Stories about Surveillance

David Lyon zur alltäglichen Überwachungskultur in der digitalen Moderne

Der kanadisch-britische Soziologe David Lyon ist vor allem durch seine Arbeiten zu Überwachung und Digitalisierung bekannt geworden. Bereits seit dem Ende der 1980er-Jahre beschäftigt er sich mit diesen Themen und hat eine entsprechend große Zahl an thematisch einschlägigen Büchern und Aufsätzen verfasst. Darüber hinaus ist er unter anderem Gründer des Surveillance Studies Centre an der Queens University in Kingston, Ontario. Mit seinem Ansatz des „surveillance as social sorting“ („Überwachung als soziale Diskriminierung“[1]) hat er der Diskussion um Überwachung und ihre Auswirkungen ein interessantes Konzept hinzugefügt. Durch seine Arbeit und seinen Einfluss in der Szene gilt Lyon als eine Art Nestor der Surveillance Studies.[2] Entsprechend dieser Position haben auch seine Texte besondere Bedeutung erlangt und werden von einer breiten Leserschaft in und außerhalb der Wissenschaft wahrgenommen.

Mit The Culture of Surveillance (CoS) hat David Lyon nun ein neues Buch vorgelegt. Es befasst sich mit Überwachungspraktiken im Alltag, spielt also abseits der Diskussionen über die NSA und andere Geheimdienste, über die globale Überwachung und den Überwachungsstaat. Kultur dient darin als Chiffre für den Alltag, die dem Autor zufolge eine Analyse von Überwachung jenseits der Orwell’schen Fiktion erlaubt. Entlang dieser Grundprämisse nimmt Lyon seine Untersuchung vor, die zunächst wie eine neue theoretische Annäherung an das Thema Überwachung aussieht, dann aber leider zumindest diese Erwartung enttäuscht.

Bei dem Buch handelt es sich mehr oder weniger um eine Zusammenführung bereits andernorts erschienener Artikel und Vorträge. Im Grundsatz wäre das kein Problem, die das Buch durchziehende Wiederholung von Argumenten, Bildern und Beispielen allerdings schon. Und leider finden sich manche Argumente schon so oder mit ähnlichem Wortlaut bereits in anderen seiner Werke. Beispielsweise greift der Autor im hier besprochenen Band intensiv auf das Beispiel Edward Snowdens zurück, dessen Enthüllungen Lyon 2015 bereits mit Surveillance after Snowden ein eigenes Buch gewidmet hat.[3]

Der Schlüsselbegriff in CoS lautet Surveillance Culture. Der Terminus dient Lyon als Umschreibung dafür, dass Überwachung sowie die mit ihr verbundenen Technologien und Maßnahmen längst in unseren Alltag und unsere alltäglichen Praktiken eingewoben sind: „Überwachung ist zu einem Bestandteil der Art und Weise geworden, wie wir die Welt sehen und wie wir in dieser Welt leben.“ (S. 30) Lyon fasst jene Art der Kultur als ein Produkt der digitalen Moderne auf (S. 12), das seinen Ursprung in den bürokratischen Informationsinfrastrukturen des 20. Jahrhunderts hat, vor allem im Anschluss an den Erfolg des Internets seit Mitte der 1990er-Jahre. Das Internet wurde, so Lyon, zu einem zentralen Element der Steuerung von Gesellschaft. Verbunden damit ist vielleicht am ehesten das Bild eines hierarchischen, wenn auch demokratischen, Verwaltungsstaates, der „von oben“ überwacht. Das sei im Zeitalter der digitalen Moderne vorbei: Nicht Überwachung von oben, sondern eine mittels der Digitalisierung und ihrer Technologien unseren Alltag durchdringende und bestimmende Überwachung ist von jetzt an zentral. Soziale Medien, eine gierige Überwachungsindustrie, Überwachungskapitalismus[4] – und insbesondere eine auf Konsum ausgerichtete Gesellschaft ermöglichen, dass sich die Kultur der Überwachung schleichend, aber mit Bestimmtheit in alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens ausbreitet und diese auch bestimmen wird. So zumindest könnte in etwa Lyons nachvollziehbare These lauten. Von ihm ausformuliert wird sie aber nicht. Sie ergibt sich vielmehr aus der Einleitung und den daran anschließenden sechs Kapiteln, die eine Art Überblick über die verschiedenen Erscheinungsformen der Überwachungskultur („mapping the culture of surveillance“, S. 18) bieten.

