SlutWalk

Kaitlynn Mendes über Feminismus, Aktivismus und Medien

Die britische Medienwissenschaftlerin Kaitlynn Mendes analysiert in ihrem Buch „SlutWalk. Feminism, Activism and Media“ die sogenannten SlutWalks als Anti-Vergewaltigungsbewegung. SlutWalks sind Protestmärsche, auf denen die Teilnehmenden teils provokativ als sluts (dt.: „Schlampen“) gekleidet sind. Slutwalks sollen damit darauf aufmerksam machen, dass unabhängig von der Kleidung kein Mensch es ‚verdient’ hat, sexuell belästigt oder sogar vergewaltigt zu werden. Mittels einer qualitativen Inhalts- und Diskursanalyse untersucht Mendes, wie die Bewegung von Mainstream- wie auch von feministischen Medien in verschiedenen Kontexten repräsentiert wurde. Vor dem Hintergrund feministischer Theorien und des Forschungsstandes zur Darstellung des Feminismus in der Nachrichtenberichterstattung analysiert die Autorin sowohl die Organisationsstrukturen der SlutWalk-Bewegung in den englischsprachigen Ländern Australien, Kanada, Indien, Neuseeland, Südafrika, Singapur, Großbritannien und den USA als auch, wie über sie in Mainstreammedien und feministischen Blogs berichtet wird. Damit präsentiert Mendes nicht nur eine Analyse der SlutWalks und deren Wahrnehmung in den Medien, sie trägt auch etwas zur Forschung über das größere ‚politische Projekt’ des ‚Storying’ des Feminismus1 und des feministischen Aktivismus bei. (3)

Das Buch ist in acht Kapitel gegliedert. In der Einleitung wird zunächst die Entstehung der SlutWalks nachgezeichnet und eine Charakterisierung der Bewegung als globale Bewegung mit Gemeinsamkeiten über verschiedene nationale Kontexte hinweg versucht. Zwar gibt es verschiedene länderspezifische Ausprägungen von SlutWalks, die Bewegung insgesamt eint jedoch das Ziel, kritisch auf die weltweit herrschende rape culture aufmerksam zu machen und ein Ende des victim-blaming und slut-shaming zu fordern. (9) Weder soll eine vergewaltigte Frau sich Vorwürfen ausgesetzt sehen, sie habe die Tat eventuell durch ihr Verhalten provoziert, noch sollen Übergriffe gegenüber Sexarbeiterinnen verharmlost werden dürfen. Diesen Forderungen sollen Protestmärsche auf der Straße Ausdruck verleihen. Der Name der SlutWalks und der Versuch, den abwertenden Begriff der slut zurückzugewinnen und umzudeuten, sind allerdings auch innerhalb der Bewegung umstritten.

Das zweite Kapitel dient der Kontextualisierung der SlutWalks; insbesondere stellt Mendes darin die Geschichte und Gegenwart des modernen Feminismus, der Gewalt gegen Frauen und der Antivergewaltigungsbewegung in aller Kürze dar. Mendes ordnet SlutWalks als Phänomen in den postfeministischen Kontext ein, ohne den sie nicht zu verstehen seien. Mendes konstatiert, dass SlutWalks erst nach der Frauenbewegung der 1960er- und 1970er-Jahre aufgekommen seien, da sich die SlutWalk-Bewegung u.a. explizit gegen die neoliberale Vereinnahmung von feministischen Themen wendet. In deren Rhetorik wird die Benachteiligung und Diskriminierung von Frauen als ein individuelles Problem dargestellt – dagegen setzen sich die SlutWalks u.a. zur Wehr. Diese neoliberalen Rhetoriken von Individualismus, Wahlfreiheit und Empowerment werden von verschiedenen Autorinnen als postfeministisch bezeichnet. Weiterhin diskutiert Mendes die Bedeutung digitaler Medien für feministischen Aktivismus und stellt insbesondere den Einfluss von (feministischen) Blogs heraus. Indem letztere in hegemonial-patriarchale Diskurse eingreifen, können sie als eine „vernetzte Gegenöffentlichkeit“ und als „diskursive Politik“ fungieren. (38, 41 und 44)

Am Ende des Kapitels wird die Methode der Studie kurz erläutert. In der Analyse werden die Methoden der qualitativen Inhaltsanalyse, des Framing (kurz gesagt die Art und Weise, wie über ein Ereignis berichtet wird, d.h. wie es gerahmt wird), der Kritischen Diskursanalyse und der Ethnografie in Form von Interviews eingesetzt. Im Detail analysierte Mendes 304 Nachrichtentexte aus 35 verschiedenen Nachrichtenmedien, 390 Posts aus 96 feministischen Blogs oder Webseiten und führte 22 halbstrukturierte Interviews mit 22 Organisator*innen von SlutWalks aus den acht verschiedenen Ländern durch. (50–53)

