Stadt, Land, Kritik

Rezension zu "Kritische Geographien ländlicher Entwicklung" von Michael Mießner und Matthias Naumann (Hg.)

Als im Januar 2020 Julia Klöckner und das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft mit einer neuen Social Media-Kampagne unter dem Hashtag #Dorfkinder aufwartete, löste das vielfach Kritik, Häme und eine Reihe von mehr oder weniger kreativen Umdeutungen aus: Statt Zusammenhalt, Engagement und Dorfidylle – wie es die Bilder der Kampagne suggerierten – wurden die mangelhafte Infrastruktur („#Dorfkinder wissen nichts von dieser Kampagne, weil sie 2020 immer noch kein Internet haben“[1]), fehlende Angebote, Rassismus und Homophobie als wesentliche Bestandteile der Lebensrealität in ländlichen Räumen thematisiert. Darüber hinaus wurde zu Recht konstatiert, dass lediglich weiße Menschen auf den Werbefotos abgebildet sind, wodurch die Vorstellung eines homogenen, weißen ländlichen Raumes transportiert wurde. Die Debatte, die vor allem auf Twitter zu der Kampagne geführt wurde, war indes selbst geprägt von Vorurteilen, Klischees, gegenseitigen Diffamierungen und holzschnittartigen Gegenüberstellungen: #Dorfkinder auf der einen, #Stadtkinder auf der anderen Seite. Eine solche Momentaufnahme einer kurzlebigen Erregungsdebatte verweist jedoch auf tieferliegende Fragen bezüglich der Wahrnehmung, den Bedeutungszuschreibungen, den Entwicklungen und möglichen Potenzialen ländlicher Räume in einer sich mehr und mehr urbanisierenden Gesellschaft.

Wie solche Debatten im Sinne einer kritischen Gesellschaftstheorie konzeptualisiert und angemessen analysiert werden können, zeigt der Sammelband „Kritische Geographien ländlicher Entwicklung“, der von den beiden Geographen Michael Mießner und Matthias Naumann herausgegeben wurde und in der Reihe „Raumproduktion: Theorie und gesellschaftliche Praxis“ des Verlages Westfälisches Dampfboot erschienen ist. Das Buch lässt sich damit innerhalb einer kritischen Raumforschung verorten, bei der die soziale Produktion von Raum und die Verräumlichungen gesellschaftlicher Prozesse im Vordergrund stehen. In diesem Sinne tritt der Sammelband dazu an, „Ansätze einer Kritischen Geographie auf Fragen ländlicher Entwicklung [zu] beziehen“ (S. 9).

In ihrer Einführung weisen Mießner und Naumann entsprechend auf einige Leerstellen hin, die der Entwicklung einer Kritischen Geographie ländlicher Entwicklung im deutschsprachigen Raum bisher im Wege stehen: Zum einen – und dabei beziehen die Autoren sich explizit auf die deutschsprachige Geographie – hätten Arbeiten zu ländlichen Räumen Ansätze und Konzepte der Kritischen Geographie bisher kaum aufgenommen. Auch gäbe es nur wenige Verknüpfungen mit den durchaus zahlreichen Arbeiten der Geographischen Entwicklungsforschung, die sich oftmals auf ländliche Räume im Globalen Süden beziehen. Auf der anderen Seite hätte auch die deutschsprachige Kritische Geographie den ländlichen Raum bisher nur wenig beachtet. Und nicht zuletzt fehle ein fruchtbarer Dialog zwischen der deutsch- und englischsprachigen Debatte – dieser böte sich insbesondere an, weil Letztere beispielsweise maßgeblich durch kritische Ansätze der Rural Geography geprägt sei.

Anknüpfend an diese eher ernüchternde Bestandsaufahme skizzieren Mießner und Naumann drei konzeptionelle Felder, die ihnen für eine Kritische Geographie ländlicher Entwicklung lohnenswert erscheinen: Dabei verweisen sie sowohl auf eine „politische Ökonomie ländlicher Räume“ (S. 12, insbesondere Ansätze einer ungleichen Entwicklung), eine „politische Ökologie ländlicher Räume“ (S. 14, insbesondere Ansätze zu Umweltgerechtigkeit) als auch auf „Diskurse um Land und Ländlichkeit“ (ebd.).