In diesen Kapiteln entwirft Lyon ein Bild der Überwachung in der digitalen Moderne, das vor allem aufgrund der Fülle an gut verständlichen Beispielen interessant ist, aber gleichzeitig über nur wenige theoretische Hintergründe verfügt. Mein Favorit ist gleich das erste Kapitel, in dem der Autor so etwas wie Hypothesen aufstellt. Hier liefert er die Grundzüge einer Gegenwartsbeschreibung der digitalen Moderne und zeigt vor allem auf, welche Bedeutung die Einbettung von Überwachung in den Alltag und das alltägliche Leben der Menschen hat. Elemente von Lyons Gegenwartsbeschreibung sind unter anderem eine dominante Kultur des Konsums und der Imperativ des Individualismus für jedes Individuum, der (zumindest im Ton angebenden Westen) zum dominanten Lebens- und Denkstil geworden ist. Lyon verweist außerdem auf die zahlreichen, nur mittels digitaler Technologie möglich gewordenen sozialen Praktiken, wie etwa die Nutzung der sozialen Medien (vor allem in Verbindung mit Smartphones), die unser Kommunikationsverhalten tiefgreifend und nachhaltig verändert haben. Lyon zeigt, wie eng die Technologien der digitalen Moderne mit unserer Alltagskultur verwoben sind und wie es dadurch möglich wird, viele Aspekte des gesellschaftlichen Lebens zu kontrollieren, zu steuern und zu überwachen.

An dieser Stelle ist allerdings zu kritisieren, dass Lyon seine Analyse nicht räumlich verortet und somit eine globale Geltung für sich in Anspruch zu nehmen scheint. Das mag für bestimmte Phänomene der Digitalisierung und Überwachung unproblematisch sein, aber vor dem Hintergrund von Kultur (hier verstanden als Alltag) im Mittelpunkt der Analyse geht der Autor etwas acht- und sorglos mit seinen theoretischen und analytischen Möglichkeiten um. Kein Wort zu unterschiedlichen Voraussetzungen der Digitalisierung in verschiedenen Regionen der Welt, kein Wort zu unterschiedlichen Reaktionen auf Überwachung oder zu unterschiedlichen Arten des Umgangs mit sowie der Anwendung von Technologien, Diensten und Kontrollpraktiken. Letztere können auch kulturell geprägt sein, etwa durch unterschiedliche Konsumpraktiken, politische Kulturen, kulturelle Verankerungen und Aneignungen von Technologien wie sie beispielsweise in vielfältigen techniksoziologischen und -anthropologischen Arbeiten beschrieben worden sind. Natürlich muss das nicht der Schlüssel zum Verständnis sein, aber diesen Aspekt in keiner Weise zu berücksichtigen, halte ich für ein Versäumnis. Auch wenn ich Lyons Annahme teile, dass Überwachung zu der Art und Weise geworden ist, mit der Menschen die Welt sehen und unter deren ständiger Beachtung Menschen in der Welt leben („[…] seeing and being in the world“, S. 30), so nehmen sie dennoch nicht alles auch als Überwachung wahr. Denn die digitale Moderne sorgt über dem Konsumkapitalismus inhärente Mechanismen wie etwa Treuekarten von Einzelhandelsketten dafür, dass solche Karten oder Programme zwar als Teil des Einkaufes, nicht aber als Teil einer Kontrolle gesehen werden. Sie gelten gar als angenehmer Teil des Lebens. Und nur indem wir dabei helfen, unser Verhalten im Alltag zu dokumentieren, zu protokollieren und in Form von Daten zu verarbeiten, können letztere verkauft und etwa zu Marketingzwecken verwendet werden.

