Selbstdarstellungswissenschaft

Rezension zu "Der Auftritt" von Thomas Etzemüller (Hg.)

Was ist Wissenschaft? In erster Linie Arbeit – und zwar für die Kolleginnen und Kollegen, die im selben Feld, im gleichen Fachgebiet tätig sind. Denn ihnen muss man zeigen, dass man etwas Neues für sie parat hat und dass sie einem ihre geschätzte Aufmerksamkeit widmen sollen, und zwar jetzt gleich, in diesem Theater. Wissenschaftliches Wissen, so schreibt der Herausgeber Thomas Etzemüller in der Einleitung zu Der Auftritt, sei deswegen nicht einfach das stumme Gegenteil lautstarker demonstrativer Inszenierungen, sondern werde jeweils performativ „mitproduziert“ (S. 14). Dafür lässt er gewichtige Gewährsleute auftreten. Das Wort und seine Wirksamkeit, zitiert er Michel Foucault, seien „nicht ablösbar von der durch einen Status definierten Persönlichkeit, die das Recht hat, es zu artikulieren“ (ebd.). Wissenschaftliche Auftritte seien Teil dessen, was Luhmann Legitimation durch Verfahren genannt habe: „Wir alle spielen ständig Theater, aber nicht aus Eitelkeit, sondern zur Komplexitätsreduktion, damit die anderen uns verorten können“ (S. 38).

Anders gesagt, das effektvolle Präsentieren der eigenen Ergebnisse (und des Weges zu ihnen) ist nicht einfach Spektakel oder Pose, sondern notwendiger Teil der Arbeit, die jede Wissenschaftlerin und jeder Fachkollege erbringt. Sie können nicht nicht auftreten. Die Beiträge des Sammelbands spannen dazu ein breites Spektrum auf. Es reicht von den Porträts Göttinger Professoren des 18. Jahrhunderts bis zum Habitus westdeutscher Hochschullehrer der 1970er-Jahre (die DDR kommt interessanterweise nicht vor); von Hannah Arendt im Fernsehen bis zu den Besorgnissen von Arbeiter- und Kleinbürgerkindern, in der Welt der Universitäten trotz aller Leistungsnachweise immer nur als Hochstapler zu gelten – und sei es vor sich selbst. Gelehrte Jesuitenpatres des 18. (Xenia Schürmann), preußische Historiker des 19. (Falko Schnicke) und Kunsthistoriker des 20. Jahrhunderts (Anja Zimmermann) entwickelten jeweils eigene Inszenierungsstrategien, um ihr Spezialwissen an den Mann zu bringen.

Meist im Wortsinn, denn akademische Selbstdarstellungen waren und sind unübersehbar geschlechtsspezifisch organisiert. Wissenschaftler performen meistens für ihresgleichen, und dabei ist neben ordentlich Durchsetzungsfähigkeit immer auch Takt gefragt: Unpassendes muss ebenso ausgeblendet werden wie diejenigen höflich zu ignorieren sind, an die man sich nicht wenden möchte. Wissenschaft beruht auf selektiven Mitgliedschaften, und diese werden nicht zuletzt durch Kleiderordnungen angezeigt: Für heutige deutsche Juristen, über deren Auftritt Johanna Rakebrand schreibt, gilt das ganz ähnlich wie bei den „auserwählten und sich auch so fühlenden, rebellisch inszenierenden“ jungen Männern aus den Medien- und Kulturwissenschaften der 1980er- und 1990er-Jahre (S. 56). „Treue zum Stil“, bescheinigt ihnen Thomas Alkemeyer, „ersetzte formelle Zugehörigkeitskriterien“ (ebd.).

