Stand und Perspektiven der Geschlechterforschung

Rezension zum "Handbuch Interdisziplinäre Geschlechterforschung" von Beate Kortendiek, Birgit Riegraf und Katja Sabisch (Hg.)

Die interdisziplinäre Geschlechterforschung ist ein innovatives und wachsendes Feld. Angesichts der Entwicklungen in den letzten Jahren ist ein aktueller Überblick wünschenswert und so unterscheidet sich das 2019 erschienene Handbuch deutlich vom 2010 zuletzt überarbeiteten „Handbuch der Frauen- und Geschlechterforschung“.[1] Sowohl der Aufbau des Gesamtwerkes als auch der inhaltliche Zuschnitt der Einzelbeiträge wurden verändert. Außerdem hat sich der Umfang beträchtlich erhöht: Das Handbuch umfasst nun zwei Bände mit doppelt so vielen Seiten; die Anzahl der Beiträge ist um etwa ein Drittel gestiegen. Dies wirkt sich auch auf den Preis aus, allerdings ist das Handbuch in vielen Universitätsbibliotheken digital verfügbar. Nur vereinzelt sind einander thematisch ähnelnde Beiträge in beiden Handbüchern von derselben Person verfasst worden.

Mit dem neuen Handbuch liegt also keineswegs eine bloße Überarbeitung vor, sondern es ist ein neues Standardwerk konzipiert worden, das die aktuelle Schwerpunktsetzung innerhalb der Geschlechterforschung repräsentiert: Sorge- und Erwerbsarbeit, Intersektionalität sowie Postkolonialismus. Die Debatte um die Konstruktion von Geschlecht und Themen wie geschlechtergerechte Sprache, Frauenquoten, Körper und Wissenschaftskritik treten demgegenüber in den Hintergrund.

Das Handbuch hat sieben Teile, die den Zugang in das Forschungsfeld Geschlechterstudien aus unterschiedlichen Perspektiven eröffnen. Im ersten Teil werden zentrale Dualismen (wie Natur – Kultur; Sex – Gender; Produktion – Reproduktion; global – lokal; Macht – Ohnmacht; Opfer – Täter) und ihre Vergeschlechtlichung einführend vorgestellt und kritisch eingeordnet. Dieser Schwerpunkt entspricht einem grundlegenden Anliegen der Geschlechterforschung – dem Dekonstruieren und Überwinden der häufig vergeschlechtlichten Dichotomien.

Im zweiten Teil werden verschiedene Konzepte, Theorien und Methoden der Geschlechterforschung diskutiert. Neben die reine Präsentation der Forschungsansätze tritt eine kritische Auseinandersetzung mit dem Erkenntnisgewinn, den die Geschlechterforschung daraus zieht. Außerdem werden Forschungsdesiderate und mögliche Anknüpfungspunkte für die weitere Forschung benannt.

Der dritte Teil gewährt einen grundlegenden Einblick in verschiedene Fachdisziplinen und stellt die zentralen Themen der Geschlechterforschung in den jeweiligen Feldern vor. Dabei wird nicht nur ihr gegenwärtiger Stellenwert in den Fachgebieten dargelegt, sondern auch ihre historische Entwicklung in der Bundesrepublik. In der Zusammenschau ergibt sich ein differenziertes Bild davon, wie die Geschlechterforschung in den einzelnen Wissenschaftsbereichen positioniert und institutionalisiert ist.[2]

