Soziale Ungleichheit im Visier

Ein Sammelband über Wahrnehmung und Deutung von Armut und Reichtum seit 1945

„Reicher Mann und armer Mann standen da und sahn sich an. Und der Arme sagte bleich: Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich“, reimte bekanntermaßen Bertolt Brecht in seinem Gedicht „Alfabet“.1 Die beiden Extrema Armut und Reichtum auf einer Skala gesellschaftlicher Ungleichheit „gemeinsam zu erörtern und das Phänomen der sozialen Ungleichheit in seiner Gesamtheit […] zu erfassen“ (21), ist Ziel des zu besprechenden Sammelbandes. Hierzu wird eine interdisziplinäre Perspektive mit „der Verbindung von soziologischen, kulturwissenschaftlichen und historischen Zugängen“ gewählt (12). Die Beitragenden sind überwiegend Historiker/innen, aber auch Vertreter/innen der Soziologie, Ethnologie, Literatur- und Kulturwissenschaften. In den Blick genommen werden insbesondere die 1960er- bis 1980er-Jahre in der Bundesrepublik, den USA und ausgewählten Ostblockstaaten. Das Feld der sozialen Ungleichheit blieb lange weitgehend den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften vorbehalten; seit einigen Jahren wendet sich ihm auch die Zeitgeschichte vermehrt zu.2 Allerdings liegen historische Darstellungen, die mit Armut und Reichtum beide Pole sozialer Ungleichheit abdecken, bisher kaum vor.3

Absicht des Bandes ist nicht, quantitativ-statistische Analysen sozialer Ungleichheit zu liefern. Vielmehr sollen die „sozialen Images“ von Reichtum und Armut untersucht werden. Images sind hierbei zu verstehen als öffentliche Etikettierungen, wer als arm und wer als reich gilt. Sie dienen demnach „der Orientierung und somit der Ordnung des Sozialen innerhalb einer Gesellschaft“ (14). Insbesondere den (Massen-)Medien wird bei der Konstruktion und Vermittlung von sozialen Imaginationen eine maßgebliche Rolle zugeschrieben. Mithin erfolgt die Identifizierung von Reichtums- und Armutsimages in erster Linie anhand der Auswertung medialer Produkte wie Zeitungen und Zeitschriften. Die Beiträge konzentrieren sich zumeist nur auf eines der beiden Extreme; dass „die jeweilige Kontrastfolie stets mitgedacht“ wird (21), wie von den Herausgebern konstatiert, wird von den unterschiedlichen Aufsätzen in unterschiedlichem Maße eingelöst. Auch hängt dieses „Mitdenken“ des jeweils anderen Images vom Leser bzw. von dessen Kenntnisstand ab – oder von den Erkenntnissen, die andere Beiträge des Sammelbandes liefern.

Sehr gut funktionieren in dieser Hinsicht die Abhandlungen zur „alten“ Bundesrepublik zusammen: Lu Seegers beschäftigt sich mit der medialen Repräsentation Hamburger Unternehmer. Anhand einiger Fallbeispiele vermittelt sie, welche Kombination aus Reichtum und Habitus von den 1960er- bis hinein in die 1980er-Jahre als angemessen und legitim dargestellt wurde. Denn: „Mit Geld allein […] rückt jemand aus bescheidenen Verhältnissen noch lange nicht zu den oberen Zehntausend auf“, wie es in einem zitierten Spiegel-Artikel heißt (45). Reichtum galt dann als akzeptiert, wenn er sich mit „Geschmackssicherheit, Allgemeinwohlorientierung und einer gewissermaßen selbstverständlichen Bescheidenheit“ (ebenda) verband und sich von Dekadenz und Glamour absetzte. Die Darstellung von Luxus und Dekadenz ist gleichsam Teil von Anne Kurrs Beitrag, der die Rezeption von „Dallas“ und „Denver Clan“ in der westdeutschen Öffentlichkeit behandelt. Beide Fernsehserien erfreuten sich in den 1980er-Jahren einer immensen Beliebtheit. Die aus dem Ölgeschäft sprudelnden Dollars und der „Jet-Set-Lifestyle“ boten den Zuschauern eine „Schlüssellochperspektive“ in die „Zustände bei Milliardärs zu Hause“ (70). Zugleich entspann sich eine mediale und auch zuschauerseitige Kritik an diesem Reichtumsimage: Es wurde als unlauter wahrgenommen, J.R. Ewing bildete die „negative Kontrastfolie für den rechtschaffenen, bescheidenen Geschäftsmann“ (73) westdeutscher Couleur. Überdies wurde von den Rezipienten der Gegenpol der Armut in den USA durchaus mitgedacht, während die Bundesrepublik als sozialer und um gesellschaftlichen Ausgleich bemühter Staat wahrgenommen wurde. Anknüpfend daran beschreibt Rüdiger Schmidt „die Mitte“ als gesellschaftliches Leitbild der Bonner Republik. So historisiert er etwa Helmut Schelskys Befund der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ aus dem Jahr 1953, indem er aufzeigt, dass von einer solchen in den 1950er-Jahren empirisch noch keine Rede sein konnte, sondern sie eher programmatisches Postulat war. Später avancierte die Mitte schließlich zum „soziale[n] Legitimationstypus der bundesdeutschen Gesellschaft schlechthin“ (96).

