The Utopia of Rules

David Graeber über Technologie und Bürokratie

Die Werke von Max Weber und Michel Foucault scheinen auf den ersten Blick wenig miteinander gemein zu haben: Hier der als Anti-Marx karikierte deutsche Analyst der bürgerlichen Gesellschaft, als Autor bemüht, die Veränderungen der Moderne mit möglichst genauen Begriffen zu fassen, sodass seine strenge Sprache dem trockenen Bürokratendeutsch gleicht. Dort der französische Philosoph, den die postmarxistische Linke als zentralen Kritiker des bürgerlich-liberalen Staats anführt und dessen Stil sich vor allem durch Assoziationsreichtum, weniger aber durch historische oder semantische Genauigkeit auszeichnet.

Der US-amerikanische Ethnologe David Graeber hingegen sieht eine Gemeinsamkeit zwischen beiden Autoren: Ihm zufolge plädieren sie für die Utopie effektiv und effizient funktionierender Bürokratien, ohne die Gesellschaft nicht mehr denkbar sei. Max Webers bereits vielmals kritisierter Glaube an die rationale Überlegenheit von Bürokratien gegenüber anderen Herrschaftsformen, an ihre beständige Ausbreitung und Unausweichlichkeit, muss nicht näher erklärt werden. Doch ist Foucault ein Apologet des bürokratischen Anstaltsstaats? Graeber argumentiert, Foucault lasse einerseits durch seine Methodik der Diskursanalyse die materiellen Grundlagen bürokratischer Herrschaft, insbesondere Zwang und Gewalt, außer Acht. Andererseits lege der französische Philosoph nahe, dass Bürokratien nicht „nur“ wie bei Weber den Alltag verwalten, sondern auch in der Lage seien, in die Gemüter und schließlich auch die Körper der Subjekte einzudringen. Im Ergebnis sehe er vor der bürokratischen Herrschaft kein Entrinnen, denn nichts anderes sei für ihn mehr denkbar. Mit der Absicht, diese und viele andere selbstverständlich gewordene Annahmen über bürokratische Herrschaft zu erschüttern, hat Graeber seine Essaysammlung The Utopia of Rules erarbeitet.

Ziel des nun auch auf Deutsch erschienenen Werks1 ist eine linke Kritik bürokratischer Herrschaft. Die Linke, so Graeber, habe im Nachgang von 1968 (einer eigentlich anti-bürokratischen Revolte) ihre eigene Bürokratiekritik vergessen. Stattdessen mache sie sich heute die konservativ-neoliberale Kritik an angeblich den Markt konterkarierenden Staatsbürokratien teils zu eigen, verteidige zugleich jedoch den paternalistischen Wohlfahrtsstaat. Das Ergebnis nennt Graeber „the worst of all worlds“ (6), die Vermischung der unangenehmsten Elemente von Kapitalismus und Bürokratie.

Die bürokratische Utopie wird nach der Einleitung in drei Essays demontiert. Im ersten Kapitel „Dead zones of imagination“ setzt sich Graeber mit dem Zusammenhang zwischen Bürokratie und Gewalt auseinander. Im folgenden „Of flying cars and the declining rate of profit“ untersucht Graeber den Zusammenhang zwischen der politischen Ökonomie westlicher Staaten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und der neoliberalen Bürokratisierung der Wissenschaft. Im dritten Kapitel schließlich fragt er „Why we really love bureaucracy after all“ und wie sich der Mythos bürokratischer Rationalität trotz der alltäglichen, allgemeinen Erfahrung bürokratischer Unzulänglichkeit habe durchsetzen können.

Hinzu kommt ein Appendix, in dem Graeber den Film "The Dark Knight Rises" analysiert und nicht nur als inkohärent und langweilig, sondern vor allem als reaktionären Kommentar zur Occupy-Bewegung verwirft. Reaktionär ist das Werk in dem Sinn, so Graeber, dass Batman ein System gegen den Superbösewicht und Revolutionär Bane verteidigt, das völlig korrupt ist, aber zu dem es keine Alternative gäbe. Diese Argumentation sei letztendlich die einer gegenwärtigen Staatsform, die die Misere nur noch verwalten kann und kreative, ungeplante Veränderung mit repressiven Mitteln zu verhindern sucht. Damit bringt der der Appendix die politische Absicht des Buchs – eine linke Kritik der Verwaltung der Gegenwart sowie deren Rechtfertigung in Kultur und Wissenschaft – am deutlichsten auf den Punkt.