Am Ende des ersten Kapitels unternimmt Lyon dann doch noch den Versuch einer theoretischen Einordnung der Überwachungskultur. Allerdings nicht überzeugend, denn er präsentiert lediglich ein buntes Potpourri aus verschiedenen Autoren und angerissenen Konzepten. Angeführt wird unter anderem Charles Taylors Konzept der social imaginaries, aus denen Lyon die surveillance imaginaries ableitet, die eine Art Grundverständnis für das soziale Miteinander unter den Bedingungen der Überwachungskultur bereitstellen. Weiterhin verweist der Autor auf Bourdieus Habitus-Begriff, übernimmt von anderen ForscherInnen im Bereich der Surveillance Studies geformte Begrifflichkeiten wie etwa Überwachungskapital (in Anlehnung an Bourdieus unterschiedliche Kapitalsorten) oder Monahans Idee von Überwachung als kultureller Praxis. Weitere AutorInnen und Bezüge werden genannt, Lyon verharrt jedoch auf einer deskriptiven Ebene, ohne dass man als LeserIn genau erfährt, wie das alles zusammenzudenken sein soll. Hervorzuheben ist dennoch der Begriff der performance, dem in den folgenden Kapiteln größere Bedeutung zukommt. Denn laut Lyon ist es das Tun, das Mitmachen innerhalb der digitalen Moderne, beispielsweise über die Nutzung der sozialen Medien, das eine Überwachungskultur in besonderem Maße zu prägen vermag.

Die Kapitel 2 bis 4, zusammengefasst unter dem Titel Cultural Currents, folgen der Idee des Wandels von Gesellschaft, Moderne und eben auch Überwachung. So geht es um Entwicklungen wie diejenigen von Convenience to Compliance (Kapitel 2), von Novelty to Normalisation (Kapitel 3) sowie von Online to Onlife (Kapitel 4). Im Kern stellen all diese Kapitel Sammelsurien von illustrativen Beispielen in Bezug auf bestimmte Aspekte dar. So geht es dort zum einen um die Enthüllungen Edward Snowdens, das Gebaren von Facebook sowie den Umgang mit Emotionen. In Bezug auf Letzteres führt Lyon den so genannten chilling effect an, demnach eine beständige Massenüberwachung zu einer emotionalen Abkühlung (chilling) führt, und zwar dahingehend, dass Menschen sich in öffentlichen Äußerungen, in ihrem Verhalten insgesamt und insbesondere an speziellen Orten (etwa Flughäfen) selbst beschränken oder zurückhalten. Dieser Effekt ist umstritten und statistisch nur unzureichend belegt – als theoretische Figur im Diskurs aber dennoch wirkmächtig. Zudem macht Lyon in besagten Kapiteln immer wieder theoretische Anleihen bei soziologischen Klassikern, insbesondere bei Erving Goffman, wenn es um Vertrauen und zwischenmenschliche Interaktionen geht (vgl. vor allem S. 123 ff.) sowie bei Zygmunt Bauman, mit dem er in der Vergangenheit ein gemeinsames Buch zum Thema Überwachung herausgegeben hat.[5] Insgesamt lebt Lyons Argumentation von einer Art Bestandsaufnahme der aktuellen Forschungen zum Thema Überwachung in den verschiedensten Bereichen[6] und kann als eine Art Forschungsstand gelesen werden.

Spätestens ab dem vierten Kapitel werden die Beispiele jedoch redundant und die Argumente entfernen sich zunehmend vom Ausgangspunkt der Argumentation, also der Kultur der Überwachung. Stattdessen geht es im hinteren Teil des Buches nun um Transparenz, den Umgang mit Daten und um Möglichkeiten, der Überwachung zu entkommen. „Realizing our world for what it is is a vital step“, so lautet die zentrale Abschlussbotschaft Lyons in diesem Band – und ich kann ihr durchaus zustimmen.

Dennoch werden der vorgelegten Bestandsaufnahme einer Gegenwartsanalyse nur kleine Brocken einer theoretischen Rahmung hinzugefügt. Die Ursachen für die bestehende Kultur der Überwachung, die etwa in den Veränderungen kapitalistischer Strukturen, der Digitalisierung selbst oder anderen Erscheinungen des techno-sozialen Wandels liegen könnten, werden entweder erst gar nicht genannt oder wenn doch, dann nur angerissen und mit einer fast unüberschaubaren Fülle an Beispielen illustriert. Bei einem Überblickstext mag das funktionieren, nicht aber bei einem Text, der für sich beansprucht, die Kulturen der Überwachung theoretisch zu beschreiben.