Aktuelle Themen, die bei einer kritischen Analyse ländlicher Räume von besonderer Bedeutung und überaus interessant erscheinen, sind ihrer Meinung nach Untersuchungen zur Konstruktion ländlicher Identitäten und Forschungen aus einer intersektionalen Perspektive, die Geschlechterverhältnisse, Sexualität, Klassenzugehörigkeit oder race mit räumlichen Dimensionen verknüpfen. Darüber hinaus stellen rassismuskritische Arbeiten und Fragen nach der Herstellung des ländlichen Raumes als homogenen, oftmals von weißen Anwohner*innen geprägten Ort wichtige Untersuchungen sowohl im Kontext des Globalen Nordens als auch des Globalen Südens dar. Nicht zuletzt können Studien zur Besonderheit eines autoritären Populismus in ländlichen Räumen wichtige Bestandteile für eine kritische Sozialforschung darstellen, ohne dabei den ländlichen Raum in essentialisierender Weise mit autoritären Entwicklungen zu verknüpfen.

Im Anschluss an die anregende wie lesenswerte Einführung folgen 18 Beiträge von Wissenschaftler*innen, die insbesondere aus der Geographie, aber auch aus der Politikwissenschaft und der Regionalforschung stammen. Mittels unterschiedlicher theoretisch-konzeptioneller Ansätze, verschiedener thematischer Fokussierungen und empirischer Regionalbeispiele nähern sie sich einer Kritischen Geographie ländlicher Entwicklung an. Die Fülle der heterogenen Beiträge haben die Herausgeber in vier Teile untergliedert und dem Band dadurch eine gewisse thematische Struktur gegeben, auch wenn die Einteilung nicht immer ganz nachvollziehbar erscheint und andere Untergliederungen sicherlich ebenso möglich gewesen wären. Auch hätte den einzelnen Abschnitten eine thematische Einführung und Rahmung gut getan, um die Verbindungen zwischen den Beiträgen und den Mehrwert ihrer Zusammenstellung noch einmal deutlich werden zu lassen.

Den Auftakt macht der erste mit „Entwicklungslinien einer Kritischen Geographie ländlicher Räume“ überschriebene Teil. Hier werden theoretisch-konzeptionelle Ansätze sowohl anknüpfend an die Philosophie Hannah Arendts (Florian Dünckmann) oder das Gerechtigkeitsverständnis von Nancy Fraser (Marc Redepenning & Raphael Singer), als auch im Anschluss an Debatten aus Lateinamerika (Martina Neuburger) und der französischsprachigen Geographie (Paul Jutteau & Félix Authier) in Bezug auf die Analyse von Entwicklungen in ländlichen Räumen vorgestellt und diskutiert. Auch der Beitrag von Theresia Oedl-Wieser und Mathilde Schmitt zu den „Potentiale[n] der Ruralen Frauen- und Geschlechterforschung“ wird dem ersten Teil zugeordnet, da es sich in erster Linie um eine Bestandsaufnahme der akademischen Ruralen Frauen- und Geschlechterforschung und weniger um eine direkte Auseinandersetzung mit Fragen nach Geschlechterverhältnissen im ländlichen Raum handelt.

Der zweite Teil hat die Überschrift „Politische Geographie ländlicher Räume“ und umfasst sowohl Beiträge aus Ländern des Globalen Südens (Indien, Indonesien, Argentinien) als auch des Globalen Nordens (Aoteaora/Neuseeland und Deutschland). Was die Aufsätze am ehesten eint, ist die Frage nach dem Globalen in lokalen Auseinandersetzungen (Markus Keck) und der Artikulation des Globalen wie des Lokalen (Yvonne Franke) als auch die Frage nach dem Staatsverständnis (Alina Brad und Jonas Hein) und nach (staatlicher) Regulierung (Tobias J. Klinge & Stefan Ouma; Andreas Kallert & Simon Dudek). Darüber hinaus beziehen sich die Beiträge zumeist auf historisch-materialistische Ansätze, etwa hinsichtlich unterschiedlicher Akkumulationsregime und deren Auswirkungen auf ländliche Räume (etwa Nadine Reis).

Die Beiträge des dritten Teils sind mit dem Titel „Mensch-Umwelt-Verhältnisse in ländlichen Räumen“ überschrieben, wodurch der Eindruck entstehen kann, dass hier physisch-materielle Verhältnisse eine größere Rolle spielen. Doch lediglich der Beitrag von Sybille Bauriedl bezieht sich explizit auf das Konzept der politischen Ökologie und die Rolle der Bioökonomie hinsichtlich der Modernisierungsversprechen der industrialisierten Landwirtschaft. Andere Schwerpunkte liegen auf der Theorie der Ernährungsregime und Fragen von Land-Grabbing-Prozessen (David Kaeß), auf der Scale-Debatte (Phyllis Bussler), auf Fragen von gemeinschaftlichem Ressourcenmanagement und einer Hinterfragung der Vorstellung von ländlichen Gemeinschaften als spannungsfreien, homogenen Einheiten (Andrei Dörre).