Julika Griem dagegen berichtet von den Auftrittstrainings, die an deutschen Universitäten mittlerweile nahezu flächendeckend angeboten würden. Rund um die Exzellenzinitiativen sei eine rasant wachsende Beratungsbranche entstanden, die Akademiker „Soft Skills“ und „Schlüsselkompetenzen“ beizubringen verspricht. Von solchen Kompetenztrainings erhofften sich unterschiedliche Gruppen aber auch sehr unterschiedliche Ergebnisse, bemerkt Griem: mehr Gleichberechtigung auf der einen, verschärfte Effizienzsteigerung auf der anderen Seite. Das hat durchaus absurde Nebeneffekte; unter anderem die „Sportifizierung“ von Wissenschaft als einer Art Tabellenschau, wie Griem mit Verweis auf den Soziologen David Kaldewey hervorhebt, bei der nur noch Spitzenplätze in quantifizierbaren Ranglisten und „Track Records“ zählen und miteinander verglichen werden (S. 69f.). Frauen dürfen sich dort durchsetzen, schreibt Griem bissig, wo „sie sich zu sozialen Duftkerzen abrichten, die zur Verbesserung des akademischen Raumklimas aufgestellt werden“ (S. 74).

Der Auftritt enthält eine ganze Reihe solcher gelungener und scharf geschliffener Vignetten. Wenn Herbert Nikitsch das Posieren von österreichischen Professoren für Volkskunde zwischen den 1940er- und den 1970er-Jahren untersucht – zuerst demonstrativ in Trachten (teilweise selbst erfundenen), dann ebenso demonstrativ ohne; wenn Dennis Jelonnek beschreibt, wie der Erfinder Edwin Land 1934 die von ihm entwickelten Polarisationsfilter mit einem Aquarium in einem sonnengefüllten Hotelzimmer für die Herren der American Optical Company buchstäblich blendend in Szene setzte; wenn David Kuchenbuch die Hintergrundgeschichte zu einem Foto von 1969 liefert mit der wunderbaren Bildlegende: „Buckminster Fuller, Strukturprinzipien des Universums demonstrierend“, dann wird deutlich, wie notwendig Wissenschaftsgeschichte für eine selbstkritische akademische Kultur ist. Denn ein gelungener Auftritt beruht immer auf dem Erscheinen-Lassen von etwas vorher Unsichtbarem vor staunendem Publikum – einem Zaubertrick nicht ganz unähnlich.

Aber wenn die Wissenschaftlerin und der Wissenschaftler Autorin und Autor sind, dann ist ihr Text im Sammelband auch ein Auftritt, und zwar ein wichtiger. Wer performt womit als Wissenschaftlerin? Der einleitende Beitrag macht ganz explizit, wie das geht. „Im Text die großen Namen, mit denen man sich verbrüdert“, weiß Etzemüller, „in den Fußnoten die, die man nicht ignorieren darf“ (S. 22). So wie er selbst Foucault und Luhmann zitiert, so lassen die Autorinnen und Autoren des Sammelbands in den bibliografischen Angaben ihre eigenen jeweiligen Schutzpatrone aufmarschieren. Nur wenige verzichten darauf, sich in einiger Breite auf Bourdieu, Luhmann und Goffman zu berufen; bis zu jenem Beitrag, der dies nach Gusto mit erfundenen Aufsätzen und Sammelbänden wirklich existierender Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kombiniert, ohne sie als solche zu kennzeichnen: Ein durchaus doppelbödiges Ratespiel, das sich augenzwinkernd an Eingeweihte richtet. „Kann der prominente Kollege das publiziert haben?“ Erudita und Gelehrter zu sein ist gleichzeitig Rollenmodell und persona, Maske. Frühneuzeithistoriker/innen wird das bekannt vorkommen. Larvatus prodeo, „ich trete maskiert auf“, war immerhin der Wahlspruch von René Descartes.

Das nutzen einige Beteiligte als Möglichkeit zur offenen Selbstironie. Andere sind da strenger mit sich. Textprobe: „Tagungen sind markante Praktikenkomplexe, in denen und durch die sich Individuen als WissenschaftlerInnen [Gendermarke aus Formatierungsgründen abgeändert] subjektivieren, auch wenn sie innerhalb wissenschaftlicher Formate – sogar explizit dafür bereitgestellter wie auf dieser Tagung – nicht darüber sprechen (können)“ (S. 236). Will oder muss man das so schreiben? Man will. Und zwar im Namen der Selbstdarstellung, des Auftritts. „Der von mir bislang verwendete Begriffsapparat speist sich aus dem praxis- und subjektivierungstheoretisch ausgerichteten Graduiertenkolleg, an dem ich promoviere“ (S. 237). Das augenzwinkernde kennerhafte Spiel mit den vermeintlich unpassenden Versatzstücken des eigenen Konsumverhaltens, hatte ich zuvor gelesen, sei mittlerweile zum neuen Standard akademischer Selbstrepräsentation avanciert und gehöre „längst zum Kernrepertoire vor allem geisteswissenschaftlicher performance“ (S. 87). Ergebnis? Keines. Der Autor fängt einen neuen Abschnitt an und zitiert noch ein bisschen mehr Bourdieu.