Im dritten Kapitel werden zunächst Ergebnisse der Analyse hinsichtlich der Repräsentationen von SlutWalks in Mainstream- und feministischen Medien vorgestellt. Es wird ersichtlich, wie Aktivist*innen die Idee der SlutWalks an verschiedene (politische) Kontexte anpassten, z.B. in Singapur oder Indien, und inwiefern sich die Berichte darüber voneinander unterschieden. (67f.) Mendes spricht in diesem Zusammenhang von Prozessen der Glokalisierung: Während die verschiedenen SlutWalks für eine gemeinsame, globale Sache, nämlich die Überwindung von rape culture und victim-blaming, kämpfen, müssen sie zugleich ihre Forderungen und die Märsche an die lokalen Gegebenheiten anpassen. Außerdem argumentiert Mendes in diesem Kapitel, es habe berechtigte Kritik aus intersektionaler Perspektive an den Praktiken der SlutWalks von Women of Color gegeben. Die Kritik von Women of Color bezog sich auf Fragen nach Privilegien weißer Frauen und der Exklusion nicht-weißer Frauen in der Bewegung. Insbesondere kritisieren Women of Color, dass eine ‚Zurückeroberung’ des Begriffs slut für nicht-weiße Frauen andere Implikationen habe und dass dies aus ihrer Sicht nicht wünschenswert sei. (76) Diese Kritik wurde jedoch laut Mendes’ Analyse in der Berichterstattung der Mainstreammedien kaum aufgegriffen. Gleichwohl habe man Veränderungen in den Praktiken verschiedener SlutWalks beobachten können, die der Kritik von Women of Color Rechnung getragen hätten. (78)

Im vierten Kapitel geht die Autorin auf positive und unterstützende Repräsentationen von SlutWalks in den Medien ein. In dieser wohlwollenden Form der Berichterstattung würden SlutWalks in der vor allem als eine Bewegung porträtiert, die rape culture in Frage stellt, ein Bewusstsein für deren Existenz schafft und gesellschaftliche Praktiken wie victim-blaming oder slut-shaming als falsch kritisiert. Diese auffallend ermutigende Berichterstattung über SlutWalks findet Mendes besonders vor dem Hintergrund interessant, dass sie in einem Gegensatz zur Berichterstattung über feministische Themen in vorherigen Jahren und Jahrzehnten stehe.2

Im fünften Kapitel werden diejenigen Medien und Diskurse diskutiert, die SlutWalks als „fehlgeleitet“ rahmten und sie ablehnten. Mendes betont dabei, dass nicht alle an SlutWalks geäußerte Kritik zwangsläufig schlecht für die Bewegung sein müsse. Vielmehr könne eine konstruktive Kritik, wie zum Beispiel die der Women of Color, durchaus gewinnbringend sein. (136) Allerdings seien in der Berichterstattung auch Frames und Diskurse zu beobachten, die Gegenreaktionen und Ablehnung nicht nur gegenüber SlutWalks, sondern auch dem feministischen Aktivismus im Allgemeinen befördern könnten. (137)

Im sechsten Kapitel wertet die Autorin ihre Interviews mit verschiedenen Organisator*innen von SlutWalks aus. Ihr Fokus liegt darauf, wie die SlutWalks an verschiedenen Orten organisiert und koordiniert wurden. Soziale Medien hätten bei allen Aktivitäten eine sehr wichtige Rolle gespielt, obwohl die verschiedenen SlutWalks-Gruppen sehr unterschiedlich gearbeitet hätten – von einer hierarchischen bis hin zu einer horizontalen waren alle möglichen Organisationsformen vertreten. Interessanterweise sei die Rekrutierung von Mitorganisator*innen sehr oft über soziale Netzwerke erfolgt; die Schwelle zur Mitarbeit sei dementsprechend sehr niedrig gewesen (144f.). Mendes kann eindrücklich darstellen, dass soziale Medien eine wichtige Rolle in der SlutWalk-Bewegung spielen, wohingegen die Bedeutung von Mainstream-Medien für die Rekrutierung von Organisierenden und Teilnehmenden schwinde (157). Gerade in Staaten, in denen Medien staatlich kontrolliert werden (z.B. Singapur), würden sich soziale Medien oft als einziges Mittel erweisen, um die Botschaft der Bewegung zu verbreiten.

Das siebte Kapitel widmet sich der Frage, wie die verschiedenen SlutWalk-Gruppen miteinander vernetzt waren, inwiefern sie eine feministische Gemeinschaft formten und ob sie sich in eine größere SlutWalk-Bewegung einbrachten (159). Mendes' Ergebnissen zufolge sind auch in diesem Zusammenhang soziale Medien bedeutsam, da insbesondere Facebook den (trans-)nationalen Austausch zwischen den Organisierenden befördert habe. Die Etablierung derartiger Verbindungen und Praktiken bezeichnet Mendes als die Herstellung einer vernetzten Gegenöffentlichkeit (185). Sie verweist aber auch auf die Schattenseiten der Nutzung von Onlinemedien für feministischen Aktivismus. Insbesondere analysiert sie, welche Erfahrungen die Aktivist*innen mit Onlinebelästigung und Trolling gemacht haben und mit welchen Strategien sie Letztere bewältigen. (177–180)