David Graeber ist nicht nur ein produktiver, sondern vor allem ein kreativer und belesener Essayist. Umstandslos wechselt er von der Analyse archäologischer Funde in Mesopotamien zu einer detaillierten Besprechung von Science Fiction als nicht eingetretener Zukunftsutopie (insbesondere Star Trek sieht er als leninistische Idealwelt, in der es keine soziale Ungleichheit, kein Geld und keine Demokratie gibt und die Nahrung fertig zubereitet aus einem Loch in der Wand kommt). Von linguistischen Befunden in Madagaskar braucht es nur einen Schritt zur Geschichte der Rationalität seit Pythagoras. Das Ergebnis ist nicht nur äußerst anregend, sondern auch oft sehr unterhaltsam.

Allerdings gehört der Witz über die Dummheit der Bürokratien auch zu den etablierten Kulturtechniken. Doch genau hierin liegt für den Anthropologen das Rätsel: Wenn niemand die Bürokratie schätzt, „Bürokrat“ als Schimpfwort gilt und jedes zufällig ausgewählte erwachsene Mitglied der Weltgesellschaft sofort mehrere Anekdoten darüber erzählen kann, wie er oder sie persönlich am Amtsschimmel gescheitert ist: Wieso gilt Bürokratie dann trotzdem als Lösung, nicht als Problem?

Drei Aspekte stehen im Zentrum von Graebers Erklärungsversuch. Erstens sei Bürokratie in dem Sinn eine Utopie, dass ihr ein naiver Glaube an die mögliche Perfektionierung der menschlichen Natur zugrunde liege, während sie sich zugleich weigere, auf reale Individuen einzugehen. Bürokratie sei dazu da, rationale Regeln aufzustellen. Zeige die Empirie, dass diese Regeln ihren Zweck nicht erfüllen, weil sie mit der sozialen Welt kollidieren, verlange die Bürokratie lediglich, dass sich die Menschen anpassen. Zweitens wirke Bürokratie nur „von oben“, vom Blickwinkel der Herrschaft aus rational. Aus Sicht der Beherrschten – daher die vielen Bürokratiewitze – scheine Bürokratie hingegen vor allem unsinnig, unverständlich, übermächtig und degradierend. Trotzdem bestehe der Glaube aller Beteiligten an die Bürokratie fort.

Graeber argumentiert hierzu drittens, dieses Bürokratievertrauen beruhe letztlich auf einer Angst vor der Freiheit. Er zieht zum Vergleich sowohl das Spielen (play) als auch das Spiel (game) heran: Das Spielen selbst kennt a priori keine Regeln, doch wird nicht nur Kindern das Spielen ohne Regeln schnell langweilig. Auf das soziale Leben übertragen hieße diese Regellosigkeit letztlich nicht Freiheit, sondern Willkür. Aus diesem Grund hat man das Spiel mit klaren, transparenten, allgemeingültigen Regeln erfunden. Letztere schränken nicht ein, sondern ermöglichen einen Zugewinn an spielerischem Vergnügen. In der sozialen Welt sollen legal-rationale Regeln diesen Freiheitszuwachs zulassen. „Who hasn’t dreamed of a world where everyone knows the rules, everyone plays by the rules, and – even more – where people who play by the rules can actually still win?“ (204f.) Die bürokratische Verwaltung dieses Traums hat allerdings wenig spielerische Zustände zur Folge: „Regulations choke existence, armed guards and surveillance cameras appear everywhere, science and creativity are smothered, and all of us end up finding increasing percentages of our day taken up in filling out forms.“ (204f.)

Seine libertäre Kritik der Bürokratie verbindet Graeber mit einer Kritik der strukturellen Gewalt und der sozialen Ungleichheit. Strukturelle Gewalt versteht Graeber als bürokratische Zwänge, hinter denen letztlich die Drohung realer physischer Gewalt stehe. Die Soziologie als Disziplin habe freilich vergessen, dass Herrschaft auch in industrialisierten Gesellschaften letztlich auf dieser Drohung basiere. Wer Foucaults Idee der diskursiven Subjektivierung von Herrschaft in einer Universitätsbibliothek studiert, kann die Funktion des Sicherheitsdiensts am Eingang leicht übersehen. Sehe man in der Gewalt vor allem einen komplexen Kommunikationsakt, nehme man vielleicht ihre faszinierendsten, aber nicht ihre entscheidenden Aspekte wahr. Überlegene Gewalt, so Graeber, erlaube es, Kommunikation abzukürzen. Zudem mache sie die Reaktion der Überwältigten berechenbar, ohne dass man viel über Letztere wissen müsse. Herrschaft könne sich somit dumm stellen. Bürokratie sei der Gewalt vorgelagerte „dumme“ Verwaltung, die nichts über die Komplexität der sozialen Welt erfahren, sondern die Welt in ihre unterkomplexen Kategorien einsortieren soll.