An dieser Stelle machten sich beim Rezensenten leise Zweifel breit. Jede Akademikerin, betonen mehrere Beiträge, werde durch Auftritte von Kolleginnen und Kollegen sozialisiert, konditioniert, trainiert. Aber wieso ist dann in diesem Band von konkreten Beispielen aus den deutschen Verhältnissen des 21. Jahrhunderts nur in ironischen Andeutungen die Rede, gemessen an dem beträchtlichen Gewicht, das Verweise auf 30, 40 oder 60 Jahre alte theoretische Modelle in den meisten Beiträgen bekommen? Je länger ich in dem Band las, desto stärker hatte ich den Eindruck eines stillen, aber unaussprechlichen Horrors vor dem eigenen akademischen Alltag, gegen den offenbar nur die Flucht ins Abstrakte und Anrufungen der bekannten Schutzpatrone der Wissenschaftssoziologie helfen.

Und geht es wirklich um die Wissenschaft als Ganzes, wie der Untertitel verspricht? Zwei Beiträge behandeln die Rechtswissenschaft; alle anderen geisteswissenschaftliche Fächer, der Großteil von ihnen Geschichte und Literaturwissenschaft. Die meisten Aufsätze verdoppeln das Zerrbild des allwissenden (und sehr deutschen) Über-Professors, von dem sie sich abzusetzen versuchen. Heraus kommt eine Wissenschaftsgeschichte in kritischer Absicht, die sich aber über weite Strecken nur selbstironisch bespiegelt und dabei so tut, als ob es die zeitgenössischen Naturwissenschaften und die Ökonomie schlicht nicht gäbe – ganz wie die Professoren der alten deutschen Universitäten vor 1800.

Der Auftritt ist deswegen nicht nur Analyse, sondern gleichzeitig auch Symptom dessen, was er beschreibt. Der Sammelband enthält einige hervorragende Texte. Andere demonstrieren unfreiwillig, wie eng sie dem verhaftet bleiben, von dem sie sich zu distanzieren suchen; nämlich den Hackordnungen eines Betriebs, der sich selbst als herrschaftsfreier Gesprächsraum Gleichgestellter inszeniert, aber geprägt ist von extremen Hierarchien zwischen abhängigen, befristeten Angestellten und ihren Chefs auf Lehrstühlen. Und einige Beiträge führen die verbissenen (oder verzweifelten) Rituale gespreizten akademischen Posierens, die sie beklagen, selbst praktisch vor, ebenso wie die Praxis der Selbstvervielfältigung durch Klassiker und Fußnoten. Der Herausgeber des Sammelbands hat mehrere lesenswerte kritische Aufsätze zu den Regeln wissenschaftlicher Performance verfasst; er verweist auf sie in seiner Einleitung. Aber in den 20 folgenden Beiträgen werden sie immer wieder zitiert, sodass sie insgesamt 29 Mal in den Fußnoten auftauchen – Selbstreproduktion („Ich, schon wieder ich“) im besten älteren preußischen Gelehrtenstil. Das war sicher nicht das Ziel dieser Publikation. Es formatiert sie aber buchstäblich für den/die Leser/in: Ein Sammelband wird zum unfreiwilligen Selfie.

Postskriptum: In unserem Forschungskolloquium an der Universität Luzern, das seit Mitte März nur noch digital auf Zoom stattfindet, hat einer unserer Doktoranden für sein Profilbild ein Foto von Pierre Bourdieu verwendet – große Geste, gestreckter Zeigefinger, schwarz-weiß, aus bewegten Zeiten. Ein guter Auftritt, wollte er vermutlich sagen, ist immer ironisch.