Über die Entdeckung der gesellschaftlichen Mitte in den USA schreibt Christian Johann. Mit dem „War on Poverty“ in den 1960er-Jahren kam es zur „Fokussierung sozialpolitischer Aufmerksamkeit auf die gesellschaftliche Gruppe unmittelbar unterhalb der Armutsgrenze“ (111). Gleichzeitig machte sich knapp über dieser sozialen Demarkation, nämlich in der „Middle Class“, ein Gefühl der Vernachlässigung breit. Es entstanden die Images einer Gruppe von Sozialleistungen erschleichenden „Armen“ auf der einen, einer hart arbeitenden und Steuern zahlenden Mittelklasse auf der anderen Seite. Die öffentliche Formierung der „Middle Americans“ führte nicht nur dazu, dass sie vom Time Magazine zur Person des Jahres 1969 erklärt wurden. Sie wurden auch von populistischen Politikern als fruchtbarer Resonanzboden entdeckt. Der Begriff „Mittelklasse“ entwickelte sich in der politischen Öffentlichkeit zum „Container für positive gesellschaftliche Attribute und Werte und zugleich zum Synonym für Mehrheit“ (129). Ergänzend stellt Claudia Roesch die Debatte um mexikanische Einwandererfamilien in den USA der 1960er-Jahre vor. Die medial erzeugten Images reichten von unverschuldeten Armen, die schlecht bezahlt und von den Gesetzen nicht ausreichend geschützt würden, bis hin zur selbstverschuldeten Situation aufgrund der Unangepasstheit an die urbane Industriegesellschaft. Hervorgehoben wurden hierbei vornehmlich die großfamiliären Strukturen bei den ‚Mexican Americans‘; in diesem Kontext wurden auch (zum Teil veraltete) Thesen von Sozialexperten rezipiert, die die klassische Kernfamilie der (weißen) Mittelschicht propagierten. Als Kontrapunkt wäre in dieser Sektion des Sammelbandes ein Beitrag zur Repräsentation von Reichtum in den USA der 1960er-Jahre eine gute Ergänzung gewesen.

Die Identifizierung sozialer Images in den ehemaligen staatssozialistischen Ländern gestaltet sich aufgrund einer medial nicht oder nur staatlicherseits vermittelten Öffentlichkeit ungleich schwieriger. Für die DDR greift Jens Gieseke auf Stimmungsberichte des Ministeriums für Staatssicherheit und sogenannte Stellvertreterbefragungen, die in der Bundesrepublik unter DDR-Besuchern durchgeführt wurden, zurück, um „kursierende Vorstellungen über vorhandene Ungleichheiten oder Gleichheiten“ (164) zu rekonstruieren. Insbesondere die unterschiedliche Verfügbarkeit von Westgeld sorgte für „viel Ärger und Neid“ (175) innerhalb der Bevölkerung. Insgesamt existierte durchaus eine „Die-da-oben-Wir-hier-unten-Wahrnehmung“ (179f.) in der Arbeiterschaft. Hingegen zeigt Sabine Kittel mittels retrospektiv geführter Interviews, dass Solidarität und soziale Gerechtigkeit in der DDR verbreitete Narrative in der Erinnerung ehemaliger DDR-Bürger sind. Gegen die Debatten vom Stasi- oder Unrechtsstaat prägte sich ein „Trotz-Gedächtnis“ (273) von „der wärmeren, solidarischeren und gerechteren Gesellschaft“ (271) aus.