Der letztgenannte Beitrag wäre sicherlich auch gut im vierten Teil zu „Engagement und Integration in ländlichen Räumen des Globalen Nordens“ aufgehoben gewesen, wobei durch den Titel bereits eine explizite Fokussierung auf Beispiele aus dem Globalen Norden vorgegeben ist. In diesem Abschnitt wirft zunächst Jens Reda einen kritischen Blick auf zivilgesellschaftliches Engagement in ländlichen Räumen Deutschlands und plädiert dafür, diskurs- und praxistheoretische Ansätze um Theorien zu Materialität und Körperlichkeit zu erweitern. Daran schließt der Beitrag von Stefan Haunstein an, der am Beispiel von genossenschaftlichen Dorfläden aufzeigt, dass bürgerschaftliches Engagement im Kontext neoliberaler Neukonfigurationen im ländlichen Raum auch als problemgetriebene Verantwortungsübernahme zu verstehen ist. Der letzte Beitrag des Bandes fällt insofern etwas aus der Reihe, als es sich vor allem um eine Auseinandersetzung mit einer Forschungsmethode handelt: Stefan Kordel, Tobias Weidinger und Silke Hachmeister fragen danach, inwiefern die Methode der Mobility Map geeignet ist, die Lebenswelten von geflüchteten Menschen in ländlichen Räumen zu analysieren, Exklusionsprozesse zu erfassen und dahinterliegende Strukturen wie etwa Rassismus und Armut in die Analyse mit einzubeziehen.

Insgesamt liegt der Schwerpunkt des Sammelbandes auf einer Erweiterung der theoretisch-konzeptionellen Auseinandersetzung mit ländlichen Räumen aus einer gesellschaftskritischen Perspektive und zielt auf ein akademisches Publikum. Für diesen Kontext sind die Beiträge insgesamt sehr verständlich geschrieben und erlauben mit einer Länge von etwa zehn bis 13 Seiten eine gewisse theoretische Tiefe und regionalspezifische Kontextualisierung, ohne sich dabei zu sehr in Detailwissen zu verlieren. Auch wenn die Einleitung eine gewisse Kohärenz der Beiträge oder eine Bezugnahme auf die vorgeschlagenen Konzepte und aktuellen Thematiken erwarten lässt, liegen die konzeptionellen Herangehensweisen und verhandelten Gegenstände doch teilweise sehr weit auseinander. Das ist sicherlich unter anderem der Tatsache geschuldet, dass es sich um einen Tagungsband handelt. So ist es Aufgabe der Leser*innen, die einzelnen Ansätze miteinander in Dialog zu bringen und Überlegungen eines Beitrages auf andere zu übertragen.

Besonders deutlich wird diese Aufgabe hinsichtlich der Scale-Debatte und der Frage nach dem jeweiligen Staatsverständnis, um zwei Beispiele herauszugreifen. In vielen Beiträgen wird das Wechselverhältnis von globalen und lokalen Prozessen thematisiert, ohne dabei simplifizierende und einseitige Kausalverhältnisse zu entwerfen. Vielmehr werden ländliche Räume beispielsweise als miteinander verflochtene „Entangled Ruralities“ (Neuburger, S. 53) oder als „multiterritoriale Räume“ (ebd.) gedacht und wird „ländliche Entwicklung als eine durch lokale und globale Momente artikulierte“ (Franke, S. 132) sowie als „global-lokale (Re)Strukturierung“ (Kaeß, S. 209) verstanden. Insbesondere Sybille Bauriedl und Phyllis Bussler gehen dabei explizit auf das Konzept der Politics of Scale ein, mit dessen Hilfe „Prozesse ungleicher und umstrittener Reorganisation und Reterritorialisierung kapitalistisch organisierter Raum- und Machtverhältnisse“ (Bauriedl, S. 199) betrachtet werden können. Gerade für einen Ansatz, bei dem eine im weitesten Sinne räumliche Einheit namensgebend wirkt (ländlicher Raum), ist eine Auseinandersetzung mit der Konstruktion von Räumen und unterschiedlichen Maßstabsebenen sowie deren Wechselwirkungen nicht nur unerlässlich, sondern auch besonders aufschlussreich. Derartige Überlegungen hätten beispielsweise als Querschnittsthema wenn nicht alle, so doch einen Teil der Beiträge strukturieren können, um interessante Verbindungen und Vergleichsmomente noch deutlicher herauszuarbeiten.