Die weiteren Teile widmen sich „zentralen Fragen und empirischen Zugängen der Geschlechterforschung“ und stellen dabei unterschiedliche Aspekte ins Zentrum, zum Beispiel Sozialstruktur und Gleichstellung, Lebensphasen und Körper sowie Institutionen und Kultur. Der vierte Teil enthält zum einen Beiträge zur Forschung über Ungleichheiten und Sozialstruktur, in denen zentrale Themen wie Erwerbs- und Sorgearbeit, Bildung, Eliten, Globalisierung, Krieg, Migration und Behinderung behandelt werden. Zum anderen werden die Entwicklung der Frauenbewegungen bis in die Gegenwart und daran anschließende Politiken darstellt. Im Zentrum stehen dabei die Anwendung des Wissens, das in diesen Bewegungen und der sich aus ihnen entwickelnden Frauen- und Geschlechterforschung generiert worden ist, sowie daraus abgeleitete Strategien zur Frauenförderung und Gleichstellung. Während eine sozialwissenschaftliche Schwerpunktsetzung in diesem Teil aufgrund der behandelten Themenfelder nachvollziehbar ist, dominieren auch im Folgenden soziologische und andere gesellschaftswissenschaftliche Ansätze. Der fünfte Teil enthält beispielsweise Einführungen in die sozialwissenschaftliche Forschung zu Kindheit, Adoleszenz, Alter, Schwangerschaft und Paarbeziehungen sowie Zeit, Demographie und Gesundheit – wie diese wichtigen Aspekte des Lebens aber in anderen Disziplinen diskutiert und bearbeitet werden, bleibt verdeckt. Der sechste Teil erweitert das Spektrum der Zugänge auf die Politik-, Rechts-, Sport-, Wirtschafts-, Erziehungs- und Medienwissenschaften. Doch auch hier sind jenseits gesellschaftswissenschaftlicher Ansätze nur ein theologischer und ein kunstwissenschaftlicher Beitrag enthalten.

Im abschließenden Teil werden die Entwicklung und der aktuelle Stand der Geschlechterforschung in verschiedenen Weltregionen und Einzelstaaten dargelegt. Die kurzen Einblicke in kaum überschaubare Forschungs- und Lehrbereiche vermitteln einen ersten Eindruck von den unterschiedlichen Traditionen und Schwerpunktsetzungen und ermöglichen so einen groben Überblick, der anhand der genannten Forschungsbeiträge und vorgestellten Institutionen (Forschungszentren, Studiengänge etc.) vertieft werden kann.

Insgesamt unterstreicht der Aufbau des Handbuches die Multiperspektivität des Forschungsfeldes und ermöglicht den Einstieg in zentrale Themen durch eine Vielfalt von Zugängen. Bei einer Gesamtschau fallen die Redundanzen jedoch mit Voranschreiten der Lektüre immer mehr auf und ins Gewicht: Die Beiträge sind als knappe Einführungen konzipiert, die ein grundlegendes Verständnis des behandelten Stoffes vermitteln sollen. Einige Themen werden mehrfach aufgegriffen, aber leider nicht vertieft, da die Artikel notwendigerweise an der Oberfläche bleiben und häufig nur additiv und wiederholend nebeneinanderstehen.[3]

Einerseits gelingt es durch diese Aufteilung, die Verortung wichtiger Fragen und Beiträge in der älteren und der jüngeren Forschungsdiskussion nicht nur darzulegen, sondern auch zu veranschaulichen. So wird der historische und gegenwärtige Facettenreichtum der Frauenbewegungen in den aufeinanderfolgenden Beiträgen von Lenz, Schulz, Notz, Drüeke und Klaus sowie Groß mehr als deutlich. Andererseits lenken die Redundanzen die Aufmerksamkeit darauf, dass der Aufbau des Handbuches zusammengehörige Phänomene voneinander trennt, wie beispielsweise Familie und Elternschaft. Das Gesamtwerk ist aufgrund seines Umfangs kaum überschaubar, die Verständlichkeit und Qualität der Beiträge divergieren naturgemäß. Außerdem sind sie nicht immer so gestaltet, dass Bezüge zueinander auch für Neulinge in einem Feld offensichtlich sind – wie möglicherweise die Verbindung der Akteur-Netzwerk-Theorie mit Technik- und Naturverhältnissen. Hier fehlen die Querverweise, die eine große Stärke des alten Handbuchs sind, zumal die den Artikeln vorangestellten Schlagworte eher assoziativ als systematisch wirken.