Zu ganz ähnlichen Erinnerungsmustern bei ehemaligen Bürgern der Sowjetunion kommt auch Kirsten Bönker, die ebenfalls Interviews auswertet. Demzufolge wird die post-sowjetische als eine „Arm-oder-reich“-Gesellschaft wahrgenommen, während die der ausgehenden Sowjetunion bisweilen nostalgisch als weitgehend egalitär erinnert wird. Wer einer geregelten Arbeit nachging, konnte das „spätsowjetische Leben als sicher und verlässlich“ einstufen (283). Welches Bild hingegen von „Nichtstuern“, „Schmarotzern“ und „Arbeitsverweigerern“ („Tunejadstvo“) in der nachstalinistischen Sowjetunion gezeichnet wurde, untersucht der Beitrag von Tatiana Hofmann. Mit der Kampagne gegen „Arbeitsverweigerer“ wurde generell gegen „innere Feinde“, also jene außerhalb der sozialistischen Arbeitsgemeinschaft Stehenden vorgegangen wie freigeistige Künstler oder Dissidenten. Diese sahen sich unter dem Vorwurf des „Parasitismus“ staatlicher Verfolgung ausgesetzt. In der Egalität der sowjetischen Gesellschaft galt „ein mittlerer Verdienst als Maßstab“ (232), abweichende Einkommen schienen unredlich zu sein: Wer reich war, konnte verdächtigt werden, kriminell zu sein, und arme Menschen galten schnell als Arbeitsverweigerer. Hier finden sich durchaus Parallelen zu Johanns Befunden über die Idealisierung der Mittelklasse und Diskreditierung der von Armut Betroffenen in den USA der 1960er-Jahre.

Insgesamt hätte ein Fazit, das die jeweiligen Ergebnisse kontextualisiert und Vergleiche zwischen den sozialen Images in verschiedenen Ländern und Systemen und zu teilweise unterschiedlichen Zeiten zieht, den Band abgerundet. Die zumeist sehr aufschlussreichen Fallstudien vermitteln zusammengenommen zwar kein allumfassendes Gesamtbild der jeweiligen sozialen Ungleichheit mit ihren Extrema „arm“ und „reich“. Dennoch gelingt es dem Band im Großen und Ganzen, die sozialen Images Reichtum und Armut sowie deren öffentliche Verhandlung in den untersuchten Gesellschaftsformen der Bundesrepublik sowie USA und der staatssozialistischen Systeme (die außerdem noch durch Studien über Polen und Bulgarien repräsentiert werden) darzustellen. Er leistet einen wertvollen Beitrag zur historischen Vermittlung und Sichtbarmachung von sozialer Ungleichheit und bietet nützliche Anknüpfungspunkte für weitere Arbeiten in diesem Bereich – möglicherweise auch hinsichtlich der Verknüpfung von Rekonstruktionen sozialer Imaginationen mit quantitativ-statistischen Befunden.

Fußnoten

1 Bertolt Brecht, Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe; hrsg. v. Werner Hecht u.a.; Band 14: Gedichte 4: Gedichte und Gedichtfragmente 1928–1939, Berlin 1993, S. 230–234, hier S. 233.

2 Exemplarisch: Thomas Mergel / Christiane Reinecke (Hrsg.), Das Soziale ordnen. Sozialwissenschaften und gesellschaftliche Ungleichheit im 20. Jahrhundert, Frankfurt am Main 2012.

3 Kürzlich erschienen: Günther Schulz (Hrsg.), Arm und Reich. Zur gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ungleichheit in der Geschichte, Stuttgart 2015.

Dieser Text erschien zuerst in H-Soz-Kult.