Mehr oder weniger explizit taucht der Staat in allen Beiträgen als wichtiger Akteur in Prozessen ländlicher Entwicklung auf. Vor allem in dem Aufsatz von Alina Brad und Jonas Hein wird das zugrunde liegende Staatsverständnis explizit gemacht, indem auf die materialistische Staatstheorie von Nicos Poulantzas verwiesen wird. Der Staat wird als „materielle Verdichtung von Kräfteverhältnissen zwischen Klassen und Klassenfraktionen“ (Brad & Hein, S. 117) verstanden, wodurch die strategische Selektivität staatlichen Handelns und staatlicher Regulation erklärbar wird (ebd., S. 118). Es wäre sicherlich interessant gewesen, das den einzelnen Beiträgen zugrunde liegende Staatsverständnis an der einen oder anderen Stelle zu explizieren und dessen Auswirkungen auf die jeweiligen Analysen zu beleuchten. Doch auch so lassen sich bei der Lektüre des Bandes Überlegungen dahingehend anstellen, inwiefern einzelne Beiträge durch ein an Poulantzas angelehntes Staatsverständnis an analytischer Schärfe gewonnen hätten.

Darüber hinaus bieten sich Vergleiche zwischen denjenigen Beiträgen an, die sich mit ähnlichen Thematiken beschäftigen. So ist es sicherlich nicht verwunderlich, dass in zahlreichen Aufsätzen Fragen nach der Rolle der Landwirtschaft und der Ernährungssicherung gestellt werden. Oftmals wird dabei auf das Konzept der Food-Regimes beziehungsweise auf Ansätze der Agro-Food Studies (etwa Keck, S. 103 f.; Franke, S. 131 f.; Kaeß, S. 211 ff.) oder des Agro-Extraktivismus (Reis, S. 153 f.) zurückgegriffen. Außerdem spielt die Beschäftigung mit Landkonflikten und dem Phänomen des Land Grabbing eine zentrale Rolle (unter anderem Brad & Hein, S. 121 f.; Klinge & Ouma S. 161 ff.; Kaeß, S. 209 ff.). Die – bei ähnlicher Thematik – teilweise recht unterschiedlichen Betrachtungsweisen und Schwerpunktsetzungen der Autor*innen geben Hinweise darauf, wie heterogen bestimmte Thematiken betrachtet werden und was dabei in den Vorder- beziehungsweise Hintergrund geraten kann.

Letztendlich ist es auch die Stärke des Bandes, keine einheitliche Vorgehensweise und Analyseraster zu präferieren, sondern vielmehr die Bandbreite der unterschiedlichen Herangehensweisen und Zugänge abzubilden. Leider werden dabei die eingangs vorgestellten aktuellen Themen wie Geschlechterverhältnisse, Rassismus und autoritärer Populismus nur in einzelnen Beiträgen am Rande verhandelt. Auch die eingangs thematisierte Leerstelle des fehlenden Austausches mit der englischsprachigen Debatte füllt der Sammelband nicht. Bereichernd ist jedoch die Vorstellung von Konzepten aus Lateinamerika und der französischsprachigen Debatte.

Für eine zukünftige Kritische Geographie ländlicher Entwicklung können die zum Schluss des Einleitungskapitels aufgestellten Thesen als Orientierungspunkte dienen. Neben der kritischen Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Konzepten und Leitbildern, dem Entwerfen von ruralen Utopien und Fragen zum methodischen Vorgehen wird dabei auch die Auseinandersetzung mit der Situierung der Forschenden, die wohl „zumeist in Städten und akademischen Milieus sozialisiert sowie dort beschäftigt und politisch aktiv“ sind (Mießner & Naumann, S. 22), benannt.

Der Band stellt somit einen begrüßenswerten Auftakt dar, Ansätze kritischer Gesellschaftstheorie auf die Analyse ländlicher Räume zu übertragen, auch wenn einige der eingangs erwähnten Leerstellen dabei (notwendigerweise) nicht gänzlich gefüllt werden können. Wer sich darüber hinaus noch weiter mit der Thematik auseinandersetzen will, der*dem sei die unter anderem ebenfalls von den beiden Herausgebern erstellte Studie der Rosa-Luxemburg-Stiftung empfohlen, in der eine systematische Zusammenstellung von unterschiedlichen Konzepten, aktuellen Themen und weiterführenden Perspektiven einer – wie es dort heißt – „kritischen Landforschung“ vorgenommen wird.[2]