Das Kapitel zur politischen Ökonomie und sozialen Ungleichheit leitet der Autor mit der Frage ein, warum der technologische Fortschritt im Zeitalter des Neoliberalismus im Grunde zum Erliegen gekommen ist. Die fantastischen Utopien eines Jules Vernes aus dem 19. Jahrhundert seien ja einige Jahrzehnte später umgesetzt worden, die Imaginationen der Science Fiction-Autoren des 20. Jahrhunderts dagegen Utopien geblieben. Wieso gebe es also keine fliegenden Autos, Kolonien auf dem Mars, Unsterblichkeitspillen oder wenigstens Hoverboards (also tatsächlich schwebende Skateboards, nicht die schlechten Kopien, die demnächst auf den Markt kommen sollen)?

Seit spätestens den 1970er-Jahren, so Graeber, habe sich die Hoffnung auf immer bessere Roboter zerschlagen, die das Ende der körperlichen Arbeit in Aussicht stellen. Stattdessen sähen wir einerseits die Verlagerung körperlicher Arbeit in den globalen Süden und andererseits Computer, die uns zum Ausfüllen immer neuer Onlineformulare zwingen würden. Die Ursachen dafür verortet Graeber weder in den Grenzen des technisch machbaren noch der rein ökonomischen Entwicklung. Vielmehr seien es politische Entscheidungen, etwa bezüglich der Investitionen in die Forschung. Statt in Technologien, die eine alternative Zukunft ermöglichen könnten, würde seit den 1970ern vor allem in Mittel zur sozialen Kontrolle und Arbeitsdisziplinierung investiert. Das Internet, die wohl prägendste technische Neuerung der letzten Jahrzehnte, ist laut Graeber eben einerseits nur eine große Bibliothek mit angeschlossenem Lieferservice – und andererseits das perfekte Mittel, um Kreativität und Fantasie in verwaltete Bahnen des Wiederkehrenden zu lenken.

Graeber ist ein Meister provokanter Thesen. Dass er oft einseitig argumentiert, macht seinen Stil und seine Bemerkungen nicht weniger charmant. Wie er richtig bemerkt, sind exzentrische Charaktere in der heutigen universitären Forschungslandschaft heute fast verschwunden, während der Typus des bürokratischen Wissenschaftsmanagers triumphiert. Michel Foucault, Pierre Bourdieu oder Albert Einstein wären vermutlich bereits in den Graduiertenschulen gescheitert. Immerhin Graeber selbst ist es gelungen – trotz einiger Schwierigkeiten – eine Nische im akademischen Establishment zu besetzen. Nachdem sein Vertrag an der Yale University unter kontroversen Umständen nicht verlängert worden war, ist er inzwischen Professor für Anthropologie an der London School of Economics and Political Science (LSE).

„The Utopia of Rules“ fügt sich nicht direkt in bestehende Forschungslandschaften ein, denn Graeber nimmt sich die Freiheit, in seinen Essays das Thema abseits bestimmter Disziplinen und Paradigmen zu verhandeln. Das Buch ist damit weder der Anthropologie noch der Soziologie, der Politikwissenschaft oder der Philosophie ohne weiteres zuzuordnen. Trotzdem trägt der Autor zu all diesen Disziplinen etwas bei. Insbesondere eine politische Soziologie der Weltgesellschaft, für die Weber und Foucault grundlegende Autoren bleiben werden, kann von seinem unkonventionellen Blick auf die Zusammenhänge von Bürokratie, Gewalt, politischer Ökonomie und staatlicher Herrschaft profitieren. Die Bürokratisierung der Welt, die mit dem so genannten Fortschritt einhergeht, ist für Graeber keine Notwendigkeit, sondern beruht auf dem utopischen Glauben an ihre eigene Funktionalität und Alternativlosigkeit.

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Fußnoten

1 David Graeber, Bürokratie. Die Utopie der Regeln, übers. von Hans Freundl und Henning Dedekind, Stuttgart 2016.

Dieser Beitrag wurde redaktionell betreut von Klaus Schlichte.