu wechseln und die vermeintliche Norm zu hinterfragen sowie die daraus resultierenden Ausgrenzungen, Verletzungen und die spezifischen Verletzbarkeiten zu thematisieren. Entsprechend stellen Thomas Kugler und Stephanie Nordt einen Zugang vor, mit dem sich berücksichtigen lässt, dass nicht nur LSBTIQ, sondern alle Jugendliche „eine heteronormativ-geprägte Sozialisation“ (208) durchlaufen, weshalb diese auch zum Ausgangspunkt der pädagogischen Praxis gemacht werden sollte. Daran schließt auch die aus einer machtkritischen Analyseperspektive resultierende Forderung von Bettina Kleiner an, nicht nur eine erhöhte Akzeptanz gegenüber LSBTIQ anzustreben, sondern Lehrpläne und Lehrmaterial auf heteronormative Ausschlüsse zu befragen (271) und entsprechend zu reformieren.

Wie schwierig sich die praktische Umsetzung dieser wichtigen Kritikpunkte gestaltet, wird im vierten Teil deutlich, der „Anregungen aus der Praxis für die Praxis“ geben will. Hier werden Bausteine für die schulische und außerschulische Bildung vorgestellt. Die einzelnen Methoden sind übersichtlich aufbereitet und aus vielfältigen inhaltlichen und methodischen Spektren der Bildungsarbeit zusammengetragen. Die zusammengestellten Materialien lassen allerdings erkennen, dass der Fokus nach wie vor in erster Linie auf das Problem der Ausgrenzung sexueller Minderheiten gerichtet ist, weshalb die vorhandenen Bildungsbausteine der in den theoretischen Beiträgen des ersten Teils eingeforderten kritischen Reflektion von Macht- und Herrschaftsverhältnissen nur selten gerecht werden. Hier zeigt sich also erneut die Schwierigkeit, die gewinnbringenden normativitätskritischen theoretischen Überlegungen für die konkrete pädagogische Praxis fruchtbar zu machen. Dass es bis zur vollen Anerkennung und Berücksichtigung sexueller Vielfalt im Bildungsalltag noch ein weiter Weg sein wird, sprechen die meisten Autor_innen des vorliegenden Bandes offen an. Dazu, dass es auf diesem weiten Weg wieder einen Schritt vorangeht, leisten die Texte des Sammelbandes mit ihren theoretischen Überlegungen, empirischen Studien und bildungspraktischen Vorschlägen einen wichtigen Beitrag. Durch die an sich begrüßenswerte Vielfalt der Zugänge und Sachgebiete bleiben aber leider auch in diesem Band Theorie und Praxis weitestgehend nebeneinander stehen, so wäre beispielsweise eine übergreifende Abschlussdiskussion wünschenswert gewesen. Nichtsdestotrotz bietet der Band einen hervorragenden und umfassenden Überblick sowohl über die aktuellen Diskurse und Debatten zu geschlechtlicher und sexueller Vielfalt als auch über die Möglichkeiten einer emanzipatorischen Vielfaltspädagogik. Die Lektüre des Buchs sei daher all jenen wärmstens empfohlen, denen es ein Anliegen ist, kritische, dekonstruktivistische, intersektionale und reflexive Ansätze zur Thematisierung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt in die Pädagogik zu tragen und an deren sukzessiver Umsetzung zu arbeiten.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Imke Schmincke.