Die Oberflächlichkeit des Buches überrascht, bietet es doch eine Reihe von vielversprechenden Ansatzpunkten dafür, genauer hinzuschauen: Zum Beispiel nutzt Lyon die These von der Gamification (unter anderem S. 124 ff.) eher illustrativ. Dabei ließe sich hieran ebenjener Wandel von Arbeit, Kapital und dem schleichenden Effekt der Ausweitung von Überwachung in Bereiche jenseits der Wertschöpfung theoretisch sehr anschaulich beschreiben. Wenn alles zum Spiel (game) wird, dann werden auch viele Praktiken der Überwachung als Teil von Spaß und Vergnügen angesehen, aber eben nicht als Kontrolle. Daraus folgt, dass Überwachung weder bewusst wahrgenommen, noch kritisch hinterfragt wird. Auch Lyons ebenfalls nur angerissene Diskussion zu Online-Identitäten und dem Umgang mit sozialen Medien hat deutlich mehr Potenzial, um intensiver über die Kultur und die Aneignung von Technologien im Hinblick auf Überwachung nachzudenken. Doch das passiert leider nicht.

Stattdessen bietet das Buch einen sehr informierten Überblick sowohl über die Forschungs- und Konzeptlandschaft zum Thema Überwachung sowie reichlich interessante, wenn auch wenig geordnete Beispiele und jede Menge lose Enden, an denen es sich lohnt, weiterzuknüpfen beziehungsweise über deren Verknüpfung nachzudenken. Es sind vor allem David Lyons Autorität und seine Rolle innerhalb des populär-wissenschaftlichen und akademischen Überwachungsdiskurses, die dieses Buch tragen werden. Für einen großen Wurf ist es zu illustrativ und auf theoretischer Ebene zu unscharf. Aber letztlich handelt es sich hierbei wohl um Sorgen rein akademischer Natur. Denn als Stichwortgeber für die sich eher an Fragen von Datenschutz oder empörenden Geschichten über Facebook & Co. orientierenden öffentlichen und populären Diskussionen ist es geradezu ideal. In Anbetracht der wenigen neuen Erkenntnisse, die das Buch bereithält, stellt sich der Eindruck ein, dass hier ein Verlag vor allem die Prominenz seines Autors zu nutzen weiß.

Fußnoten

[1] Lyon hat sich mit der Frage beschäftigt, inwiefern Überwachung und die der Überwachung von einzelnen Menschen oder der Überwachung von Gruppen zugrundeliegenden Kategorien, die Überwachungssubjekte diskriminieren, etwa in Bezug auf ihr Alter oder Geschlecht, ihre Herkunft oder Nationalität, ihre Sprache etc.

[2] Die Bezeichnung Surveillance Studies meint kein eigenständiges Fach an sich, sondern ein vielfältiges, sehr offenes Feld von Studien, in deren Fokus Überwachung und Kontrolle stehen. Damit hat es keinen fachlichen Kanon und ist offen für Impulse aus allen Disziplinen; in diesem Sinne sind die Surveillance Studies tatsächlich interdisziplinär und verstehen sich auch so.

[3] Dort ging es allerdings schwerpunktmäßig um Praktiken und Techniken der globalen Überwachung, die der Whistleblower Snowden ans Licht der Öffentlichkeit gebracht hatte. An dieser Stelle sei am Rande angemerkt, dass Edward Snowden im Denken und Schreiben Lyons generell und insbesondere im hier besprochenen Buch eine zentrale Rolle einnimmt – sowohl als Zeuge wie auch als Chiffre für kommende durch Snowdens Enthüllungen ausgelöste Veränderungen, so die Hoffnung Lyons.

[4] Der Begriff Überwachungskapitalismus geht auf Shoshana Zuboff zurück und ist die Beschreibung für einen durch Facebook, Google & Co. verkörperten Kapitalismus, der aus NutzerInnendaten Gewinn schöpft und seine NutzerInnen durch deren Überwachung zu seinem eigentlichen Rohstoff macht. Gleichzeitig werden neue Abhängigkeiten etabliert, denen sich die „Nutzer“ nur schwer entziehen können, insbesondere weil die Dienste nahezu alternativlos sind und das Digitale bestimmend für unser gesellschaftliches Leben geworden ist (vgl. Shoshana Zuboff, Big other: surveillance capitalism and the prospects of an information civilization, in: Journal of Information Technology 30 (2015), 1, S. 75–89).

[5] David Lyon / Zygmunt Bauman, Daten, Drohnen, Disziplin: Ein Gespräch über flüchtige Überwachung, Berlin 2013.

[6] Darüber hinaus ist dem Buch The Circle von Dave Eggers auffällig viel Platz gewidmet, vor allem in späteren Kapiteln zur totalen Transparenz. Neben Snowden scheint Lyon hier einen zentralen, besonders illustrativen Beleg für seine Thesen zu sehen.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Stephanie Kappacher.