Historisch liegt der Schwerpunkt des Handbuchs auf den Verhältnissen in Deutschland und ihrer (Vor-)Geschichte im 20. Jahrhundert. Rekonstruktionen historischer Entwicklungen werden überwiegend als Hintergrundinformation eingebracht, um die Genese der gegenwärtigen Verhältnisse zu erläutern. Dabei wird die Vergangenheit jedoch nicht als eigenständiger Untersuchungsgegenstand betrachtet, wodurch das Potential vergeben wird, durch eine historisch-kritische Herangehensweise eine Perspektivverschiebung für die Einordnung heutiger Politiken anzuregen.

Angesichts der Gegenwartsorientierung fällt eine Leerstelle besonders auf: die fast völlige Absenz der DDR und der neuen Bundesländer. Die kurzen Beiträge verweisen häufig recht holzschnittartig auf die sozialen Bewegungen oder die Bildungsexpansion in den 1960er- und 1970er-Jahren in der Bundesrepublik, als beträfen diese und ihre Folgen Ost- wie Westdeutschland gleichermaßen. Dieser Verzicht auf eine Reflexion der unterschiedlichen Entwicklungen in Ost und West reproduziert die gesellschaftliche Dominanz einer westdeutschen Perspektive nicht nur, sondern überträgt sie auch auf Forschung und Wissenschaft. Die möglichen Anknüpfungspunkte für die zeithistorische Forschung sind evident, doch geschichtswissenschaftliche Ansätze sind abgesehen von Hauchs Überblick über die Frauen- und Geschlechtergeschichte selbst kaum präsent.

Insgesamt bleibt der Eindruck, dass die dominierenden sozialwissenschaftlichen Perspektiven wertvolle Anregungen für die Generierung von Forschungsthemen geben können und einen wichtigen Beitrag dazu leisten, gegenwärtige Phänomene kritisch einzuordnen. Diese gesellschaftswissenschaftliche Schwerpunktsetzung entspricht auch der aktuellen Lage im Forschungsfeld, das so abgebildet, aber auch gestaltet wird. Ein wahrhaft interdisziplinäres Vorgehen, wie es der Titel verspricht, würde jedoch die vielfältigen Zugänge innerhalb der Geschlechterforschung unabhängig von der Verbreitung fruchtbar in Beziehung zueinander setzen. Im Rahmen kurzer, einführender Artikel ist das sicher schwer zu leisten. Für eine gleichermaßen differenzierte wie kompakte Einführung bedürfte es wohl einer Reduktion der Anzahl der Beiträge, die dann länger und komplexer gestaltet werden könnten. 

Fußnoten

[1] Ruth Becker / Beate Kortendiek (Hrsg.), Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie, Wiesbaden 2004. Vgl. dazu auch Sigrid Nieberle, Rezension zu: Ruth Becker / Beate Kortendiek (Hrsg.), Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie, Wiesbaden 2004, in: H-Soz-Kult, 24.03.2005, https:/<wbr />/www.hsozkult.de<wbr />/publicationreview<wbr />/id<wbr />/reb-4752 (03.07.2020).
[2] Trotz der Vielzahl an vorgestellten Disziplinen fallen einige Lücken auf, z.B. Philosophie, Theologien (vgl. aber Wendel, Religion und Glaubenspraxis in Teil VI), fremdsprachige Philologien, Kulturwissenschaften, Chemie, Geographie, Informatik, Physik und Rehabilitationswissenschaften.
[3] Vgl. z.B. Gerhards einführende Erläuterungen zum Matriarchatsbegriff in ihrem Artikel zum Patriarchat (S. 222f.), der direkt auf Wagner-Hasels Beitrag über Matriarchatstheorien folgt.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Kirsten Heinsohn.

Dieser Text erschien zuerst in H-Soz-Kult.