Im Schlusskapitel versucht sich Mendes an einer Einschätzung der Wirkungen der SlutWalk-Bewegung. Es scheint ihr unzweifelhaft, dass SlutWalks eine große Aufmerksamkeit erzielen konnten. (187) Gerade die Mainstream-Medien hätten immer wieder auf den globalen Hintergrund der SlutWalks aufmerksam gemacht und Bezüge zu SlutWalks in anderen Regionen hergestellt. Auf der anderen Seite führte dies auch zu Kritik an Aktivist*innen, indem ihnen zum Beispiel die Übernahme ‚westlicher’ Themen vorgewurfen wurde. Mendes folgert deshalb zutreffend, dass soziale Bewegungen das Motto „Think Global, Act Local“ umsetzen sollten, um erfolgreich zu sein (188). Weiterhin stellt Mendes in ihrem Fazit heraus, dass insbesondere feministische Medien, aber auch sogenannte softe Genres wie Kolumnen und Feuilletons in Mainstream-Medien viel dazu beitragen könnten, feministische Werte sichtbar zu machen und patriarchale Strukturen zu durchbrechen (189).

Insgesamt gesehen habe die SlutWalk-Bewegung einerseits das Thema der sexuellen Belästigung und Vergewaltigung als politisches Problem mit Erfolg wieder sichtbar gemacht und auf die Agenda vieler Medien gesetzt. (193) Andererseits hätten einige Organisierende den Einfluss der Bewegung als zu sehr auf die individuelle Ebene beschränkt empfunden, zumal eine Bewegung wie SlutWalk alleine weder Vergewaltigungen noch sexuelle Belästigung verhindern könne. (194f.) Nichtsdestotrotz argumentiert Mendes, dass das Thema der sexuellen Gewalt zunehmend auch von politischen Entscheidungsträger*innen und Mainstreammedien als eine kollektive, nicht als individuelle, Aufgabe adressiert und aktiv bearbeitet werde. (196)

Die von Kaitlynn Mendes vorgelegte Studie stellt meines Erachtens einen wichtigen Beitrag zum Verständnis des zeitgenössischen (und feministischen) Aktivismus dar. Die Analyse zeigt überzeugend, dass Medien in verschiedener Hinsicht eine wichtige Rolle für feministischen Aktivismus spielen, weil sie das Potenzial haben, marginalisierte Themen auf die öffentliche Agenda zu bringen. Besonders hervorzuheben ist, dass Mendes nicht nur eine Analyse der Berichterstattung über SlutWalks in Mainstreammedien vornimmt, sondern die Analyse auf feministische Medien erweitert und daher auch Verbindungen zwischen medialer Öffentlichkeit und Gegenöffentlichkeit aufzeigen kann. Beispielsweise lässt sich so die besondere Rolle von feministischen Blogs für die Unterstützung, aber auch für die konstruktive Kritik an feministischen und sozialen Bewegungen belegen. Der Einbindung ethnografischer Methoden in Form von Interviews mit den Organisierenden verschiedener SlutWalks verdankt die Autorin zudem gewinnbringende Einsichten über die Wertschätzung, aber auch die Gefahren der Nutzung sozialer Medien für feministischen Aktivismus. Die Studie gibt darüber hinaus Aufschluss über den Umgang mit Kritik sowie die Weiterentwicklung und Veränderung der SlutWalk-Bewegungen, wie auch in Netzwerkstrukturen und die Entstehung von sozialen Bewegungen im Allgemeinen. Die Ergebnisse der Studie lassen sich deshalb lohnend auf ähnliche Gruppierungen übertragen. Dadurch könnte man besser verstehen, wie zeitgenössischer Aktivismus funktioniert, ohne sich in der seit langem geführten Debatte über die Gegenüberstellung von Online- und Offlineaktivismus zu verstricken.

Auch wenn die Autorin nur sehr wenig Zeit darauf verwendet, die von ihr angewandte Methodik zu erläutern, und obschon die theoretische Fundierung gleichermaßen knapp gehalten ist, stellt das Buch meines Erachtens eine ausgezeichnete empirische Studie dar, die akademischen wie nicht-akademischen Feminist*innen sehr viele Erkenntnisse über feministischen Aktivismus bietet. Darüber hinaus zeigt die Studie eindrucksvoll, wie ein zeitgenössischer Feminismus aussehen kann, der nicht als Post- oder Pseudofeminismus im Sinne eines abgewickelten Feminismus kritisiert werden muss.3

Fußnoten

1 Clare Hemmings, Telling Feminist Stories, in: Feminist Theory 6 (2005), S. 115–139.

2 Kaitlynn Mendes, Feminism in the News: Representations of the Women’s Movement Since the 1960s, Basingstoke 2011.

3 Angela McRobbie, Top Girls. Feminismus und der Aufstieg des neoliberalen Geschlechterregimes, Wiesbaden 2010.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Imke Schmincke.